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»Gorbatschow, der lockert und lockert . . .«

In seinem vierten Amtsjahr hat Michail Gorbatschow seine Perestroika durch gefährliche Wasser geführt, den Widerstand des Zentralkomitees überwunden, den Militärs Abrüstung abgetrotzt. Im Augenblick seines größten Auftritts ließ das Erdbeben von Armenien den Mann des Jahres auch noch zum Mann der Stunde werden.
aus DER SPIEGEL 50/1988

Ein Generalsekretär der KPdSU, Nachfolger des blutigen Stalin, als Präzeptor der Völker der Welt; der Visionär eines neuen Ordo der Staatengemeinschaft unter den Kleingeistern nationalstaatlicher Eigensucht; der Realist im Tempel wolkenschiebender Schwadroneure: Vor der Uno-Vollversammlung zu New York hatte Michail Gorbatschow am 7. Dezember 1988 seinen größten Auftritt.

Er verkündete, was noch keine Militärmacht seit der Demobilisierung bei Ende des Zweiten Weltkrieges gewagt hatte: Rüstungsabbau ohne Vertragsregelung, geschweige denn Gegenleistung. Nach dem Abkommen über die Verschrottung von insgesamt 2600 Mittelstreckenraketen, unterschrieben vor fast genau einem Jahr, war es der zweite Durchbruch auf dem noch vor kurzem für unmöglich gehaltenen Weg zu einer Welt mit weniger Waffen.

Die 500 000 Soldaten, 10 000 Panzer, 8500 Geschütze und 800 Flugzeuge, die Moskau abbauen will - Kriegszeug stärker als die Bundeswehr -, sollen das Siegel der Glaubwürdigkeit auf die »Wende« oder die »Revolution« der roten Supermacht sein, proklamiert in Sätzen wie: »Die Idee, die ganze Weltordnung zu demokratisieren, ist eine mächtige soziopolitische Kraft geworden.«

Der Russe gab dem Weltforum zu Protokoll, was den noch verbliebenen Jüngern der kommunistischen Heilslehre an die Nieren gehen muß: »Wir sind weit davon entfernt, zu beanspruchen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.« Moskau, das »dritte Rom«, ratifizierte seinen Verzicht auf Unfehlbarkeit, Legitimation kommunistischer Herrschaft von den Zuckerrohrfeldern Kubas bis in den Dschungel Vietnams.

Der so sprach, verunsicherte, ja konsternierte Amerika. Seit den 14 Punkten des Präsidenten Woodrow Wilson von 1918 und der Atlantik-Charta des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt von 1941 sei der Welt eine solche Vision nicht mehr zuteil geworden, überkam es die kühle »New York Times«. »Erstklassig und professionell«, befand ein US-Diplomat. Und die Kolumnistin Mary McGrory befand, Gorbatschow habe gesprochen, als ob »er sich um die Präsidentschaft der Welt bewerben wollte«.

Der Mann aus dem Osten hatte, wieder einmal, einen seiner im Westen so gefürchteten Coups gelandet, hatte auf einen Schlag den ab- wie den antretenden Präsidenten der USA, mit denen er vor der Freiheitsstatue posierte, in den Schatten gestellt.

So sah sich der ehemals »große Kommunikator« Ronald Reagan bemüßigt, dem Gast ein Gelöbnis trutziger Standhaftigkeit hinterherzurufen: »Ich bleibe der Idee verbunden, daß wir unseren Glauben hinaustrompeten und unsere amerikanischen Ideale allen Völkern beibringen müssen, bis die Türme der Tyrannen in den Staub gesunken sind.«

Peinliche Worte, da zu diesem Zeitpunkt in der Sowjet-Union nach Korrespondentenberichten tatsächlich »die halbe Republik Armenien« in Staub gesunken war: Die erschütternde Zahl von nahezu 100 000 Toten beim Jahrhundert-Erdbeben hinter dem Kaukasus hüllte den ersten Mann der Sowjet-Union auf seinem Amerika-Trip in Tragik - Kreditkarten-Einkäufe von Frau Raissa in der glitzrigen Kapitalisten-Hochburg kamen nun nicht mehr in Frage. Vor Abbruch der Reise bekundeten Tyrannen-Killer Reagan und Frau Nancy den Gästen telephonisch »persönliches Beileid und Betroffenheit über diese Tragödie«.

