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Terrorismus Granaten vom Prinzen

In Spanien steht der angebliche »Pate des Terrors«, der Syrer Mundhir el-Kassar, vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Mit den Mächtigen seines eigenen Landes hat sich Baltasar Garzon schon oft angelegt. Kollegen nennen den Untersuchungsrichter am Nationalen Gerichtshof in Madrid respektvoll »El Tenaz«, den Zähen.

Hartnäckig verfolgte Garzon, 39, auch seinen jüngsten Fall, der vorvergangene Woche zur Eröffnung eines der spektakulärsten Prozesse in der spanischen Justizgeschichte führte. Der Richter will die schillerndste und wohl auch dubioseste Figur der Society von Marbella hinter Gitter bringen: den syrischen Waffenhändler Mundhir el-Kassar, 49.

Gegen den seit 1984 an der Sonnenküste in einem weißen Marmorpalast residierenden Multimillionär, dem von der ostdeutschen Stasi bis zur amerikanischen CIA bereits alle großen Sicherheits- und Geheimdienste auf der Spur waren, hat Gangsterjäger Garzon in jahrelanger Recherche über 2000 Seiten Ermittlungsakten zusammengetragen.

Der »Starrichter« (Wochenmagazin Epoca) ist überzeugt, daß Kassar jenem Palästinenserkommando die Waffen geliefert hat, das 1985 mit der Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffes »Achille Lauro« die Welt schockierte. Im Auftrag des Palästinenserführers Abu el-Abbas hatten die Polit-Piraten den Passagierdampfer vor der ägyptischen Küste in ihre Gewalt gebracht sowie den gelähmten, an einen Rollstuhl gefesselten US-Bürger Leon Klinghoffer erschossen und ins Meer geworfen.

Mit Hilfe des spanischen Gerichtsverfassungsgesetzes, nach dem auch von Ausländern außerhalb des Landes begangene Straftaten wie Terrorismus oder Piraterie verfolgt werden können, hat der unnachgiebige Garzon einen Mann auf die Anklagebank gezwungen, den Ermittler aus vielen Staaten fast mit einer Art Respekt beschrieben haben.

Interpol nannte den Syrer schon vor Jahren in einem Geheimbericht den »wahrscheinlich größten Waffenhändler der Welt«; die Staatssicherheit der DDR zählte Kassar zu jenen »Personen, die kriminelle Rekorde in der Drogenwelt in Europa aufweisen könnten«. Und das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) sah zumindest zeitweilig in ihm einen »der gefährlichsten Männer der Welt«, den man »der terroristischen Szene zuordnen« müsse.

Kassar, angeblich unterstützt von Familienmitgliedern, begann seinen Aufstieg in den siebziger Jahren. Für die Heroinküchen der Mafia soll der Syrer-Clan das Rohmaterial, Morphinbase, aus dem libanesischen Bekaa-Tal geliefert haben; in den Nahen Osten wiederum exportierten die Kassars offenbar Waffen.

Seither taucht der Name Kassar in vielen Affären auf, wenn es um Waffen, Drogen oder Terror geht. So gab es im Fall des Bombenattentats auf die Berliner Diskothek La Belle 1986 Hinweise auf eine Waffenfirma Kassars in Damaskus. Weil der smarte Syrer zudem in Wien eine Import-Export-Firma betrieb, erscheint sein Name auch im Zusammenhang mit Waffen- und Korruptionsaffären, die Österreich in Atem hielten. Sogar im größten Waffenskandal der achtziger Jahre, dem im Washingtoner Weißen Haus ausgekochten Iran-Contra-Geschäft, soll er mitgemischt haben.

Doch erst zweimal stand der »Pate des Terrors«, so ein deutscher Undercover-Agent, vor einem Richter - und konnte auch nur wegen vergleichsweise geringfügiger Delikte belangt werden. In den siebziger Jahren wurde er in Großbritannien wegen Rauschgiftvergehens verurteilt, für Kassar »eine Jugendsünde«. Die deutsche Justiz brachte ihn 1988 wegen eines gefälschten Passes zehn Tage in Untersuchungshaft. Gegen eine Geldbuße von 100 000 Mark wurde das Verfahren unlängst eingestellt.

