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Portugal Goldenes Zeitalter

Das Lissabonner Kolonialregime vorstärkt seine Beziehungen zur einstigen Kolonie Brasilien: Der arme europäische Kleinstaat erhofft sich von der aufstrebenden lateinamerikanischen Großmacht selbst neue Größe.
aus DER SPIEGEL 23/1972

Wer weiß heute noch nicht, daß für Portugal die schönen Tage vorbei sind?« schrieb Dom Pedro de Alcantara, erster Kaiser von Brasilien und König von Portugal, in einem Manifest »An die befreundeten Nationen« seiner Zeit. Er erkannte: »Nur von Brasilien kann dieses kleine Stückchen Monarchie noch neuen Mut und neue Kraft erhoffen, um seine alte Vitalität zurückzugewinnen.« Das war 1822.

Anderthalb Jahrhunderte später holen Dom Pedros Erben Lehre und Leichnam des Verblichenen wieder aus der Versenkung hervor:

Das 150. Jahr der brasilianischen Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialmutter deklarierten die Machthaber von Lissabon und Brasilia zum »Jahr der portugiesisch-brasilianischen Gemeinschaft«. Der arme Westzipfel Europas, der sich das letzte Kolonialregime alten Stils leistet, sucht neue Kraft bei jener aufstrebenden Großmacht auf der anderen Seite des Atlantik, die einst seine reichste Kolonie war.

Die Liaison zwischen den ungleichen Partnern besiegelte Dom Pedro sozusagen in Person: Im vergangenen Monat verfrachteten die Portugiesen die Gebeine des Monarchen, der einst die brasilianische Unabhängigkeitserklärung verfaßt hatte und schließlich in Portugal gestorben war, auf den extra zu diesem Zweck renovierten Touristendampfer »Funchal« und schickten sie auf die Reise nach Brasilien. Nur das Herz des Herrschers blieb in der Lapa-Kirche in Porto zurück.

Nach zwölftägiger Fahrt legte das Totenschiff in Rio an, wo Brasiliens Staatschef General Garrastazu Medici die königlichen Knochen aus der Hand des portugiesischen Staatspräsidenten Américo Thomaz in Empfang nahm. Bis zum September soll Dom Pedro in seinem Sarg quer durch Brasilien reisen. Dann wird er in Brasilia die letzte Ruhe finden.

Die »in der Welt einzigartige Reise« (so das Lissabonner Regierungsblatt »Diário de Noticias") leitet, wie der brasilianische Erziehungsminister Jarbas Passarinho einem portugiesischen Journalisten versicherte, »ein goldenes Zeitalter in den Beziehungen zwischen beiden Ländern« ein. »Wir suchen die Vereinigung«, schwärmte der Präsident der Academia Brasileira de Letras, Austregésilo de Athayde, »weil wir nur vereint stark genug sind, um die großen Aufgaben anzupacken, welche die Menschheit noch vom lusitanischen Schöpfergeist erwartet.«

Den seit Jahrhunderten von Portugals Hofpoeten besungenen Geist der »Lusitanidade« hatte der Salazar-Nachfolger Marcello Caetano schon bei seinem ersten Staatsbesuch in Brasilien im Sommer 1969 wiederzubeleben versucht: Damals kurbelte er die Übersiedlung des toten Dom Pedro nach Brasilien an.

Gleichzeitig aber betrieb Caetano die Nutzung des lusitanischen Gemeinsinnes erstmals für praktische Zwecke: Er schlug den Brasilianern die Schaffung einer »Südatlantischen Verteidigungsgemeinschaft« (Sato) zwischen Portugal, seinen afrikanischen Kolonien, sowie Südafrika und Brasilien vor, weil die Nato allein das »luso-brasilianische Mare Nostrum« (so Brasiliens Arbeitsminister Carvalho Barata) nicht schützen könne.

1971 investierte der lateinamerikanische Sprößling, einer Statistik der deutsch-portugiesischen Handelskammer zufolge, in Portugal 38 Millionen Escudos -- nachdem seine Investitionen dort zuvor bei Null lagen.

