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Serie (4) | DAS EUROPA DES HANDELS Grenzenlose Gewinne

Marktwirtschaft, Kapitalismus, Globalisierung - alles, was sich heute durchgesetzt hat, entstand in ersten Ansätzen im Europa des Mittelalters. Handelsdynastien wie die Fugger waren europaweit aktiv - auch mit Bestechungsgeldern für Kaiser und Fürsten. / VON WOLFRAM BICKERICH
Von Wolfram Bickerich
aus DER SPIEGEL 5/2002

Es war der erste Gemeinsame Markt in Europa. Die Händler kamen mit ihren Fuhrwerken aus Norditalien und Flandern, aus Köln und London - und alle hatten ein Ziel: die Champagne. Im 13. Jahrhundert war in der französischen Grafschaft fast das ganze Jahr Jahrmarkt; erst in Lagny-sur-Marne und in Bar-sur-Aube, dann je zweimal in Provins und Troyes. Sechsmal sechs Wochen trafen sich auf den Straßen und Plätzen die Kaufleute aus den Gegenden, die auch heute noch die Wirtschaftszentren der Europäischen Union sind.

Ausführliche Vorschriften regelten auch damals schon den Markt: Nach einer Woche für den Aufbau der Stände durften 10 Tage Stoffe und Pelze verkauft werden, dann 11 Tage Lederzeug und 19 Tage alle anderen Waren. Am Schluss blieben ein paar Tage für das Begleichen der Rechnungen reserviert.

Die Champagne-Messen, damals die wichtigsten in Europa, funktionierten fast wie ein Binnenmarkt. Der Staat, das abgrenzende und alles verschlingende Wesen, war noch nicht so weit gediehen, dass er den Händlern Schwierigkeiten machen konnte. Steuern und Zölle waren noch erfreulich unterentwickelt, Grenzen kaum genau bekannt oder durchlässig.

Im Gegenteil, die Obrigkeit tat alles, um die Geschäfte zu erleichtern. Der Graf nahm die Kaufleute, die auf die Märkte seiner Herrschaft reisten, unter sein Geleit. Die »Coutumes«, die Handelsbräuche, bestimmten gar: »Der Herr muss ihnen alle Waren ersetzen, die sie unterwegs einbüßen.«

Das Messerecht galt fast überall in den Wirtschaftsgebieten, die durch diesen gemeinsamen Markt verbunden waren. Wer in der Champagne seine Schulden nicht bezahlt hatte, wurde daheim von den Gerichtsschöffen zur Rechenschaft gezogen - Messerecht brach sogar Landesrecht. Vorausgesetzt, die Beweislage war ausreichend. Den Kollegen riet ein Genueser Kaufherr daher in seinem Handbuch: »Denke immer daran, alles, was du unternimmst, aufzuschreiben. Schreibe es sofort auf, ehe du es vergisst.«

Das 13. Jahrhundert war das goldene Zeitalter des freien Handels, und die Kaufherren seine heimlichen Herren. Sie waren gebildeter als die meisten Zeitgenossen - sie konnten schreiben, rechnen und oft auch Latein. Sie waren weit gereist und welterfahren - und sie hatten bald etwas, was in der späteren Wirtschaftsgeschichte noch eine große Rolle spielen sollte: Kapital.

Was viel später Kapitalismus und Marktwirtschaft hieß, nahm hier in Europa seinen Anfang. Die Fernhändler arbeiteten als Erste nicht mehr vorrangig für den eigenen Bedarf, sie versuchten sogar, bei anderen überhaupt erst das Bedürfnis nach Konsum zu erregen. So entstand allmählich ein Wirtschaftssystem, das von Arbeitsteilung, Gewinnstreben und Investitionsbereitschaft gekennzeichnet und von Angebot und Nachfrage gesteuert war.

Die beiden einzigen uns namentlich bekannten Fernhändler der frühesten Zeit hatten schon reichlich von dem neuen Kapital aufgehäuft, um ihre Transaktionen vorzufinanzieren. Der Kölner Gerhard Unmaze (1159 bis 1198) war aus der mittleren erzbischöflichen und lokalen Verwaltung hervorgegangen, als Untervogt, Zöllner, Schöffe und Amtmann in einer Person ein erstes Beispiel für den kölschen Klüngel. Unter dem Titel »Der gute Gerhard« hat der mittelhochdeutsche Dichter und Ritter Rudolf von Ems ein Hohes Lied auf Leben und Arbeit des vielseitigen Unternehmers gesungen. Auch sein Zeitgenosse Hugo von Hildesheim stammte aus der städtischen Führungsschicht; der Handelsherr machte seine Geschäfte zwischen seiner Heimatstadt, Lübeck und Livland.

