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MÜNCHEN Grad no g'fehlt

Ein weltberühmtes Münchner Bierhaus - der Donisl am Marienplatz - entpuppte sich letzte Woche bei einer Polizeirazzia als üble Spelunke. *
aus DER SPIEGEL 22/1984

Die ehemalige »Reale Bierwirtschaft zur alten Hauptwache« am Münchner Marienplatz ist weder das älteste noch das größte, geschweige denn das feinste Gasthaus in der bayrischen Landeshauptstadt. Gleichwohl ist der »Donisl«, so benannt nach seinem ersten Wirt Dionys Härtl (1760 bis 1775), für einheimische Nachtbummler wie schlaflose Gäste der Stadt schier unumgänglich.

Denn die Bier-Schenke gegenüber dem Rathaus, wo es Helles wie Dunkles nur in Maßkrügen gibt, ist als einziges Wirtshaus dieser Kategorie schon frühmorgens geöffnet - und im Fasching sogar rund um die Uhr. An den rohen Holztischen der zweistöckigen Schwemme treffen sich Penner und Prominente, Schwabinger Bohemiens und Giesinger Zechbrüder, Junge in Jeans und die Hautevolee in der großen Abendgarderobe.

Selbst die ärmsten Schlucker konnten sich bislang an der Theke im Erdgeschoß an den oft üppigen Überbleibseln in den Krügen (bayrisch: »Noagerl") laben - sofern ihnen der gierige Wirt nicht die Restbestände zur Wiederverwendung vor der Nase wegschnappte.

Dies war noch das geringste, wohl aber abstoßendste Ergebnis einer polizeilichen Großrazzia, die am Mittwoch vergangener Woche in dem weltbekannten Traditionslokal stattfand und mit der vorläufigen Schließung des Etablissements endete: Beim Donisl wurden, eine Schande für die trinkfreudige Bierstadt an der Isar, die Noagerl eingesammelt, kühlgestellt, mit Wasser und frischem Bier verpanscht - und dann den Gästen aufs neue vorgesetzt.

Gastronomie-Kollegen wie Donisl-Gäste waren entsetzt. »Das sind ja Chicago-Methoden«, entrüstete sich die Schwabinger Wirtin Toni Netzle ("Alter Simpl"). Die Schauspielerin Dolly Dollar mit dem mächtigen Busen, die in der einst realen Bierwirtschaft gerne einkehrte, stöhnte: »Oh Gott, wie ekelhaft.«

In der Metropole der belebten Biergärten und stets gutbesuchten Schwemmen schlug die Schmierwirtschaft den Leuten besonders auf den Magen. Seit Jahrhunderten halten die Münchner ihr Reinheitsgebot beim Bierbrauen wie ein freistaatliches Grundgesetz hoch. Geradezu als Ordnungshüter an der Theke gibt es einen »Verein gegen betrügerisches Einschenken«, in dem sogar die Landesmutter Marianne Strauß mitstreitet.

Daß über 80 Polizisten unter der Leitung von zwei Staatsanwälten die Bierburg stundenlang durchstöberten und 130 Donisl-Bedienstete einzeln vernommen wurden, daß der Geschäftsführer Engelbert Mayrhofer, 53, und eine 45jährige Kellnerin, tags darauf noch mal vier weitere Kellner in Untersuchungshaft genommen wurden, hatte freilich noch viel gewichtigere Gründe als die Bierpanscherei.

Unter Mayrhofers Regie hatte sich das weltbekannte Renommierlokal zu einer veritablen »Räuberhöhle« (so die »Abendzeitung") entwickelt, in der nicht nur gewöhnlicher Nepp, sondern auch Raub, Betrug, Erpressung und Körperverletzung an der Nachtordnung gewesen sein sollen.

Nach den von der Polizei beschlagnahmten Utensilien - leere Brieftaschen, Auto- und Hausschlüssel, Ausweispapiere - wurden leichtsinnige Donisl-Gäste offenbar ausgenommen, als wären sie unter Wegelagerer geraten. Wenn Bier und Schnäpse nicht ausreichten, um die Opfer unaufmerksam und willenlos zu machen, griff die Donisl-Gang - so die Ermittler - zu einem fast lebensgefährlichen Mittel: indem sie sogenannte Knock-out-Tropfen in Form überstarker Schlafmittel in die Getränke schüttete, die die Alkoholwirkung um ein Vielfaches erhöhen.

Staatsanwalt Dieter Schlögel nach der Razzia: »Es war gefährlich, als naiver Gast oder gar als Betrunkener hineinzugehen.« In den letzten vier Jahren registrierte die Polizei rund 140 Raubüberfälle, Diebstähle und Betrügereien, die alle im oder vor dem Donisl passiert waren.

Wie ein Mafioso setzte Mayrhofer laut Ermittlungen jeweils eine komplette Schicht zu den Beutezügen ein. Stets war der Chef, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, mit einer Provision beteiligt. Wer nicht spurte, wurde mit fristloser Kündigung bedroht. Wer schon gefeuert war, konnte dies durch eine erkleckliche Sonderzahlung an Mayrhofer wieder rückgängig machen. Willfährige Kellner wurden durch Mehreinnahmen belohnt, die Mayrhofer durch Manipulationen an der Kasse erzielte.

Den Zugriff der Polizei ermöglichte nicht zuletzt der 44jährige Kellner Peter, der Mitte Mai wegen eines Donisl-Delikts festgenommen worden war, sich in der Zelle im Gefängnis München-Stadelheim erhängte und der Polizei ein Geständnis hinterließ. Danach hatte er in der Nacht zum Faschingsdienstag einen betrunkenen Gast mit K.o.-Tropfen bewußtlos gemacht und ihm die Barschaft von 1200 Mark sowie eine Rolex-Uhr im Werte von 18 000 Mark geraubt. Der teure Chronometer war nach Aussage des Kellners der Beuteanteil des Donisl-Geschäftsführers.

Solcherlei Kriminelles gedieh offenbar prächtig in dem spelunkenartigen Milieu, das den Donisl schon seit langem auszeichnete. Das Verrucht-Verräucherte war es wohl auch, was den Reiz ausmachte für die Prominenz, die hier aufkreuzte: Fußballstar Franz Beckenbauer wie die Ex-Kaiserin Soraya, Politiker wie Franz Josef Strauß oder der Fürst von Thurn und Taxis.

Vorerst geht nichts mehr im Donisl am Marienplatz. Bis die Hacker-Pschorr-Brauerei ihre Schänke wieder aufmachen kann, überprüfen Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Gewerbeaufsicht erst einmal die Vorgänge in der anrüchigen Bierburg. Und der schon seit längerem auserkorene neue Pächter, der Wirt Toni Gartner aus Otterfing, der den Donisl im Herbst renovieren und übernehmen wollte, hat jetzt nach der Razzia so seine Bedenken: »Des is a harter Schlag. Des hat grad no g''fehlt. Jetzt muaß i mir des wirklich genau überlegen.« _(Von der Polizei beschlagnahmte Waffen, ) _(Personalausweise und andere Beutestücke. )

Von der Polizei beschlagnahmte Waffen, Personalausweise und andereBeutestücke.

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