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Martin Morlock GOTTL-DÄMMERUNG

aus DER SPIEGEL 6/1964

Der olympische Zeus verwandelte sich, sooft es ihn nach Tatenruhm gelüstete, in etwas Außer -Olympisches: einen Stier, einen Schwan, eine Wolke.

Nicht so Karim, Aga Khan IV., 26, Gottheit der ismaelitischen Chodscha-Sekte mit britischem Paß. Er verwandelte sich in etwas - Olympisches: einen Abfahrtsläufer.

Warum der 49. Imam - nach Ansicht seiner 20 Millionen Gläubigen nicht nur mit überirdischen Kräften begabt, sondern auch unfehlbar - gerade diese Metamorphose wählte, war der Welt bis Donnerstag voriger Woche ein Rätsel.

Man wußte: Sein weiser Großvater Aga Khan III. hatte ihm die Empfehlung hinterlassen, das Imam-Amt »inmitten eines neuen Zeitalters« mit »neuen Gedanken« zu erfüllen. Und man wußte auch, daß Karims erster göttlicher Einfall, »größere Konzessionen beim Genuß geistiger Getränke« betreffend, auf den Widerstand seiner korantreuen Ismaeliten gestoßen war.

Wollte er, fragte man sich, diese Scharte auswetzen und dem neuen Zeitalter das einzige Opfer darbringen, das des Zulaufes Gläubiger wie auch Ungläubiger gewiß sein darf: das Opfer sportlichen Hals- und Knöchelbruchs? Sicher ist, daß sein Weg vom

einfachen Gott zum Winter-Olympioniken beschwerlich war.

»Gottl« - so nennt ihn sein österreichischer Privat - Trainer Hans Senger zärtlich -, Gottl galt zu keiner Zeit als Skipistenhoffnung. Weder den Salzburgern, die 1961 seine Trainingsmühen am Weiß-See schauten, noch den Briten, deren Farben er 1962 und 1963 am Hahnenkamm, in Chamonix und am Patscherkofel vertrat.

Wo immer man Karin Aga Khan an den Start ließ, trug er seine hohe Nummer mit Gleichmut. Und wenn er, statt als Fünfzigster, einmal als Fünfundvierzigster durchs Ziel ging, leuchtete aus seiner Schutzbrille elysische Zufriedenheit.

Nur gegenüber Photoreportern und anderen Exponenten irdischer Neugier konnte Gottl schier zum Zeus werden. So am Weiß-See, als er in mörderischer Kamikaze -Schußfahrt den Photographen der Wiener »Kronenzeitung«, Franz-Anton Graf Goeß, an Leib und Kamera schädigte, so heuer beim Training in Innsbruck, als er sich regelwidrig durch eine fremde Startnummer der Erkennbarkeit entzog. Sonst war er immer ein good Sport; teilte die Unbilden der Sammelverköstigung und nächtlicher Klausur, ja, hielt in Chamonix sogar den 22-Uhr-Zapfenstreich ein.

In Innsbruck freilich ließ der Imam sich zunächst im neuen »Sporthotel Olympia« nieder. Einmal, weil er zu diesem Bauwerk den Grundstein gelegt (Werbeprospekt: »Von einem Gott untermauert") und dadurch den Groll des katholischen Bischofs von Tirol auf die Hotelleitung geladen hatte, zum anderen, weil er nach seinem Trainings-Sturz, den er als Gott ja vorausgesehen haben mußte, des Komforts bedurfte. Doch die letzten drei Tage wohnte auch Karim kaserniert.

Am Donnerstag endlich, beim Abfahrtslauf der Herren, erhellte, warum Gottl nicht als Wolke zu den Irdischen gekommen war.

Da stand er am Tiroler Start, indes im fernen Iran die Perserpulse pochten - denn nicht für Elizabeth II. sollte er diesmal abfahren, sondern für den Schahinschah. Da stand er, und alle Welt wußte: Bei diesem seinem - laut Trainer Senger - letzten internationalen Skirennen wird

der himmlische alle profanen Läufer aus dem Felde schlagen; wird mit überirdischer Unfehlbarkeit die Zeit des Erdensohnes Egon Zimmermann (2 Minuten 18,16 Sekunden) unterbieten.

Und der 49. Imam, Startnummer 52, raste zu Tal; in windschlüpfiger Eiform, vorbei am gefährlichen »Ochsenschlag«, durch das »Heiligwasser« und das »Autodrom« - und kam, ohne zu straucheln, ans Ziel, in 2 Minuten 42,59 Sekunden.

Wie das? fragte die überraschte Menge. Einsichtigen aber dämmert inzwischen: Gottl konnte gar nicht anders. Weil ihn sein Olympischer Eid zu Ehrlichkeit und Ritterlichkeit verpflichtete, und weil es bei der Eröffnungsfeier weit und breit keine Globke-Nische gab.

Außerdem - wer sagt uns, daß der vierte Aga Khan Erster werden wollte?

Vielleicht hatte er einfach Spaß am Skilaufen - eine Schrulle, die sich zu olympischen Zeiten nur ein Gott leisten kann. Oder ein Gottl.

Aga Khan IV.

Martin Morlock
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