Vom Schauplatz seines erneuten psychologischen Sieges über die USA flog Gorbatschow ("Ich muß dabeisein") in Richtung der armenischen Tragödie - was vielen seiner abergläubischen Landsleute und sicherlich seinen Feinden wie ein Zeichen des Himmels erscheinen muß, daß über seinem Werk kein Segen liege.

Daß dem tektonischen Beben am Ost-Ende der anatolischen Platte noch irgendwann ein politisches Beben im Russischen Reich folgt, das den Generalsekretär Michail Gorbatschow verschlingt, ist keineswegs ausgeschlossen. Generäle, die abrüsten müssen, und auch noch einseitig, sind schwer bei der Stange zu halten. Generalstabschef Sergej Achromejew, kein Falke, quittierte den Dienst, kurz bevor Gorbatschow in die USA reiste.

Doch ob Erfolg oder Scheitern - der Mann der Stunde, in der Triumph und Katastrophe so nahe beieinanderlagen, ist auch der Mann des Jahres 1988. Mag der Präsident der USA Ronald Reagan oder George Bush heißen, mögen sich die Regierungen in Washington, London, Paris und Bonn in ihren Dauerkämpfen um Machterhalt und Wirtschaftswohlstand verschleißen - ihre Nöte sind nichts gegen die Last, die sich Gorbatschow aufgeladen hat. Nach den Worten des klarsichtigen Polen Adam Michnik hat er »ein notwendiges und unmögliches« Werk unternommen: die vielleicht gewaltigste Reform der neueren Geschichte.

Sie ist notwendig: 70 Jahre Zwangsherrschaft und Kommandosystem auf einem Sechstel der festen Erdoberfläche waren nicht länger zu halten. Sie haben, in dem an Naturschätzen reichsten Land der Welt, den Mangel als Wirtschaftsform institutionalisiert und ein Heer mißmutiger Langsamarbeiter geschaffen, deren Produkte nirgends auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind. Das kleine Singapur mit 2,6 Millionen Menschen exportiert 20 Prozent mehr Maschinen auf westliche Märkte als ganz Osteuropa.

Sie haben in wildwuchernden Apparaten 18 Millionen Bürokraten und Kader gezüchtet, die schmarotzen und jenes Proletariat drangsalieren, dessen Facharbeiterlöhne die Höhe von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe im Westen erreichen.

Und sie haben eine privilegierte neue Klasse erzeugt, die aller Ideale des Kommunismus spottet, indem sie sich hemmungslos bereichert und sich ungeniert genehmigt, was sie dem Volk versagt. Leonid Breschnew leistete sich in 18 Amtsjahren 75 Auslandsreisen, während seine Untertanen Erlaubnisscheine zum Besuch von Grenzprovinzen benötigten.

Neben der Gewalt von oben hielten Schwarzmarkt und Korruption das System am Leben. Unter Breschnew waren ein Ministeramt oder ein Ehrentitel wie »Held der sozialistischen Arbeit« gegen 1 000 000 Rubel zu haben.

Aber die Reform ist auch unmöglich: Die in 70 Herrschaftsjahren zementierte Lebenslüge vom Paradies der Werktätigen und dem Hort des Fortschritts der Menschheit mußte von der Wurzel an zerstört werden - mit unabsehbaren Verwerfungen; kosmetische Korrekturen langten nicht.

Dies erkannt zu haben - als ein Mann des Apparats -, ist das erste Verdienst Gorbatschows. »Das Land ist durch einzelne, zersplitterte Maßnahmen nicht aus der Stagnation herauszuführen«, sagte er. »Es ist sehr ernst«, bestätigte sein Sprachrohr Gennadij Gerassimow, »da es Teil einer Revolution ist.«

Die Reform, die zur Revolution wird - das ließ die historischen Vergleiche nur so sprießen. Schon oft hatten sowjetische Intellektuelle ihre heimliche Sehnsucht nach einem »neuen Zaren Peter« offenbart und damit gemeint: So wie Peter der Große (1682 bis 1725) Rußland gewaltsam dem Westen öffnete und modernisierte, den Bojaren die Bärte kappte und Widersacher mitunter eigenhändig umbrachte, müsse ein neuer Radikal-Reformator das zurückgebliebene Reich fit für das 21. Jahrhundert machen - notfalls sogar mit Gewalt.

