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Gorbatschow Populärer als Kohl

SPIEGEL-Umfrage über die Abrüstungs-Debatte und über die Lage der Parteien im Landtags-Wahljahr 1987 *
aus DER SPIEGEL 18/1987

Noch rüstet Willy Brandt zum großen Abgang auf dem nächsten SPD-Parteitag im Juni, doch für das Bielefelder Emnid-Institut ist er schon heute nur noch ein Mann der Vergangenheit, nur noch sein eigenes Denkmal.

Emnid setzte ihn auf eine Liste mit vier anderen ehemaligen politischen Größen, von denen zwei im wörtlichen und die beiden anderen im politischen Sinne längst tot sind.

Welcher der fünf Vorgänger Kohls im Kanzler-Amt »die größten Verdienste um die Bundesrepublik erworben« habe, wollte das Institut bei einer SPIEGEL-Umfrage von 2000 Männern und Frauen erfahren, die 45 Millionen erwachsene Bundesbürger repräsentierten.

Die Meinungsforscher konnten schlechterdings nicht mehr fragen, ob Brandt für die Zukunft »eine wichtige Rolle« gewünscht wird. Bis zur Bundestagswahl hatte er zu den 20 Politikern gehört, die Monat für Monat auf der entsprechenden Emnid-Liste standen.

Nun aber hat der SPD-Vorsitzende seiner Amtszeit nach 23 Jahren selbst ein schnelles Ende gesetzt.

In der Reihe der Ex-Kanzler bringt es Brandt nur auf einen mäßigen Mittelplatz - weit hinter Adenauer, dem die meisten Bundesbürger (58 Prozent) die »größten Verdienste« zusprechen, aber auch noch ein gutes Stück hinter Schmidt, seinem ungeliebten Kampfgenossen in vielen miteinander und gegeneinander verbrachten Bonner Jahren. In der Erinnerung der Deutschen steht der erste SPD-Kanzler der Nachkriegszeit nur vor seinen beiden unmittelbaren Vorgängern, knapp vor Erhard und klar vor dem nur selten genannten Kiesinger, dem Kanzler mit der größten Mehrheit (CDU,CSU und SPD) und der kürzesten Amtszeit.

Noch ist Brandts Platz von der Parteien Gunst und Haß geprägt, schwankt sein Bild je nach der eigenen politischen Einstellung der Befragten. Bei den CDU/CSU- und den FDP-Wählern steht er an fünfter und letzter Stelle, sogar bei den SPD-Wählern bringt er es nur auf den dritten Platz (hinter Adenauer und Schmidt), lediglich die Grün-Anhänger halten keinen anderen Ex-Kanzler für bedeutender als ihn.

Einem anderen Politiker, der wahrscheinlich noch eineinhalb bis zwei aktive Jahrzehnte vor sich hat, ist schon heute ein Spitzenplatz sicher, wann immer später Meinungsforscher nach seiner Bedeutung fragen werden und ziemlich unabhängig davon, ob er sich durchsetzen oder scheitern wird.

Michail Gorbatschow hat in seinen beiden Jahren als sowjetischer KP-Chef schon mehr politische Bewegung überall in Ost und West ausgelöst und, blickt man auf die Bundesrepublik, deren Bürger stärker beeindruckt als irgendeiner seiner Vorgänger im Kreml und als irgendein anderer Parteichef des Ostblocks, Honecker mitgezählt.

Und Gorbatschows hiesige Popularität steht nicht für sich allein, sondern ist Teil

einer neuen Einstellung der Deutschen zu der Weltmacht im Osten.

Das zeigen die Ergebnisse der SPIEGEL-Umfrage in diesem Monat, die vor allem zwei Themenkomplexen galt:

Sie sollte klären, wie die Bundesbürger über die weltweite Debatte um Raketen und Abrüstung sowie über deren Hauptfiguren Reagan und Gorbatschow denken, und sie sollte Aufschluß geben über die Einstellung der Wähler zu den bundesdeutschen Parteien im allgemeinen und zur SPD im besonderen - knapp drei Monate nach der Bundestagswahl im Monat des Machtwechsels in Hessen und vor vier weiteren Landtagswahlen: am 17. Mai in Rheinland-Pfalz und Hamburg sowie am 13. September in Bremen und Schleswig-Holstein.

