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UNTERNEHMER Granulat und Saugglocke

Ein Hamburger Fabrikant hat einen neuen Beruf geschaffen: Umweltberater für Privathaushalte. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Georg Winter, 43, geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Werkzeugfabrik »Ernst Winter & Sohn«, ist ein Unternehmer, wie ihn sich alternative Grüne nur wünschen können.

Obwohl der Wirtschaftsjurist Winter »als guter Kaufmann das Ziel eines angemessenen Gewinns durch die Firma nicht verleugnet«, sieht er in seiner Firma, in der 1250 Beschäftigte Spezialwerkzeuge für die Kraftwagen- und Flugzeugprodurktion herstellen, keinen Industriebetrieb zum Zweck der Profitmaximierung.

»Der Büroapparat, die Informationskanäle, die Seriosität, die ganzen Vorteile, die man so hat als Unternehmer«, meint Winter, »müssen für den Umweltschutz mobilisiert werden.« Wie ernst er das meint, hat er erstmals vor zwei Jahren vorgeführt.

Damals wurden Einzelheiten über das geplante Kohlekraftwerk Eimsbüttel, ganz in der Nähe der Winter-Hauptverwaltung, publik. »Als ich hörte, was da an Abgasen und Flugasche auf uns zukommen sollte«, erinnert sich Winter, »habe ich mich wahrhaft physisch bedroht gefühlt.«

Innerhalb weniger Monate gründete der Unternehmer mit Mitgliedern von Bürgervereinen eine Aktion »Bessere Luft für Hamburg«, holte mit Unterstützung von Wissenschaftlern bei führenden Herstellern von Rauchgas-Entschwefelungsanlagen Stellungnahmen zu dem geplanten Kraftwerk ein und erarbeitete eine 59seitige »Internationale Enquete zum letzten Stand der Abgasreinigungstechnik bei kohlebetriebenen Großfeuerungsanlagen«, die er an Politiker und die Kraftwerksbetreiber verschickte.

Auf diese Enquete, berichtet Winter, habe sogar der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth im Bundesrat hingewiesen, und »hier in Eimsbüttel wurden anschließend die vorgesehenen Abgasgrenzwerte teilweise um die Hälfte reduziert«. Winter: »Wären wir die Sache nicht so professionell nach Management-Gesichtspunkten angegangen, hätten wir nicht so effektiv arbeiten können.«

Um seine »besonderen Möglichkeiten als Unternehmer« zu nutzen, hat Winter zunächst in seinem Betrieb einen von den Mitarbeitern gewählten »Umweltausschuß« eingerichtet, der für »einen möglichst kreativen Umweltschutz-Output« sorgen soll.

Winter hat mittlerweile die 70 Firmenwagen mit Start-Stopp-Anlagen ausrüsten lassen, die bei längeren Wartezeiten den Motor abstellen; Katalysatoren werden in Kürze eingebaut. Auf den Firmentoiletten und in den Waschräumen drosseln Spezialgeräte, Perlatoren, den Wasserverbrauch.

So selbstverständlich wie die Verwendung von Recyclingpapier und chemiearmen Reinigungsmitteln aus Alternativbetrieben sind bei »Winter & Sohn« längst auch dreitägige »Umweltseminare« für jeden der 36 Auszubildenden. Mehr noch: Die Firma organisiert und bezuschußt auch den Verkauf von Biokost, und über dem Kantineneingang strahlt in Leuchtschrift ein »Umwelttip der Woche«, etwa: »Eierwasser zum Blumengießen benutzen.«

Um die »Buying-Power des Unternehmens mitzunutzen« (Winter), werden beim Materialeinkauf nur noch Produkte bestellt, die das Berliner Umweltbundesamt empfiehlt - auch wenn auf diese Weise die Dachrenovierung mit »atmungsaktiven Tonziegeln« anstelle der gebräuchlichen Betonpfannen um rund 20 000 Mark teurer wird.

