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BURMA Gottes Auftrag

Was wollte der Amerikaner, der zum Anwesen der Freiheitsheldin Aung San Suu Kyi schwamm? Warum kam er überhaupt so weit?
aus DER SPIEGEL 43/2009

John Yettaw knetet die Hände, er starrt vor sich hin, dann grinst er auf die Frage, ob er denn wirklich durch diesen See geschwommen sei. Das wollte der Staatsanwalt damals vor Gericht in Rangun auch wissen, erzählt er. Darauf habe er erwidert, nein, er sei nicht geschwommen, er sei übers Wasser gelaufen, wie Jesus. Über seinen albernen Witz kann er sich heute noch köstlich amüsieren.

Den »mysteriösen Burma-Schwimmer« haben sie ihn genannt. Das US-Magazin »Newsweek« bezeichnete ihn ohne Umschweife als einen »Penner«, er habe Alkoholprobleme gehabt, auch Schulden, und sei in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Für ein paar Tage war er eine Figur der Weltgeschichte - ein Spinner, der eine Friedensnobelpreisträgerin in größte Schwierigkeiten brachte.

Am 3. Mai schwamm John Yettaw durch den Inya-See zu einem Anwesen in der Metropole Rangun, in dem Aung San Suu Kyi lebt, die Symbolfigur der burmesischen Opposition und weltweit geachtete Freiheitskämpferin. Bei Einheimischen hatte er sich nach der besten Route erkundigt: zwei Kilometer nah am Ufer lang, das Wasser ist warm und flach, er trug Flossen.

Unterwegs erspähten ihn Wächter, sie warfen Steine nach ihm, sie leuchteten mit ihren Scheinwerfern. Aber sie holten ihn nicht heraus, seltsamerweise, obwohl doch wenige Menschen auf der ganzen Welt besser bewacht werden als Suu Kyi. Die Generäle, die Burma mit eiserner Hand beherrschen, fürchten und drangsalieren sie seit mehr als 20 Jahren.

Als Yettaw das Grundstück erreichte, hatte er Krämpfe in den Beinen und war hungrig. Suu Kyi und zwei Mitarbeiterinnen ließen ihn ins Haus. Er blieb zwei Nächte. Worüber sie geredet haben in diesen Stunden, möchte er nicht sagen, »es ist vertraulich«. Nur so viel Einblick will er geben: Er habe den Drang verspürt, Suu Kyi von seinen Träumen zu berichten, von den Männern in schwarzen Uniformen, die sie ermorden wollten wie einst ihren Vater, den Helden im burmesischen Unabhängigkeitskampf gegen die Japaner wie die Briten, der 1947 umgebracht wurde.

»Gott hat mir den Auftrag gegeben, diese Frau zu beschützen«, sagt Yettaw. »Das habe ich getan. Ich habe sie gewarnt vor der Todesgefahr, in der sie schwebt.«

Yettaw ist ein gläubiger Mormone. Er habe solche Eingebungen immer wieder, sagt er. Dass ihr Leben in Gefahr ist, weiß Aung San Suu Kyi allerdings ohnehin.

Yettaws eigenes Leben ist ziemlich aus den Fugen geraten. Er arbeitete als Busfahrer, er war mal Soldat, jetzt wohnt er in Falcon, einem winzigen Nest im Bundesstaat Missouri. Er ist 54 Jahre alt, hat sieben Kinder und ist zum vierten Mal verheiratet. Er leidet an Diabetes und Asthma, er bekommt eine Versehrtenrente, sagt er.

Eigentlich wollte er hoch hinaus, immer wieder schrieb er sich an Universitäten ein. Ihm schwebte eine Doktorarbeit über »Vergebung« vor. Sein Haus brannte ab, ein Sohn kam bei einem Unfall mit dem Motorrad ums Leben. Yettaw will auch diesen Tod erahnt haben und macht sich seither Vorwürfe, dass er ihn nicht verhindert hat.

Voriges Jahr reiste er nach Asien, er wollte über Opfer politischer Verfolgung forschen, sagt er. In Thailand erzählte ihm jemand von Aung San Suu Kyi. Yettaw wusste nichts von ihr, er informierte sich im Internet und beschloss, sie zu retten. Eine fixe Idee, die ihn nicht mehr losließ. Er saugte auch Wissen auf über das Militärregime von General Than Shwe.

Dem General kam der Schwimmer gerade recht. Eigentlich sollte der Hausarrest für die Heldin der Opposition Ende Mai enden. Sie hätte dann ihre Anhänger für die 2010 geplanten Wahlen mobilisieren können. Die letzte freie Abstimmung in der Geschichte Burmas hat ihre Partei 1990 haushoch gewonnen. Das Volk liebt sie.

Vor Gericht sagte sie, Yettaw sei ein unerwünschter Gast gewesen, »ein Depp«, präzisierte ihr Anwalt. Für Suu Kyi aber wurde der ungebetene Gast zum Alptraum. Da es in Burma verboten ist, Ausländer über Nacht ohne Genehmigung zu beherbergen, verurteilte die Militärjunta sie zu weiteren 18 Monaten Hausarrest, weit über den Wahltag hinaus.

Yettaw erhielt sieben Jahre Haft, vier davon in Zwangsarbeit. Sein Prozess war ein Politikum, und die amerikanische Öffentlichkeit verfolgte gespannt das Schicksal ihres Landsmanns, was dem natürlich gefiel. Der US-Senator Jim Webb reiste an, schmeichelte den Generälen, legte die Grundlagen dafür, dass Suu Kyi in diesem Monat schon zweimal mit der Junta sprechen konnte, und durfte Yettaw gleich mit nach Hause nehmen.

Nun ist der Mormone wieder in Missouri und hofft darauf, dass er nicht so schnell in Vergessenheit gerät. An seinem Hemd klemmt ein Kuli mit rosa Herzen drauf. Sein Blick flackert, er hat sich verrannt in seiner wirren Geschichte, die viel zu groß geworden ist für ihn.

»So viele Lügen schwirren auf einmal überall herum«, sagt Yettaw. Seine vierte Ehefrau Betty fügt hinzu: »Er konnte ja nicht voraussehen, dass so eine große Sache daraus werden würde.« Gemeinsam müssen die beiden die Schulden für die teure Reise nach Asien abstottern. »Viele Leute, die Burma vorher nicht auf der Landkarte gefunden hätten, wissen jetzt über das grausame Regime dort Bescheid«, tröstet sich Betty.

John Yettaw will nun ein Buch schreiben über seine Mission in Burma, Arbeitstitel: Wie man Gutes tut auf dieser Welt.

GREGOR PETER SCHMITZ

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