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Teil 3: Mit Millionen US-Dollar, Waffen, Munition und Weizen unterstützte Pakistan die Mudschahidin und später die Taliban-Bewegung. Trotzdem gelang es Islamabad nicht, die radikalen Muslime zu gängeln. Im Gegenteil: In seinem Buch "Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" schildert Ahmed Rashid, wie Pakistan zunehmend zum Opfer der Taliban und ihrer "Heroin- und Kalaschnikow-Kultur" wurde. Gottes eigene Krieger

Pakistan erhoffte sich von seiner Hilfe für Afghanistan Unterstützung im Kampf um das indische Kaschmir. Doch die Verstrickung der Taliban in die Schmuggel- und Drogenmafia stürzte auch das Nachbarland in wirtschaftliches Chaos und internationale Isolation.
Von Ahmed Rashid
aus DER SPIEGEL 43/2001

In den letzten Junitagen 1998 herrschte Chaos im Finanz- und im Außenministerium Pakistans. Höhere Beamte flitzten mit Aktentaschen voller Dokumente, die von verschiedenen Ministern unterschrieben werden mussten, zwischen den Ministerien und dem Sekretariat des Premierministers hin und her. In wenigen Tagen, am 30. Juni, lief das Finanzjahr 1997/98 ab und das neue begann. Jedes Ministerium war bemüht, die noch verbliebenen Finanzmittel des laufenden Jahres aufzubrauchen, damit ihnen im nächsten Jahr dieselben, wenn nicht gar höhere Zuteilungen aus dem Finanzministerium zukamen.

Am 28. und 30. Mai 1998 hatte Pakistan sechs atomare Sprengkörper getestet und war damit Tests in Indien gefolgt, woraufhin der Westen zur Strafe Sanktionen über beide Länder verhängt und so in Pakistan eine schwere Währungskrise ausgelöst und die wirtschaftliche Rezession verschlimmert hatte.

Am 28. Juni genehmigte das bankrotte Finanzministerium 300 Millionen Rupien (sechs Millionen US-Dollar) Gehälter für die Taliban-Verwaltung in Kabul. Diese Zuteilung würde dem Außenministerium erlauben, über das nächste halbe Jahr monatlich 50 Millionen Rupien Gehälter an die Herrscher in Afghanistan zu zahlen. Das Außenministerium muss-te diesen Geldbetrag in den Budgets anderer Ministerien verstecken, damit es nicht im offiziellen Etat 1998/99 erschien. Zudem musste dies vor den neugierigen Blicken der internationalen Geldgeber verborgen bleiben, die massive Einsparungen bei den Ausgaben der Regierung forderten, um der wirtschaftlichen Krise Herr zu werden.

1997/98 unterstützte Pakistan die Taliban mit schätzungsweise 30 Millionen US-Dollar. Darin eingeschlossen waren 600 000 Tonnen Weizen, Diesel, Petroleum und Kerosin, das teilweise von Saudi-Arabien bezahlt wurde, sowie Waffen, Munition, Bomben, Wartung und Ersatzteile für die Militärausrüstung - aus Sowjetzeiten - der Panzer und schwerer Artillerie, weiterhin Wartung der Luftwaffe der Taliban, Flugverkehr, Straßenbau und Gehälter. Zudem förderte Pakistan die Waffen- und Munitionskäufe der Taliban aus der Ukraine und Osteuropa. Das Geld für die Gehälter wurde meist direkt in die Aufrüstung gesteckt. Den Taliban-Beamten in Kabul wurden zeitweise monatelang keine Gehälter gezahlt. Offiziell leugnete Pakistan, die Taliban zu unterstützen.

Dieser Fluss von Hilfsgeldern war ein Erbe der Vergangenheit. In den Achtzigern hatte der pakistanische Geheimdienst ISI Milliarden US-Dollar gemanagt, die aus dem Westen und den arabischen Staaten hereinströmten, um den Mudschahidin zu helfen. Durch Ermutigung und technische Hilfestellung der CIA wurde aus diesen Geldern auch die enorme Erweiterung des ISI bestritten. Hunderte Armeeoffiziere wurden vom ISI eingesetzt, um nicht nur Afghanistan zu überwachen, sondern auch Indien, die Auslandsspionage Pakistans, die eigenen Politiker, die Wirtschaft, die Medien sowie jeden Aspekt sozialen und kulturellen Lebens im Land.

