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Artikel 60 / 95

»Gott ist in dem, der Kiew rettete«

Tschernobyl: Die Enthüllung der Katastrophe in sowjetischen Berichten (I) *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Einer hatte alles vorausgesehen, ein General.

Nikolai Timofejewitsch Antoschkin, 44, Stabschef der Flieger im Wehrbezirk Kiew, hielt sich in der ukrainischen Hauptstadt in Bereitschaft, als im nahen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Experiment ablief. Am frühen Morgen des 26. April 1986 hörte er, daß dabei etwas passiert, das Experiment mißlungen sei.

Aber, so berichtete die Militärzeitung »Krasnaja swesda«, er »wußte nicht und konnte nicht vermuten, auf welche Weise das ihn persönlich, den Generalmajor der Luftwaffe, angehen wird«.

Den ganzen Tag verbrachte Antoschkin mit seinem unguten Gefühl, ließ sich jedoch nichts anmerken. Wann immer das Telephon klingelte, nahm er hastiger als sonst den Hörer ab. Doch nichts Besonderes begab sich.

Am Abend fuhr ihn sein Chauffeur nach Hause; ohne konkreten Anlaß bat ihn Antoschkin, noch zu warten. Anders als sonst zog der General daheim seine Uniform nicht aus. Er wusch sich die Hände und setzte sich an den Abendbrottisch. Da klingelte das Telephon.

Antoschkin wurde zum Wehrbezirkschef bestellt, dem Generaloberst Ossipow, bei dem Antoschkins Vorgesetzter, der Kiewer Luftwaffen-Befehlshaber Generalleutnant Krjukow, schon auf ihn wartete. Der Befehl: »Sofort in die Stadt Pripjat... Den havarierten Reaktor mit Sand zuschütten... Er ist 30 Meter hoch... Wahrscheinlich geht das nur mit Hubschraubern ... Handeln Sie entsprechend den Umständen.«

Obwohl es Nacht war, alarmierte Antoschkin alle Hubschrauber-Piloten der Ukraine. Er selbst fuhr mit dem Wagen die 100 Kilometer nach Pripjat, der Werkssiedlung gleich neben dem KKW Tschernobyl. Immer mehr Autos und Busse kamen ihm entgegen: Flüchtende.

Im Parteibüro von Pripjat meldete sich Antoschkin beim Vizepremier Boris Schtscherbina, dem Vorsitzenden einer Sonderkommission der Regierung. Schtscherbina:

»Alle Hoffnung ruht auf Ihnen, auf Ihren Hubschraubern. Der Krater muß hermetisch versiegelt werden, von oben, einen anderen Zugang zum Reaktor gibt es jetzt nicht. Sofort, unverzüglich. Geht nicht? Erst bei Sonnenaufgang? Dann sofort bei Sonnenaufgang.«

Antoschkin mußte Sand suchen, Säcke, Ladearbeiter; Flugschneisen zwischen

den Schornsteinen erkunden, die geeignete Flughöhe und eine Methode zum Einweisen der Piloten, die Radioaktivität messen lassen. Er mußte zwischen Sandbergen und überschwemmten Feldern einen Landeplatz finden.

In Tschernobyl, in Pripjat war er nie zuvor gewesen. In der Hand dieses Stabsoffiziers aus der Provinz, der bei Ende des letzten Kriegs drei Jahre alt war, lag es nun, eine Katastrophe zu bewältigen, wie die Menschheit sie noch nie erlebt hatte - unvergleichbar mit der Chemie-Katastrophe von Bophal (3000 Tote) oder dem Atom-Unglück von Three Mile Island (null Tote): Es war der bis dahin größte anzunehmende Unfall des Atomzeitalters.

Das Verhängnis kostete nach sowjetischer Auskunft bisher 31 Menschen das Leben, darunter eine Frau. Dabei handelt es sich offenkundig nur um die Opfer am Ursprungsort des Unheils dem KKW. Von den Hunderttausenden, die vorübergehend oder für immer aus dem Gefahrenkreis - viel zu spät - evakuiert wurden, behaupteten die Behörden rasch, niemand habe ernsten Schaden gelitten.

Dabei sind die Auswirkungen einer stärkeren Verstrahlung meist erst nach Wochen oder Monaten zu erkennen. 9,1 Prozent »der Bevölkerung« hätten eine über das übliche Maß hinausgehende Strahlendosis abbekommen, erklärte der ukrainische Gesundheitsminister, doch niemand so viel, daß er »wie auch immer geartete gesundheitliche Schäden« davontrage.

Rund 1000 wurden bis Mitte Juni 1986 in Krankenhäusern behandelt, 18000 dort mehrere Tage »beobachtet«. Fälle radioaktiv belasteter Kinder in den Notaufnahmegebieten und - zum Beispiel in Estland - verstorbener Teilnehmer an den Aufräumarbeiten im Sperrgebiet sind bekannt geworden, nach dem Strahlengrad in der näheren und der weiteren Umgebung von Tschernobyl muß ihre Zahl hoch sein.

