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Grenzen des Lachstums

Global Village: In Kanada beraten Indianerhäuptlinge, was sie gegen norwegische Fischfarmen unternehmen können.
aus DER SPIEGEL 43/2009

Ich spüre die Nähe unserer Ahnen«, sagt der Mann mit der Schamanentrommel. Er meint nicht die golfspielenden Ruheständler, die zur Mittagspause das Hot Springs Resort durchschleichen. »Alles hier ist heilig«, singt er jetzt und klopft in gleichmäßigem Viervierteltakt, »das Land, die Tiere. Ich spüre gute Gefühle. Die guten Gefühle tragen uns bei unserem Treffen.«

Es klingt wie ein Ganzheitlichkeits-Workshop, wie abgeschmackte Esoterik. Aber das hier ist »the real thing«. Das hier ist ernst.

Im Miama Room des Resorts von Harrison Hot Springs, westlich der Rocky Mountains, treffen sich die Häuptlinge der First Nations. So nennen sich die Indianer in Kanada. Ein gastgebender Schamane, zwei Frauen und ein gutes Dutzend schwerer Männer in Daunenwesten. Und ein Problem: Der Lachs ist weg.

Der Sockeye Salmon genauer gesagt. Kultfisch des Fraser River, Ikone von Kanadas Westen. Diesen Herbst ist der Fraser, einst lachsreichster Fluss Nordamerikas, fast verwaist: »Die Regierung hat 10,6 Millionen Fische vorhergesagt. Bisher sind nur anderthalb Millionen zurück. Wo sind die anderen?«

Das fragt sich Chief Bob Chamberlin vom Stamm der Kwicksutaineuk-ahkwa-mish, tellerflacher Bürstenschnitt und eine Vergangenheit, die er selbst als »Rock'n'Rolling« bezeichnet. Inzwischen ist Chamberlin trocken und seit vier Jahren einer der tonangebenden Indianer-Chiefs in Kanadas Westprovinz British Columbia.

Lachse sind heilig hierzulande. Es gibt Lachszeremonien, wenn die ersten Schwärme aus dem Pazifik zurückkehren, sich durch die Stromschnellen des Fraser River, den Canyon bei Hell's Gate hochkämpfen, jeden Strömungsschatten ausnutzend, und all dies nur, um am Oberlauf laichend zugrunde zu gehen. Die Bären leben von den Lachsen. Ganze Vogel- und Insektenarten ernähren sich davon. Und die First Nations sowieso. Ohne Lachs bricht hier alles zusammen. Vor zwei bis drei Jahren sind die Junglachse wie gewohnt aus dem Fraser in den Pazifik geschwommen. Jetzt müssten sie längst zurückgekehrt sein. Sind sie aber nicht. Ausgerechnet die besonders begehrten Rotlachse sind verschwunden. Neun Millionen Tiere - weg.

»Okay«, sagt Chamberlin. Es kann am Klimawandel liegen. »Der Nordpazifik ist wärmer geworden. Aber daran können wir First Nations nichts ändern.« Es kann an den Fischfarmen liegen, draußen vor Vancouver im Pazifik. Vollgestopft mit Zuchtlachs und dementsprechend auch mit Parasiten. »Die beiden größten Farmen gehören Norwegern. Dem norwegischen Staatlichen Pensionsfonds, der die Öleinnahmen verwaltet. Unsere Lachse müssen die Farmgebiete passieren und werden dabei von Parasiten befallen«, sagt Chamberlin und meint damit vor allem Lachsläuse (Lepeophtheirus salmonis), die sich an die kaum größeren Jungfische hängen wie in einer Szene aus »Aliens«.

Deswegen sitzen die Chiefs jetzt in Harrison Hot Springs, in Gruppen zu zweien und dreien, und hoffen, dass die Ahnen ihnen beistehen mögen.

Es geht darum, einen First Nations Fischereirat zu bilden und von der Provinzregierung eine strengere Kontrolle der Zuchtfarmen zu verlangen.

Die Ureinwohner Kanadas haben zwar ein Verfassungsrecht aufs Fischen, konnten sich aber in den letzten 20 Jahren nicht auf eine gemeinsame Haltung einigen, wie der Lachs zu verteilen sei. Deswegen stehen die Tische im Miama Room auch ziemlich weit auseinander.

»Manche Stämme arbeiten für die Fischfarmen. Die leben in der Stadt, kaufen ihren Lachs im Supermarkt. Denen ist egal, ob flussaufwärts noch Lachse ankommen oder nicht«, sagt Chief Chamberlin.

Dann gibt er einen kurzen Abriss der Verhandlungen, der beteiligten Subkommissionen, Interessengruppen, der Fundamentalverweigerer und der Kollaborateure. Es klingt wie das Protokoll einer Uno-Abrüstungskonferenz. Vermutlich ist das so, wenn über 50 Stämme sich einigen sollen, von denen jeder einzelne als Nation auftritt, mit eigener Sprache, eigener langer Geschichte. Und ebenso viel Zeit zum Palavern.

Aber die Zeit drängt. Der Lachs ist ausgeblieben diesen Herbst. Irgendetwas da draußen auf dem Pazifik läuft schief. »In Norwegen sperren sie ganze Fjorde für die Fischfarmen, um den Wildlachs zu schützen. Aber hier soll die Zucht keinen Schaden anrichten? Nonsens.«

Zumal die Farmen eine Lachsart züchten, die ganz woanders herstammt, aus dem Atlantik, sagt Chamberlin. Weiß man denn, was passiert, wenn eine fremde Population sich ausbreitet, die Nahrung wegnimmt, Seuchen verbreitet und Krankheiten, denen die Einheimischen schließlich zum Opfer fallen?

Das weiß man. Das braucht man den Indianer-Chiefs in Harrison Hot Springs nicht zu erzählen. ALEXANDER SMOLTCZYK

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