Die CIA hatte für neueste Technologie gesorgt, darunter Apparate, die den ISI befähigten, jedes Telefonat im Land abzuhören. Der ISI wurde Auge und Ohr von Präsident Zias Militärregime und war 1989 das mächtigste politische Überwachungsorgan Pakistans.

Während Premierministerin Benazir Bhuttos zweiter Amtszeit (1993 bis 1996) förderte Innenminister Naseerullah Babar die Taliban. Er wollte die afghanische Politik vom ISI befreien. Bhutto und Babar standen der Macht und den Ressourcen des ISI zutiefst misstrauisch gegenüber, denn er hatte die Unzufriedenheit über Bhuttos erste Amtszeit geschürt, was 1990 zu ihrer Amtsenthebung geführt hatte.

Darüber hinaus zweifelte der ISI anfangs am Potenzial der Taliban, da der Dienst noch hinter Gulbuddin Hekmatjar stand und nicht über genügend Gelder zur Unterstützung afghanischer Koranschüler verfügte. Babar schuf innerhalb des Innenministeriums die Afghan Trade Development Cell, die nach außen hin die Aufgabe hatte, alle Bemühungen um eine Handelsroute nach Zentralasien zu koordinieren - eigentlich ging es aber um die logistische Unterstützung der Taliban, und zwar nicht aus geheimen Geldern, sondern aus den Budgets der verschiedenen Ministerien.

Babar ordnete an, dass Pakistan Telecommunications den Taliban ein Telefonnetz installierte, als Teil des Überlandleitungsnetzes Pakistans. Aus allen Orten Pakistans konnte Kandahar mit der Vorwahl 081 zum Inlandstarif angewählt werden. Ingenieure und Bauarbeiter reparierten Straßen und verlegten Stromkabel nach Kandahar. Das paramilitärische Frontier Corps, das Babars Befehl unterstand, richtete den Taliban ein internes Funknetz für ihre Befehlshaber ein. Pakistan International Airlines (PIA) und die Civil Aviation Authority entsandten Techniker, um den

Flughafen Kandahars, die Kampfflugzeuge und Hubschrauber, die die Taliban konfisziert hatten, zu reparieren. Radio Pakistan unterstützte technisch Radio Afghanistan, das sich jetzt Radio Scharia nannte.

Nachdem die Taliban 1995 Herat erobert hatten, engagierte sich Pakistan noch stärker. Regierungsbetriebe übernahmen weitere Projekte, um den Taliban zu helfen - aus Budgets, die eigentlich zur Ankurbelung von Pakistans Wirtschaft gedacht waren.

Trotz all dieser hilfreichen Unterstützung und Kontrolle waren die Taliban keine Marionetten und widersetzten sich jedem Versuch Islamabads, sie zu gängeln. In der ganzen Geschichte Afghanistans war es Fremden nie gelungen, die Afghanen zu manipulieren - die Sowjets und die Briten mussten für diese Erfahrung einen hohen Preis zahlen. Augenscheinlich hatte Pakistan daraus keine Lehren gezogen - es lebte immer noch in einer Vergangenheit, in der CIA- und saudi-arabische Finanzen Pakistan die Macht gaben, den Verlauf des Dschihad zu bestimmen.

Darüber hinaus waren die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu den angrenzenden Gebieten pakistanischer Paschtunen in zwei Jahrzehnten Krieg und Flüchtlingsschicksalen fest zusammengeschmiedet worden. Die Taliban wurden in pakistanischen Flüchtlingslagern geboren, in pakistanischen Madrassen unterrichtet und erlernten ihre kriegerischen Fähigkeiten von den Mudschahidin-Milizen, die in Pakistan stationiert waren. Ihre Familien besaßen pakistanische Personalausweise.

Die tief verwurzelten Verbindungen der Taliban zu den staatlichen Institutionen Pakistans, seinen politischen Parteien, islamischen Gruppierungen, dem Madrassen-Netz, der Drogenmafia und den geschäftlichen Gruppen waren zu einer Zeit entstanden, als Pakistans Machtstrukturen uneinheitlich waren. Das war den Taliban ganz recht, denn sie waren nicht auf eine einzige pakistanische Lobby wie den ISI fixiert. Die Mudschahidin-Führer in den Achtzigern unterhielten ausschließlich Verbindungen zum ISI und zur Jamaat-i-Islami, eine andere politische oder wirtschaftliche Lobby gab es nicht. Die Taliban hingegen hatten Zugang zu einflussreicheren Lobbys in Pakistan als die Pakistaner selbst.

