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PARIS-REISE Good friend WiIIy

aus DER SPIEGEL 52/1966

Auf rosa Notizpapier vereinbarten die beiden Minister das Rendezvous. Bonns neuer Außenamtschef Willy Brandt ließ den Kollegen Gerhard Schröder fragen, wann er mit ihm die Konferenzakten durchsprechen könne.

Des neuen Verteidigungsministers Adjutant, Kapitän zur See Trebesch, gab die Antwort beim Hotelportier ab, adressiert an Brandt-Begleiter Sönksen: »Minister Schröder wird sich morgen früh um 8.45 Uhr bei Ihrem Chef zum Frühstück einfinden. Er trinkt morgens Tee und Grapefruitsaft. Er hat gern ein weiches Ei (vier bis fünf Minuten).«

Im Zimmer 207 des Pariser Hotels »Bristol« berieten nach dieser Verabredung Brandt und Schröder am letzten Mittwoch, nur eine Stunde vor ihrem ersten Gemeinschaftsauftritt im Ausland, 55 Minuten lang die Verhandlungsstrategie der neuen Bonner Regierung auf der Pariser Nato-Konferenz.

Der sozialdemokratische Außenminister - zu Kursveränderungen entschlossen - und der abgemusterte Steuermann der alten CDU-Außenpolitik - gegen Abweichungen allergisch - suchten eine gemeinsame Sprachregelung.

Die Übergabe der auswärtigen Geschäfte an die neue AA-Führung war nach der Regierungsbildung in Bonn äußerst hastig vonstatten gegangen. Nur in einer kurzen Besprechung hatte Schröder seinen Nachfolger drei Tage vor dem offiziellen Schreibtischwechsel mit der Lage vertraut gemacht.

Mehr noch: Da Schröder an den Koalitionsgesprächen zwischen CDU/CSU und SPD nicht teilgenommen hatte, war er - obwohl inzwischen zum neuen Verteidigungsminister ernannt - über wesentliche Absprachen mit den SPD -Regierungspartnern nicht orientiert. So kam es schon in der ersten Sitzung des Kabinetts Kiesinger am vorletzten Mittwoch zu einem Disput zwischen Brandt und Schröder über Bonns Atomkonzept, seit Jahren brisanter Zündstoff der deutschen Politik.

Die schwarz-rote Kabinettsrunde beließ es bei einem Kompromiß, den jeder auf seine Weise auslegte: Bonn erstrebe »keine nationale Verfügungsgewalt über Atomwaffen und keinen nationalen Besitz an solchen Waffen«.

Die SPD sah damit ihren Wunsch erfüllt, den deutschen Ruf nach Teilnahme an einer Nato-Atomstreitmacht zum Verstummen zu bringen. Die CDU dagegen las aus dieser Formel heraus, daß nationaler Atomverzicht die Beteiligung an supranationalem Gemeinschaftsbesitz weiterhin nicht ausschließe.

Ähnlich wie im Bonner Kabinettssaal überbügelten SPD-Außen- und CDU -Verteidigungsminister beim Pariser Hotelfrühstück ihre Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Bonner Interessen jetzt vor Ort am besten zu wahren seien. Brandt: »Wir dürfen uns nicht nach etwas drängen, womit wir nur Mißtrauen erwecken können.« Schröder: »Jetzt wollen wir bei den Amerikanern mal zur Kasse treten.«

Brandt nutzte seine Paris-Reise zu einer internationalen Goodwill-Tour. Vor dem Sieben-Länder-Parlament der Westeuropäischen Union (WEU)* goß er das Füllhorn sozialdemokratischer Entspannungspolitik aus:

- Aussöhnung Deutschlands mit den

Völkern des Ostens;

- Truppenabbau beiderseits des Eisernen Vorhangs;

- Ende der deutschen Atom-Ambitionen;

- Gewaltverzicht Bonns auch gegenüber der Zone.

Der ungewohnte Bonner Tonfall erwärmte, die kühle WEU-Atmosphäre. Englische Debattenredner lobten »our good friend Willy Brandt«. Der einstige Adenauer-Intimus Blankenhorn, jetzt deutscher London-Botschafter, rühmte seinen neuen Chef: »Das hat er fabelhaft gemacht.«

Derweil versah Verteidigungsminister Schröder sein Konferenzgeschäft in gewohnter unterkühlter Advokatenmanier. Den Nato-Ministern, die ohne Frankreich soeben den provisorischen Mc-Namara-Ausschuß für Atomfragen zu einer ständigen Nato-Institution erhoben hatten (SPIEGEL 45/1966), gab er zu verstehen, daß Bonn sich keineswegs mit oberflächlicher Information über die Atomstrategie der Amerikaner abspeisen lassen will.

