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DDR Gottes Gericht

Regimekritiker und Friedensfreunde in der DDR werden mit raffinierten Schikanen belästigt. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Rainer Eppelmann, Pastor an der Ost-Berliner Samariterkirche, bekam einen seltsamen Anruf. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Mitarbeiter der irakischen Botschaft in der DDR.

»Hochwürden« habe ihnen eine Karte geschickt, über die er und sein Chef, der Botschafter, gern mal mit Eppelmann reden wollten. Auf den Einwurf des Geistlichen, er habe noch nie eine Zeile an die Botschaft verfaßt, reagierte der Gesprächspartner etwas unwirsch. Schließlich habe der Pfarrer doch, mit sauber getipptem Absender und eigenhändiger Unterschrift, diesen Text zur Post gegeben: _____« Macht Schluß mit dem gotteslästerlichen Krieg, mit » _____« dem Export des Islams. Durch Gottes Gericht, durch die » _____« USA und durch Israel werdet Ihr bestraft. »

Am Freitag vorletzter Woche debattierten der Geistliche und der Iraker, der sich als Herr Chalabi vorstellte, drei Stunden in Eppelmanns Wohnung.

Die Fälschung war schnell geklärt; die angebliche Eppelmann-Unterschrift stimmte mit der tatsächlichen Signatur nicht überein. Nur die Frage, wer den Irakern im Namen des Pfarrers Gott, die USA und Israel zugleich als Rächer nachsenden wollte, konnten die beiden nicht lösen.

Feinde hat Eppelmann, 43, genug. Er ist einer der Sprecher der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR und liegt mit den Behörden seines Staates seit Jahren im Dauerclinch. Mal eckt der Gottesmann im Ministerium für Staatssicherheit mit seinen bei der Ost-Berliner Jugend populären Blues-Messen an, mal verübeln ihm die Staatsschützer, daß er in den Gemeinderäumen unter Berufsverbot stehende Schriftsteller, Sänger und Kabarettisten auftreten läßt.

Der protestantische Theologe ist nicht der erste ostdeutsche Friedensfreund der auf diese Weise malträtiert wurde. Weit übler als Eppelmann erging es vor Jahresfrist dem Geisteswissenschaftler Wolfgang Templin, 38. Der überzeugte Marxist war 1983 aus der SED ausgetreten mit der Begründung, er könne »als Kommunist und Marxist die Verantwortung für die Politik der Partei nicht mehr mittragen«. Wenig später verlor er seinen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Philosophie der DDR-Akademie der Wissenschaften und schlägt sich nun als Putzmann und Heizer bei einer Produktionsgenossenschaft durch.

Im Januar letzten Jahres bekam Templin in seiner Wohnung in Berlin-Pankow plötzlich Besuch aus allen Teilen der DDR. Die Petenten wiesen mit Schreibmaschine getippte und angeblich von Templin unterschriebene Postkarten vor, auf denen der arbeitslose Philosoph alles in der DDR nur Mögliche geordert hatte.

Mal hatte er per Postkarte für einen gebrauchten Kleinwagen Trabant »sofort und in bar« 15900 Mark geboten, mal für eine alte Kommode mit Anrichte 1900 Mark.

Stets waren die Karten Antwort auf Kleinanzeigen aus DDR-Zeitungen.

Und immer waren es horrend überhöhte Kaufangebote, die Interessenten aus Greifswald oder Dresden nach Ost-Berlin lockten - mit alten Schreibmaschinen, Bildern, gebrauchten Fernsehern. Obendrein aber war den meisten Karten die Wendung beigefügt: »Da ich zur Zeit wegen eines Gipsbeines nicht kommen kann, bitte ich um Ihren Besuch bzw. Anlieferung zu meinen Lasten.«

Etwa 1000 solcher Karten, schätzt Templin, waren in Umlauf. In Templins Namen schrieb irgend jemand offenbar täglich auf irgendwelche Angebote in sämtlichen Fachzeitschriften der DDR. In seiner Wohnung häuften sich Mahnungen der Deutschen Reichsbahn, endlich die für ihn beim Bahnhof Berlin-Lichtenberg gestapelten Expreßgüter abzuholen - mal schlicht »1 Ballen« oder »3 Kartons« für 508,20 Mark, mal »3 Säcke Futtermittel 130 kg«.