Das gab ihnen Gelegenheit, die eine gegen die andere auszuspielen und ihren Einfluss in Pakistan weiter auszubauen. Zu gewissen Zeiten trotzten sie dem ISI mit Hilfe von Ministerien oder der Transportmafia. Zu anderen Zeiten widersetzten sie sich der Zentralregierung unter Zuhilfenahme der Provinzregierungen. Je mehr sich die Taliban-Bewegung ausbreitete, desto unklarer wurde, wer über wen bestimmte. Pakistan war nicht mehr länger der Herrscher über die Taliban, sondern wurde zunehmend ihr Opfer.

Pakistans Sicherheitswahrnehmung wurde anfangs von Afghanistans territorialen Ansprüchen auf Teile der Nordwestprovinz und Belutschistans bestimmt, und es kam in den fünfziger und sechziger Jahren zu Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Staaten. Afghanistan beharrte darauf, Pakistans Paschtunen sollte freigestellt sein, ob sie unabhängig sein oder zu Pakistan oder Afghanistan gehören wollten.

Die diplomatischen Beziehungen erlebten 1955 und 1962 eine Krise, als Kabul sich für ein »Groß-Paschtunistan« stark machte, das von linken pakistanischen Paschtunen unterstützt wurde. Das Zia-Regime sah den afghanischen Dschihad als ein Mittel, diese Ansprüche für immer zu beenden, wenn sichergestellt war, dass eine gefügige, Pakistan wohlgesinnte Paschtunen-Mudschahidin-Regierung in Kabul an die Macht kam.

Militärische Strategen argumentierten, dies würde Pakistan »strategische Tiefe« gegenüber seinem Primärfeind Indien verleihen. Pakistans Geografie, der Mangel an Raum, Tiefe und Hinterland, ließ nicht zu, einen länger andauernden Krieg gegen Indien zu führen. In den Neunzigern kam hinzu, dass ein freundliches Afghanistan den Kämpfern aus Kaschmir einen Stützpunkt bot, auf dem sie ausgebildet, finanziert und bewaffnet werden konnten.

Unter dem Druck Indiens waren die USA 1992/93 dicht davor, Pakistan als staatlichen Terrorismussponsor zu bezeichnen, als in Pakistan ansässige Militante aus Kaschmir Guerrillaangriffe auf das indische Kaschmir unternahmen. Daraufhin verlegte Pakistan 1993 viele dieser Rebellencamps nach Ostafghanistan und bezahlte die Jalalabad-Schura - später dann die Taliban - dafür, dass sie ihnen Schutz gewährten. Bin Laden wurde 1996 ermuntert, sich den Taliban anzuschließen - auch er unterstützte finanziell die Militärbasen für Militante aus Kaschmir in Khost.

Zunehmend wurde das Kaschmir-Problem zum Motor für Pakistans Afghanistan-Politik und die Unterstützung der Taliban. Die Taliban nutzten dies geschickt aus. Sie weigerten sich, andere Forderungen zu akzeptieren, wohl wissend, dass Islamabad ihnen nichts abschlagen konnte, solange es Stützpunkte für Kämpfer aus Pakistan und Kaschmir brauchte. »Wir unterstützen den Dschihad in Kaschmir«, sagte Mullah Omar 1998. »Es stimmt auch, dass einige Afghanen gegen die indischen Besatzer in Kaschmir kämpfen. Aber sie tun das von sich aus.«

Für so manchen war diese »strategische Tiefe« wurmstichig und voller irriger Annahmen, da sie Grundsätzliches ignorierte: Politische Stabilität im Lande, wirtschaftliche Entwicklung, verbesserte Schulbildung und gute Beziehungen zu den Nachbarn wären ein größerer Garant für nationale Sicherheit als abstruse Ideen von strategischer Tiefe in den afghanischen Bergen.

Das Militär ging davon aus, dass die Taliban die Durand-Linie anerkennen würden - diesen kontroversen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern, den einst die Briten gezogen hatten und der nie von einem afghanischen Regime akzeptiert worden war. Es ging weiterhin davon aus, dass die Taliban den Nationalismus der Paschtunen im Nordwesten herunterschrauben, Pakistans radikalen Islamisten ein Ventil bieten und somit eine islamistische Bewegung im eigenen Land im Keim ersticken würden.

