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USA Gott an der Seite

Die Auftritte des einst drogensüchtigen Bürgermeisters von Washington werden immer bizarrer. Freunde drängen ihn zum Rücktritt.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Washingtons Einwohner rätselten, warum ihr Bürgermeister die Hauptstadt so überstürzt verlassen hatte. Als Marion Barry sich nach 17 Tagen zurückmeldete, lüftete er das Geheimnis - er hatte ein Date mit dem Allerhöchsten in St. Louis.

Barry stand mit dem Herrn auf und ging mit ihm zu Bett. Er besprach mit dem Allmächtigen die gemeinsame Beziehung und ließ sich willig überzeugen, daß Gott persönlich ihm den Posten des Bürgermeisters gegeben hatte. Alle Gerüchte, er sei wieder drogenabhängig oder gar selbstmordgefährdet, tat er als böswillige Erfindungen ab.

Diese erstaunlichen Offenbarungen verkündete Barry Journalisten und Mitarbeitern in einer sorgfältig inszenierten One-Man-Show: Nicht wie früher in afrikanischen Gewändern, nicht wie gelegentlich unter seinem selbstgewählten arabischen Namen Anwar Amal ("Strahlendste Hoffnung") trat er auf, aber immer mit dem für ihn typischen Pathos, mit dem er sich so gern überhöht - Big Barry is back, und er hat mit Gott einen mächtigen Begleiter an der Seite.

Noch vor Beginn seiner Rede forderte der Baptist alle Anwesenden zum Beten auf und bedankte sich bei seinem Schöpfer für einen »wunderschönen Tag«. 35mal erwähnte der Bürgermeister in seiner 25minütigen Rede »meinen Gott, den ich Jesus Christus nenne«, und freute sich über das kräftige »Amen« von knapp 140 begeisterten Mitarbeitern. Barry weiß genau, daß es in »God's own country« nur wenige wagen, einen Schützling des Herrn anzugreifen.

Die gravierenden Probleme der Hauptstadt, die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die meisten Morde aller amerikanischen Großstädte zu beklagen hat, erwähnte der Mann mit der Vorliebe für große Gesten und noch größere Versprechen nur am Rand. Die Bilanz des einst anerkannten Bürgerrechtlers ist verheerend. Korruption und Nepotismus kennzeichnen seine Amtszeit, die Immobilienpreise sind tief gefallen, die Mittelklasse flieht in die Suburbs nach Maryland und Virginia. »Er macht die Stadt zu einem Witz«, klagte die Washington Post.

Doch unverdrossen verkündete Barry, 60, er werde den Hoffnungslosen die Hoffnung zurückgeben und den Ungläubigen den Glauben. Irgend etwas nicht in Ordnung? Er sei nur ein bißchen müde gewesen nach seiner Prostata-Operation im Dezember, habe wieder Zigaretten geraucht und geflucht, als ob das sonst nie passierte. Daß »bitch« und »motherfucker« durchaus zu seinem Alltagsvokabular gehörten, vergißt der zum viertenmal verheiratete Barry in solchen Momenten genauso wie den Vornamen seiner jetzigen Ehefrau. Effi heiße sie, sagte er und mußte sich kurz darauf verbessern: nein, Cora natürlich, Effi war seine dritte.

In den knapp 14 Jahren seiner Regentschaft hat es der »Architekt einer neuen Stadt« (Selbstlob) zwar nicht geschafft, den schlechten Ruf Washingtons zu verbessern, dafür arbeitete er aber um so intensiver an seinem eigenen Bild als Rächer der Enterbten. Barry live ist spannender als jede Seifenoper, und so fesselten sein plötzliches Verschwinden, seine Gedanken zu Gott und Philosophie ein Millionenpublikum.

Wochenlang wurde kräftig spekuliert: War Barry wieder ein Opfer seiner früheren Sucht geworden? Einige wollten den Mann, der sich als sexsüchtig bezeichnet, in Nachtklubs gesehen haben, und ein Portier bestätigte, das Ehepaar Barry übernachte in getrennten Zimmern. Schließlich trat auch noch Box-Promoter Rock Newman vor die Presse und warnte seinen Freund vor »Dämonen, die deine Existenz bedrohen«.

Doch Barry kann einstecken; damit hat er Erfahrung. Im Januar 1990 filmte ihn das FBI in einem Hotel beim Crack-Rauchen und ließ ihn hochgehen. Der entlarvte Anti-Drogen-Aktivist nahm es zum Anlaß, der Öffentlichkeit seine Sünden zu offenbaren: Cognac, Crack und Sex. Für sechs Monate verschwand Barry im Gefängnis, arbeitete mit Leidenschaft in der Knastküche und bezeichnete die Zeit dort als »eines der besten Dinge, die mir jemals widerfuhren«.

Es folgte »der größte Schock, seitdem Muhammad Ali Sonny Liston schlug« (O-Ton Barry-Wahlkampf): Der Kurzzeit-Häftling wurde im November 1994 erneut zum Bürgermeister gewählt. Das bekam ihm schlecht, Barry steigerte sich wieder in seinen alten Rausch aus Größenwahn und Selbstmitleid.

Einen Teil seiner Kompetenzen mußte der Mayor wegen Mißmanagements schon an Bundesbehörden abgeben; sie kontrollieren die Finanzen der Stadt und haben angeordnet, die Zahl der Stadtbediensteten um 5600 zu reduzieren.

Trotz der scheinbar triumphalen Rückkehr des Medienprofis gibt es erste Anzeichen, daß er bald abdanken könnte. Jungdemokraten sprechen von der Notwendigkeit eines Generationswechsels, und selbst alte Parteifreunde drängen ihn, endlich aufzuhören.

Barry will nun nicht mehr versuchen, »Dinge zu kontrollieren, die ich nicht kontrollieren kann«. Er brauche Zeit für seine Exerzitien. Auch seinen Mitarbeitern riet er, nicht mehr soviel zu arbeiten, sich einfach mal freizunehmen - »eine Woche hier, zwei Wochen dort«.

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