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SCHULJAHR Grenze des Erträglichen

aus DER SPIEGEL 4/1966

Im Kultusministerium zu Mainz hielt am vergangenen Mittwoch der Hausherr und Christdemokrat Eduard Orth »Hohes C«, Rheinwein und Tabellen für seine Gäste bereit. Aber hinreichend Aufklärung zum Thema der Pressekonferenz - Schuljahresbeginn künftig im Herbst statt wie bisher Ostern - vermochte der Minister nicht zu geben.

Orth zu den Journalisten: »Wenn Sie's nicht verstehen, schämen Sie sich' nicht.« Orth über Orth: »Ich kapier's jetzt noch nicht ganz.« Orth schlechthin: »Das kapiert keiner, warum mer des mache.«

Gespräche dieser Art und mit diesem Ergebnis wurden in der vergangenen Woche in allen deutschen Kultusministerien, in allen Schulen und in vielen Elternhäusern geführt. Kein anderes Thema beschäftigt gegenwärtig die Deutschen so wie die verwickelte Verlegung des Schul-Anfangs, die am vorletzten Wochenende von den elf Kultusministern in Bonn beschlossen wurde.

Ein Jahrzehnt lang werden die bundesdeutschen Schulen unter dieser Umstellung zu leiden haben. Zum dritten Male innerhalb eines Vierteljahrhunderts wird in Deutschland die Jahreszeit gewechselt, zu der eingeschult, versetzt und entlassen wird. 1941 wurde von Ostern auf den Herbst umgeschaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Regelung aus der NS-Zeit im mittlerweile föderalistischen Westdeutschland mühsam wieder rückgängig gemacht. Nur Bayern blieb dem Herbst treu.

Dreimal entschieden die bundesdeutschen Kultusminister über den Beginn des Schuljahres: Im Juli 1954 waren sie sich darüber einig, daß weiterhin Ostern zu den Griffeln gegriffen werden sollte; im Oktober 1964 darüber, daß der Herbst der bessere Termin sei; und jetzt im Januar 1966 darüber, wie das Schuljahr verlegt werden soll.

Doch die »gesamtbundesrepublikanische Regelung« (Hessens Kultusminister Schütte), auf die sich die Schul-Föderalisten nach jahrelangen Disputen nun geeinigt haben, löste einen bundesweiten Proteststurm aus. »Man fühlt sich geradezu in alte Dynastien versetzt, in denen jeder Landesfürst die Dienstzeiten nach eigenem Gutdünken bestimmte«, urteilte die »Stuttgarter Zeitung«. Nun sei der »Kulturföderalismus an die Grenze des Erträglichen getrieben« worden, klagte. Professor Rodenstein, Chef der westdeutschen Lehrerverbände (110 000 Mitglieder).

Eltern, Schüler und Lehrer haben bislang nur zum Teil erfahren, was ihnen in den nächsten Jahren bevorsteht. Die Schalt-Pläne sind so kompliziert, daß - so Bremens Bildungs-Senator Moritz Thape - »kaum die Fachleute« präzise Auskünfte geben können. Thape: »Ich schon gar nicht.« Der »Rheinische Merkur« stellte fest, daß Erläuterungs-Versuche »zum Teil in mathematische Exzesse ausarten«.

Und über zahlreiche wichtige Details haben die Kultusminister noch nicht einmal entschieden. West-Berlins Schulsenator Carl-Heinz Evers will einen »Brief an alle Eltern« erst schreiben, wenn sich die Nebel gelichtet haben.

Gemeinsam ist in allen Bundesländern beim Umzug in den Herbst, der nur den Bayern erspart bleibt, lediglich:

Deine Schalt-Zeit von sechzehn Monaten - zwischen dem letzten Oster-Termin 1966 und dem ersten Herbst-Termin 1967;

- vorläufig eine dreizehnjährige Schulzeit für alle Abiturienten; wer irgendwann Ostern als ABC-Schütze begonnen hat, macht auch weiterhin Ostern - und nicht im Herbst - sein Abitur.

Fünf Bundesländer (Nordrhein-Westfalen, Hessen, Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg) entschieden sich für die »süddeutsche Lösung« (siehe Graphik). Hier wird die Schalt-Zeit in zwei Kurzschuljahre - vom 1. April bis 30. November 1966 und vom 1. Dezember 1966 bis 31. Juli 1967 geteilt. Am 1. Dezember 1966 werden neue Schulanfänger aufgenommen, die anderen Schüler werden wie am Ende jedes normalen Schuljahres in die nächste Klasse versetzt.