Sechs Tage nach dem Gau betrug die Radioaktivität am Unglücksort laut Politbüro-Kandidat Boris Jelzin 200 Rem in der Stunde, sechs Tage später, so der Kiewer Funktionär Iwan Pljuschtsch noch 180 bis 190 Rem. 500 Rem können schon tödlich sein - ein paar Stunden vor Ort.

Wenige Tage nach dem Gau bestellten die sowjetischen Gesundheitsbehörden denn auch dringend in der Tschechoslowakei 50000 Apparaturen zur Bluttransfusion. Sie wurden sofort geliefert, unentgeltlich.

Vor zwei Wochen sagte der aus der Sowjet-Union ausgereiste Techniker Igor Geraschtschenko, der in einem Kiewer KKW-Zulieferbetrieb gearbeitet haben soll, vor der Helsinki-Kommission des US-Repräsentantenhauses aus, er habe vom Krankenhauspersonal gehört, viele Strahlenkranke, denen man nicht mehr habe helfen können, seien mit der Diagnose einer »Gefäßschwäche« einfach nicht mehr behandelt worden - bis sie starben. Er nannte die Zahl 15000.

Sowjet-Offizielle erwarten als Folge von Tschernobyl nicht absehbare Gefahren für 75 Millionen Sowjetbürger und mindestens 5000 Krebstote, der US-Experte Robert Gale, der vor Ort war, rechnet mit 25000 Krebstoten allein im europäischen Teil der UdSSR und Spätfolgen von Strahlungsschäden bei bis zu 100000 Sowjetbürgern.

Der radioaktive Ausstoß Tschernobyls drang bis Japan und an die Küsten Amerikas. In Polen erkrankten ganze Schulklassen, müßten Kühe, in Lappland Rentiere geschlachtet, in Westdeutschland Gemüse und Milch vernichtet werden, in der Türkei ein Teil der Nuß- und Tabakernte. In Europa werden nach dem Urteil westlicher Experten Zehntausende irgendwann infolge von Tschernobyl an Krebs sterben.

Die Umstände dieses Dramas, bis heute nicht voll aufgeklärt, wurden anfangs mit schier krimineller Intensität verschwiegen. Obwohl das Versprechen des Parteichefs Michail Gorbatschow auf »glasnost« in der UdSSR, auf Offenheit und Wahrheit, zwei Monate vor dem Gau bekräftigt worden war, sollte die Tradition des Verheimlichens und Täuschens immer noch das Regime vor unkontrollierbaren Entwicklungen bewahren - vor Kritik und vor Panik.

Erst nach und nach griff in den Sowjetmedien das Prinzip Gorbatschows, aus vielen Ritzen und Spalten drangen Stückchen veröffentlichter Wirklichkeit die zuammengesetzt das Bild einer Katastrophe und einer Kette von Tragödien ergeben. Der folgende Bericht stützt sich hauptsächlich auf sowjetische Quellen. Daraus läßt sich auch erkennen, worauf

sich Antoschkins dunkle Vorahnungen gegründet haben könnten.

Nahe der Unglücksstätte an den Pripjat-Sümpfen tobte 1941 eine der schwersten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der Ort Tschernobyl, 12500 Einwohner, heißt nach einem bitteren Kraut (Artemisia vulgaris) von der Art der Wermutpflanzen.

Das Kraftwerk gleichen Namens, ausgezeichnet mit dem Namen des Staatsgründers Lenin, liegt 18 Kilometer entfernt. Jeder seiner vier altmodischen Reaktoren erzeugte 1000 Megawatt elektrische Leistung, mit zwei weiteren projektierten Reaktoren sollte es das größte KKW der Welt werden. Nebenher konnte es Plutonium produzieren, weshalb der Geschaftsführer der Österreichischen Kerntechnischen Gesellschaft, Peter Krejsa, Tschernobyl einen »militärischen Reaktor« genannt hat.

Drei Kilometer vom Werk entfernt liegt Pripjat, die Siedlung für 49000 Arbeiter, Wissenschaftler, Wachmannschaften und ihre Familien. Am Freitag, dem 25. April 1986, hatten viele zum Wochenende Urlaub genommen, weil sich zum Feiertag am 1. Mai eine Ferien-Brücke bauen ließ. An diesem Tag, so schildert es der sowjetische Bericht für die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien, begann um 1.00 Uhr am Reaktor 4 das Experiment.

Er wurde heruntergefahren, laut Politbüro-Erklärung zu »geplanten Reparaturen«, laut Bericht an die IAEO zu einer jährlichen »Zwischenrevision«. Doch der Reaktor war seit zwei Jahren und fünf Monaten ohne Unterbrechung in Betrieb gewesen.

Laut IAEO-Bericht sollten bei dieser Gelegenheit die Turbinen getestet werden, wie lange sie sich ohne Reaktorleistung noch weiterdrehen, um den Generator anzutreiben - ob sich, wenn die Dampfzufuhr vom Reaktor plötzlich ausbleibt, die Schwungkraft der auslaufenden Dampfturbinen nutzen läßt, um die 45 Sekunden zu überbrücken, die bis zum Anlaufen der Not-Dieselgeneratoren für den Eigenbedarf des Werkbetriebs erforderlich sind.