Die Emnid-Interviewer waren von Anfang April bis gegen Ostern unterwegs, die letzten Fragebogen trafen am Dienstag vergangener Woche in Bielefeld ein. Die wichtigsten Einzelergebnisse:

Gorbatschow ist populärer als Reagan. Auf der Sympathieskala mit Werten von +5 bis -5 ermittelte Emnid für den Kreml-Chef einen Wert von +1,2, für den US-Präsidenten von +0,1.

Die Null-Lösung für Mittelstreckenraketen wird von fast allen Bundesbürgern (92 Prozent) bejaht.

Das amerikanische SDI-Programm offiziell »Raketenabwehr im Weltraum« und populär »Krieg der Sterne« genannt, wird von noch mehr Bundesbürgern abgelehnt als im Herbst vergangenen Jahres. Damals waren 54, nun sind 56 Prozent dagegen (dafür: 20 Prozent, »mir egal": 24 Prozent).

Zum sechsten Mal seit der Katastrophe von Tschernobyl stellte Emnid zwei Fragen nach der Einstellung zur Kernkraft, und zum sechsten Mal erhielt das Institut fast gleiche Antworten. Auch ein Jahr nach Tschernobyl ist die Mehrheit gegen Atomkraft stabil. Von je 100 Bundesbürgern sprachen sich aus *___16 Prozent für den Bau weiterer Atomkraftwerke, *___13 Prozent dafür, keine weiteren Werke zu bauen, aber ____die bestehenden auf Dauer weiter zu betreihen *___57 Prozent dafür, keine neuen Werke zu errichten, die ____alten nur »vorläufig« in Betrieb zu lassen und das Ziel ____zu setzen, »sie nach einer Übergangszeit stillzulegen«, *___14 Prozent dafür, alle Neubauten zu stoppen und die ____bestehenden Werke sofort stillzulegen.

Über die wirtschaftliche Lage denken die Bundesbürger kritischer als unmittelbar vor der Bundestagswahl. Die »Angstlücke«, die im Januar verschwunden war, gibt es im April wieder (siehe Graphik Seite 59). Wäre im April ein

neuer Bundestag gewählt worden, so hätte sich das Ergebnis vom 25. Januar fast wiederholt.

Für keine andere Partei wird das Meinungsklima als so ungünstig bezeichnet wie für die SPD. Und daß deren derzeitiges Tief von Dauer sein wird, glauben 58 Prozent der Bundesbürger.

Bei den 20 Politikern, nach denen Emnid fragte, hat sich in der Spitze nichts geändert, sie wird wie vor der Wahl von Genscher, Stoltenberg und Rita Süssmuth gebildet.

Gegenüber der letzten Umfrage vor der Wahl im Januar erhielten 12 der 17 Politiker, die damals dabei waren, bessere Werte - ein Zeichen dafür, daß sich nach Wahlkampf und -tag die Lage entspannt hat und auch Parteigänger der Gegenseite sich öfter zu positiven Ansichten entschließen.

Schlußlicht in der Politiker-Reihe ist der neue Entwicklungshilfe-Minister Hans ("Johnny") Klein, der beinahe einen Rekord aufstellt, was den Unbekanntheitsgrad angeht. Für 56 Prozent der befragten ist Klein kein Begriff. In dieser Hinsicht übertrifft ihn mit 64 Prozent (im Februar 1986) bislang nur der FDP-Generalsekretär Haussmann.

Unter den wenigen, die Klein kennen, überwiegt die Meinung, daß er auf die hinteren Bänke und nicht an den Kabinettstisch gehört: Nur 19 Prozent wünschen ihm eine »wichtige Rolle«, 24 Prozent wünschen sie ihm nicht.

Herausragendes Ergebnis der Umfrage ist zweifelsfrei die Popularität Gorbatschows. Viele werden sie erst richtig einschätzen können, wenn sie den Skalenwert von +1,2 Punkten mit den Daten anderer Politiker vergleichen.

Als die für das ZDF tätige Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen« im März die Sympathien von zwölf deutschen Spitzenpolitikern maß, erhielten nur zwei höhere Werte als jetzt Gorbatschow bei Emnid: Genscher mit +1,4 und Stoltenberg mit +1,3 Punkten.

Erheblich hinter dem KP-Chef zurück bleiben der CDU-Chef und Kanzler Kohl, sein Arbeitsminister Blüm und der künftige SPD-Chef Vogel (je +0,7). Alle anderen können von soviel Sympathie nur träumen: Strauß (+0,4) Lafontaine und Bangemann (je +0,2), Brandt (+0,1), Möllemann (0,0) sowie Geißler (-0,4) und Fischer (-1,0).

