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Am Rande Gouda mit »au«

aus DER SPIEGEL 35/1996

Andere Völker, andere Sommerlöcher. Man muß sich trotzdem fragen, ob es politische Todessehnsüchte waren, die Thijs Wöltgens, den Ex-Fraktionsvorsitzenden der holländischen Sozialdemokraten, beflügelten, als er letzte Woche die Vereinigung der Niederlande mit dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen forderte. Oder hatte er, wie der Telegraaf vermutete, nur einen Sonnenstich? Das Echo wäre nicht schlimmer gewesen, wenn Mijnheer Wöltgens vorgeschlagen hätte, die Königinmutter nach ihrem Tod auszustopfen und sie im Rijksmuseum auszustellen. Hätte er nicht wissen müssen, daß seine Landsleute zu den Deutschen stehen wie das Lamm zum Wolf?

Die ansonsten bis zur Skurrilität toleranten Holländer haben den Rochus auf den überlebensgroßen Nachbarn im Osten ebenso verinnerlicht wie die Lust am Radfahren und die Gewohnheit, in Büropausen fußwarme, knallharte Kroketten aus Automaten zu sich zu nehmen. Alle Versöhnungsbemühungen sind bislang auf breiter Front versandet. Obwohl sich die zwei Nachbarvölker in vielfacher Hinsicht näher sind, als es für eine gute Nachbarschaft erforderlich wäre. Die letzten vier Königinnen waren entweder Deutsche oder mit Deutschen verheiratet. Sogar die Nationalhymne beginnt mit einem Bekenntnis zum Deutschtum: »Wilhelm von Nassau bin ich von deutschem Blut« (wobei sie diese Passage meist ziemlich zernuscheln).

Ob der Anschluß zumutbar wäre, ist eine Frage der Güterabwägung. Die doch eher begrenzte Verdrossenheit, mit der sich die Mehrheit der Holländer 1940 von der Nazi-Konquista vereinnahmen ließ, spräche dafür. Daß sie nach dem neuen Duden »Gouda« mit »au« schreiben sollten, spräche aus ihrer Sicht wohl eher dagegen.

Aber was hätten die Deutschen davon? Die Glückserwartungen, die man hierzulande an Wiedervereinigungen und dergleichen knüpft, sind ja aus guten Gründen rückläufig. Immerhin bräuchten wir für das Beitrittsgebiet West keinen Solidaritätszuschlag und keine Altersheime für emeritierte Mauerhunde.

Nun aber will Wöltgens nichts mehr so gemeint haben, wie er es gesagt hat. Damit muß auch die Frage offen bleiben, ob Königin Beatrix und Johannes Rau alternierend eine Art Wechselkönigtum ausüben sollten.

Schade. Mit Ajax Amsterdam hätten wir endlich mal einen Verein von Welt in der Bundesliga gehabt.

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