Diese Händler waren die Avantgarde ihrer Zeit. Das gemeine Volk reiste nicht, kannte nicht die Welt. Die Bauern hatten ihr Auskommen daheim. Bürger und Handwerker - das waren nachgeborene Söhne von Bauern ohne Land - zog es erst langsam in die wachsenden Städte. Die vielen Unfreien wurden noch wie Sklaven verkauft.

Man versorgte sich selbst, beschaffte beim Höker das Nötigste und beim Krämer den Kleinkram. Nur an den wenigen Markttagen oder Kirchmessen ließ sich beim fahrenden Volk, wozu die Fernhändler gehörten, ein besonderer Stoff, ein Säckchen Pfeffer oder Muskat oder gar ein Winterpelz ergattern, meist per Tausch, denn Geld war ziemlich unbekannt.

Es waren wohl die Kreuzfahrer, die bei ihrer Rückkehr in die Genügsamkeit des Hochmittelalters von den sagenhaften Genüssen des Orients erzählten und die Sehnsucht nach anderen Gewürzen, neuen Stoffen oder edlem Schmuck weckten. Aus den Wünschen wurden Importe, und so begann der Aufstieg Venedigs zum Umschlagplatz der damaligen Welt. Die Venezianer, die den Kreuzfahrern bei der Überfahrt geholfen hatten, vermittelten über Jahrhunderte zwischen Rom und Byzanz, zwischen Oberitalien und der ägyptischen oder levantinischen Küste. Von Venedig aus schafften Wagemutige die Waren durch das kaum erschlossene Europa zu den Märkten und Messen.

Das Netz der Handelswege reichte bis in die letzten Enden der damals bekannten Welt. Der Venezianer Marco Polo kam auf seinen Forschungsreisen bis nach Peking und begründete so den Fernosthandel. Es war eine erste Globalisierung, in mittelalterlichem Maßstab - noch beschränkt auf wenige Güter und ohne den erbarmungslosen Kosten- und Konkurrenzdruck heutiger Weltmärkte.

Wie um die Wende zum 19. Jahrhundert die industrielle Revolution wälzte vom 11. Jahrhundert an die Handelsrevolution die Lebensverhältnisse um. Die hergebrachte Agrarwirtschaft war mitsamt ihrer Böden erschöpft und brauchte neue Produktionsmethoden. Der Handel bot einer stark wachsenden Bevölkerung neue Möglichkeiten, neue Berufe, neue Nahrungsmittel.

Fernhändler verbanden nun erstmals professionell und dauerhaft die regionalen Zentren - die sich damals zu Städten formierten -, indem sie die jeweils anderswo benötigten und begehrten Produkte erst tauschten, später auf eigene Rechnung erwarben und dann mit Gewinn weiterverkauften. Sie knüpften persönlich oder über Berufskollegen die Kontakte zu denen, die man heute Anbieter nennt.

Und sie erweiterten das Angebot: Sie erstanden in Konstantinopel Gewürze, die arabische Händler aus Indien herbeischafften. Sie tauschten Goldstaub aus dem Senegal gegen Wolle aus England, Silber aus dem Schwarzwald, Seide aus China. Sie halfen mit, die Weiten Russlands zu erschließen, indem sie Felle, Honig und Wachs erwarben und in Gegenrichtung Getreide aus Frankreich, Stoffe aus Flandern, Salz aus Lüneburg lieferten.

Sie entdeckten die Marktlücken, gingen Risiken ein - und machten, wenn''s gut ging, mit ihrer jeweiligen New Economy riesige Gewinne. Ging''s schlecht, fielen sie Meeresstürmen oder reißenden Flüssen, Räubern, Piraten oder plündernden Soldaten zum Opfer.

Um das Schlimmste, den Verlust ihres Geldbeutels, zu verhüten, erfanden Berufskollegen aus Genua schon im zwölften Jahrhundert den bargeldlosen Zahlungsverkehr: Gulden oder Gold - ohnehin rar in einer Gesellschaft, die auf lokaler Ebene noch wie Hans im Glück tauschte - konnten nun »per Cambio«, durch den Wechselbrief, ersetzt werden.

Die Bedürfnisse der überregionalen Kaufleute erzwangen gegen Ende des Mittelalters den gesellschaftlichen Fortschritt, mit einheitlichen Regeln, Gesetzen, sogar vielerorts anerkannten Währungen, die von Münzhändlern und Wechslern zum Geldwert getauscht wurden. Dabei waren die Verkehrswege desolat; über Land führten nur Saumpfade. Von Papst Johannes XXII. ist der unchristliche Ruf überliefert, als 1414 seine Kutsche auf der Fahrt zum Konstanzer Konzil am Arlberg in den Sumpf fiel: »Jaceo hic in nomine diaboli«- Ich liege hier im Namen des Teufels.