Fünf Bundesländer (Hamburg. Bremen, West-Berlin, Schleswig-Holstein und Niedersachsen) entschieden sich für die »norddeutsche Lösung«. Hier besteht die Schalt-Zeit aus einem Langschuljahr mit demselben Pensum wie bei der »süddeutschen Lösung«, aber ohne Einschulung und Versetzung. Beispielsweise kommen Schulanfänger zu Ostern 1966 in die Klasse 1/2, aus der im Herbst 1967 in die Klasse 3 versetzt wird.

Eine Ausnahme soll es nur für die Kinder geben, die Ostern 1966 in die Klasse 4/5 der Volksschule kommen und auf ein Gymnasium überwechseln wollen. Um sie nicht im Herbst 1967 aus der Volksschule gleich in die Quinta der Oberschule versetzen zu müssen, sollen sie in allen fünf Nord-Ländern mitten im Langschuljahr, wahrscheinlich im Februar 1967, in Sexten umgeschult werden. Es werden Kurz-Sexten ohne Beispiel in der deutschen Schulgeschichte sein; effektive Unterrichtszeit: 19 Wochen.

Während hinsichtlich des Schul-Beginns von Herbst 1967 an zwischen Nord, Süd und Bayern Einheitlichkeit bestehen wird, bleiben hinsichtlich des Schul-Abgangs wesentliche Unterschiede:

- Im Norden, wo das neunte Schuljahr überall eingeführt ist, gilt für die Volksschüler derselbe Grundsatz wie für Gymnasiasten: Wer Ostern eingeschult worden ist, wird auch Ostern aus der Schule entlassen.

- Im Süden, wo das neunte Schuljahr bislang nur teilweise oder überhaupt noch nicht besteht, können die Bundesländer die Dauer der Schulzeit unterschiedlich festsetzen. In der Regel wird im Herbst entlassen, und das Ziel ist dabei die allmähliche Einführung des neunten Schuljahres. So wird für die Geburten-Jahrgänge 1952 bis 1959 die Schulzeit acht Jahre vier Monate betragen, für den Jahrgang 1960 dann acht Jahre acht Monate und ab Jahrgang 1961 schließlich volle neun Jahre.

- In Bayern wird das neunte Schuljahr - bislang nur für einige hundert Freiwillige - vom Herbst 1967 an unabhängig von der Regelung in allen anderen Bundesländern schrittweise eingeführt.

Hauptproblem in den Ländern mit »süddeutscher Lösung«, wo ohnehin der Lehrermangel größer ist als im Norden: innerhalb kurzer Zeit muß die Zahl der Lehrer und Klassenräume beträchtlich erhöht werden. Nordrhein-Westfalen meldete einen Mehrbedarf von 5000 Lehrern. Baden-Württembergs Kultusministerium ermittelte ebenfalls die künftigen Soll-Zahlen, macht sie aber nicht publik. Ministerialrat Piazolo: »Sie waren so niederschmetternd.«

Größte Schwierigkeiten in den Nord-Ländern: Es gibt an den Schulen

- wegen der weit auseinanderliegenden Einschulungs-Termine Ostern 1966 und Herbst 1967 zu diesen beiden Zeitpunkten einen stärkeren Ansturm von Abc-Schützen als sonst, der zum Beispiel in Hamburg zum Teil in Baracken aufgefangen werden muß,

- wegen des Langschuljahres, an dessen Ende die Schüler gleich in die übernächste Klasse versetzt werden, neun Jahre lang das Vakuum einer Jahrgangs-Klasse mit fatalen Folgen für Sitzenbleiber (siehe SPIEGELInterview Seite 35) und

- eine Verdoppelung der Abgangs-Klassen jeweils in der Zeit von Herbst bis Ostern; alle Nord-Schüler müssen die acht Monate, die sie während des 16monatigen Übergangs-Schuljahres 1966/67 versäumen, in der letzten Klasse nachsitzen. In den nächsten Jahren »werden immer wieder Schwierigkeiten auftauchen, an die niemand gedacht hat« (Bremens Bildungs-Senator Thape). Lehrpläne und Ferienordnungen kommen ins Wanken. Für Schüler mancher Jahrgänge wird der Wechsel von einem Bundesland in ein anderes zum gefährlichen Abenteuer. Und zahlreiche Grenzfälle zeichnen sich schon heute ab. So stehen in den nächsten Wochen niedersächsische Eltern vor dem Problem, ob sie ihre Kinder mit fünf Jahren neun Monaten zu Ostern 1966 oder aber mit sieben Jahren vier Monaten im Herbst 1967 einschulen sollen.

Und überall in der Bundesrepublik wird ausgerechnet die Oberprima, die zahlreiche Experten für überflüssig halten, zur wichtigsten Klasse des Gymnasiums: mit 20monatiger Dauer.

Angesichts dieser Perspektiven lobte Kultusminister Orth die Presse: »Die habbe geschribbe, daß mer verrückt sin.«

Kultusminister Orth

»Warum mache mer des?«

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