Völlig neu ist auch, daß ein Kreml-Chef den Herrn im Weißen Haus aussticht, was die Beliebtheit bei den Bundesbürgern angeht. Dazu kam es nicht mal, als Nixons Ansehen zwischen ersten »Watergate«-Schlagzeilen und seinem Rücktritt jäh verfiel. Denn damals war das Feindbild der Bundesbürger noch in Ordnung, und Kreml-Chef Breschnew war so unpopulär, daß nicht mal der

abstürzende Nixon in seinen Minusbereich geriet.

Heute aber muß Reagan nahezu jeden Vergleich mit Gorbatschow scheuen. Als Emnid nach vier Eigenschaften fragte ergaben sich dreimal für den Mann in Moskau bessere Werte als für den Mann in Washington.

Von Gorbatschow sind mehr Bundesbürger als von Reagan überzeugt daß er es ehrlich meint, daß er Vertrauen verdient und daß er flexibel bei Verhandlungen ist. Der gelernte Jurist bleibt nach vorherrschender deutscher Volksmeinung nur in einem Punkt hinter dem einstigen Schauspieler zurück: »Gut darstellen« könne der sich besser.

Ein knappes Dutzend Fragen war der Auseinandersetzung um Raketen und Abrüstung gewidmet.

Als Emnid Anfang April den Fragebogen fertigstellte, entsprachen die Fragen dem damaligen Stand der weltweiten Debatte. Es schien darum zu gehen, ob der Westen sich mit der von Gorbatschow vorgeschlagenen Null-Lösung für Mittelstreckenraketen einverstanden erklären oder darüber hinaus auch die Abschaffung von Raketen mit geringerer Reichweite verlangen sollte.

Schon wenige Tage später bot sich ein ganz anderes, ein sozusagen seitenverkehrtes Bild. Gorbatschow hatte sich bereit erklärt, die Null-Lösung auszudehnen, und nun entstand der Eindruck,

die Hardliner im Westen wehrten sich gegen eine Entwicklung, die sie eben noch hatten herbeiführen wollen.

Wie auch immer die Themen und die Forderungen wechselten, stets agierte Gorbatschow, stets reagierte der Westen bislang nur. Und die Differenzen darüber, ob die Moskauer Vorschläge angenommen oder verworfen werden sollten, gehen bis in die Spitzen, zum Beispiel in Bonn. Gorbatschows Offensive habe »die Bundesregierung offenbar in zwei Lager gespalten«, wehklagte die koalitionsfromme »Welt am Sonntag«.

Sicher ist, daß die Moskauer Vorschläge dem Volkswillen entsprechen. Darüber, daß so viele Raketen wie nur möglich aus Europa verschwinden sollten, sind sich die Bundesbürger von ziemlich weit rechts bis linksaußen einig.

Das Hauptargument westlicher Raketologen, in Bonn von Verteidigungsminister Wörner und seinem Staatssekretär und Stichwortgeber Rühl angeführt, bei einer totalen Null-Lösung - also einem Europa ohne Atomwaffen hüben und drüben - drohe neue Gefahr wegen des östlichen Übergewichts in den konventionellen Waffen, vermag die meisten Bundesbürger nicht zu überzeugen.

Daß bei einem völligen Verzicht auf Atomwaffen »die militärische Bedrohung aus dem Osten zunehmen« würde, meinen nur 16 Prozent (24 Prozent: »Würde abnehmen«, 60 Prozent: »Würde sich nicht viel ändern").

Die Deutschen sind kein Volk blauäugiger Friedensschwärmer geworden, die ihre Hoffnung schon für die Wirklichkeit halten. Mißtrauen und Zweifel, ob die Abrüstungsziele realisiert werden, sind weit verbreitet. Aber das Vertrauen gilt nicht mehr allein dem Westen, das Mißtrauen nicht mehr allein dem Osten.

Da hat sich viel verändert. Dreimal ließ Emnid nach der Einstellung zu den beiden Weltmächten fragen, und dreimal ergab sich keine eindeutige Mehrheit für die eine oder für die andere Seite.

Auf die erste Frage, »von welcher Seite zur Zeit eine größere Bedrohung des Friedens ausgeht«, hätten noch vor wenigen Jahren die meisten Bundesbürger die »sowjetische Seite« genannt. Heute tun es nur 20 Prozent, »die amerikanische Seite« nannten 16 Prozent, die meisten (64 Prozent) wichen in die dritte Antwort »Kann man nicht sagen« aus.