Dem ZK-Funktionär Nikolaij Portugalow fiel, im ZDF-Sonntagsgespräch am 25. Juli dieses Jahres, noch ein anderer Vergleich ein: »Ich denke immer wieder an den großen Ketzer Martin Luther. Wir stehen hier fest und können nicht anders.«

Zu dem russischen Ketzer Gorbatschow paßt der mittelalterliche deutsche Mönch, Reformator wider Willen, noch weniger als zu Peter dem Großen, der als unumschränkter Herrscher aller Reußen weitgehend frei war zu tun, was ihm beliebte.

Eher dann schon der Amerikaner Abraham Lincoln, der den Bürgerkrieg in Kauf nahm, um zu verhindern, daß über die Sklaverei die amerikanische Union zerbrach.

Wenn zu den unerläßlichen Eigenschaften großer Reformer gehört, daß Widerstand nicht nur ihren Kampfwillen stärkt, sondern auch ihr Programm radikalisiert, dann ist Gorbatschow so einer. Schon die Eckpfeiler seiner »Perestroika«,

▷ Kaderreform mit Wählbarkeit der Inhaber von Partei- und Staatsämtern, Trennung von Partei und Staat;

▷ Wirtschaftsreform mit Rentabilitätsrechnung für die Betriebe, Ausdehnung des privatwirtschaftlichen Genossenschaftssektors, Wiedereinführung des Pachtsystems für die Landwirtschaft und

▷ Justizreform mit dem Ziel, die bisherige Staatsallmacht durch Rechtsstaatselemente zu beschränken,

verletzten die hergebrachten Denkschemata der versteinerten bolschewistischen Kaderwelt dutzendfach, entmachteten ihr Allerheiligstes: den Parteiapparat.

Als sich Widerstand geltend machte, legte der Reformer nach: Verfassungsreform mit umfassenden Leitungskompetenzen für den Generalsekretär, der zugleich Staatschef wurde, obschon er doch die Trennung von Partei- und Staatsämtern favorisiert hatte - Gorbatschow der Machiavellist. Bis zur Vereinigung beider Ämter brauchte Breschnew 13 Jahre, Gorbatschow nur drei.

Daß das verrottete System selbst den Mann hervorbringen würde, der ihm moralisch wie strategisch den Garaus zu machen trachtet, ist die vielleicht größte Überraschung des Phänomens Gorbatschow.

Als er, erst 54 Jahre alt, am 11. März 1985 vom Politbüro mit nur einer Stimme Mehrheit zum Nachfolger der dahingegangenen Gerontokraten Breschnew, Andropow und Tschernenko gewählt wurde, war kaum abzusehen, welche Herausforderung der Kommunismus sich da selbst zugelegt hatte.

Michail Gorbatschow war in der Parteihierarchie langsam nach oben gerückt, hatte sich seine Ämter zunächst mehr ersessen als erkämpft: 1956 Sekretär des Jugendverbandes Komsomol im heimischen Stawropol nördlich des Kaukasus, 1958 Gebiets-Jugendsekretär, 1966 Stadt-Parteisekretär, 1970 Gebiets-Parteisekretär, einer der 157 Provinznotabeln dieses Ranges.

Dann erst ging es schneller voran. Schon mit 40 rutschte er, ohne die übliche Kandidatenzeit, dank Nachhilfe seines Gönners Jurij Andropow, ins ZK, sieben Jahre später war er ZK-Sekretär und damit einer der Großen des Reiches, in noch mal sieben Jahren Generalsekretär, der jüngste seit Stalin.

Drei Monate vor der Wahl konnten Westmenschen erstmals bemerken, daß dies ein anderer Typ war als die bisherige Garde monumentaler, verklemmter Spitzenfunktionäre mit ihren müden Gesten und mürrischen Mienen. In London fragte Gorbatschow den langmähnigen Chef des Chemiekonzerns ICI, John Harvey-Jones, wie er das geworden sei. Harvey: »Parkinsons Gesetz.« Darauf Gorbatschow: »Ich habe gute Nachrichten für Sie. Es lebt jetzt in Moskau.«

Das war, in einem fremden Land, Kritik am Bürokratengestrüpp daheim, undenkbar bis dahin für einen hohen Würdenträger. Die »Sunday Times« damals: »Ein roter Star steigt auf im Osten.«

Originelle Antworten, wo zuvor Litaneien auf Parteichinesisch hergesagt wurden, machten auch sonst deutlich, daß die Zeit westlicher Überheblichkeit gegenüber mausgrauen Moskauer Kaderpflanzen nun zu Ende ging. Gorbatschow kurz nach seiner Wahl zu US-Journalisten: »Wenn ein Reich des Bösen existiert, dann laßt es doch bestehen. Ich bin sicher, daß die Umformung der Sowjet-Union kein Ziel der Vereinigten Staaten sein kann.«

Atemberaubend vollzog sich die Umgestaltung vor allem in der Kultur. Gorbatschow scheute sich nicht, das Wort des ausgebürgerten Altrussen Alexander Solschenizyn zu übernehmen: »Reißt die Fenster auf!« Der Luftzug fegte die Tabus reihenweise hinweg.