Den Versuch unternimmt »eine Außenorganisation« (so Sowjetvertreter in Wien) mit Personal, das dafür »nicht angemessen vorbereitet« und mit den Besonderheiten der Reaktor-Technologie »ungenügend vertraut« ist (so der sowjetische Abschlußbericht) und, so die ukrainische Parteileitung, »ohne Absprache mit verantwortlichen Organen«. Außerdem wird unter Zeitdruck experimentiert: »So schnell wie möglich.«

Der Konstrukteur des Reaktors ist nicht unterrichtet, aber einige Leute von außerhalb sind es wohl: *___der Erste Vizeminister des Ministeriums »für mittleren ____Maschinenbau« (Atomwaffenproduktion) Alexander ____Meschkow, und einer seiner Hauptabteilungsleiter - ____beide wurden jedenfalls nachher mit Entlassung ____bestraft; *___der Befehlshaber des Wehrkreises Kiew, Generaloberst ____Ossipow, sein Luftwaffenchef, Generalleutnant Krjukow, ____und Stabschef Antoschkin, der mit den Vorahnungen - sie ____standen jedenfalls in Bereitschaft. Es gibt Indizien, ____daß auch die in Kiew residierende Luftabwehr-Akademie ____des Heeres, deren Chef bald danach starb, und der ihr ____vorgesetzte Vize-Verteidigungsminister (er wurde ____abgelöst) unterrichtet waren, womöglich interessiert ____waren am Resultat des Versuchs.

Die Folgen des Experiments wurden mit absoluter und den ganzen Kontinent gefährdender Geheimhaltung zugedeckt.

Für das Experiment wurde ein Zeitpunkt gewählt, an dem es - letztlich ein Glück - besonders wenig Zeugen vor Ort gab: Am Nachmittag jenes Freitags leert sich die Baustelle am Reaktor Nr. 5. Zur Nachtschicht kommen 268 Bauarbeiter. Von den rund 1000 Beschäftigten an jedem der drei weiter arbeitenden Reaktoren bleibt jeweils eine Schicht von 50 Mann; an dem auslaufenden Reaktor Nr. 4 befinden sich fast nur noch die Experimentatoren.

Der Regen hat aufgehört, die Temperatur steigt an diesem Apriltag auf 22 Grad, der Wind dreht nach Südost, Richtung Kiew. Am Pripjat-Fluß angeln die Rentner auf der dem Kraftwerk gegenüberliegenden Uferseite. Die Schulkinder freuen sich auf die bevorstehenden langen Sommerferien. In der Stadt Pripjat werden zum nächsten Tag die Hochzeiten ausgerichtet, ein Fußballspiel ist angesagt.

Gegen 14 Uhr wird das Notkühlsystem des Reaktors Nr. 4 bewußt abgeschaltet

- die automatische Notkühlung könnte nur stören.

Um 0.28 Uhr sinkt die Leistung des gedrosselten Reaktors auf unter ein Prozent. Nun im Schatten der Nacht, wird experimentiert.

Gegen ein Uhr des neuen Tages, des nun schon welthistorischen 26. April 1986, pendelt sich die instabile Reaktorleistung auf sieben Prozent des normalen Pegels ein. Jetzt schaltet man zusätzlich zu den sechs Wasserpumpen zwei weitere ein, der Kühlmittelfluß steigt derart, daß Pumpen brechen könnten.

Auch die Kontrollstäbe zur Regulierung der Kettenreaktion sind herausgezogen, um die Leistung nicht wieder absinken zu lassen. Man blockiert das Signal für eine Schnellabschaltung des Reaktors nach Abkoppeln der Turbinen.

In der kritischen Minute um 1.23 Uhr werden versuchsbedingt die Sicherheitsventile des Turbogenerators geschlossen. Der Wasserzufluß wird abrupt verringert. Die Temperatur im Reaktor steigt, das Wasser wird extrem erhitzt. Jetzt versucht Schichtleiter Akimow eine Notabschaltung. Er drückt den Knopf »AZ 5«, um die Kontrollstäbe in den Reaktorkern zu senken. Nur ein Viertel taucht noch ein, die anderen sind von der Hitze verbogen. Der Reaktor liefert binnen drei Sekunden 530 Megawatt, dann plötzlich mehrere tausend Megawatt. Es gibt einige »Schläge«, dann zwei Explosionen, ausgelöst durch ein Gasgemisch.

Das Dach fliegt weg, brennende Materialklumpen und Funken schießen in die Luft, setzen das Bitumendach der Maschinenhalle in Brand, den geteerten Parkettfußboden. Wände stürzen ein, der Ladekran kracht auf den Reaktor, Strom und Notstrom fallen aus.

Über das Kraftwerk steigt die Explosionswolke. Ein Mann wird von herabfallenden Trümmern erschlagen. Ein Brandverletzter flüstert Helfern zu: »Dort ... Walera.« Dann stirbt er. Für Walera Chodemtschuk wird der Reaktor zum Sarkophag, sein Leichnam bleibt unauffindbar.