Die brasilianische Supermarkt-Kette »Pao de Acúcar« ("Zuckerhut") eröffnete Läden in Portugal, der portugiesische Konzern Champalimaud eine Zementfabrik in Brasilien. Brasilianische und portugiesische Geschäftsleute gründeten ein »luso-brasilianisches Unternehmerzentrum« und hielten im Sommer 1970 in Rio de Janeiro ihre erste gemeinsame Versammlung ab.

Besonders floriert die brüderliche Zusammenarbeit bei den Banken. So eröffnete vor wenigen Tagen als erstes brasilianisches Kreditinstitut die »Banco do Brasil« in Lissabon eine Filiale. Dafür macht die staatliche portugiesische »Caixa Geral de Depósitos« eine Zweigstelle in Rio auf.

Vor zwei Jahren erwarb die »Banco Português do Atlântico« eine 20prozentige Kapitalbeteiligung samt Stimmrecht an einem der größten brasilianischen Geldinstitute, der »Uniao de Bancos Brasileiros"*; die ihrerseits hält seither Anteile an der Atlantikbank und deren Tochter, der »Banco do Algarve«.

Noch mehr Auftrieb sollen die frischgeknüpften Bande künftig durch das »Gesetz über die Gleichheit der Rechte und Pflichten von Brasilianern und Portugiesen« bekommen, das die Regierung Caetano am gleichen Tag in Kraft setzte, da der tote Dom Pedro in Brasilien anlandete.

Bürger beider Länder können in Portugal wie in Brasilien öffentliche Ämter bekleiden und wie Einheimische Unternehmen betreiben; ihr Kapital unterliegt nicht den sonst für Auslandsgelder üblichen Beschränkungen. Portugals Fußballvereine, die nur je zwei ausländische Spieler anheuern dürfen, können jetzt, so der Gesetzes-Autor Professor Miguel Galvao Teles zum SPIEGEL, »so viele Brasilianer einkaufen, wie sie wollen«.

Brasiliens Bürgern bietet die neue Lex überdies noch ein besonderes Bonbon: Sie haben künftig das Recht, in den Afrika-Kolonien Angola, Mocambique und Guinea Immobilien zu erwerben.

Denn ein starkes wirtschaftliches Engagement der befreundeten Brasilianer in den afrikanischen Kolonien, so spekuliert das Lissabonner Regime, kann Portugals Überlebenschancen auf dem schwarzen Kontinent erhöhen.

Tatsächlich zeigt der in Großmachtträumen schwelgende lateinamerikanische Riesenstaat in letzter Zeit lebhaftes Interesse vor allem an der reichsten lusitanischen Afrika-Besitzung Angola.

* Die »Uniao de Baneos Brasileires« fusionierte im März 1972 zur »Uniao Bradesco«.

So fliegt seit eineinhalb Jahren die brasilianische Luftlinie Varig die angolanische Hauptstadt Luanda an. Demnächst soll eine regelmäßige Schiffahrtslinie zwischen Brasilien und Portugiesisch-Afrika eingerichtet werden. Eine brasilianische Fischreederei will vor Angolas Küste auf Fang fahren und an Land eine Konservenfabrik erbauen.

Die brasilianische Banken-Union mischt seit zwei Jahren bei der größten angolanischen Privatbank, der »Banco Comercial de Angola« mit, und brasilianische Reeder verkaufen Frachtschiffe an die portugiesische Schiffsgesellschaft »Empresa Insulana de Navegacao«, die Angola anläuft. In diesen Tagen bereist eine Handelsdelegation aus dem brasilianischen Pernambuco sowohl Portugal, Angola und Mocambique als auch Südafrika, um neue Absatzmärkte zu erkunden.

Fernes Endziel einer solchen Verflechtung zwischen den Kolonien von einst und jetzt könnte, so ein Direktor einer der größten Lissabonner Überseebanken, eine Art luso-brasilianisches Commonwealth unter Einschluß Südafrikas sein. »Und sollten schließlich eines Tages in Angola, Mocambique und Guinea wirklich die schwarzen Unabhängigkeitsbewegungen siegen«, so mutmaßt der Bankboß, »wäre Brasilien das ideale Auffang-Land für die Hunderttausende von weißen portugiesischen Siedlern. Portugal könnte die ja gar nicht alle verkraften.«

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