Rechtzeitig stoppen konnte Templin auch die Anlieferung von »140 St. Italiener reb., 150 St. New Hampshire, 60 St. Amrocks« per Nachnahme durch eine Hühnerfarm.

In diversen Ost-Berliner Stadtteilen klebten an manchen Wochenenden maschinengeschriebene Zettel mit Templins Telephonnummer, auf denen er zum Datschen-Bau begehrte Wochenendgrundstücke anbot. Und nachdem der genervte Templin die aus der ganzen _(Bei einer Blues-Messe in der ) _(Ost-Berliner Erlöser kirche-Gemeinde. )

DDR anreisenden Interessenten bereits an der Wohnungstür informiert hatte, sie seien auf einen anonymen Schwindler hereingefallen, trugen die nächsten Karten den Zusatz: »Wenn mein Bruder erscheint (geistesgestört) nur mich verlangen, nicht auf Redseligkeit einlassen.«

Speziell für Templins Ehefrau Regina, die im Frühjahr 1986 schwanger war, erfand der unechte Templin eine »Maika Kindermann«, laut Absender wöhnhaft am Rosenthaler Platz 40/41 in Ost-Berlin, die »Wolfgang, Du alter Arsch!« aufforderte: »Schick mir lieber meine Alimente für das Kind, geh arbeiten damit Du es nicht vom Geld Deiner Frau abzwacken mußt.«

Eine Strafanzeige gegen Unbekannt, um den Terror zu stoppen, kam für Templin nicht in Frage, ein Präzedenzfall sprach dagegen. Vor zwei Jahren war eine Ost-Berliner Pastorin wochenlang mit Paketen und Päckchen behelligt worden, die zwar in Ost-Berlin aufgegeben waren, deren Inhalt aber aus dem Westen kam: Massagestäbe und andere Utensilien aus dem Katalog westdeutscher Sexshops. Die nach der Anzeige fälligen Ermittlungen nutzte die Stasi, um sämtliche Mitglieder eines Friedenskreises, den die Pastorin in ihrer Gemeinde aufgebaut hatte, monatelang mit Verhören zu überziehen. Begründung: Der Absender der Sex-Instrumente könne nur aus diesem Umfeld stammen.

Dem Friedensfreund Templin half statt der DDR-Justiz die DDR-interne Bürgersolidarität. Fast alle Geleimten und Geneppten, die bei ihm vorstellig wurden und oft viel Geld für Fahrkosten investiert hatten, reagierten mit spontanem Zuspruch, wenn Templin ihnen seine Erklärung vortrug: Er habe den Verdacht, er solle auf diese Weise unter Druck gesetzt werden, weil er der autonomen Friedensbewegung angehöre.

So plötzlich, wie er begonnen hatte, hörte der Terror nach drei Monaten, Ende April, auf. Wer genau ihn verursacht hat, bleibt unbekannt.

Daß der Verdacht der Betroffenen und ihrer Gesinnungsfreunde sich nicht auf einen Einzeltäter richtet, macht Sinn: Soviel kriminelle Energie ohne erkennbaren materiellen Nutzen ist in der streng reglementierten sozialistischen Gesellschaft ungewöhnlich - selbst für einen Verrückten.

Und manche Äußerungen von SED-Funktionären machen die dunklen Ahnungen der Betroffenen verständlich.

Als eine Bundestagsdelegation der Grünen im vergangenen September das DDR-Parlament besuchte, äußerte Volkskammer-Präsident Horst Sindermann vor seinen Gästen sehr freimütig, was er vom Friedenspfarrer Eppelmann hält: »Wir kennen ihn sehr genau. Er ist kein richtiger Pfarrer. Die Vokabeln Gott und Schöpfung gehören nicht zu seinem täglichen Sprachgebrauch.«

Kirchgänger Sindermann muß es wissen.

Bei einer Blues-Messe in der Ost-Berliner Erlöser kirche-Gemeinde.

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