Der Rest der Belegschaft flüchtet, die anderen Reaktoren beginnt man erst nach dreieinhalb, beziehungsweise 24 Stunden abzuschalten, weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will. Noch am selben Tag kommen 132 Personen ins Krankenhaus, viele haben mehr als 100 Rem abbekommen. Am nächsten Tag gelangen 129 Verwundete in Moskauer Spezialkliniken und 72 ins Kiewer Krebskrankenhaus.

Was die Leichtfertigkeit von Technokraten angerichtet hatte, gerät nun durch die Hilflosigkeit eines brüchigen Gesellschaftssystems zur Katastrophe: Ein Land, in dem fast jedermann gewohnt ist, sich vor der Verantwortung zu drücken, wird mit der modernen Technologie nicht fertig. Tschernobyl, der Beweis, führt die Sowjet-Union an einen Kreuzweg, der sie nun zur Entscheidung über Fortschritt oder Niedergang zwingt.

Eine Stimme hatte gewarnt, mit detaillierten Argumenten.

30 Tage vor dem Tschernobyl-Gau erschien in der Zeitschrift »Literaturna Ukraina«, und zwar - gegen jeden Brauch - auf der ersten Seite, sechsspaltig, ein Leserbrief aus der unbekannten Kleinstadt Pripjat.

Nur wenige Leser erreicht die ukrainische Literaturzeitung, ihre Auflage von 48000 - ein Heft auf tausend Ukrainerist für Sowjetverhältnisse winzig, und Literaturfreunde interessierte der Inhalt dieses Leserbriefs kaum. Trotzdem zensiert die Parteileitung in Kiew nichts so genau wie das ukrainische Intelligenzblatt, das allemal im Verdacht staatsgefährdender Dissidenz steht.

Dieser mit Genehmigung der Partei veröffentlichte Leserbrief war offenkundig lanciert, unterzeichnet mit Ljubow Kowalewska ("Die liebe Schmiedin"). Überschrift: »Keine Privatsache«.

Es ging ums KKW Tschernobyl. Der Briefautor oder die Autorin kannte sich da genauestens aus. Dort, wo die größte Atomstromfabrik der Welt entstand und bereits am fünften Reaktor gebaut wurde, herrsche ständig Pfusch am Bau, hieß es:

»Die Probleme des ersten Kraftwerkblocks sind auf den zweiten, vom zweiten auf den dritten und so weiter übergegangen. Dabei haben sich die Probleme vermehrt und sind von einer enormen Zahl offengebliebener Entscheidungen überwuchert worden. Man fragt sich, wie lange man über ein- und dasselbe reden soll und welchen Nutzen dieses Reden bringt.«

Beispiele: Kostenvoranschläge kommen von einem Wasserkraftwerk-Institut (es ist benannt nach dem Generalmajor Sergej Schuk, dem Generalbaumeister aller Kanalbauten des Gulag), und sie kommen verspätet und unvollständig, das führt zum »Zusammenbruch« der Dispositionen.

Oder: »Wegen der Gewissenlosigkeit der Herstellerunternehmen« wird fehlerhaft, unvollständig oder überhaupt nicht zugeliefert, zum Beispiel zu wenig und schlechter Beton, an Metallkonstruktionen 2358 Tonnen zu wenig, auch 800 Kubikmeter für die Kühltürme fehlten und 150 Kubikmeter für die Wandpaneele der Maschinenhalle. Was kam, bestand aus minderwertigem Material, wie auch die Deckenabdichtung des Zwischenlagers für den abgebrannten Kernbrennstoff.

Die Warnung aus Pripjat bewies, daß die Katastrophe durch die Konstruktionsfehler der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft konditioniert wurde - durch das vollkommene Desinteresse eines jeden Produzenten und Funktionärs, die Anarchie des Plans.

Die Abnahme, also die Qualitätskontrolle der angelieferten Güter, blieb stecken, bei ihr stapelten sich in Tschernobyl Unterlagen aus zehn Jahren.

Neuerdings besorgte eine zentrale Planungsorganisation alle Bestellungen, ein »Experiment« der Wirtschaftsreform, ein Mißerfolg: Durcheinander, weil Begleitpapiere fehlen, »verbarrikadierte Lagerhallen und zugestelltes Fabrikgelände« - nachher ein Hindernis für die Retter, und nirgendwo ein Landeplatz

für die Hubschrauber des Generals Antoschkin.

Und der ganze Betrieb steht unter Zeitdruck. Die Baufrist für den fünften Reaktor ist von drei auf zwei Jahre verkürzt worden. Wegen der verspäteten Kostenvoranschläge gingen die Bestellungen überhaupt erst am Ende des ersten Baujahrs raus.

Wer ist schuld an der Akkordpeitsche, wer überfordert die Kapazität? »Die Leitungsorgane«, sagt der Leserbrief. »Sie entwickeln im Eilverfahren ein unrealistisches Programm. Das führt unweigerlich zur Desorganisation der Bautätigkeit und meist zum Scheitern des Plans.«

Drei Namen von leitenden Organen werden dabei genannt. Erstens der Minister für Energetik und Elektrifizierung Majorez - der erste Minister den der neue Parteichef Gorbatschow elf Tage nach seinem Amtsantritt, ernannt hat.