Auf die zweite Frage, wer das »größere Interesse hat, daß ein Abkommen zur atomaren Rüstungskontrolle zustande kommt«, wurde die Sowjet-Union sogar fast viermal häufiger als die USA genannt (33 gegenüber 9 Prozent, weitere 57 Prozent meinen, beide seien »gleichermaßen interessiert").

Die dritte Frage galt der »Bereitschaft, den eigenen Raketenabbau überwachen zu lassen«. In den Antworten schlägt sich besonders viel Mißtrauen nieder:

Nur 44 Prozent glauben, daß »beide Weltmächte dazu bereit« seien, 37 Prozent sind der Gegenmeinung, daß »keine der beiden« sich überwachen lassen werde. »Nur die Amerikaner« sind nach Ansicht von 9, »nur die Russen« nach Meinung von 10 Prozent bereit, die Gegenseite beim Verschrotten der eigenen Raketen zuschauen und mitzählen zu lassen.

Fast könnte es scheinen, daß die Deutschen gleiche Distanz zu beiden Weltmächten anstreben, und der Gedanke liegt dann nahe, ihnen sei womöglich daran gelegen, die Bundesrepublik zu einem neutralen Land zwischen den Blöcken zu machen.

Sooft eine entsprechende Frage in den letzten Jahren gestellt worden war, sooft hatte sich herausgestellt, daß nur etwa ein Drittel der Deutschen den Gedanken an eine Neutralität bejaht.

Vor wenigen Wochen, Ende Januar/ Anfang Februar, hat Emnid eine solche Frage ein weiteres Mal gestellt: _____« Die Bundesrepublik bildet militärisch gesehen die » _____« Grenze zwischen den Machtblöcken » _____« Ost und West. Manche Leute vertreten die Auffassung, » _____« es wäre wegen dieser Grenzlage besser für uns, wenn wir » _____« neutral wären wie die Schweiz, anstatt zum westlichen » _____« Verteidigungsbündnis zu gehören. Was ist Ihre Meinung: » _____« Ist es für uns besser, wenn wir dem westlichen » _____« Verteidigungsbündnis angehören, oder wäre es besser, wenn » _____« wir neutral wären? »

Das Ergebnis war fast das gleiche wie schon immer in den letzten Jahren: 35 Prozent sprachen sich für eine neutrale Bundesrepublik, 63 Prozent für deren Verbleib in der Nato aus.

Bei vielen Themen gehen die Ansichten der Deutschen je nach ihrer politischen Einstellung weit auseinander. Eine neutrale Bundesrepublik wird von den meisten Wählern der CDU/CSU, der FDP und der SPD abgelehnt (die Mehrheiten liegen zwischen 76 und 59 Prozent), umgekehrt von den meisten Grün-Wählern bejaht (74 Prozent).

Bei den Unions-Wählern (und nur bei ihnen) ist Reagan ein wenig populärer als Gorbatschow, bei den Grün-Wählern (und nur bei ihnen) gibt es eine durchgängige Anti-US-Stimmung.

Aber in dem Wunsch nach einer Null-Lösung sind sich die Bundesbürger nahezu einig, und auch die Gegenargumente von der drohenden konventionellen Übermacht verwerfen sie ziemlich einmütig.

Die meisten CDU/CSU-Wähler werden beinahe ebenso schwer wie die meisten Grün-Wähler davon zu überzeugen sein, daß nur die westliche Drohung mit vielen Tschernobyls (die ein Gegenschlag mit Raketen bedeuten würde) die Sowjets davon abschrecken kann, mit ihren Panzern die Bundesrepublik zu überrollen.

Was die bundesdeutsche politische Landschaft angeht, so ist aus dem Dreiein Vier-Parteien-System geworden, und dabei wird es auf absehbare Zeit bleiben. Auf Kosten der beiden großen Parteien haben sich die beiden kleinen gestärkt und stabilisiert.

Auf Dauer hat sich auch das Verhältnis der Parteien zueinander verändert. CDU/CSU und FDP sind entschlossen, sich in Bonn wie in allen Ländern zu verbünden, wenn es für die Union allein nicht langt.