In gewichtigeren Verdachtsfällen war dem »Prinzen von Marbella«, wie ihn spanische Magazine titulieren, kaum beizukommen. Ein Grund: Der Waffenhändler verfügt, wie das BKA einmal notierte, über »vielfältige Kontakte, auch mit VIPs aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben«.

Den Drahtzieher des Anschlags auf die »Achille Lauro« kennt Kassar seit langem. Mit Abu el-Abbas hat er an der Universität Damaskus studiert, Fachrichtung: Rechtswissenschaft. Seither verbindet die beiden eine »Blutsbrüderschaft« (BKA).

Und auch Zaki Helou, Ehemann der mutmaßlichen deutschen Terrorhelferin Monika Haas sowie Funktionär einer extremistischen Palästinensergruppe, verkehrte wohl mit Kassar, laut Stasi vornehmlich als Partner im Waffenhandel. Nach einem Attentat auf Helou im August 1984 in Madrid setzte sich Kassar für die ärztliche Versorgung seines Freundes ein.

»Auf Grund langjähriger Geschäftsbeziehungen«, notierte die Stasi, habe sich der Syrer »an die VR Polen mit der Bitte gewandt, Zaki medizinisch zu behandeln«. In seinem Privatjet ließ Kassar den Waffenbruder nach Warschau in eine Spezialklinik fliegen.

Die Staatssicherheit beobachtete den Syrer wohl nicht nur wegen seiner angeblichen Terrorismuskontakte und seines regen Waffenhandels mit Ostblockstaaten. Der umtriebige Araber soll auch auf der Liste der DDR-Firma Imes gestanden haben, die im Firmengeflecht des Devisenjongleurs Alexander Schalck-Golodkowski für den verdeckten Waffenhandel zuständig war.

Über seine Waffengeschäfte behauptet der Kaufmann aus Marbella: »Ich handle stets im Einverständnis mit den Regierungen.« Eine Verwicklung in den Drogenhandel leugnet er ebenso wie Verstrickungen in den Terrorismus: »Ich bin Geschäftsmann, nicht Soldat.«

Das sahen französische Richter anders. Wegen Gründung einer verbrecherischen Vereinigung wurde Kassar 1986 in Paris in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Auftrag seines Blutsbruders Abu el-Abbas soll er unter anderem Sprengstoffanschläge in der französischen Hauptstadt vorbereitet haben. Einen Auslieferungsantrag an Spanien, von wo Kassar den Prozeß verfolgte, stellte Paris nicht. Angeblich hat sich der Syrer später im Gegenzug um die Freilassung französischer Geiseln im Libanon verdient gemacht.

Immunität gegen Gefälligkeiten - so konnte Kassar wohl auch in Marbella gut leben. Der langjährige Chef des militärischen Geheimdienstes jedenfalls gilt als sein Vertrauter. Zudem soll Kassar 1986 eine Rakete mit verstecktem Peilgerät an die Eta verkauft haben; kurz darauf ließ die Polizei ein Waffenlager der baskischen Untergrundorganisation auffliegen.

Doch vier Kalaschnikow-Gewehre und acht Handgranaten könnten Kassar zum Verhängnis werden. Die Waffen für die »Achille Lauro«-Attentäter soll er persönlich im Warschauer Warenlager seiner polnischen Handelsfirma abgeholt und der Terroristengruppe in Tunis übergeben haben.

Hauptbelastungszeuge ist der ehemalige Kassar-Vertraute Ahmed Abu Murschid. Die Waffen aus Warschau, behauptete er vor Gericht, seien in zwei Koffern verstaut gewesen. »Ich trug einen«, beschwor Abu Murschid, »den anderen trug Kassar.«

Trotz der Strafandrohung von 29 Jahren Haft präsentierte sich Kassar vor Gericht siegesgewiß. Denn der Angeklagte, gegen die Rekordkaution von fünf Millionen Dollar nach über einem Jahr Untersuchungshaft vorerst auf freiem Fuß, hat für den Zeitpunkt der angeblichen Waffenübergabe ein standesgemäßes Alibi vorzuweisen.

An dem Tag, behauptet Kassar, habe er im Kasino von Marbella sein Glück versucht. Y

»Ich handle stets im Einverständnis mit den Regierungen«

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