Tatsächlich geschah genau das Gegenteil. Die Taliban weigerten sich, die Durand-Linie anzuerkennen oder Afghanistans Ansprüche auf Teile der Nordwestprovinz Pakistans fallen zu lassen. Sie förderten den Nationalismus der Paschtunen, der dann auf die Paschtunen Pakistans übergriff.

Schlimmer noch, die Taliban gewährten den gewalttätigsten Sunniten Pakistans Zuflucht, bewaffneten sie und verlangten, dass Pakistan sich zum Sunnitenstaat erklärte und die herrschende Klasse durch eine islamische Revolution zu Fall brachte.

Pakistan wurde nicht nur ein Opfer seiner strategischen Vision, sondern seiner eigenen Geheimdienste. Das ISI-Mikro-Management des afghanischen Dschihad war nur möglich, weil der ISI unter einem Militärregime und durch üppige Finanzierung von außen im Stande war, jede politische Opposition im Land zu unterdrücken. Zia und der ISI hatten die Macht, Afghanistans Politik zu formulieren und durchzuführen, die anderen Geheimdiensten wie der CIA fehlte.

Die in Afghanistan operierenden Geheimdienstler waren Paschtunen-Offiziere, von denen viele durch ihren Hang zu rigidem islamischem Fundamentalismus motiviert wurden. In ihrer engen Zusammenarbeit mit Hekmatjar und später mit den Taliban entwickelte dieser Paschtunen-Kader eigene Pläne, die auf eine künftige Macht der Paschtunen und einen radikalen Islam in Afghanistan abzielten - auf Kosten ethnischer Minderheiten und eines gemäßigten Islam.

Den Worten eines pensionierten ISI-Offiziers zufolge wurden »diese Offiziere noch bessere Taliban als die Taliban selbst«. Folglich wurden die Analysen der Anti-Taliban-Allianz immer mangelhafter, durchsetzt von Sturheit, Klischees und falschen Annahmen, die eher von ihren strengen islamisch-ideologischen Vorstellungen geprägt waren als von objektiven Fakten. Inzwischen besaß der ISI jedoch zu viel Macht, als dass die amtierende Regierung sie hinterfragen oder durch einen Armeechef für Ordnung sorgen konnte.

Als die Taliban erstmals in Erscheinung traten, war der ISI noch skeptisch über deren Chancen. Er hielt sich auf Grund von Hekmatjars gescheiterter Eroberung Kabuls und der Finanzknappheit im Hintergrund. Das gab der Bhutto-Regierung Gelegenheit, die Taliban in Eigenregie zu unterstützen. 1995 führte der ISI eine Debatte über eine Unterstützung der Taliban. Es ging darum, dass die paschtunisch-islamischen Offiziere in Afghanistan sich für eine größere Unterstützung der Taliban einsetzten, während andere Offiziere langfristige strategische Planung betrieben und Pakistans Unterstützung eher minimal halten wollten, um die Beziehungen zu Zentralasien und Iran nicht zu verschlechtern. Im Sommer 1995 forderte das Paschtunen-Netzwerk in Armee und ISI, sich hinter die Taliban zu stellen, insbesondere als Präsident Burhanuddin Rabbani Unterstützung bei Pakistans Rivalen Russland, Iran und Indien suchte.

Jetzt wurde der ISI mit all den anderen mit den Taliban verbundenen pakistanischen Lobbys konfrontiert - angefangen bei den radikalen Mullahs bis hin zu den Drogenbaronen. Der harte Konkurrenzkampf zwischen ISI, Regierung und diesen Lobbys sorgte im Entscheidungsprozess Islamabads in der Afghanistan-Frage für noch größere Zersplitterung.

Das pakistanische Außenministerium wurde durch dieses Durcheinander so geschwächt, dass es buchstäblich irrelevant für die Afghanistan-Politik wurde, unfähig, den sich verschlimmernden diplomatischen Umständen Rechnung zu tragen, da die Nachbarstaaten - Russland, Iran, die Republiken Zentralasiens - Islamabad beschuldigten, die Region zu destabilisieren. Die Bemühungen des ISI, solche Kritik durch heimliche Reisen seiner jeweiligen Chefs nach Moskau, Teheran, Taschkent und Aschgabad zu entschärfen, scheiterten gründlich.

