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SOWJET-UNION Gräber für Lebende

Behinderte leben in Armut, weil die Staatswirtschaft sie nicht gebrauchen kann.
aus DER SPIEGEL 33/1979

Obwohl Faisulla Chussainow nichts verbrochen hat, steht er unter Hausarrest: »Ich war seit neun Jahren nicht mehr an der frischen Luft«, klagt der ehemalige Uhrmacher.

Chussainow wohnt mit seiner alten Mutter im dritten Stock eines Mietshauses in Tschistopol, einer Stadt in der Tatarischen Autonomen Republik. Das Gebäude hat keinen Aufzug, und Chussainow kann nicht Treppen steigen: Er ist gehbehindert.

Der Invalide bekommt nur 70 Rubel Rente (etwa 200 Mark), seiner Tbckranken Mutter, die ihr Leben lang in einer Kolchose schuftete, zahlt der Staat magere 21 Rubel, Chussainow: »Die halbe Rente wird für Medikamente ausgegeben, wir essen nur Brot und Kartoffeln, Fleisch können wir uns nicht leisten.«

»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, forderte die Sowjet-Verfassung noch vor zwei Jahren. Wenngleich dieses Gebot im neuen Grundgesetz von 1977 fehlt, leben die etwa 18 Millionen behinderten Sowjet-Bürger weiterhin in Armut: Die Planwirtschaft kann Kranke und Gebrechliche nicht gebrauchen.

Der Staat speist sie mit kümmerlichen Renten ab:

>Kriegsinvaliden bekommen 120 Rubel (345 Mark) monatlich.

* Opfer von Arbeitsunfällen erhalten bis zu 100 Rubel, aber nur, wenn sie mehr als 20 Jahre gearbeitet haben. > Wer schon behindert geboren wurde, muß sich mit 21 Rubel (63 Mark) begnügen, obwohl selbst nach amtlichen Erhebungen mindestens 50 Rubel zum Leben nötig sind.

Schwerbeschädigte haben Anspruch auf eine »Motokoljaska«, einen motorisierten Rollstuhl, oder sogar einen für Behinderte umgebauten Kleinwagen der Marke »Saporoschez« -- beides kostenlos. Aber es fehlen Ersatzteile, und in ganz Moskau kann nur eine Werkstatt defekte Invaliden-Wagen reparieren.

Alle Behinderten dürfen auch gratis mit Bussen und Bahnen fahren. Doch die Türen sind für Rollstuhlfahrer zu schmal. In Zügen und Flugzeugen reisen Behinderte zum halben Preis, Bahnpersonal oder Mitreisende wuchten das Gefährt hinein.

Das Gesetz erlaubt Behinderten, einen Pfleger zu beschäftigen, der mit ihnen nicht verwandt ist. Dafür gibt der Staat einen Zuschuß von 80 Rubeln -- zu wenig, denn die Helfer verlangen meist doppelt soviel.

Bei der Suche nach Arbeit haben es schwerbeschädigte Sowjet-Bürger besonders schwer: Anders als westdeutsche Unternehmen sind sowjetische Betriebe nicht gehalten, Behinderte einzustellen. Vielen bleibt nur schlechtbezahlte Heimarbeit übrig: Tütenkleben, Nähen, Stricken.

Auf den Straßen sind Invaliden kaum zu sehen. Sie passen nicht in das offizielle Bild des gesunden und optimistischen Sowjet-Menschen. 20 behinderten Schülern aus Neuwied etwa verbot Moskau die Reise zu den Olympischen Spielen 1980. Begründung: »Auf Körperbehinderte sind wir nicht einigestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, so berichtet Solschenizyn in seinem »Archipel GULag«, waren verstümmelte Soldaten sogar auf verlassene Inseln im Norden der Sowjet-Union verbannt worden, um sie dem Anblick der Öffentlichkeit zu entziehen.

Heute werden Behinderte in Heime gesteckt: »Gräber für Lebende, wo die Kranken an die Betten gekettet sind und vegetieren«, klagt der Invalide Gaida.

Wer sich wehrt, kommt mit Kriminellen und Dissidenten ins Straflager -- wie der Kriegsverwundete Alexcj Tichonow, der sich in einem Boot am Ufer der Oka versteckt hatte und dann wegen Landstreicherei verhaftet wurde.

* Oben: auf der Krim; unten: in der sibirischen Stadt Bratsk.

Die Heimbewohner bekommen nur ein Zehntel ihrer Rente als Taschengeld, den Rest kassiert die Verwaltung für Pflegekosten. Dabei seien die Zimmer, so Gaida, »kalt wie Zellen«, das Essen sei miserabel und die Pfleger helfen nur gegen Trinkgeld. Gaida: »Gibt man dir einen Hering, stinkt er schon; gibt man dir Eier, sind sie schlecht. Der Magen dreht sich einem um.«

Noch schlimmer geht es Behinderten in manchen Krankenhäusern: »Sie liegen nur da, ohne jede Behandlung«, berichtet Faisulla Chussainow. »Die Kranken werden nicht einmal gewaschen, weil eine Schwester schlecht 40 Patienten versorgen kann. Viele Patienten bekommen monatelang kein Bad, niemand will sich die Bürde aufladen.«

Chussainow hatte sich lange Zeit bemüht, in eine Spezialklinik für Behinderte verlegt zu werden. Schließlich wurde er beim Zentralkomitee in Moskau vorstellig, doch ein Beamter fing den Bittsteller ab und drohte ihm mit Einweisung in eine Nervenheilanstalt.

Als Chruschtschow 1956 die Entstalinisierung verkündet hatte, sahen die Behinderten eine Chance, sich zu organisieren. 30 Rollstuhl-Fahrer versammelten sich vor dem ZK-Gebäude und forderten einen staatlichen Schutzverband für Behinderte -- eine Szene wie aus der »Dreigroschenoper«.

Die Organisation sollte Invaliden zu angemessenen Jobs und Wohnungen verhelfen. Ähnlich wie Kriegsverwundete wollten auch die anderen Schwerbeschädigten beim Einkaufen bevorzugt bedient werden, denn die meisten Behinderten sind außerstande, Schlange zu stehen.

Da der Staat nicht reagierte, gründeten die Invaliden Golubew und Irina Winogradowa 1973 in Iwanowo einen privaten Schutzverband. Doch das Sozialamt belehrte sie, ihr Verein sei eine staatsfeindliche Sekte, die sich gegen das zuständige Ministerium richte.

* Auf der Krim.

Als Staatsfeind gilt auch Juni Kisseljow, der mit 16 Jahren bei einem Eisenbahnunfall beide Beine verloren hat: Zusammen mit seinen Leidensgenossen Walerij Fefelow und Faisulla Chussainow gründete Kisseljow nach dem Vorbild der Helsinki-Gruppen ein »Komitee zur Verteidigung der Rechte Behinderter«.

Bald darauf stürmte die Polizei Fefelows Wohnung und drohte dem Invaliden mit Einweisung in die Irrenanstalt. Den gehbehinderten Chussainow, der sein Haus nicht verlassen kann, wollen die Sowjets völlig von der Außenwelt isolieren: Sie verweigern dem Invaliden ein Telephon.

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