Der Vorgesetzte dieses Ministers Majorez ist ein Rüstungsingenieur, der seit sechs Monaten der sowjetischen Regierung vorsteht: Premier Nikolai Ryschkow. Ihn, zweitens, zitiert der drastische Leserbrief mit einer wenige Tage vorher auf dem Parteitag gehaltenen Rede: _____« Das Energieministerium der UdSSR hat während des 11. » _____« Fünfjahresplans (1981/ 1985) zugelassen, daß die » _____« angepeilte Energieproduktionssteigerung der » _____« Atomkraftwerke nicht erfüllt wurde. Dies hat zwangsläufig » _____« zu einem erhöhten Bedarf an organischem Brennmaterial » _____« (Kohle, Erdöl, Gas) geführt. Wenn wir die angespannte » _____« Lage auf dem Gebiet der Brennmaterialversorgung des » _____« Landes und die wachsende Rolle der Atomenergie » _____« berücksichtigen, sind solche Versäumnisse in Zukunft » _____« nicht zulässig. »

Nun ist die Sowjet-Union zwar neben den USA der weltgrößte Produzent - und Verschwender - von Energie jeder Art. Aber plötzlich hat sich herausgestellt, daß die Ressourcen doch begrenzt sind, auch lassen sich Öl und Gas gegen Devisen tauschen. Deshalb setzt Ryschkow auf die Nuklearenergie, anders als seine ukrainischen Genossen, die Investitionen in die am Ort vorhandene Kohle vorziehen.

Drittens zitiert der Brief den Parteichef Gorbatschow, zwar nicht mit seiner Parteitagserklärung, die Atomstromproduktion müsse in den nächsten fünf Jahren auf das Zweieinhalbfache steigen, aber mit einem Satz zur Wirtschaftsreform: Eine wichtige Aufgabe seien direkte Lieferverträge - anders als in Tschernobyl.

Keiner der drei zitierten Spitzenfunktionäre hatte über die Qualität der Kernkraftwerke ein Wort verloren, über ihre Kontrolle. Deshalb der Brief, mit landeseigener Seele wider landesübliche Mängel: »Der wichtigste Kontrolleur eines jeden, der mit dem Bau von Energiewerken zu tun hat, muß sein eigenes Gewissen sein.«

Pfusch also bereits beim Bau von Atomkraftwerken? Noch gibt es, laut Leserbrief, eine »gemeinsame Verantwortung vor der Zukunft, die wir der neuen Generation übergeben«. Das war es.

Vier Wochen später erwies sich am Tschernobyler Reaktor Nr. 4, daß die Dachkonstruktion ebenso wie der Fußboden der Maschinenhalle aus leicht brennbarem Material bestanden, der Laufkran aus der Halterung stürzte, ein Berstschutz aus Beton überhaupt nicht vorhanden war.

Bei ihrer Warnung vor dem menschheitsgefährdenden Pfusch berief sich die »Literaturna Ukraina« auf einen einheimischen Bürgen: »W. W. Schtscherbizki sagte auf dem Parteitag: ''Der Effekt hängt in entscheidendem Maße von der Qualität der Projekte ab.''« Wladimir Wassiljewitsch Schtscherbizki ist der Parteichef der Ukraine.

Ein Freund und Landsmann des damaligen Generalsekretärs Breschnew, ist Schtscherbizki seit 1972 im Amt, zwei Jahre nach Baubeginn des ersten Tschernobyl-Reaktors. Er kennt die Mängel.

Er muß auch wissen, daß es keine Evakuierungspläne für die Bevölkerung gibt, keine Schutzanzüge und funktionierende Geigerzähler; daß die Zahl der Feuerwehrleute geringer ist als die der Wachmannschaften vom Objektschutz, daß allein die beiden ersten Reaktorblöcke von Tschernobyl bei normalem Betrieb jeden Monat radioaktive Edelgase

von 23300 Curie _(1 Curie = 3,7 mal 10 »hoch« 10 ) _(Becquerel. )

emittieren - soviel wie 1957 beim Brandunglück im britischen Windscale frei wurden, 200mal mehr als etwa vom KKW Biblis.

Auch die Moskauer Zentrale ist darüber unterrichtet. Aber die meisten KKW stehen am Rande des Reichs, kein einziges auf dem Territorium des historischen russischen Kernlandes.

Schtscherbizki sitzt in Kiew, nicht weit vom gepfuschten KKW. Es könnte sein, daß es Schtscherbizki selbst war, der - womöglich im Wissen um das bevorstehende »Experiment« - den literarischen Hilfeschrei angeregt hat und damit in furchtbarer Weise recht behielt. Nachher konstatierte der ukrainische Autor Boris Olejnik: »Niemand aus dem Bereich der Atomenergie nahm das Material in unserer Literaturzeitschrift zur Kenntnis.«

Dabei war es nur die letzte Warnung - die erste kam, als vor 29 Jahren am Ural eine Atommülldeponie außer Kontrolle geriet und 30 Ortschaften bis heute unbewohnbar machte. Sowjetprofessor Nikolai Dolleschal, Konstrukteur des ersten zivilen Reaktors der Geschichte (1954), erklärte 1979 im Parteiorgan »Kommunist« sein eigenes Produkt für zu gefährlich, in der Nähe von Großstädten stationiert zu werden.