Da die internationale Kritik zunahm, unterstützten die neu gewählte Regierung Nawaz Sharifs und der ISI die Taliban umso hartnäckiger. Als die Taliban im Mai 1997 versuchten, Masar zu erobern, rechnete der ISI sich aus, dass eine Anerkennung der Taliban die feindlichen Nachbarn zwingen würde, mit diesen auszukommen, und dass sie Islamabad brauchten, um das Verhältnis zu verbessern. Es war ein hoch riskantes Spiel, das fürchterlich scheiterte, als Pakistan die Taliban voreilig anerkannte und diese dann aus Masar wieder vertrieben wurden.

Pakistan wetterte lautstark gegen seine Kritiker, darunter die Uno, die sich jetzt ganz offen gegen alle Unterstützung afghanischer Gruppen von außen stellte. Pakistan beschuldigte Uno-Generalsekretär Kofi Annan im Gegenzug als parteiisch. »Die Uno hat sich in Afghanistan immer weiter an den Rand manövriert und ihre Glaubwürdigkeit als unparteiischer Vermittler verloren«, sagte Ahmad Kamal, Pakistans Botschafter bei der Uno, im Januar 1998. Später behauptete Kamal auf einer Gesandten-Konferenz in Islamabad, nicht Pakistan sei in der Afghanistan-Frage isoliert, sondern der Rest der Welt, und man komme nicht daran vorbei, die Haltung Pakistans hinsichtlich der Taliban zu akzeptieren.

Da sich Pakistan trotz der verbreiteten internationalen Kritik weiterhin für die Politik der Taliban einsetzte, verlor die Regierung den dabei entstehenden Schaden für das Land aus den Augen. Der Schmuggel aus und nach Afghanistan war verheerend. Er hatte sich jetzt über Zentralasien, Iran und den Persischen Golf ausgebreitet und stand für dramatische Einkommensverluste all dieser Länder, insbesondere aber Pakistans, wo die einheimische Industrie durch eingeschmuggelte ausländische Erzeugnisse schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Der euphemistisch so genannte Afghan Transit Trade (ATT) ist zum größten Schmugglergeschäft der Welt entartet und hat die Taliban in Geschäfte mit pakistanischen Schmugglern, Lkw-Fahrern, Drogenbaronen, Bürokraten, Politikern, Polizei- und Militäroffizieren verstrickt. Diese Geschäfte wurden für sie zur offiziellen Haupteinnahmequelle, obwohl die Wirtschaft der Nachbarstaaten dadurch untergraben wurde.

Der Grenzposten zwischen Chaman in Belutschistan und Spin Boldak in Afghanistan war ein Logenplatz, um dem Treiben der Schmugglerbanden zuzusehen. An einem »guten« Tag fuhren 300 Lkw durch. Ungezwungen trafen sich hier Lkw-Fahrer, pakistanische Zollbeamte und Taliban und tranken einträchtig zahllose Tassen Tee miteinander, während eine lange Schlange Lkw auf die Abfertigung wartete.

Die Waren, die transportiert werden, haben keinen Lieferschein. Die Fahrer überqueren bis zu sechs internationale Grenzen mit falschen Führerscheinen - ohne jede Genehmigung oder Pass. Das Sortiment der Waren erstreckt sich vom japanischen Camcorder über englische Unterwäsche, Earl-Grey-Tee, chinesische Seide, amerikanische Computerteile, afghanisches Heroin, pakistanischen Weizen, osteuropäische Kalaschnikows bis hin zu iranischem Öl - Zollgebühren oder Steuern werden nicht gezahlt.

Dieser Freihandel nach Wildwestmanier verbreitete sich durch den Bürgerkrieg in Afghanistan, das Drogengeschäft, der Kollaps und die Korruption in den staatlichen Institutionen Pakistans, Irans und Zentralasiens über alle Grenzen Afghanistans. Er traf auf eine nach Konsumgütern hungernde Region. Pakistaner und Afghanen, die Transport- und die Drogenmafias taten sich zusammen, um den Bedarf zu decken. »Die Lage ist völlig außer Kontrolle«, erzählte mir schon 1995 ein pakistanischer Finanzbeamter. »Die Taliban werden von Transportunternehmen finanziert, um die Straßen für den Schmuggel zu öffnen, und diese Mafia bestimmt jetzt auf Gedeih und Verderb, wer in Afghanistan und Pakistan das Sagen hat. Pakistan wird durch den Steuerverlust in diesem Jahr 30 Prozent weniger Einkommen verzeichnen.«

Der Handel war für das islamische Kernland immer problematisch gewesen. Die Seidenstraße, die China mit Europa verband, verlief durch Zentralasien und Afghanistan und wurde von denselben Stämmen und Nomaden genutzt, die sie heute mit Lkw befahren. Die Seidenstraße hatte auf Europa fast ebenso großen Einfluss wie die Eroberungen durch die Araber, denn die Karawanen transportierten nicht nur Luxusgüter, sondern auch Ideen, Religionen, Waffen und wissenschaftliche Neuerungen.