Der Generalsekretär rief Rußlands berühmtesten Dissidenten Andrej Sacharow persönlich am Verbannungsort Gorki an, ließ ihn frei und gestattete, daß Sacharow seither in Moskau als wandelndes Oppositionsbüro fungiert.

Die Bewältigung der bislang verdrängten stalinistischen Vergangenheit stürzte vor allem die ältere Generation in tiefe Zweifel. Die Sowjetbürger konnten jüngst erfahren, daß die Kollektivierung und die ihr folgende Hungersnot in den dreißiger Jahren über zehn Millionen Tote gekostet hatten und der spätere Stalin-Terror zwei Millionen.

Hingerichtete Bolschewisten, Parteigänger Lenins wie Nikolai Bucharin, wurden nicht nur rehabilitiert, sondern sogar posthum - 50 Jahre nach ihrem Tod - wieder in die Partei aufgenommen. Die Rehabilitierung von Leo Trotzki, den Stalin erst umbringen, dann zur Unperson erklären ließ, komme »selbstverständlich«, kündigte ein Kreml-Mann hoffnungsfroh an.

Komitees zur Gründung von Denkmälern für Stalin-Opfer entstanden landesweit wie andernorts Umweltschutzgruppen. Schon legte Glasnost-Historiker Jurij Afanasjew vorsichtig Hand an den göttlichen Lenin.

Gespannt beobachtete die Welt, wann der Reformer von den Kräften des Beharrens gestoppt würde - vom ZK vor allem, dessen Mitglieder ihre Parteikarriere zum wesentlichen Teil noch unter Stalin angetreten hatten. 1988 wurde das Jahr der großen Auseinandersetzung mit dem Apparat.

Inzwischen sind aus dem ZK, das 1986 noch 307 Mann stark war, 70 Mitglieder ausgeschieden, fast ausnahmslos Industriebosse, Rüstungsexperten und Militärs. Von den verbliebenen sind nur noch neun in der Zeit des Hoch-Stalinismus zwischen 1931 und 1940 in die Partei eingetreten. Und von den 55 Gebiets- und Regionalparteichefs der Russischen Föderation stammen nur noch drei aus der Breschnew-Zeit. Ebenso sind nur noch 3 der insgesamt 110 Minister im Amt, die in 18 Breschnew-Jahren ein Ressort geführt haben.

Mit anderen Worten: Der freundliche Herr Gorbatschow hat klar Schiff gemacht. Kein Wunder, daß ZK und Oberster Sowjet seine Verfassungsreform, mit wenigen Einschränkungen, im November entgegen den Erwartungen manches Kreml-Experten nicht etwa stoppten, sondern verabschiedeten.

Typ-Wechsel auch im Beraterstab des Generalsekretärs. Sein Brain-Trust kommt heute von den Pädagogischen Instituten und Staatsuniversitäten, kein einziger Techniker oder Rüstungsdirektor ist darunter. Bildung scheint zu zählen.

Sein wichtigster Helfer im Staatsamt, Anatolij Lukjanow, ist Dr. jur. habil., sein wichtigster Mann im ZK-Apparat, Alexander Jakowlew, Dr. habil. der Geschichtswissenschaft, Ideologie-Chef Wadim Medwedew Dr. oec. habil., ein anderer Ideologie-Experte, Iwan Frolow, Professor für Philosophie und Präsident der Philosophischen Gesellschaft der UdSSR. Ein einziger in der Spitzencrew, Georgij Rasumowski, Kaderchef der Partei, hat keinen akademischen Grad.

Daß die Militärs von einem Gorbatschow nichts Gutes zu erwarten hatten, wurde schon im Januar 1985 klar, als Politbüromitglied Gorbatschow für den leidenden Greis Tschernenko die Geschäfte führte. Vize-Verteidigungsminister Marschall Petrow, wurde abgeschoben. Marinechef Großadmiral Gorschkow, Breschnews Tirpitz, folgte im November. Verteidigungsminister Marschall Sokolow, Opfer des Kreml-Fliegers Mathias Rust, wurde gar, als erster von 40 Marschällen seit Einführung dieses Ranges 1935, pensioniert - eigentlich ein Formverstoß, denn ein Marschall der Sowjet-Union ist bis zu seinem Tod im Dienst.