Schröder holte gemeinsame deutschamerikanische Arbeitspapiere aus der Zeit vor dem schwarz-roten Bonner Bund hervor. Danach war Bonn in Aussicht gestellt:

- Mitwirkung an Richtlinien, Plänen, Programmen und Verfahren für den Einsatz atomarer Waffen einschließlich amerikanischer Fernraketen;

- Schaffung eines Mechanismus für wirksamere und technisch zuverlässigere Konsultationsverfahren im Ernstfall.

Ferner verlangte Schröder nun Bonner Mitentscheidung bei der Freigabe von Atomwaffen, wenn sie vom Territorium der Bundesrepublik abgefeuert werden sollen oder von außen auf Deutschland zielen. Schröder hinterher: »Ich hoffe, die Amerikaner werden meine Rede genau lesen.« Und abends bescheiden zu Brandt: »Meine heutigen Ausführungen können wohl morgen nicht mehr übertroffen werden.«

Brandt schwieg und übertraf seinen Amtsvorgänger tags darauf doppelt. Was Schröder als Außenminister nie geschafft hatte, gelang seinem Nachfolger im ersten Anlauf: Ein Vier-Augen-Gespräch mit Frankreichs Staatspräsidenten de Gaulle und respektvolle Bewunderung im anspruchsvollen Nato -Ministerrat.

Das Treffen im Elysee-Palast am Donnerstagmittag letzter Woche wurde kurzfristig um fünfzehn Minuten vorverlegt, weil der General mehr Zeit dafür haben wollte.

Der Außenminister trug dem Präsidenten anhand eines anderthalbseitigen Sprechzettels vor: Die neue Bundesregierung wolle den vernachlässigten deutsch-französischen Freundschaftsvertrag endlich »mit konkretem Inhalt« erfüllen und deshalb zunächst genau prüfen, weshalb der Pakt bislang nicht funktioniert habe. De Gaulle hörte es gern, doch ohne zu reagieren.

Brandt stellte Fragen: Was der Paris -Besuch des sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin ergeben habe, und ob Befürchtungen zuträfen, Frankreich wolle sich wie die Sowjets auf einen deutschen Status quo einrichten.

De Gaulle beruhigte den Besucher und erläuterte, seine Rußlandpolitik habe doch den Sinn, Europas und Deutschlands Teilung zu überwinden. De Gaulle zu Brandt: »Ich halte die Vereinigung des deutschen Volkes für eine historische Notwendigkeit.«

Im übrigen habe er schon im voraus Kossygin für eine freundliche Aufnahme des neuen Bonner Außenministers bei einer eventuellen Moskaureise zu gewinnen versucht.

Von solchem Einstands-Erfolg beschwingt, absolvierte Brandt seine Jungfernrede im vollbesetzten Nato -Ministerrat am Donnerstagnachmittag mit Elan. Bonns Verbündete, in den letzten Jahren oft von deutschen Ansprüchen irritiert, bekamen einen Friedensschwur zu hören: »Wir treten für eine konsequente Friedenspolitik ein, durch die politische Spannungen beseitigt werden und das Wettrüsten eingedämmt werden kann.«

Brandt dämpfte die Furcht vor deutschen Kraftakten: »Wir werden unser Ziel der Wiedervereinigung nicht aufgeben, aber es so vertreten, daß wir uns zu keinem vernünftigen Bemühen um die Entspannung in Gegensatz bringen.«

Im Forum des Westens herrschte Stille. Brandt wich vom vorbereiteten Text ab und wandte sich mit persönlichen Worten: namentlich an einzelne Kollegen des Ministerrats. Als er endete, erhob sich Frankreichs Außenminister Couve de Murville demonstrativ von seinem Platz, wechselte drei Stühle nach links und setzte sich neben Brandt. Der sonst so kühle Franzose gratulierte dem Deutschen.

Englands Labour-Außenminister Brown ließ Brandt vom anderen Ende des Ratstisches eine handschriftliche Zettelnotiz überbringen: »Das war eine hervorragende Rede, wenn ich so sagen darf.«

Gerhard Schröder, Brandts Sitznachbar zur Linken, kaute nachdenklich am Bügel seiner Brille.

* Der Westeuropäischen Union gehören die sechs EWG-Staaten Frankreich, Bundesrepublik, Holland, Belgien, Luxemburg, Italien sowie Großbritannien an.

Nato-Redner Schröder

»Ich kann nicht übertroffen werden«

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