Doch Energieminister Pjotr Neporoschny, verantwortlich auch für den Bau des KKW Tschernobyl, blieb dabei (1984): »Solche Stationen sind sehr ökonomisch und können in unmittelbarer Nähe einer Stadt gebaut werden, weil sie keinen Rauch ablassen und vollkommen sicher sind.«

Konkrete Beschwerden wie die aus Pripjat erhoben sowjetische Zeitungen schon 1979 über das KKW Belojarski, 1980 und 1985 über das KKW Smolensk, sie notierten 136 ernste Fehler beim Bau des KKW Rostow, wo nur noch die Hälfte des Personals arbeitete, nachdem Fachleute nach Tschernobyl abgezogen worden seien; das Tor zum ersten Reaktorblock differiere 38 Millimeter gegenüber dem Bauplan, so daß der Reaktor nicht genau placiert werden könne.

Für das KKW Balachowo, hieß es 1982, sei statt Stahl »absoluter Dreck« geliefert worden, und 1983: Die Materialqualität sei »teilweise angsterregend«. In jenem Jahr gab es in der KKW-Fabrik Wolgodonsk ein Unglück mit Toten, woraufhin endlich - 29 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten sowjetischen Reaktors - eine technische Überwachungsbehörde eingerichtet wurde, das »Staatskomitee für die Aufsicht über die sichere Durchführung der Arbeit in der Atomenergetik«.

Doch als 1984 beim KKW Kursk die Revision angelieferte Betonteile für unbrauchbar erklärte, ließ der Bauleiter sie dennoch verwenden, weil für ihn nur das erfüllte Arbeitssoll zählte. Noch im Januar 1986 sagte ein erfahrener KKW-Bauarbeiter einem Moskauer Rundfunkreporter: »Uns bremst die unkorrekte Planung, die Leute schauen nur auf den heutigen Tag. Nach uns die Sintflut.«

Zugleich war der zweite Block des KKW in Kalinin mit einem halben Jahr Fristüberschreitung noch außer Betrieb, weil nachts das für den laufenden Reaktor fehlende Reparaturmaterial einfach ausgebaut wurde. Beim Test stand der Keller unter Wasser, weil die Dränage ausgebaut war.

Aus dem bereits kritisierten Rostow meldete ein Fachblatt im Februar »keine bemerkenswerten Veränderungen zum Besseren«. Die Hiobsbotschaften näherten sich dem Zentrum des Unheils.

Am 18. März 1986, eine Woche vor der sensationellen Leserbrief-Warnung, meldete die ukrainische »Prawda«, das Organ Schtscherbizkis, im Tschernobyl-Kraftwerk gebe es »Schaden, Bruch und infolgedessen Unordnung, die nirgendwo hingenommen werden kann, geschweige in einem Atomkraftwerk«.

Ein Monat blieb nach dem letzten Appell, an die kommende Generation zu denken, noch bis zum Gau. Die Explosion des Reaktors Nr. 4 öffnete dann jene Büchse der Pandora, in der alle die vertrauten Mängel und Versäumnisse

des sowjetischen Systems von 1986 versammelt waren.

Wo blieb die Feuerwehr? Bei diesem Katastrophenfall hätten rasch Hunderte zur Stelle sein müssen. In Tschernobyl löschten »bis etwa fünf Uhr morgens«, so die »Iswestija«, 28 Feuerwehrleute. Sechs von ihnen starben in den folgenden zwei Wochen, auch einige der anderen, die das Sowjetfernsehen kahlköpfig, aber voller Optimismus, in ihren Krankenzimmern vorführte. Leutnant Wladimir Prawik, 24, von der Betriebsfeuerwehr, hatte nach dem Alarmsignal per Funk den »Alarmruf Nr. 3« ausgelöst, die höchste Stufe, wonach alle Löschfahrzeuge des Kiewer Regierungsbezirks hätten kommen müssen. Sie »trafen später eins nach dem anderen ein. Später.« So die »Prawda«, und über die 28 Brandbekämpfer in Tschernobyl: »Es war niemand da, um sie abzulösen.«

Im »Lenin«-Kernkraftwerk war in jener Nacht überhaupt kein Feuerwehrmann anwesend. Die zuständige »Militarisierte Feuerwehreinheit zum Schutz des Tschernobyler Lenin-KW« befand sich außerhalb des Werks, in der Stadt Pripjat. Ihr Chef Leonid Teljatnikow 35, Absolvent der Höheren Feuerwehrtechnischen Ingenieurschule des Innenministeriums in Moskau, leitete die Einheit seit vier Jahren und hatte sie auch schon mal ein brennendes Torfmoor in der Nahe löschen lassen. An diesem Wochenende hatte er Urlaub bis Dienstag.