Nun aber trocknet der Rang aus: Die letzten Marschälle der Sowjet-Union wurden 1983 ernannt, der letzte Marschall der Artillerie 1980. Der Krieg in Afghanistan, der über 13 000 Sowjetsoldaten das Leben kostete und dennoch nicht zu gewinnen war, schädigte das Prestige der Militärs. Widerstand gegen die Verschrottung der SS-20 leisteten sie, soweit bekannt, nicht.

Vor 20 Jahren hatten die Goldbetreßten noch gute Zeiten: Als das Politbüro 1968 zögerte, dem Prager Frühling militärisch das Licht auszublasen, erklärten die Marschälle Gretschko und Jakubowski, sie könnten nur bei Intervention für die Sicherheit der Sowjet-Union garantieren - das gab den Ausschlag.

Heute liegt die Sowjet-Union des Generalsekretärs Gorbatschow vorn bei dem neuerlichen Großversuch, den Kommunismus zu liberalisieren, und sie denkt nicht daran, Bruderstaaten an die Leine zu legen - ein Block ist längst nicht mehr vorhanden.

Verbal haben zwar alle Partei- und Regierungschefs Osteuropas die dramatischen Neuerungen des Chefs der KPdSU begrüßt, doch - von Polen und Ungarn abgesehen - mit geringem Interesse daran, die »zweite Revolution« Rußlands nachzuvollziehen.

Denn die osteuropäischen Spitzengenossen gehören bis auf wenige Ausnahmen zur kommunistischen Veteranen-Generation, die durch Moskauer Kurswechsel vor dem eigenen Volk mehr als einmal ihr Gesicht verloren haben. So zeigen sie wenig Neigung für Experimente. Lediglich Ungarn und Polen haben den erweiterten Spielraum genutzt.

In Ungarn wurde Parteichef János Kádár in Pension geschickt, die Trennung von Partei und Staat bereits vollzogen. Demnächst wird im Parlament über ein Mehrparteien-System abgestimmt. Privates Wirtschaften und privater Besitz sind garantiert, die Schließung unrentabler Betriebe wird vorbereitet.

Auch Polen ist bemüht, die neuen Freiheitsräume auszufüllen. Glasnost und kulturelle Vielfalt waren längst durchgesetzt - wenn auch nicht als Programm der Partei, sondern aus Schwäche der Führung.

Ein Dollar-Millionär als Industrieminister, ein Banker im Politbüro und die Einladung des neuen Premiers Mieczyslaw Rakowski an parteilose Experten, in sein Kabinett einzutreten, sollen helfen, die Wirtschaft zu sanieren und verlorengegangenes Vertrauen im Volk zurückzugewinnen.

Schärfster Widerspruch gegen Gorbatschows Reformprogramm kommt aus Rumänien. Der finstere Alleinherrscher Nicolae Ceauşescu, der sein Volk mit stalinistischen Methoden nun schon im fünften Winter zum Hungern und Frieren zwingt, hat Gorbatschows Ideen abgelehnt: »Solche Konzepte sind ohne realen Bezug zu den Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus!«

Bukarest und Ost-Berlin bilden eine neue Achse der Nein-Sager. Bei seinem Besuch in der DDR erhielt vor wenigen Wochen der Steinzeit-Kommunist Ceauşescu den »Karl-Marx-Orden«, die höchste Auszeichnung im Honecker-Staat, ausgerechnet für seine »schöpferische Arbeit beim Aufbau des Sozialismus«. Wie auf Verabredung strich die DDR den deutschsprachigen Sowjetalmanach »Sputnik« von der Postzeitungsliste - solches war den Moskowitern noch nicht widerfahren.

Gorbatschow hat dennoch, getreu seiner ungeschriebenen Pluralismus-Doktrin, weder in Ost-Berlin noch bei Ceauşescu interveniert - das zeigt den neuen Stil im Umgang mit den Bruderländern. Aber er hat sich in Warschau, Prag und Ost-Berlin von Sprechchören feiern lassen, die mit seinen Ideen gegen die heimische Führung opponieren.