Auf der Gegenseite hat die SPD fast keine Chance, wie in Nordrhein-Westfalen in Bremen und im Saarland noch in einem weiteren Bundesland die absolute Mehrheit zu erkämpfen. Angesichts ihres derzeitigen Tiefs wird sie sogar umgekehrt Mühe haben, in den drei Ländern ihre Alleinherschaft zu verteidigen.

In Hamburg wie auch in anderen Ländern könnte es bei der einen oder anderen Wahl für die SPD zusammen mit einer der beiden kleineren Parteien zu einer Mehrheit reichen, aber die FDP hat sich auf die andere Seite geschlagen, und nirgendwo sind die Grünen ein Partner, auf den die SPD bauen und mit dem sie zusammengehen könnte, ohne den

Verlust eigener Wähler fürchten zu müssen. Denn die Aversion gegen Grün hat sich bei einem erheblichen Teil der SPD-Wähler noch verstärkt. Auf die Frage etwa, mit wem ihre Partei sich - falls nötig und möglich - verbünden sollte sprachen sich von je 100 SPD-Wählern 13 für die CDU, 47 für die FDP und nur 37 für die Grünen aus.

Es gibt derzeit kein Thema, das der SPD neue Wähler bringen könnte. In der Atomfrage verspricht sie zwar den allmählichen Ausstieg, wie ihn auch die Mehrheit der Bundesbürger wünscht, aber viele glauben ihr, der früheren Pro-Partei, den Meinungswechsel nicht. Wie die letzten Wahlen lehren, ist das Atomproblem zwar für viele Bürger ein wichtiges, aber nur für relativ wenige das entscheidende Thema, das allein die Wahl einer Partei bestimmt.

Angesichts der Schwäche ihrer eigenen Partei und des Fehlens eines Partners sind viele SPD-Wähler mut- und ratlos geworden, wie die Emnid-Umfrage zeigt:

Nur 28 Prozent der SPD-Anhänger finden, die Stimmung für ihre Partei sei günstig. 31 Prozent erklären, die SPD gefalle ihnen selbst weniger als früher. 17 Prozent läßt der Machtwechsel in Hessen gleichgültig. 30 Prozent der SPD-Wähler vermuten, daß ihre Partei in ein Dauertief geraten ist.

Da gibt es nur wenige Lichtblicke. Zu denen gehört, daß sich die eigenen Wähler und auch die anderen Bundesbürger offenbar schnell auf Vogel als den neuen Haupt-Mann der SPD einstellen.

Von allen Politikern der Emnid-Liste verbesserte kein anderer seine Position so wie der künftige SPD-Chef, vergleicht man die Januar- und die April-Zahlen.

57 Prozent der Befragten wünschen Vogel eine »wichtige Rolle« - so viele kamen in keiner der 13 Umfragen vor der Wahl zusammen, wenn nach Vogels Vorgänger Brandt gefragt wurde.

[Grafiktext]