Eine Kamelkarawane konnte aus 5000 bis 6000 Kamelen bestehen, »ihre Kapazität insgesamt entspricht der eines sehr großen Handelsschiffs. Eine Karawane reiste wie ein Heer: Sie besaß einen Führer, angestellte Begleiter, strenge Regeln, und es war Pflicht, Wachen zu postieren und Vorsichtsmaßnahmen gegen plündernde Nomaden zu treffen«, schrieb der französische Historiker Fernand Braudel. In fast 2000 Jahren scheint sich nur wenig verändert zu haben. Die Schmuggler heutzutage gehen ähnlich militärisch vor - nur haben Lkw die Kamele ersetzt.

1950 bekam das landumschlossene Afghanistan in internationaler Übereinstimmung von Pakistan die Erlaubnis, steuerfrei Waren durch den Hafen von Karatschi einzuführen. Lkw transportierten die versiegelten Container von Karatschi quer durch Afghanistan, um einen Teil der Waren in Kabul zu verkaufen, den Rest auf den Märkten Pakistans. Es war ein florierendes, gleichwohl eingeschränktes Geschäft, das Pakistanern den Zugang zu billigen, zollfreien Konsumartikeln, insbesondere japanischen Elektrogeräten, ermöglichte.

In den Achtzigern expandierte der ATT und verrichtete seine Dienste in den kommunistisch kontrollierten Städten Afghanistans. Der Fall Kabuls 1992 fand zeitgleich mit der Eröffnung neuer Märkte in Zentralasien und dem gesteigerten Bedarf an Nahrung, Treibstoff und Baumaterial statt, als die afghanischen Flüchtlinge heimkehrten - eine wahre Goldgrube für die Transportmafias.

Doch die Transporteure wurden durch den Bürgerkrieg und die Kriegsherrn, die auf einer einzigen Transportstrecke Dutzende Male Steuern abkassierten, enttäuscht. Obwohl die Transportmafia aus Peschawar ihre Handelsgeschäfte zwischen Pakistan, Nordafghanistan und Usbekistan trotz des anhaltenden Kriegs um Kabul weiter abwickelte, wusste die Mafia aus Quetta nicht mehr weiter, als die geldgierigen Kriegsherrn in Kandahar auf der Landstraße Dutzende Male Wegegeld forderten. Die Mafia aus Quetta fieberte danach, sichere Strecken Richtung Iran und Turkmenistan zu eröffnen, gerade als sich die Bhutto-Regierung für eine ähnliche Politik einsetzte.

Die Führer der Taliban hatten gute Verbindungen zur Quetta-Mafia, die als Erste die Taliban-Bewegung finanziell unterstützt hatte. Anfangs entrichtete sie den Taliban einen monatlichen Vorschuss, doch je weiter diese sich nach Westen ausbreiteten, desto mehr verlangten sie. Im April 1995 unterhielt ich mich in Quetta mit Leuten, die bezeugten, dass die Taliban an einem einzigen Tag sechs Millionen Rupien (130 000 US-Dollar) von Transporteuren in Chaman kassierten und doppelt so viel am nächsten Tag in Quetta, als sie sich für ihren ersten Angriff auf Herat vorbereiteten. Diese »Spenden« waren gesondert von der einmaligen Zollgebühr zu zahlen, die von den aus Pakistan kommenden Lkw an die Taliban zu entrichten waren und jetzt deren offizielle Haupteinnahmequelle stellte.

1996 drängte die Transportmafia die Taliban, mit der Eroberung Kabuls den Norden zu öffnen. Nachdem diese die Hauptstadt eingenommen hatten, musste ihnen jeder Lkw von Peschawar nach Kabul im Durchschnitt eine Gebühr von 6000 Rupien (150 US-Dollar) zahlen - nicht mehr 30 000 bis 50 000 Rupien, die für einen Lkw vorher zu entrichten waren. Die Transportmafia ließ die Taliban-Führer an ihren Geschäften teilhaben und riet ihnen, Lkw anzuschaffen. Da die Drogenmafia willens war, eine Steuer für den Transport von Heroin zu zahlen, wurde der Transithandel für das Schatzamt der Taliban noch bedeutender.