Was die Lage der Spitzengenossen in Osteuropa noch schwieriger macht: Gorbatschows Politik wird von Völkern bejubelt, die noch vor wenigen Jahren das Zwangsvorbild Sowjet-Union aus tiefster Seele haßten.

Sogar prominente Dissidenten und Oppositionelle wie der ehemalige Parteichef Alexander Dubček in der ČSSR und der polnische Arbeiterführer Lech Walesa setzen heute ihre Hoffnungen auf Michail Gorbatschow.

Doch sie sorgen sich auch, daß der Frühling zu Ende gehen könnte. Walesa, der Gorbatschow den »großen Gegenreformator« nennt, hat in seiner pfiffigen Art ein Gleichnis aus seinem Arbeitsalltag erzählt: »In den 25 Jahren als Elektriker mußte ich stets irgendwelche Schrauben fest- oder lockerdrehen. Beim Festdrehen habe ich nur eine kaputtgemacht, aber bei den Versuchen, sie zu lockern, sind mir wohl einige Hundert entzweigegangen. Und Gorbatschow, der lockert und lockert . . .«

Da sprangen denn 1988 einige Schrauben. Glasnost brachte an den Tag, daß die Zwangsvereinigung ethnischer Minderheiten mit dem russischen Staatsvolk nationalistische Tendenzen keineswegs abgetötet, sondern nur aufgestaut hatte.

Nun durften sie erstmals demonstrieren - da forderten sie gleich Autonomie und »Souveränität« wie die Balten oder fielen übereinander in Pogromstimmung her wie Armenier und Aserbaidschaner, so daß die bewaffnete Macht eingreifen mußte, bevor das Erdbeben vorübergehend für Friedhofsruhe sorgte.

Aber seltsam: Obschon es das ganze Jahr über brodelte, die Position des Generalsekretärs in Moskau wurde nur noch stärker. Er bootete Alt-Gespenster der Vergangenheit wie Andrej Gromyko aus, schob den ehemaligen »Zweiten Sekretär« Jegor Ligatschow beiseite, der im Sommer noch das ZK-Sekretariat geführt hatte, und entmachtete schließlich auch dieses Gremium: Politbüro-Mitglieder als ZK-Sekretäre führen jetzt sechs ZK-Kommissionen anstelle der alten Abteilungen, die Freunde Medwedew und Jakowlew vorneweg.

Obschon die Versorgung mit Lebensmitteln das ganze Jahr über schlechter wurde, explodierte der Unmut der an Konsumverzicht gewöhnten Massen nicht.

Die größere Meinungsvielfalt in Presse, Film und Funk, die jähe Konfrontation des Sowjetbürgers mit bisher verborgen gehaltenen Schattenseiten wie Elend, Verbrechen und Rauschgift, die ganze Glasnost-Flut führte nicht zu jener allgemeinen Destabilisierung, welche die Glasnost-Feinde stets angekündigt hatten.

Die gestürzten Götzenbilder und demontierten Säulenheiligen des alten Systems ließen die Menschen offenbar nicht einsamer werden, als sie bisher schon waren - vielleicht erfreute sie der längst überständige Kehraus.

Gewiß macht es die Russen stolz, daß der Mann an ihrer Spitze im Ausland nicht wie seine Vorgänger als physischer oder geistiger Invalide verlacht, sondern ernst genommen wird; daß ein Armand Hammer, Erzkapitalist aus Amerika, sagt: »Wir müssen Gorbatschow eine Chance geben«, und sogar ein George Shultz: »Ich glaube nicht, daß auch nur der Schatten eines Zweifels daran angebracht ist, daß wir es hier mit einem Bemühen zu tun haben, das sowjetische System von Grund auf zu reformieren.«

Michail Gorbatschow, der Reformer, kann bestrickend sein, aber auch entschlossen. Sein Gesichtsausdruck wechselt, wie die SPIEGEL-Delegation beim Interview im Oktober feststellen konnte, zwischen Weichheit und Härte, manchmal mit einem Anflug von Brutalität. Immer aber hält er mit seinen Gesprächspartnern Blickkontakt, vermittelt Intensität - und Sendungsbewußtsein. Der harmlose Blutschwamm auf seiner Stirn gilt in Rußland als »Aura der Auserwähltheit«.

»Atemberaubend. Risikoreich. Kühn. Naiv. Verwirrend. Heroisch«, schrieb die »New York Times« nach seiner Uno-Rede. »Alles paßt.«

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