Zur Ausgabe
Artikel 6 / 95

Graf Kerssenbrock obsiegt

aus DER SPIEGEL 2/1990

Der Kieler CDU-Politiker Trutz Graf Kerssenbrock, wegen seines couragierten Beitrags zur Aufklärung der Barschel-Affäre in der CDU in Ungnade gefallen, revanchierte sich vor Gericht bei mißgünstigen Parteifreunden. Im Streit um seinen akademischen Doktorgrad bescheinigte ihm jetzt das Verwaltungsgericht Schleswig, die Kieler Universität sei zur »Rücknahme« des Titels »nicht berechtigt« gewesen.

Barschel-Anhänger hatten im Zuge der Bereinigung des Skandals dafür gesorgt, daß der Volljurist Kerssenbrock, 36, bundesweit als »Saubermann« der Union gepriesen, seinen Doktortitel verlor. Sie machten publik, daß der Anwalt vor seiner mit der guten Gesamtnote »cum laude« erfolgreichen Promotion in Kiel schon zwei vergebliche Anläufe in Hamburg unternommen hatte.

Davon hatte Kerssenbrock zwar ordnungsgemäß seinen Doktorvater in Kenntnis gesetzt, im Promotionsverfahren aber verneint, »dieselbe oder eine ähnliche Dissertation bereits bei einer anderen Universität« eingereicht zu haben. Daraufhin drängten ihn die Kieler zum Verzicht auf den Titel. Als die rechtswissenschaftliche Fakultät dann auch noch formell die »Entziehung des Grades eines Doktors der Rechte« beschloß, legte Kerssenbrock Widerspruch ein - und erstritt sich nun Rehabilitierung.

Die Verwaltungsrichter erklärten den Verzicht für »nicht wirksam« und verpflichteten die Hochschule, die Promotionsurkunde »wieder auszuhändigen« sowie die Verfahrenskosten zu tragen. Kerssenbrock habe bei der Promotion »alle seine Verpflichtungen erfüllt« und sich »keiner Täuschungshandlung in einem wichtigen Punkt schuldig gemacht«. Die Kieler Dissertation sei eine »neue eigenständige wissenschaftliche Leistung«. Selbst eine Erwähnung des Hamburger Versuchs hätte »nicht die Zulassung« in Kiel »zur Doktorprüfung verhindert«.

Vielmehr habe die Universität bei der Aberkennung des Titels einen »teilweise unvollständigen Sachverhalt zugrunde gelegt«, den »Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verletzt« und womöglich gar, so ließen die Richter erkennen, eine »unrichtige Belehrung« Kerssenbrocks zu verantworten. Das wiederum mag der Dekan der Fakultät, Rechtsprofessor Albert von Mutius, nicht auf sich sitzen lassen. Er hat Berufung gegen das Urteil eingelegt - wegen der »grundsätzlichen Bedeutung«.

Zur Ausgabe
Artikel 6 / 95
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.