Kostspieliger noch ist das neueste Projekt, das der Ausschuß unter Vorsitz des »Umweltbeauftragten« Maximilian Gege - hauptberuflich Winter-Direktor für Unternehmensplanung - erdacht hat: Von April an will Winter mit rund 70 000 Mark den ersten »Umweltberater für den Privathaushalt« finanzieren.

Soll heißen: Im persönlichen Gespräch daheim sollen interessierte Bürger von einem Öko-Fachmann kostenlos über die Möglichkeiten umweltfreundlichen Haushaltens informiert werden. Winter: »Gerade im Haushalt müssen wir doch alle mächtig umdenken.«

Die durch Westdeutschlands Privathaushalte verursachten Umweltschäden sind wahrlich enorm. Alljährlich belasten die rund 25 Millionen Haushalte Wasser, Boden und Luft unter anderem mit *___500 Millionen Spraydosen, aus denen neben Duftstoffen ____oder Haarfestigern auch 30 000 Tonnen ____Fluorkohlenwasserstoffe in die Luft gehen und die ____Ozonschicht der Atmosphäre zerstören, *___700 000 Tonnen Waschmitteln, mit denen zugleich 170 000 ____Tonnen umweltschädigendes Phosphat über die Abwässer in ____die Flüsse und Seen fließen; *___3500 Tonnen Pestizide, die Böden und Nahrungsmittel mit ____schwer abbaubaren Substanzen vergiften.

Zwar wirbt das Umweltbundesamt schon seit geraumer Zeit mit Gratisbroschüren ("Einkauf mit Durchblick") und der Vergabe eines Prädikats an umweltfreundliche Produkte ("Blauer Engel") für mehr Ökologie-Bewußtsein. »Aber die bunten Broschüren«, klagt Winter, »werden doch von viel zu wenigen gelesen, und noch viel weniger Bürger setzen die Tips auch um.«

Winter ist sicher, daß nur »ein systematisches Checking der persönlichen Umweltschutzmöglichkeiten durch den Berater vor Ort«, verbunden mit »anschließendem umfassenden Service«, die »notwendigen einschneidenden Verhaltensänderungen« bewirken kann.

So sollen die Hamburger Familien durch den Berater etwa darüber informiert werden, daß ein Ziegelstein im _(Mit einem Verkaufswagen für Bio-Gemüse. )

Wasserkasten der Toilette eines Durchschnittshaushalts jährlich rund 5 000 Liter Wasser sparen hilft und daß Lavendelöl-Säckchen genausogut seien wie Mottenkugeln, die Paradichlorbenzol enthalten. Waschmittel mit Phosphatzusätzen können, so soll der Berater deutlich machen, durch Seifenflocken und Enthärter oder Produkte wie Lavexan ersetzt werden. Granulat soll an die Stelle von Streusalz treten, die Saugglocke den chemischen Abflußreiniger überflüssig machen.

Dazu erwartet Winter von den Haushaltsberatern Werbung für energiesparende Heizsysteme, biologischen Gartenbau und Öko-Architektur. Damit die »konkreten Handlungshilfen« (Winter) nach dem Hausbesuch ohne Schwierigkeiten umgesetzt werden können, soll der Berater auch gleich umweltorientierte Handwerker und nahe gelegene Alternativ-Läden empfehlen können.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, »daß hier ein cleverer Unternehmer mit Umweltschutz Geschäfte macht«, will Winter das Pilotprojekt über eine »Winter-Stiftung« finanzieren. Die Oberaufsicht sollen das Umweltbundesamt und die Hamburger Verbraucherzentrale übernehmen, die sich zuvor auch der umfassenden Ausbildung des ersten westdeutschen Haushaltsberaters annehmen wollen.

Hamburgs Umweltsenator Wolfgang Curilla ist von dem Winter-Hilfswerk angetan. Der Sozialdemokrat hält es für »durchaus überlegenswert«, die Zahl der Haushaltsberater auf Staatskosten auszuweiten, wenn sich das Pilotprojekt bewährt.

Bei Winter gehen derweil die ersten Bewerbungen für den neuen Beruf ein - hauptsächlich von arbeitslosen Lehrern.

Mit einem Verkaufswagen für Bio-Gemüse.

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