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»Gorbatschow trifft in Genf auf Rambo«

Michail Gorbatschows neuer Stil macht US-Präsident Ronald Reagan zu schaffen: Wenige Monate vor dem geplanten Gipfeltreffen in Genf präsentiert sich der Kreml-Chef in einer gekonnten Propaganda-Kampagne als maßvoller und verständiger Staatsmann. Washingtons scharfe Sprüche bringen Reagan nichts mehr ein. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Charles Z. Wick, der früher wie seine Vorfahren »Zwick« hieß, gehört zu jenen auserwählten millionenschweren Kaliforniern, die wissen, was gut ist für Ronald Reagan, und mit denen sich Amerikas Präsident und Frau Nancy folglich besonders gern umgeben, privat oder auch offiziell.

Als Chef der United States Information Agency (USIA) ist Wick zuständig für die Vermarktung der USA im Ausland. Für den Reagan-Freund heißt das vor allem, ein möglichst strahlendes Bild vom Chef im Weißen Haus zu malen.

Als zu Jahresanfang im Kreml noch der kranke Tschernenko regierte, hatte Wick eine scheinbar glänzende PR-Idee: Um dem Sowjetvolk zu demonstrieren, daß Ronald Reagan keineswegs ein wilder Kriegstreiber sei, sondern ein freundlicher, friedliebender und geistreicher Jungsiebziger, schlug er seinem sowjetischen Pendant im Kreml, dem Chef-Propagandisten Leonid Samjatin, vor, die Führer der beiden Großmächte sollten doch mal im Fernsehen des jeweils anderen Landes auftreten.

Samjatin würdigte Wick keiner Antwort: Der »Große Kommunikator« gegen den steifen, gebrechlichen Tschernenko, das hätte für Moskau nicht gut ausgehen können.

Seit voriger Woche sind Wick und Co. wieder ganz heiß auf die alte Idee. Denn Ronald Reagan ist »sauer« auf seinen neuen Gegenspieler im Kreml, so die Zeitung »USA Today«, und fordert einen Auftritt im sowjetischen TV.

Michail Gorbatschow macht in den USA derzeit mehr Schlagzeilen, als Reagan lieb sein kann. Gut zwei Monate vor dem geplanten Genfer Gipfel zwischen dem US-Präsidenten und dem Sowjetchef hat sich ausgerechnet der PR-Neuling aus dem Kreml so nachhaltig in Szene gesetzt, daß der Profi Reagan dagegen alt auszusehen droht.

Gorbatschow über acht Seiten im schriftlichen und mündlichen Interview mit dem Nachrichtenmagazin »Time«; Gorbatschow mehr als drei Stunden im Gespräch mit amerikanischen Senatoren: Fast pausenlos demonstrierte der Sowjetführer dem amerikanischen Volk und der Weltöffentlichkeit, wie gut er sein Geschäft versteht - witzig, selbstbewußt, unpolemisch, nie verlegen um Fakten oder Formulierungen, informiert auch im Detail.

Mit einigen wolkigen Andeutungen erweckte Gorbatschow zudem den Eindruck, flexibler zu sein als seine eigenen Abrüstungsunterhändler in Genf und einen ehrlichen Kompromiß anzustreben.

So versprach er, als Gegenleistung für eine (nicht definierte) Begrenzung der amerikanischen »Star Wars«-Pläne, »sehr ernste Vorschläge« zur Reduzierung der nuklearen Offensivwaffen.

Und während die Sowjets Reagans Weltraum-Träume bis dahin immer von Grund auf verdammt hatten, ließ Gorbatschow jetzt plötzlich durchblicken, daß man über »Grundlagenforschung« für eine Raketenabwehr im Weltraum sehr wohl reden könne.

Das sei, so Sam Nunn, führender Strategiefachmann im US-Senat, nach dem Gespräch am vorigen Dienstag im Kreml, noch kein »Durchbruch«, aber durchaus ein erster »Schritt in die richtige Richtung«.