Den Bereitschaftsdienst versah in jener Nacht der Feuerwehrmann Prischtschepa von der 2. Unterabteilung - nicht im Werk, sondern in Pripjat. Ihn weckte die vom KKW mit der Wache verbundene Signalleitung. Prischtschepa zog sich an und setzte sich ins Auto, sein Chef, der Leutnant Prawik - der rasch noch Kiew alarmierte - setzte sich dazu: Insgesamt sieben Mann fuhren los, nach sieben Minuten waren sie am Brandort.

Einen Hydranten gab es nicht in der Nähe des Reaktors Nr. 4, sie legten Schläuche vom Maschinenhaus. Fünf Minuten später kam die 17. Unterabteilung mit Leutnant Wiktor Kibjonok und weiteren sieben Mann. Jemand rief den Major Teljatnikow an seinem nur sechs Kilometer entfernten Urlaubsort an, er kam sofort, per Anhalter.

Gut eine halbe Stunde nach dem Gau gelangte er an den Reaktor und sah, daß sich mit einer Truppe von 15 Mann der Brandherd bis zur Höhe von 71,5 Metern nicht bewältigen ließ. Sein Fahrer weckte die dienstfreien 13 Feuerwehrleute der 6. Unterabteilung. Die Leitung übernahm, weil kein Leutnant da war, der Obersergeant Ignatenko.

Teljatnikow und Ignatenko kletterten auf die Spitze des Reaktorgebäudes, dessen Eisenträger von der Hitze deformiert waren. Ihre Stiefel blieben im heißen, flüssigen Bitumen stecken, Qualm nahm ihnen Sicht und Atem. Unter ihnen lag der offene, weiß glühende Reaktorkern.

Sergeant Tischtschura fiel um, Sergeant Waschtschuk wurde bewußtlos, dann brach Obersergeant Titjonok zusammen. Dann Leutnant Prawik, Leutnant Kibjonok. Ignatenko übernahm das Kommando über den Rest, bis auch er weggetragen werden mußte. Alle sechs sind gestorben.

Keiner hatte einen Schutzanzug oder Geigerzähler. Radioaktivität? Der wachhabende Strahlenmesser Gorbatschenko las im Augenblick der Explosion »eine schreckliche Zahl« ab, »in den nächsten Stunden«, so die Zeitung »Komsomolskaja prawda«, bemühte er sich persönlich, die Werksangehörigen aus der unmittelbaren Gefahrenzone herauszuführen.

Sehr früh war der Polizeigeneral Berdow, Vize-Innenminister der Ukraine, anwesend, er hatte seine Paradeuniform dabei (die er dann anzog, um protestierende Bürger zu besänftigen). Vielleicht wollte er den 50. Geburtstag des regionalen Parteisekretärs Rewenko feiern.

»Weder General Berdow, noch Hunderte von Menschen, die an ihren Arbeitsplätzen waren oder nach dem Alarm zum KKW kamen, dachten an radioaktive Strahlung« (so die Militärzeitung). Die Agentur Tass: »Am ersten Tag war weder den Fliegern noch irgend jemandem auf der Station die genaue Strahlensituation bekannt.«

Weder General Berdow, noch Hunderte von Menschen, die an ihren Arbeitsplätzen waren oder nach dem Alarm zum KKW kamen, dachten an radioaktive

Strahlung« (so die Militärzeitung). Die Agentur Tass: »Am ersten Tag war weder den Fliegern noch irgend jemandem auf der Station die genaue Strahlensituation bekannt.«

Zwei Operatoren der Reaktorhalle Nr. 4, Kurgus und Degtjarenko, befiel plötzlich Brechreiz, ein Verstrahlungssymptom, aber in unterschiedlicher Form: Kurgus wurde depressiv, sein Blick war irre. Degtjarenko schwebte in Euphorie, versuchte sogar zu singen und mußte sich dabei übergeben.

Der stellvertretende Leiter der Elektroabteilung am vierten Reaktor, Leletschenko, bat in der Ersten-Hilfe-Station, draußen rauchen zu dürfen. Er ging, hielt ein Auto an, fuhr zum brennenden Reaktor und legte Hebelschalter um.

Kurgus, Degtjarenko, Leletschenko und der Schichtmeister Akimow waren zwei Wochen später tot.

Eine Stunde nach dem Gau, um 2.30 Uhr, versammelte Kraftwerksdirektor Brjuchanow seine Mitarbeiter um sich. Drei Stellvertreter und der Chefingenieur Fomin fehlten.

Um drei Uhr ist der Brand in der Reaktorhalle gelöscht, der Reaktor Nr. 3 außer Gefahr, die Reste des Dachs von Nr. 4 brennen weiter bis gegen fünf Uhr - und der offene Reaktorkern glüht und strahlt und schleudert all die unsichtbaren Mordinstrumente in die Atmosphäre, die sich nach Rem und Becquerel bemessen. Der Wind hat nach Nordwesten gedreht. Richtung Belorußland, Polen, Skandinavien, Westeuropa.