Den größten Schaden von alledem trug Pakistan davon. Im Finanzamt schätzte man, dass das Land im Finanzjahr 1992/93 einen Verlust von Zolleinnahmen in Höhe von 3,5 Milliarden Rupien, 1994/95 in Höhe von 20 Milliarden Rupien und 1997/98 in Höhe von 30 Milliarden Rupien (600 Millionen US-Dollar) zu verzeichnen hatte - ein rasanter jährlicher Anstieg, der die Ausbreitung der Taliban widerspiegelte. Eine riesige Korruptionskette kam durch den ATT in Gang. Alle beteiligten pakistanischen Organisationen nahmen Bestechungsgelder entgegen. Lukrative Jobs beim Zoll an der afghanischen Grenze wurden mit Schmiergeldern von erfahrenen Beamten abgekauft. Die Kette erstreckte sich über Politiker und Kabinettsminister Belutschistans und Pakistans Nordwestprovinz. Die Gouverneure und Minister dieser beiden Provinzen erteilten den Lkw die Erlaubnis für den Export von Weizen und Zucker nach Afghanistan. Von höheren Militäroffizieren erfuhr ich 1995, dass durch die Konkurrenz zwischen den Ministern und Gouverneuren ein so großes Ausmaß an Korruption entstanden war, dass der gesamte Verwaltungsapparat lahm gelegt war und die Taliban Kontrolle über pakistanische Politiker ausübten.

Als die Mafia dann ihre Geschäfte ausweitete, wurde auch Afghanistan ziemlich gerupft. Hunderttausende Hektar Wald wurden in Afghanistan für den pakistanischen Markt geschlagen - eine Wiederaufforstung fand nicht statt. Alte Fabriken, Panzer und andere Fahrzeuge wurden ausgeschlachtet, Strom- und Telefonmasten abgeschlagen, um an das Eisen zu kommen, das dann an Stahlfabriken in Lahore verkauft wurde.

Der Autodiebstahl in Karatschi und anderen Städten florierte, als die Mafia einheimische Autodiebe anheuerte und die Fahrzeuge dann nach Afghanistan verfrachtete. Von dort aus wurden sie an Kunden in Afghanistan und Pakistan verkauft. Allein zwischen 1992 und 1998 wurden nur in Karatschi 65 000 Fahrzeuge gestohlen, von denen die meisten nach Afghanistan gebracht wurden, um, mit neuen Nummernschildern versehen, in Pakistan wieder aufzutauchen.

Die Transportmafia schmuggelte auch Elektroartikel aus Dubai, Schardscha und anderen Häfen am Golf ein und exportierte in Trockenfrüchten und Bauholz verstecktes Heroin mit der afghanischen Fluglinie Ariana, die sich jetzt in Händen der Taliban befand.

In der Nordwestprovinz Pakistans wurden die Schmugglermärkte - die Baras - mit importierten Konsumgütern überschwemmt, was Pakistans Industrie massive Verluste brachte.

Eine ähnliche Unterminierung der Wirtschaft und weit verbreitete Korruption fand in Iran statt. Der Treibstoffschmuggel der Transportmafia sowie der Schmuggel anderer Güter aus Iran nach Afghanistan und Pakistan führten zu Einkommenseinbußen, zur Schädigung der einheimischen Industrie und zur Korruption hochrangiger Regierungsbeamter. Iranische Beamte gestanden mir unter vier Augen, dass die staatlichen Industriestiftungen genauso wie die Revolutionären Garden vom Schmuggel der Erdölprodukte profitierten, deren Verkauf in Afghanistan 2000 bis 3000 Prozent Profit im Vergleich zum Iran erzielten.

Pakistan unternahm einige halbherzige Versuche, in den ATT einzugreifen, indem beispielsweise ein Importstopp von Elektrogeräten verhängt wurde, aber letztlich gab die Regierung doch immer wieder nach, wenn sich die Taliban weigerten, den neuen Anordnungen zu entsprechen, oder wenn die Mafia Druck auf Minister der Regierung ausübte. Es gab in Islamabad keine Lobby, die willens war, auf die Schäden für Pakistans Wirtschaft hinzuweisen oder die Taliban zum Einlenken zu bewegen.