Selbst harte Worte über Amerika und Reagans Politik hörten sich bei Gorbatschow nicht etwa feindselig an, sondern eher besorgt - etwa wenn er gegenüber »Time« die »Haß-Kampagne« der US-Regierung gegen die Sowjets verurteilte und dann begütigend hinzufügte: »Wir dürfen die Dinge nicht so weit treiben lassen, daß es zu einer Konfrontation zwischen unseren beiden Ländern kommt.«

Wie es auch Reagan gerne tut, berief sich der Kommunist sogar auf den Allerhöchsten: »Sicher hat Gott im Himmel sich nicht geweigert, uns genug Weisheit zu geben, damit wir Wege zu einer Verbesserung unserer Beziehungen finden.«

Die frommen Sprüche kamen an. Zu Recht mäkelte zwar die Regierung in Washington, in Gorbatschows Erklärungen stecke »nichts wesentlich Neues«, und mahnte statt »öffentlicher Erklärungen konkrete Vorschläge« an, so der Sprecher des US-Außenministeriums, Charles Redman.

Aber Reagan und seinen Beratern ging auf, daß ihr Kontrahent drauf und dran war, den US-Präsidenten vor dem Genfer Gipfel nach Punkten zu schlagen. Den Vorsprung im Krieg der Worte verdankt Gorbatschow nicht nur eigenem Geschick. Ihm half auch, daß Amerikas Gipfel-Ouvertüre mit Mißtönen begann.

Die erste Dissonanz kam ausgerechnet von einem Mann, der bislang als Verfechter einer pragmatischen Politik gegolten hatte: Reagans Sicherheitsberater Robert McFarlane.

In einer Rede, über die vorher niemand außer Präsident Reagan selbst informiert war - nicht der Außenminister, nicht der Stabschef des Weißen Hauses -, skizzierte McFarlane im kalifornischen Santa Barbara einen Fahrplan für den Gipfel in Genf, der nichts Gutes verhieß.

Die simple Kernthese: Schuld an allem Übel, so McFarlane, sei die Sowjet-Union, Fortschritte müßten folglich auch von ihr ausgehen. Der Sicherheitsberater: »Ohne eine Änderung des sowjetischen Kurses ... wird es, fürchte ich, äußerst schwer sein, auch nur minimale Verbesserungen zu erzielen.«

Anderntags setzte das Weiße Haus noch eins drauf: Noch vor dem Gipfeltreffen, so die Ankündigung, würden die USA ihre in der Erprobung befindliche Anti-Satelliten-Waffe (Asat) erstmals unter realistischen Bedingungen testen.

Mochten die Sowjets und auch die Reagan-Kritiker in den USA die McFarlane-Rede noch als rhetorische Pflichtübung abtun - der Waffentest im Weltraum ließ sich nur als gezielte Provokation verstehen.

Zwar behauptete Reagans Sprecher Larry Speakes, Moskau verfüge längst über ein funktionierendes Abwehr-System, dieses »Monopol« dürfe man nicht »festschreiben«.

»Die Sowjets haben kein wirklich wirksames System zur Satelliten-Bekämpfung«, widersprach sogleich Paul C. Warnke, Chefabrüster unter Reagans Vorgänger Jimmy Carter: »Schon unser Space Shuttle ist wirksamer.«

Der geplante Test-Schuß könnte zudem sehr wohl als Beginn der Erprobung eines Verteidigungssystems im Weltraum ausgelegt werden, an dem die Amerikaner bislang nur geforscht haben - was nach den bestehenden Verträgen zulässig ist.

Der amerikanische Test-Plan sieht vor, von einer hoch fliegenden F-15 durch eine Zwei-Stufen-Rakete einen nicht einmal eimergroßen Suchkopf in Richtung auf einen Satelliten abzuschießen. Das Projektil steuert den Zielsatelliten dann selbständig an und zerstört ihn durch den Aufprall.

Die Reagan-Regierung, folgerte John Pike vom »Bund amerikanischer Wissenschaftler«, »hat den Sowjets vor dem Gipfel den Fehdehandschuh hingeworfen«.

