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ENGLAND Graupen und Zucker

Der radikale Bergarbeiterführer Arthur Scargill beherrschte den Labour-Parteitag in Blackpool. Ein Jahr nach seiner Amtsübernahme mußte Parteichef Kinnock dem Druck linker Delegierter nachgeben. *
aus DER SPIEGEL 41/1984

Mißmutig lauschte Parteichef Neil Kinnock dem feurigen Redner. Er beteiligte sich kaum am Zwischenapplaus und blieb sitzen, als sich die Delegierten zum abschließenden Beifallssturm erhoben. Die Ovationen der 1300 galten dem Bergarbeiterführer Arthur Scargill; der Stargast von der Streikfront bedankte sich nach Russenart mit eigenem Händeklatschen.

Scargill stahl Kinnock die Schau. Denn nicht der politisch gemäßigte Parteiführer, sondern der radikale Präsident der Bergarbeitergewerkschaft bestimmte den Ton auf dem 83. Parteitag der brtischen Labour Party vorige Woche in Blackpool. Ihm gelang es, Englands angeschlagene Oppositionspartei erneut

nach links zu drücken, nicht zuletzt weil ein Zwischenfall seinen Auftritt dramatisierte:

Im Tagungssaal übergab ihm ein Detektiv eine Verfügung des Londoner High Court, die den Anführer der streikenden Kumpel hinter Gitter bringen kann. »Ich bereue nichts. Ich bin bereit, für meine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen«, deklamierte anderntags Scargill. »Das einzige Verbrechen, das ich begangen habe, ist, für meine Klasse zu kämpfen.«

Die Verfügung hatten zwei Mitglieder dieser Klasse erwirkt, Bergleute, die sich durch Scargills Streikposten in ihrem Recht zu arbeiten behindert sehen. Das Gericht bestätigte ihnen, daß der ohne Urabstimmung begonnene Streik illegal sei. Doch der von Haft bedrohte Scargill putschte die Stimmung derartig hoch, daß der Parteitag in einer Resolution zum Streik einseitig die Polizei verurteilte.

Dem zeitweilig zur Randfigur abgedrängten Kinnock blieb nichts anderes übrig, als sich in den Klassenkampf einzureihen. Dabei hatte der Parteichef noch im September mit den Worten »Gewalttätigkeit paßt nicht zur Labour-Bewegung« Scargills Aktivisten gerügt, die Arbeitswillige attackieren und deshalb als »Arthur's Army« gefürchtet sind.

Nun aber machte auch Kinnock vor allem die Regierung für die Ausschreitungen vor Britanniens Zechen verantwortlich. Margaret Thatcher, so der Labourchef, habe eine »soziale Aggression« begangen und setze die Polizei ein, statt Politik zu machen.

Kinnock sicherte sich mit der eindeutigen Parteinahme für die Streikenden die Zustimmung der Delegierten sowie seine Führungsposition in der Partei. In der britischen Öffentlichkeit aber dürfte er damit Sympathien verspielt haben. Denn schon vor dem Konvent von Blackpool hatte ihm der Bergarbeiterstreik geschadet: Zwischen Anfang Juni und Ende September fiel die Zustimmung zu Kinnocks Führungsrolle von 37 Prozent auf 29 Prozent der befragten Briten, und die Labour Party sackte gegenüber den regierenden Konservativen - nach monatelangem Kopf-an Kopf-Rennen - auf 36 zu 42 Punkte ab.

Denn der von Kinnocks Partei bislang nur halbherzig unterstützte Bergarbeiterstreik gegen die von der Regierung geplante Schließung von über 20 unrentablen Zechen mit etwa 20 000 Arbeitsplätzen ist bei der Bevölkerung zunehmend unpopulär.

Der Arbeitskampf dauert nun 30 Wochen; er forderte schon zwei Tote und etwa 300 Verletzte. Über 7000 Menschen wurden festgenommen. Während bislang schon über 100 von Britanniens 175 Gruben lahmgelegt waren, ist nun auch der Betrieb in den noch fördernden Zechen gefährdet: Die für die Sicherheit verantwortlichen Steiger wollen die Arbeit niederlegen, falls sie keine Lohnerhöhung erhalten.

Daß die Labour Party ausgerechnet jetzt und gegen den Willen ihres Chefs auf verschärften Linkskurs geriet, kommentierte die konservative Londoner »Times« so: »In Blackpool fuhr die Partei fort, die Saat für ihre Selbstzerstörung auszustreuen.«

Dabei hatte Parteichef Kinnock sein Amt vor einem Jahr unter guten Vorzeichen angetreten. »Maggie sieht da plötzlich ganz schön alt aus«, schrieb der »Daily Mirror«, als der damals 41jährige breitschultrige Rugbyspieler mit dem rotblonden Haar und der hohen Sommersprossenstirn den alten Michael Foot als Parteichef ablöste. 52 Prozent der Briten erklärten, daß sie nun wohl wieder Labour wählen würden.

In zwölf Monaten aber gelang es dem Pragmatiker Kinnock nicht, die auseinandertreibenden Labourflügel zusammenzubringen. In Blackpool war die Niederlage gegen den Linken Scargill in der Streikfrage nicht der einzige Rükschlag für den neuen Chef: *___Gegen Kinnocks Wunsch beschloß der Parteitag, ____Gemeinderäte zu unterstützen, die mehr ausgeben, als ____die von der Regierung festgesetzte Spargrenze zuläßt. *___Eine von Kinnock geforderte innerparteiliche ____Demokratisierung - mehr Einfluß der Mitglieder bei der ____Nominierung von Parlamentskandidaten, weniger Einfluß ____für die Funktionäre - fand keine Mehrheit.

Viele Briten stellten sich erneut die Frage, ob die Partei überhaupt noch führbar sei. So kämpften bekannte Parteigrößen wie der ehemalige Premier James Callaghan und der ehemalige Schatzkanzler Denis Healey vergebens gegen den Mehrheitsbeschluß zur einseitigen Nuklearabrüstung Englands. Eine Labour-Regierung würde demnach auf eine eigene britische Atomstreitmacht verzichten und die amerikanischen Atomraketenbasen in Großbritannien schließen.

Während ihr Boß Scargill in Blackpool den Parteitag beherrschte, reisten 150 seiner Gewerkschafter mit Angehörigen auf Einladung des Gewerkschaftsverbandes der UdSSR zur Erholung vom Streik-Streß in die Sowjet-Union.

Kumpel in der Ukraine kauften in einer organisierten Hilfsaktion Mehl, Graupen und Zucker für die notleidenden Klassenbrüder in England.

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