Um 4.30 Uhr wird die Moskauer Führung geweckt, soweit sie nicht schon im Weekend auf den Datschen weilt. Die Einwohner von Pripjat haben die Detonation gehört und die Rauchwolke über dem Werk gesehen, aber niemand warnt sie. Nur einige Leute mit Beziehungen und mit Telephon packen ihre Sachen und suchen das Weite. Die Bürger von Tschernobyl erfahren nichts. Die Kinder gehen zur Schule, viele Fenster stehen offen wegen des schönen Wetters. Das Fußballspiel wird neben der strahlenden Reaktorruine ausgetragen - nur keine Panik. Die Hochzeiten werden gefeiert.

Der Sonnabend geht vorüber, ohne daß noch irgend etwas geschieht - keine Alarmierung der Bewohner, keine Evakuierung, keine Information an die Öffentlichkeit.

Nur General Antoschkin empfängt am Abend seinen Anruf. Er meldet nach Moskau, der Feuersturm schleudere radioaktive Partikel bis zu einem Kilometer in die Höhe. Am nächsten Morgen klettert er auf das Dach des Gasthauses »Pripjat« und weist per Funksprechgerät seine Hubschrauber ein. Zum Landeplatz hat er sich die gepflasterte Fläche vor dem Bürogebäude des Stadtparteikomitees ausgesucht.

General Antoschkin und Oberst Serebrjakow schippen selbst den Sand in Säcke, fahren ins nächste Dorf und holen weitere Säcke. Die Piloten haben eine Handskizze vom KKW gefertigt, eine Anflugschneise und den Abwurfpunkt eingetragen. Sie fliegen aber den Krater, der Bordmechaniker öffnet die Tür, schaut in den glühenden Schlund, um auf Sicht zu zielen, und wirft ab.

Die Strahlung bedroht ihr Leben, viele Besatzungen kommen mit schweren Strahlenverbrennungen in Moskauer Militärkrankenhäuser, aber was sie tun - womit sie sich opfern -, ist genau das Richtige. Erst zwei Tage danach erkundigt sich ein Sowjetdiplomat noch in der Bundesrepublik, wie man brennenden Graphit löscht.

Am Sonntag, dem ersten Tag der Reaktor-Beerdigung, um 19 Uhr meldet Antoschkin dem Vizepremier Schtscherbina stolz 93 Abwürfe. Schtscherbina: »Wie Schrotkorn für einen Elefanten.« Binnen zwei Stunden bringt Antoschkin »milde ausgedrückt, seine Beziehungen mit jenen Leitern ins reine, von denen die Sand- und Sack-Versorgung abhing« ("Krasnaja swesda"), auf militärische Art.

Am nächsten Tag läßt Antoschkin 186 Sack abwerfen, am folgenden dreimal soviel, am fünften Tag nach dem Gau sind es 1500 Säcke. Dann läßt er sandgefüllte Fallschirme abwerfen. Aus dem ganzen Land werden Hubschrauber zusammengezogen. Die besten Piloten sind außer Landes, bei der in Afghanistan kämpfenden Truppe - auch sie werden geholt, so Hauptmann Gowtwjan, der dort in den letzten 14 Monaten 520 Kampfeinsätze geflogen hat und viermal von Mudschahidin abgeschossen wurde.

Am Ende ist der Reaktorkrater mit insgesamt 5000 Tonnen Sand, Bor, Dolomitgestein und Bleibarren gestopft und Antoschkin muß ins Krankenhaus. Seine »Röntgendosis war voll«. Acht Monate dauert es, bis der Generalmajor Antoschkin zum »Helden der Sowjet-Union« ernannt wurde. Befördert wurde der Held der Menschheit jedoch noch nicht.

Auch Generaloberst Pikalow, Chef der Chemischen Truppen, empfing für Tschernobyl den Orden »Held der Sowjet-Union«, und auch der Feuerwehr-Major Teljatnikow und seine beiden verbrannten Leutnants Prawik und Kibjonok, post mortem.

Die Wolke, die auch sie nicht hatten bändigen können, zog über die Ukraine und Belorußland nach Polen, Skandinavien und nach Deutschland. Sie bedrohte nun Millionen, die von alledem nichts ahnten. Nicht Stunden oder Tage, sondern Wochen und Monate währte es, bis die Wahrheit ans Licht kam, und da berief sich die Partei plötzlich auf ein höheres Wesen, von dem die Kommunisten sonst meinten, es könne aus dem Elend niemanden erlösen. Ihr Organ, die »Prawda«, druckte ein Gedicht von Andrej Wosnessenski auf die Tapferen der ersten Stunde:

»Gott ist in dem, der das verstrahlte Objekt betrat, der den Reaktor löschte, dessen Haut und Kleider verbrannten, der sich selbst nicht rettete, aber Kiew und Odessa. Gott, das ist der Hubschrauberpilot, der rettete und gerettet wurde.«

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Das Politbüro meldet sich nach zwei Wochen - Die verspäteten Evakuierungen - Plünderer in der Sperrzone - Die Schuldigen

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BELORUSSLAND Pripjat-Sümpfe Pripjat Gomel Dnjepr Bragin Sperrgebiet Tschernigow Tschernobyl KKW Tschernobyl Desna Kiew Schitomir UKRAINE

[GrafiktextEnde]

1 Curie = 3,7 mal 10 »hoch« 10 Becquerel.

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