POLITIKER IM APRIL 1987: GENSCHER WEIT VORN Wie in 13 Monaten vor der Wahl im Januar 1987 nannten die Interviewer des Bielefelder Emnid-Instituts auch im April 1987 die Namen von 20 Politikern. Gefragt wurde ob die Politiker den Befragten bekannt waren und:"Würden Sie es gern sehen wenn dieser Politiker im Laufe der kommenden Jahre eine wichtige Polle im politischen Leben der Bundesrepublik spielen würde, oder würden Sie das nicht so gern sehen? Die Zahl der Befragten (in Prozent) die gern sähen, wenn der jeweils genannte Politiker künftig »eine wichtige Rolle spielen würde": »wichtige Rolle« »Dieser Politiker häufiger gewünscht ist mir unbekannt« als im Januar 1987 Hans-Dietrich Genscher 74 +6 0 Gerhard Stoltenberg 66 0 Rita Süssmuth 64 5 Norbert Blüm 60 +4 0 Johannes Rau 58 +4 0 Helmut Kohl 57 +5 0 Hans-Jochen Vogel 57 +12 0 Franz-Josef Strauß 51 +4 0 Martin Bangemann 48 +8 0 Anke Fuchs 48 11 Oskar Lafontaine 48 +6 5 Walter Wallmann 46 +9 8 Kurt Biedenkopf 42 -7 »wichtige Rolle« 8 seltener gewünscht als im Januar 1987 Heiner Geißler 42 +3 0 Jürgen Möllemann 41 Im Januar 1987 16 nicht auf der Liste Friedrich Zimmermann 38 +6 4 Joschka Fischer 34 -3 6 Otto Graf Lambsdorff 33 -9 0 Jutta Ditfurth 30 » 16 Hans Klein 19 » 56 SEIT DER WAHL FAST KEIN WECHSEL »Welche Partei würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?"Diese »Sonntagsfrage« wird bei jeder politischen Umfrage gestellt. Das Emnid-Ergebnis im April, zum Vergleich die Zahlen aus den früheren SPIEGEL-Umfragen im Wahlkampfjahr 1986 sowie für die beiden Monate nach der Bundestagswahl: Das Ergebnis der April-Umfrage Das Ergebnis der Bundestagswahl vom 25. Januar 1987 JEDER ZWEITE: SPD SCHLECHTER ALS FRÜHER Dem Meinungsklima in der Bundesrepublik galt die Frage: »Für welche der im Bundestag vertretenen Parteien ist die politische Stimmung im Augenblick wohl besonders günstig?« Das Ergebnis: Es erklärten, die politische Stimmung sei »besonders günstig« für die CDU/CSU 61 SPD 12 FDP 16 Grüne 17 Der Einstellung zu den Bundestagsparteien waren vier weitere Fragen gewidmet. Der Text war gleich, lediglich der Name der Partei wurde ausgewechselt: »Vergleichen Sie die ... heute und vor zwei Jahren. Gefällt Ihnen die ... heute besser oder schlechter als vor zwei Jahren oder genauso?« Die Ergebnisse: Von je 100 Bundesbürgern erklärten die CDU/CSU SPD FDP die Partei der Grünen gefällt mir besser als früher 19 11 24 19 gefällt mir genauso wie früher 58 37 59 39 gefällt mir schlechter als früher 23 52 17 41 Wie denken die jeweiligen eigenen Anhänger über das Meinungsklima, das »ihre« Partei betrifft? Es erklärten, die politische Stimmung sei für die Partei ihrer Wahl »besonders günstig«,von je 100 CDU/CSU-Wählern 82 SPD-Wählern 28 FDP-Wählern 49 Grün-Wählern 59 WECHSEL BEGRÜSST ODER BEDAUERT? Emnid fragte nach der Reaktion auf die Hessenwahl: »Das Bundesland Hessen hatte seit Kriegsende, also seit mehr als 40 Jahren, immer eine von der SPD geführte Landesregierung. Nach der Landtagswahl vom 5. April gibt es nun in Hessen zum ersten Mal eine von der CDU geführte Landesregierung. Begrüßen Sie diesen Machtwechsel, ist er Ihnen egal, oder bedauern Sie ihn? Von je 100 Bundesbürgern erklärten: »begrüße ich« 39 »bedaure ich« 36 »ist mir egal« 25 58 VON 100: SPD-TIEF VON DAUER Emnid ließ zunächst seine Interviewer die politische Entwicklung rekapitulieren: »Die SPD hatte bei den letzten drei Landtagswahlen in Bayern und Hamburg im Herbst 1986 und jetzt in Hessen seit jeweils ihr schlechtestes Ergebnis seit Kriegsende. Außerdem hatte sie bei der letzten Bundestagswahl im Januar das schlechteste Ergebnis seit 1961.