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Grammatik als Comedy

Wie der Sprachpfleger Bastian Sick mit seinen Kolumnen die Massen begeistert
Von Merlind Theile
aus DER SPIEGEL 40/2006

Auf der Suche nach einem Supermarkt bremst ein Manta-Fahrer neben einem Türken. »Ey, sag mal, wo geht's hier nach Aldi?«, fragt der Manta-Fahrer. »Zu Aldi«, verbessert der Türke. Der Manta-Fahrer guckt verdutzt: »Was denn, schon nach sechs?«

Die Aldi-Nummer zieht immer, obwohl sie nicht mehr ganz frisch ist. Wenn Bastian Sick, der Autor der »Zwiebelfisch«-Kolumnen auf SPIEGEL ONLINE, bei seinen Lesungen den Text »Ich geh nach Aldi« mit dem dazugehörigen Witz vorträgt, dann lacht das Publikum in München, Dresden und auf Sylt.

Im Kern geht es in Sicks Kolumnen um das sperrige Thema Sprachkritik, um falsch verwendete Präpositionen, Fälle oder Satzzeichen. Den Oberlehrer mag der 41-jährige Sick aber nicht geben - stattdessen nutzt der studierte Romanist das humoristische Potential der Sprachpflege. Auch Comedy lebe von der Sprache, von komischen Missverständnissen, Versprechern oder falschen Redewendungen, sagt Sick: »Im Grunde machen Comedians das Gleiche wie ich.«

Comedy ist Unterhaltung für die Masse, und so ist es eigentlich kein Wunder, dass Bastian Sick inzwischen ein Millionenpublikum erreicht. Seine Glossen wider den Sprachverfall, die er als Schlussredakteur bei

SPIEGEL ONLINE anfangs nur für den Hausgebrauch schrieb, schafften es in Buchform schnell auf die Bestsellerliste - über zwei Millionen Exemplare seiner beiden Kolumnensammlungen* hat Sick bislang verkauft, das dritte Werk ist in Arbeit. Und auch zu Sicks Lesungen strömen Sprachpflegejünger in Scharen: In Köln versammelte Sick im März mehr als 15 000 Menschen, darunter viele Schüler, zur »größten Deutschstunde der Welt«.

Im bayerischen Bad Wörishofen, wo Wellness noch Wassertreten bedeutet, fällt der Rahmen für Sicks Lesung etwas kleiner aus. Dafür gehören die rund 900 Zuschauer, die an einem Freitagabend im Saal des Kurhauses sitzen, zur Kategorie lernwilliges Fachpublikum: Es sind deutsche Lehrer auf Fortbildung.

»Lernen lernen« heißt das Symposion, das sie an diesem Wochenende besuchen, und der Auftritt von Bastian Sick ist nach Vorträgen zum Thema »Intelligenzunterschiede und ihre Auswirkungen auf schulisches Lernen« oder »Lernprozesse durch Körpersprache steuern« so etwas wie die Tüte Gummibärchen nach den Hausaufgaben.

Schon zu Beginn der Vorstellung, als Sick im grauen Anzug am Rednerpult den bayerischen Ministerpräsidenten und Wortakrobaten Edmund Stoiber rezitiert, kichert die Menge aufgeregt. Sie johlt, als Sicks Figur Henry einen Ober ("Sie wollten den Seeteufel?« - »Ich will ihn immer noch.") über den korrekten Gebrauch des Imperfekts belehrt. Und als der Redner das Publikum nach dem richtigen Perfekt von »winken« fragt und die meisten nicht für »gewinkt«, sondern das falsche »gewunken« stimmen, bricht die Schar der Studienräte in hysterisches Gelächter aus.

Solange es unterhaltsam bleibt, freuen sich offenbar selbst deutsche Lehrer über sprachlichen Nachhilfeunterricht. »Mir gefällt besonders gut, dass Bastian Sick so unverkrampft daherkommt, nicht so besserwisserisch wie manch anderer Sprachkritiker«, sagt auch Ingrid von Tippelskirch, 63, Direktorin eines Saarbrücker Gymnasiums und Vorsitzende der Landesfachkonferenz Deutsch im Saarland. Dort steht »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« seit vergangenem Schuljahr sogar auf dem Lehrplan für den Deutschunterricht der 13. Klassen.

Den oft fragwürdigen Wandel der deutschen Sprache sieht Tippelskirch eher gelassen: »Wenn jemand etwa einen falschen Plural gebraucht und von Praktikas und Visas redet, dann ist das bestimmt noch kein Sprachverfall.«

Der Sprachpfleger könnte das anders sehen: Unter dem Titel »Visas - die Mehrzahl gönn ich mir« hat Bastian Sick dem fehlerhaften Plural immerhin eine ganze Kolumne gewidmet. MERLIND THEILE

* Bastian Sick: »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«, Folge 1 und 2. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; je 8,95 Euro.

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