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Humor Grenze der Frivolität

Gutachterstreit in Bonn: Gefährdet Walter Moers' Erfolgs-Comic vom »kleinen Arschloch« die Jugend?
aus DER SPIEGEL 2/1995

Der »Ratgeber für alle Aspekte modernen menschlichen Daseins« empfiehlt, Alltagsnöten auf drastische Weise zu begegnen. Enttäuschte Eltern etwa sollten mißliebigen Nachwuchs per Namensgebung abstrafen: »Nennen Sie das Kind einfach ,Joghurt'', ,Arschfick'' oder ,Vagina'', das wird ihm eine Lehre sein, derart mißgestaltet in Ihr Leben zu platzen.«

Schwangere Frauen sind als »drogensüchtige Schizophrene« zu behandeln, und schlechte Laune ist an Behinderten abzureagieren, da diese »kinderleicht zu beleidigen« seien: »Obacht allerdings bei Taubstummen, diese Sorte von Behinderten ist oft in erschreckend guter körperlicher Verfassung!«

Mit derlei Sottisen aus dem Wunderland des schlechten Geschmacks würzt _(* Walter Moers: »Schöner leben mit dem ) _(kleinen Arschloch«. Eichborn Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 91 Seiten; 24,80 ) _(Mark. ) der Mönchengladbacher Kinderbuchautor und Karikaturist Walter Moers das Druckwerk »Schöner leben mit dem kleinen Arschloch«.

Bei dem Band* handelt es sich um ein Serienprodukt eines Erfolgs-Comics: Rund zwei millionenmal haben sich Moers'' in 15 Kladden gesammelte Abenteuer verkauft, die fiese Titelfigur wird, zumal unter jüngeren Lesern, als deutsches Pendant zu den MTV-Kultidioten Beavis und Butt-head gehandelt.

Am Donnerstag vergangener Woche allerdings sollte der juvenilen Begeisterung für den kleinen Widerling der Garaus gemacht werden: Bayerische und rheinland-pfälzische Jugendbeamte plädierten bei einer Anhörung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) für eine Indizierung des Moers-Werks.

Die Chancen der Antragsteller schienen gut zu stehen, hatte doch das von der BPjS bestellte Gutachten ihre Ansicht bestätigt, die »bunte Mischung aus Satire, Witzelei und Nonsens« verwirre insbesondere die »Altersgruppe der 8bis 14jährigen« und desorientiere sie sozialethisch.

Was die Antragsteller aus Mainz und München allerdings nicht wußten: Die BPjS hatte den Heidelberger Pädagogikprofessor Ernst Zeitter weniger aus Zweifeln an der sozialethischen Verträglichkeit der Comic-Figur als Gutachter angeheuert, sondern, so die stellvertretende Vorsitzende Bettina Brockhorst-Reetz, wegen »unbefriedigender Begründungen in den Indizierungsanträgen«.

Der Komik des Adolf-Grimme-Preisträgers Moers, der zugleich für den TV-Kinderliebling Käpt''n Blaubär und für geschmacksfreie Titanic-Cartoons verantwortlich zeichnet, konnte sich auch Experte Zeitter trotz seines ablehnenden Gesamtvotums nicht ganz entziehen.

Wo die Rheinland-Pfälzer die »Grenze humorvoller Frivolität« deutlich überschritten sahen - weil etwa »das männliche Glied als der Mercedes unter den Geschlechtsorganen« (Moers) gelte, im erregten Zustand eine »Länge von 60 cm« erreiche und »ungefähr drei Kilo« wiege -, befand der Hochschullehrer: »Schöner kann man männliche Potenzphantasien nicht auf die Schippe nehmen.«

Den galanten Ratschlag »Zum Vorbereiten des Geschlechtsverkehrs führen Sie die Frau in ein Restaurant. Sobald Sie am Tisch sind, setzen Sie Ihre ,Markierung'', indem Sie rund um den Platz der Dame urinieren«, fand Zeitter schlichtweg »tierisch gut«.

Nach Bonn angereist war auch der Frankfurter »Arschloch«-Verleger Vito von Eichborn, der zwei weitere Expertisen hatte anfertigen lassen.

Das Gutachten des Frankfurter Jugendbuchforschers Bernd Dolle-Weinkauff belehrte die Zuhörer, daß gerade behinderte Mitbürger ein Recht auf satirische _(* Mit »Kleines Arschloch«-Plastik im ) _(Hamburger Erotic-Art-Museum. ) Gleichbehandlung einfordern dürften - alles andere bedeute »für sie eine weitere Stufe der Verhinderung von Partizipation am ,normalen'' Leben«.

Der Berliner Fachmann Fritz Weigle, einziger deutscher Professor für Karikatur und unter dem Aliasnamen F. W. Bernstein selber als Humorist aktiv, sekundierte: Kleine Arschlöcher hätten »die Lizenz, ja die Pflicht, sich über alle Regeln und Normen hinwegzusetzen«. Am Ende drohte der Eichborn-Anwalt gar ein drittes Gutachten an, um den Kunstrang des abscheulichen Wichts zu zementieren.

Das aber erwies sich als unnötig. Das in voller Stärke angetretene Zwölfergremium der Bundesprüfstelle verwarf den Indizierungsantrag - warum, wird die Welt wohl nie erfahren: Presse und Betroffene waren von der Schlußberatung ausgeschlossen. Für die vom modernen menschlichen Dasein gebeutelten Deutschen jedenfalls bedeutet die Entscheidung: Weiterleben mit dem kleinen Arschloch. Y

* Walter Moers: »Schöner leben mit dem kleinen Arschloch«. EichbornVerlag, Frankfurt am Main; 91 Seiten; 24,80 Mark.* Mit »Kleines Arschloch«-Plastik im Hamburger Erotic-Art-Museum.

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