« Bayern Hamburg Hessen Bundestag bestes SPD-Ergebnis: letztes SPD-Ergebnis: 35,8 27,5 59,0 41,7 51,0 40,2 45,8 37,0 (1966) (1966) (1966) (1972) Dann wurde gefragt: »Was meinen Sie, ist die SPD nur in einem vorübergehenden Tief, wie es jede Partei immer mal wieder erlebt, oder ist die SPD in einer langfristigen Krise, so daß sie wohl auf lange Zeit nicht mehr die gleiche Bedeutung haben wird wie früher?« Die Antworten (in Prozent): »Die SPD ist in einem vorübergehenden Tief« »Die SPD ist in einer langfristigen Krise« Bundesbürger insgesamt 40 58 SPD-Wähler 70 30 Wer wäre der bessere SPD-Chef? Außerdem fragte das Bielefelder Institut, ob als Vorsitzender der SPD der von den Spitzengremien nominierte Bonner Fraktionschef Hans-Jochen Vogel oder der Saar-Ministerpräsident Oskar Lafontaine »besser geeignet« sei. Die Antworten (in Prozent): Als SPD-Vorsitzender besser geeignet ist Hans-Jochen Vogel Oskar Lafontaine Bundesbürger insgesamt 69 28 SPD-Wähler 66 32 SPD-WÄHLER: KRITIK AN GRÜNEN ÜBERWIEGT Sieben Ansichten über die Grünen, wie sie »von ihren Gegnern vorgebracht werden«, verlasen die Emnid-Interviewer und baten jeweils anhand einer Skala mit Werten von 1 bis 5 anzugeben,"in welchem Maße dies nach ihrer Meinung auf die Grünen zutrifft«. Die Durchschnittswerte für die Befragten insgesamt, für die CDU/CSU-, die SPD- und die Grün-Wähler: 1 »trifft sehr zu« 5 »trifft überhaupt nicht zu« CDU/CSU-Wähler Bundesbürger SPD-Wähler Grün-Wähler insgesamt »Die Grünen sind kein politischer Partner auf den sich eine andere Partei in einer Koalition verlassen kann. 1,8 2,4 2,7 4,4 »Die Grünen fordern zu radikal die Abschaffung aller Atomkraftwerke« 1,7 2,2 2,4 3,4 »Die Grünen bestehen praktisch aus zwei Parteien, sie sind gespalten in Realpolitiker, die ''Realos'', und Fundamentalisten, die ''Fundis''.« 1,9 2,1 2,3 3,1 »Die Grünen sind gegen die moderne Industriegesellschaft.« 1,9 2,3 2,7 3,6 »Den Grünen fehlt ein umfassendes Programm, sie sind höchstens in einigen Teilbereichen, etwa dem Umweltschutz, kompetent.« 1,9 2,3 2,5 3,8 »Die Politik der Grünen würde sich, würde sie verwirklicht, nachteilig auf den Lebensstandard auswirken.« 1,7 2,3 2,7 3,9 »Unter den Grünen gibt es zu viele Kommunisten.« 2,1 2,7 3,2 4,2 Falls es langt: SPD und...? In den Bundesländern Harmburg, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Bremen wird noch in diesem Jahr gewählt. Emnid fragte: »Mal angenommen, die SPD bekommt in einem Bundesland soviel Stimmen, daß sie zusammen mit einer anderen Partei die Mehrheit erreicht und eine Regierung bilden kann. Was soll sie dann in erster Linie anstreben?« Es befürworten von je 100 SPD-Wählern eine »Koalition mit den Grünen« 37 »Koalition mit der CDU« 13 »Koalition mit der FDP« 47 Keine Angaben 3 BLIEBEN ZU VIELE ? Emnid fragte:"Nach der Bundestagswahl hat Kanzler Kohl zwei Minister ausgewechselt. Dollinger und Windelen schieden aus. Klein und Möllemann kamen hinzu. War es richtig, sich auf den Austausch von nur zwei Ministern zu beschränken, oder wäre es besser gewesen, mehr neue Leute ins Kabinett zu holen?« Die Antworten (in Prozent): Bundesbürger insgesamt CDU/CSU-Wähler FDP-Wähler »Austausch von nur zwei Ministern war richtig« 41 54 53 »Mehr neue Leute wären besser gewesen« 56 43 47 Eine weitere Frage galt dem »Einfluß der FDP in der Bonner Regierungskoalition«. Die Antworten (in Prozent): »Die FDP hat zuviel Einfluß 27 36 6 »Der Einfluß der FDP ist gerade richtig« 49 53 56 »Die FDP hat zuwenig Einfluß« 22 10 38 WELCHER KANZLER WAR DER GRÖSSTE? Auf die Frage, welcher der Vorgänger Kohls im Kanzler-Amt »die größten Verdienste um die Bundesrepublik erworben hat«, entschieden sich von je 100 Befragten für Konrad Adenauer (20. 9. 1949 bis 15. 10. 1963) 58 Helmut Schmidt (16. 5. 1974 bis 1. 10. 1982) 19 Willy Brandt (21. 10. 1969 bis 6. 5. 1974) 11 Ludwig Erhard (16. 10. 1963 bis 30. 11. 1966) 9 Kurt Georg Kiesinger (1. 