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ANGOLA Gottlose Versklavung

Kubaner und MPLA siegen, offenbar auch im Süden -- Südafrika zieht sich hinter eine Maginot-Linie zurück.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Pieter Willem Botha, Verteidigungsminister der Südafrikanischen Republik. verbrämte die Schmach mit schönen Worten: »Eine stolze Episode südafrikanischer Militärgeschichte«, so offenbarte er vorige Woche dem Parlament in Kapstadt, »geht zu Ende.«

Doch besonders stolz können die weißen Herren am Kap auf die Episode -- ihre Intervention im angolanischen Bürgerkrieg -- nicht sein. Südafrikas Soldaten, die tief im Innern Angolas gegen den Vormarsch der von Kubanern und Sowjets unterstützten angolanischen Befreiungsbewegung MPLA kämpften, wurden bis zum Cunene-Fluß an der Südgrenze Angolas zurückbeordert.

Genau dort hatte die südafrikanische Intervention in der portugiesischen Ex-Kolonie ihren Anfang genommen, als im August, ein Vierteljahr bevor Angola offiziell unabhängig wurde, weiße Panzereinheiten das Gebiet des Staudammprojektes von Ruacana auf angolanischem Boden besetzten.

Das Wasserkraftwerk, dessen Bau 1969 zwischen den damaligen portugiesischen Kolonialherren und Südafrika beschlossen und bislang von Pretoria mit rund 600 Millionen Mark finanziert wurde, soll die Wasser- und Elektrizitätsversorgung der Nordprovinz von Südwestafrika (Namibia), Angolas südlichem Nachbarland, garantieren, das von Südafrika verwaltet wird. Südafrikas Soldaten, so argumentierte Pretoria, sollten den Damm gegen mögliche Angriffe angolanischer Befreiungsbewegungen oder auch der südwestafrikanischen Guerillaorganisation Swapo schützen. »Wir sind hier lediglich als Verteidiger«, beteuerte der Kommandeur des Cunene-Militärabschnitts, »nicht als Angreifer.«

Doch das änderte sich bald. Im Oktober stießen südafrikanische Truppen in Richtung auf die MPLA-Hochburg Luanda vor -- gemeinsam mit den MPLA-Rivalen Unita und FNLA. Als die MPLA den Angriff dank kubanischer Truppen und sowjetischer Waffen stoppte, antwortete Pretoria auf die »gottlose kommunistische Versklavung in Angola« (Südafrikas Premier John Vorster) mit der »größten Truppenmobilisierung, die es in Südafrika je in Friedenszeiten gegeben hat« (so die Londoner »Times").

Außer regulären Rekruten wurden bis zu 15 000 Soldaten der Bürgerwehr außerplanmäßig mobil gemacht und die üblichen drei Wochen Dienstzeit auf drei Monate verlängert. Selbst Reservisten über 35 Jahre mußten sich zum Einsatz im »Operationsgebiet Nummer 1« (Nordnamibia und Südangola) melden.

In Denver, einem Vorort von Johannesburg, mußte eine Bankfiliale, deren männliche Angestellte eingezogen worden waren, wegen Personalmangels schließen. Unternehmer, die sich bereit erklärten, zu den Waffen gerufenen Beschäftigten den vollen Lohn weiterzuzahlen, wurden in Presse und Fernsehen lobend erwähnt.

Bald waren die südafrikanischen Truppen in den Hauptquartieren der Unita. etwa in den Städten Huambo und Silva Porto in Südangola, nicht mehr zu übersehen: So beobachtete ein Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur AFP, wie »Dutzende von Helikoptern und C-130-Transportmaschinen« südafrikanischer Herkunft in Silva Porto einflogen. Armeekonvois mit südafrikanischen Soldaten wurden bis zu 500 Kilometer weit landeinwärts gesichtet.

Den schwarzen Unita-Führern war die Hilfe der Weißen offenbar selbst nicht ganz geheuer: Als Journalisten in Huambo südafrikanische Armeekonvois photographierten, zwangen Unita-Soldaten sie mit vorgehaltener Waffe, die Filme herauszugeben.

Zwischenlandungen auf dem Flughafen von Silva Porto fanden tagelang nur mit verhängten Kabinenfenstern statt, damit die Passagiere die Flugzeuge, Jeeps und Lastwagen der Südafrikaner nicht zu Gesicht bekamen. »Niemand zeigt sich gern öffentlich in Gesellschaft eines Aussätzigen«, erkannte die Johannesburger Tageszeitung »The Star« in bitterer Selbstironie.

Doch der Unita blieb gar kein anderer Bundesgenosse:

* Die verbündete FNLA wurde in ihrem Stammgebiet in Nordangola von der MPLA vernichtend geschlagen.

* Zaire, dessen Präsident Mobutu nach eigener Aussage »aus sentimentalen Gründen« jahrelang die FNLA unterstützt hatte, scheint umzudenken. Mobutu in einem Interview: »Wie die Dinge sich heute entwickelt haben, müssen wir mit unseren Sentimentalitäten Schluß machen.«

* Die USA, die über Zaire die FNLA mit Waffen belieferten (wovon die besseren Stücke oft in der Zaire-Armee hängengeblieben sein sollen). dürfen nach dem Veto von Repräsentantenhaus und Senat den MPLA-Gegnern nicht mehr so wie früher unter die Arme greifen. »Allein für die Sache der anderen« (Botha) wollte sich nun aber auch Südafrika nicht mehr schlagen: Die Überlegenheit von MPLA und Kubanern hätte ein Engagement mit erheblichem politischen Risiko und unabsehbaren Opfern gefordert.

Daß der Krieg trotz des südafrikanischen Rückzugs aus der vordersten Frontlinie weitergehen wird, scheint schon jetzt sicher: Die Pufferzone am Cunene-Fluß, Pretorias Maginot-Linie« erstreckt sich nicht nur 25 Kilometer auf angolanisches Gebiet, wie Verteidigungsminister Botha behauptet, sondern bis 200 Kilometer -- so weit dehnen die verschiedenen Staustufen sich aus.

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