Sorgenvolle Kommentare überspielte Reagan zunächst mit flapsigem Spott: »Wir hören von selbsternannten Experten immer, unser SDI-Konzept sei unrealistisch und Geldverschwendung. Wenn das stimmt, warum sind dann die Sowjets so aufgebracht?«

Wenn Gorbatschow glaube, er treffe »auf einen defensiven und kranken alten Mann, dann hat er sich geirrt«, kommentierte die Kolumnistin Mary McGrory in der »Washington Post«. »Er trifft auf Rambo ... Die geballte Faust soll offenbar _(Mit Delegationsleiter Robert Byrd (3. v. ) _(l.); hinter Gorbatschow der sowjetische ) _(Propagandachef Leonid Samjatin. )

zum Kennzeichen der zweiten Reagan-Amtszeit werden.«

Reagans Einstimmung auf den Gipfel legt den Verdacht nahe, daß es dem Präsidenten weniger um sachliche Geschäftsbeziehungen mit dem Kreml-Chef geht, als um einen Schaukampf: Ronald Reagan, darin soll die US-Nation bestärkt werden, läßt sich von keinem Kommunisten ausstechen - auch nicht von dem vergleichsweise alerten Michail Gorbatschow.

Reagan habe die Erwartungen auf eine Ebene heruntergeschraubt, folgerte Mary McGrory, »daß schon der Austausch von Ballett-Tänzern oder von ein oder zwei Schachspielern von jedermann mit Erleichterung als Triumph gefeiert werden kann«. Ein Urteil, das für Gorbatschow wie bestellt kam. Genüßlich zitierte er den Satz aus der »Washington Post« vor den Senatoren im Kreml.

Das Propaganda-Getöse verdeckt, daß die Amerikaner etwas abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit sehr wohl bereit sind, mit den Sowjets ins Geschäft zu kommen. So einigte sich Landwirtschaftsminister John Block Ende August in Moskau mit den Sowjets auf neue Getreidelieferungen der Amerikaner. Vereinbarungen über zusätzliche Konsulate, die Wiederaufnahme des Flugverkehrs zwischen beiden Ländern und einen verstärkten Kulturaustausch sind von Expertengruppen so weit vorbereitet worden, daß nur noch Reagans und Gorbatschows Gipfel-Unterschriften fehlen.

Wie sich echte Profis auf einen Gipfel vorbereiten, beschrieb derweil in der Herbstausgabe der Zeitschrift »Foreign Affairs« ein Fachmann für sowjetischamerikanische Spitzenbegegnungen - Ex-Präsident Richard Nixon.

Sein Rat an Reagan: »Allein schon die Anberaumung eines Gipfels macht es jeder Seite schwer, in der Zeit vor der Begegnung Aktionen zu unternehmen, die eindeutig gegen die Interessen der anderen Seite verstoßen, und bietet so einen Anreiz, alles zu unterlassen, was die Atmosphäre vergiften könnte.«

Doch Ronald Reagans Team setzt lieber auf die vertrauten Mittel, auf die Arbeit am Image vor allem: Kaum war Michail Gorbatschow auf die Titelseiten der US-Presse gerückt, da wurde im Weißen Haus ein neuer Sonderstab unter Leitung des bisherigen Botschaftssprechers in London, Robert Korengold, eingesetzt. Seine einzige Aufgabe: eine Public-Relations-Strategie zu entwerfen und »die Öffentlichkeitsarbeit für das Treffen in Genf zu koordinieren«.

Eine bereits diskutierte Empfehlung: Um den Paris-Besuch Gorbatschows nur wenige Wochen vor dem Gipfel zu konterkarieren, könne der Präsident ankündigen, er werde seinerseits nach der Begegnung mit dem Kreml-Chef in dessen Glacis reisen - zum Beispiel ins außenpolitisch traditionell eigenwillige Rumänien.

Mit Delegationsleiter Robert Byrd (3. v. l.); hinter Gorbatschow dersowjetische Propagandachef Leonid Samjatin.

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