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Briefe

GORDISCHER KNOTEN
aus DER SPIEGEL 29/1970

GORDISCHER KNOTEN

(Nr. 27.1970, Titel über »Notstand im Verkehr")

Ich halte es für außerordentlich wichtig, daß Ihr Bericht über den Verkehrs-Notstand als Sonderdruck an alle geht, die vielleicht eines Tages fehlende Information als Entschuldigung für falsches Verhalten vorbringen.

Gütersloh (Nrdrh.-Westf.) TASSILO HARDUNG Fahrlehrer

Sie bringen in hundert Einzelheiten und vielen Prominenten-Äußerungen ein erschütterndes Bild eines wahrhaftig »Verfahrenen« Zustandes -- und enden in Resignation. Wohl stellen Sie wieder einmal fest, daß Abhilfe in den Ballungsräumen nur durch radikale Verlagerung des Nahverkehrs auf die Massen -Verkehrsmittel, insbesondere auf vorhandene und neu zu schaffende Schnellbahnen zu erzielen wäre, aber zu dieser logischen Folgerung bringen Sie fast ausschließlich kleinkarierte negative Stellungnahmen.

Kissing (Bayern) HANS PRÖLSS

Befinde mich zufällig für einige Zeit in Paris und habe reichlich Gelegenheit, Ihre Titelgeschichte aus hiesiger Sicht zu betrachten. Paris, sieben Millionen Einwohner, zwei Millionen Autos, aber keine nervöse Hektik. Muß wohl an der Einstellung zum Auto und zum Straßenpassanten liegen. Man weint nicht, sondern tut etwas, damit Paris nicht untergeht. Zum Beispiel gibt es bald unterirdische Garagen an berühmten Plätzen (Vendôme, Opéra, Hôtel de Ville et cetera). Außerdem baut man neben den Außenboulevards, die ohnehin fast kreuzungsfrei die Stadt umschließen, einen meist achtspurigen Autobahnring, der zu 4/5 fertig ist und an jeder Stelle einen Verkehrsstrom wie die Norderelbbrücke täglich bewältigt. Die Stadt Paris hat die Autolawinen in ihr Image einbezogen,. Es gibt Leute, die kommen hierher, um sich mal das Karussell um den Etoile anzusehen. Die neue Metro-Expreß-Linie sei noch nebenbei erwähnt. Und die vollen Straßen-Cafés. Aber das alles paßt nicht in Ihr schwarzmalerisches Konzept. Deswegen haben Sie wohl Paris ausgeklammert.

z. Z. Paris HEINZ BOENERT

Eine Art euphorisch erlebbarer psychischer Masochismus per Selbstbefriedigung mit kalkuliertem Todeserfolg. U-Bahnen werden nichts daran ändern, daß es höchstes Lebensziel der Individuen bleiben wird, sich im Sitzen selbst durch die Gegend fahren zu können ... Und diesem Trieb wird bald auch in unseren Städten -- trotz OB Vogel -- durch Fertigung bandnudelförmiger Hochstraßen Rechnung getragen werden. Die Politiker werden gar nicht anders können, Werden Sie meinetwegen philosophisch, und fragen Sie nach dem Sinn solchen Lebens. Die Antwort kann nur lauten: Immer noch besser mit als ohne Auto.

Essen BERNHARD THÜS

Das Ziel, fließender Verkehr, ist meines Erachtens ganz einfach durch einen kreuzungsfreien Verlauf der genannten Straßen zu erreichen. Diese triviale Plattheit hat den Vorzug, relativ leicht verwirklicht werden zu können, da man keine zusätzlichen Straßen braucht. Der kreuzungsfreie Verlauf ist durch Überbauung der kreuzenden Straßen zu erreichen.

Hainhausen (Nrdrh.-Westf.) RUDOLF HAUFLER

In die Kategorie der erwähnten verkehrsplanerischen Irrationalismen gehören auch zwei Beschlüsse des Saarbrücker SPD-Parteitages: Sozialinvestitionen in Form von Steuererleichterungen für den Personen-Nahverkehr in den Städten bei gleichzeitiger Erhöhung der Kilometergeld-Pauschale für Fahrten zum Arbeitsplatz.

Verden (Nieders.) DIETER HELLMANN

Diese ganze schwer verfahrene Lage läßt sich nur diktatorisch beheben! Es muß abseits jeder Voreingenommenheit und so weiter einen mit entsprechenden Vollmachten und Befugnissen ausgestatteten Raumordnungsminister geben, der allein noch den gordischen Knoten dieser Notlage durchhauen kann.

Kleinwallstadt (Bayern) DIPL.-ING. W. NÖLDECHEN Raumordner, Landes- und Städteplaner (leider i. R.)

Die Vorsorge um die Zukunft der Raumbeschaffung straft die Bundes-Geburtenstatistik Lügen.

Berlin KARL BERNARD

Ich denke an eine Anschrift: Caution! Car driving may be hazardous to your health!