In den Achtzigern hatte die Invasion der sowjetischen Besatzer in Afghanistan eine »Heroin- und Kalaschnikow-Kultur« entstehen lassen, die Pakistan immer mehr schädigte. »Zehn Jahre aktive Beteiligung am Afghanistan-Krieg hatten das soziale Profil Pakistans dermaßen verändert, dass seitdem jede Regierung vor ernsten Autoritätsproblemen steht. Pakistans Gesellschaft ist heute zersplittert, überschwemmt mit hochtechnisierten Waffen, gewalttätig im Zivilbereich und steht der Verbreitung von Drogen hilflos gegenüber«, schrieb der amerikanische Historiker Paul Kennedy.

In den späten Neunzigern griffen diese Auswirkungen immer stärker um sich und höhlten die staatlichen Institutionen aus. Pakistan wurde vom ATT verstümmelt, die Außenpolitik isolierte den Staat zunehmend vom Westen und von den Nachbarländern. Recht und Ordnung brachen zusammen, als militante Islamisten ihre eigenen Gesetze umsetzten und eine neue Generation von radikalen anti-schiitischen Islamisten, die bei den Taliban Zuflucht fanden, zwischen 1996 und 1999 Hunderte Schiiten tötete. Dieses konfessionell geprägte Blutvergießen hat die Kluft zwischen der sunnitischen Mehrheit und der schiitischen Minderheit enorm vergrößert und die Beziehungen zwischen Pakistan und Iran verschlechtert. Gleichzeitig sind seit 1994 über 80 000 militante pakistanische Islamisten von den Taliban ausgebildet worden und haben an ihrer Seite gekämpft.

Sie bilden einen harten Kern islamischer Aktivisten - jederzeit bereit, in Pakistan eine islamische Revolution nach Art der Taliban anzuzetteln.

Im Paschtunengürtel in der Nordwestprovinz und Belutschistan bildeten sich Gruppen, die den Taliban nacheifern wollten. Im Dezember 1998 exekutierte die Tehrik-i-Tuleba öffentlich vor 2000 Zuschauern einen Mörder ohne jeden Gerichtsprozess. Sie versprach eine Justiz nach Art der Taliban im gesamten Paschtunengürtel und verbot Fernsehen, Musik und Videos. Andere Pro-Taliban-Paschtunengruppen entstanden in Quetta; sie brannten Kinos nieder, erschossen Inhaber von Videoläden, zerstörten Satellitenschüsseln und vertrieben Frauen von den Straßen.

Doch nachdem die Taliban 1998 Masar erobert hatten, erklärte Pakistan seinen Sieg und forderte, dass die Bewegung, die jetzt 80 Prozent Afghanistans kontrollierte, von der Welt anerkannt werden müsse. Pakistans militärische und zivile Führung bestanden darauf, der Erfolg der Taliban sei ein Erfolg Pakistans und ihre Politik korrekt und unabänderlich. Sie hielten den Einfluss Irans auf Afghanistan für erledigt und glaubten, Russland und die Republiken Zentralasiens seien jetzt gezwungen, sich über Islamabad auf die Taliban einzulassen, und dem Westen bliebe keine andere Wahl, als die Islam-Auslegung der Taliban zu akzeptieren.

Zwar reagierte die internationale Öffentlichkeit bestürzt auf die Talibanisierung Pakistans, aber die Führer des Landes ignorierten das interne Chaos. Zunehmend wurde Pakistan von außen als ein gescheitertes Land angesehen, ähnlich wie Afghanistan, Sudan oder Somalia. Ein gescheiterter Staat ist nicht unbedingt auch ein sterbender Staat, er kann es aber werden.

Pakistans Elite machte keine Anzeichen, ihre Politik in Afghanistan zu ändern. Wie ein Großmogul hatte Präsident Zia davon geträumt, einen »sunnitisch-muslimischen Raum zwischen dem ungläubigen ,Hindustan'', dem ,ketzerischen'' (weil schiitischen) Iran und dem ,christlichen'' Russland zu schaffen«. Er glaubte, die Botschaft der Mudschahidin würde sich über Zentralasien ausbreiten, den Islam neu beleben und einen neuen islamischen Nationenblock unter Führung Pakistans schaffen. Nie jedoch hatte Zia bedacht, was er Pakistan damit antat.

© Droemer Knaur Verlag & Ahmed Rashid, München 2001. Das Buchvon Ahmed Rashid: »Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und derDschihad«; 432 Seiten; 38,92 Mark, ist von dieser Woche an imHandel.* Mit einem Bild des Staatsgründers Mohammed Ali Jinnah.

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