12. 1966 bis 20. 10. 1969) 3 WIEDER ANGSTLÜCKE Öffnet sich die"Angstlücke« wieder? Die Meinungsforscher gebrauchen diesen Begriff, wenn sie bei Umfragen die wirtschaftliche Lage beurteilen lassen. Schätzen mehr Befragte die allgemeine Lage kritischer ein als die eigene, so gibt es eine »Angstlücke« - die Sorge, die Gesamtentwicklung könne sich negativ auf den eigenen Standard auswirken. Schließt sich die »Angstlücke« (wie in den Monaten vor der Bundestagswahl 1987), so vermindert sich die Sorge um die Zukunft. Emnid wiederholte die beiden Fragen, die das Institut schon 1983 und 1984 sowie dreimal im Wahlkampfjahr 1986 gestellt hatte. Das Ergebnis im April 1987, zum Vergleich die früheren Ergebnisse: 40 40 47 53 57 55 Eigene wirtschaftliche Lage »sehr gut« oder »gut« 9 20 32 33 57 43 Allgemeine wirtschaftliche Lage »sehr gut« oder »gut« Januar Sept./Okt. Januar Februar Oktober April 1983 1984 1986 1986 1986 1987 GORBATSCHOW ERHÖHT VORSPRUNG Dem Vergleich zwischen dem sowjetischen Parteichef Gorbatschow und dem US-Präsidenten Reagan waren mehrere Fragen gewidmet. Emnid hatte sie für den SPIEGEL schon im November 1986 gestellt, unmittelbar nachdem Kanzler Kohl dem Kreml-Chef durch den Vergleich mit dem NS-Propagandachef Goebbels beleidigt hatte. Nacheinander lassen die Interviewer vier Ansichten vor. Von jeder sollten die Befragten sagen, ob sie »eher auf Reagan«,"eher auf Gorbatschow« oder ob sie"auf beide gleichermaßen« zutreffe. Von je 100 Bundesbürgern wählten die Antwort »Trifft eher auf »Trifft eher auf »Trifft auf beide Reagan zu« Gorbatschow zu« gleichermaßen zu« »Meint es ehrlich« 24 Nov.86. 27 41 14 April 87 37 47 »Verdient Vertrauen« 27 25 38 15 37 46 »Kann sich gut darstellen« 45 13 39 32 19 49 »Ist flexibel bei Verhandlungen« 23 34 32 18 32 49 Reagan nahe Null Anhand einer Skala mit zehn werten von +5 ("sehr sympathisch") bis -5 ("sehr unsympathisch") sollten die Befragten ihre Einstellung zu Gorbatschow und Reagan bekunden. Es ergaben sich als Durchschnittswerte Für Reagan +0,1 Für Gorbatschow +1,2 92 VON 100: FÜR DIE NULL-LÖSUNG Über die Null-Lösung informierte Emnid die Befragten:"Es geht um den Vorschlag des sowjetischen Parteichefs Gorbatschow, in Europa die atomaren Mittelstreckenraketen vollständig abzubauen. Die Amerikaner wollen zusätzlich noch Bestimmungen einbringen, die die gemeinsame Obergrenze auch für Kurzstreckenraketen festlegen.« Das Institut stellte drei Ansichten zur Wahl. Es entschieden sich von je 100 Bundesbürgern für die Antwort Außerdem sollten sich die Befragten darüber äußern, wie sich ein völliger Abbau der Atomraketen in Ost und West auswirken würde. Zunächst wurde gefragt wer »hinsichtlich der konventionellen Waffen also der Nicht-Atomwaffen, der anderen Seite überlegen« sei. Die Antworten (in Prozent) »Die Nato« 8 »Der Warschauer Pakt« 43 »Beide sind gleich stark« 47 »Ich bin für die Null-Lösung bei atomaren Mittelstreckenraketen, unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen über die Kurzstreckenraketen« 51 »Ich bin nur dann für die Null-Lösung, wenn auch eine Übereinstimmung bei den Kurzstreckenraketen erzielt würde« 41 »Ich bin gegen die Null-Lösung bei atomaren Mittelstreckenraketen« 7 Dann ging es darum, wie es um die »militärische Bedrohung aus dem Osten« stände,« wenn beide Seiten nur noch über konventionelle Waffen verfügen würden«. Von je 100 Bundesbürgern meinen: »Die militärische Bedrohung würde zunehmen« 16 »Die militärische Bedrohung würde abnehmen« 24 »Es würde sich nicht viel ändern« 60 Für die erste Antwort (für eine Null-Lösung ohne Einschränkung) sprachen sich aus von je 100 CDU/CSU-Wählern 49 SPD-Wählern 51 FDP-Wählern 32 Grün-Wählern 69

[GrafiktextEnde]

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