Marburg HANS HENNING WETZ

Die Städte werden nicht sterben, aber der Autoverkehr in den Großstädten wird sterben. Das ist nicht schlimm. Wenn man das aber trotzdem zum Problem macht, so deshalb, weil die meisten Leute Nutznießer geballter Wohnlagen sein wollen, ohne selbst geballt zu wohnen; das heißt, sie wollen beim Erwerb und bei der Freizeitverbringung städtisch bleiben (was nur bei dichter Bebauung möglich ist), aber dagegen beim Wohnen wollen sie ländlich bleiben, und beim Verkehr wollen sie viel Platz für sich beanspruchen, indem sie viel und mit dem eigenen Auto fahren. Das ist für solche Leute nur möglich, indem sie sich in Großstadtnähe ansiedeln. Davon ist in den letzten Jahrzehnten so viel Gebrauch gemacht worden, daß In den Innenstädten der Verkehrsnotstand (besser gesagt: der Straßenverkehrsnotstand) entstanden ist. Deshalb kann dieses Problem nicht in den Innenstädten, sondern nur im Umland gelöst werden. Zur Lösung dieses Problems gehört vor allem, daß die Umgebung der Bahnhöfe und Haltestellen dicht bebaut wird. Vor allem Betriebe mit viel Pendlern und die Massenunterkünfte dürfen nur noch an solchen Stellen stehen. Solange es aber der Fall ist, daß die Hochhausgruppen und die Einkaufszentren sich am liebsten auf der grünen Wiese und nicht in verkehrsgünstigen Lagen und in der Hauptgeschäftsstraße niederlassen, und solange die Städte aufgelockert werden, obwohl aufgelockerte Städte (an ihrer Spitze Los Angeles und Washington) den größten Verkehrsnotstand haben, und solange derjenige Wohnungsbau am meisten unterstützt wird, der am meisten Pkw-Verkehr pro Einwohner zur Folge hat (das sind, die Eigenheime und Paul Lückes Mustersiedlungen), solange ist es eine Verschwendung von Steuergeldern, wenn sich die Städte Massenverkehrsmittel anschaffen. Der Staat kann nicht beides zugleich fördern: Eigenheime und Massenverkehrsmittel. Besonders bei den Stadtbahnen hängt die Auslastung, und damit die Rentabilität, fast nur von der Art der Bebauung an den Bahnhöfen ab. Frankfurt FROWALD HECKER

Die Wurzel dieses Übels dürfte der Umstand sein, daß die Mehrheit der Mitmenschen -- also auch der Verkehrsteilnehmer -- unselbständig erwerbstätig ist. Dieses Heer der Arbeitnehmer kann seine Einkäufe nur in der kurzen Zeit zwischen Feierabend und Ladenschluß erledigen. Wer sich verspätet, steht vor verschlossener Ladentür. Der Ladeninhaber muß unbarmherzig um 18.00 oder 18.30 Uhr schließen, sonst droht ihm -- ebenso unbarmherzig -- eine Anzeige. Und dieser unerbittliche Zeitdruck überträgt sich auf alle die Verkehrsteilnehmer, die noch einzukaufen haben.

München WINFRIED GRUBE

Die Korrumpierung des SPIEGEL durch das privatkapitalistische System äußert sich insbesondere in dem Artikel über den Notstand im Verkehr, indem man jede Alternative verschleiert und das Kapitalinteresse am Individualverkehr insofern rationalisiert, als Produktions- und Verwertungssektor der Autoindustrie arbeitslos werden würden, wenn man konsequent eine Politik betreiben würde, die die Funktion dieses Verkehrsmittels einschränken würde.

Ober-Roden (Hessen) SIEGFRIED BARTELS

Man muß dem SPIEGEL dankbar sein, daß er es wagt, gegen die Interessen der Ölscheichs und Autoproduzenten, die ja die eigentlichen Hauptnutznießer der alles und alle überschwemmenden Blechsargwelle sind, so mutig anzustinken, ohne Rücksicht darauf. daß ihm einige zigtausende Mark an Inseratengeldern demnächst fehlen werden.

Hagen (Nrdrh.-Westf.) ALMUT VAN BOSSELS

An sich mühte das Auto waffenscheinpflichtig werden.

Gießen (Hessen) HELMUT GRUHL

Hilfe bietet tatsächlich nur noch das attraktive Massenverkehrsmittel, Park-and-ride und so weiter. Damit nun nicht der Blechbesitzer auf den »öffentlich bei Null-Tarif« Gefahrenen heruntersieht, könnten hier die stellungslosen Soziologen und Psychologen eine gewaltige Aufgabe wahrnehmen!

Worfelden (Hessen) E. FELDMANN

Bauassessor

Einzig der leidige Statuswert des Autos ist an unserer Verkehrsmisere schuld. Der geplagte Autofahrer würde nur zu gerne öffentliche Verkehrsmittel benutzen, wenn ihm dadurch nicht die einzige Möglichkeit, sich und seinen Status herauszustellen, genommen würde. Dagegen gibt es ein Mittel: das ASF-System. Zu deutsch: Autosimulierplakettensystem. Dieses von mir erfundene System funktioniert so: Alle Privatautos werden sofort verboten. Jeder Autobesitzer hat seinen Wagen bei einer entsprechenden Ablieferungsstelle abzugeben -- und bekommt dafür eine AS-Plakette. Für Kleinstwagen wie Fiat 500 und Goggomobil gibt es beispielsweise eine blaue Plakette, einen VW kann man gegen eine grüne Plakette eintauschen, ein abgelieferter Mercedes bringt seinem Besitzer eine rote Plakette ein und so weiter. Selbstverständlich können auch Noch-nicht-Autobesitzer stolze Plakettenbesitzer werden, indem sie dafür den entsprechenden Auto-Listenpreis zahlen. Durch eine staatliche Bürgschaft sollte auch der Plakettenerwerb auf Kredit ermöglicht werden.

Hamburg GERHARD KURTZ »Geldtip«

Hanseatischer Wirtschaftsverlag

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