An Land schafften Pferde und Karren im Schnitt nur fünf Meilen am Tag. Außer Kaufleuten und Reisenden war niemand an guten Straßen interessiert: Je schlechter die Wege, desto besser für Schmiede, Kärrner oder Gastwirte. Es gab sogar ein »Grundruhrrecht«, wonach der Inhalt von Unfallwagen dem jeweiligen Grundeigentümer zufiel.

Die meisten Waren wurden deshalb mit Schiffen geliefert. An Flüssen und Küsten erblühten die Hafenstädte, aber dann auch die Zollstationen: Auf dem Rhein waren es 64, auf der Elbe 35, an der Donau 77. Als nach und nach die Landwege verbessert wurden, konnten regelmäßige Post- und Kurierdienste eingerichtet werden. Briefe von Köln nach Brügge brauchten etwa eine Woche, doppelt so lange von Augsburg nach Venedig. Die Nachricht vom Fall Konstantinopels 1453 erreichte Venedig dagegen erst nach genau einem Monat.

Die wachsende Händlerschaft war auf ein funktionierendes, schnelles Informationssystem angewiesen und drängte auf Verbesserungen: Das Haus Taxis erhielt 1490 vom habsburgischen Kaiser das Postmonopol für das gesamte Reich zwischen Italien und Nordsee; noch heute erinnert weltweit jedes Taxi daran.

Die Wirtschaftsgeschichte Europas ist jedoch keineswegs eine durchgehende Gerade zu Wohlstand und Erfolg. Im 14. und 17. Jahrhundert sorgten Pest oder Kriege für gravierenden Bevölkerungsschwund und damit für Rezessionen, deren Folgen - anders als heute - erst nach mehreren Generationen überwunden werden konnten.

Immer wieder wurde die langsam sich entwickelnde Marktwirtschaft durch Eingriffe der Obrigkeit gestört. Fast alle Händler wollten sich ihre Gewinne allzu gern durch staatlich geschützte Monopole oder Kartelle sichern, wie es internationale Konzerne, allerdings illegal, heute noch versuchen.

Dabei führt Marktwirtschaft nur dann zum größten Nutzen für die größte Zahl, wenn sie immer offen für neue Anbieter ist und also möglichst wenig staatliche Hürden und möglichst wenig Teilnahmebeschränkungen aufstellt. Die erste überregionale Wirtschaftsgemeinschaft der Welt, die Hanse, scheiterte gerade an ihren Monopolansprüchen. Denn am Ende konnte sie diese nicht gegen die wachsende neue Konkurrenz durchsetzen.

Die Hanse entwickelte sich im zwölften Jahrhundert aus einem berufsständischen Verein von Kaufleuten, die sich im Nord- und Ostseeraum gegenseitig Hilfe leisteten. Die 1161 gegründete »Gemeinschaft der Kaufleute des Römischen Reichs, die Gotland besuchen« war die Keimzelle der Hanse - das Wort bedeutet »Schar« im Gotischen.

Sie brachten die Heringe aus der Gegend der schwedischen Halbinsel Schonen mit dem Salz aus Lüneburg zusammen. Damit und mit Privilegien der Obrigkeiten verschafften sie sich ein Versorgungsmonopol für den Winter und die Fastenzeit; das christliche Fastengebot galt immerhin an 140 Tagen des Jahres. Man hat ausgerechnet, dass in der Saison 300 000 Fischer auf 40 000 Booten die Fänge lieferten.

Bald wandte sich die Flotte anderen Exportgütern zu. Ihre Kaufleute tauschten Tuche aus Flandern, wo eine Textilproduktion entstand, gegen Rohprodukte und Getreide aus Osteuropa. Sie verkauften Bier aus Hamburg oder Wismar ins niederländische Friesland, wo Bierfässer zur ersten örtlichen Handelswährung wurden. Von ihren ersten Zentren in Lübeck oder Visby auf Gotland operierten sie zwischen ihren eigenen Kontoren und Lagerhäusern, dem Peterhof in Nowgorod und dem Stalhof in London. Dort hatten sie Zoll- oder Niederlassungsfreiheit sowie das Stapelrecht erworben. Stapelrecht bedeutete, dass die Ladung eines Schiffes im Hafen vor jedem Interessenten »gestapelt«, ihm also gezeigt werden konnte.

Hanseatisch korrekt waren Verwaltung und Besitzverhältnisse vom Peterhof: Je ein Bürger der Hansestädte Visby, Lübeck, Dortmund und Soest besaß einen Schlüssel zum Hof. Um 1300 verschmolz der Berufsbegriff mit der Herkunft der Kaufleute: Ihre Heimatorte werden »die stede von der dudeschen Hanse« genannt - immer noch kein fester Städtebund mit Interventionsregeln oder gar gemeinsamen Gesetzen, aber mit großer Anziehungskraft. Bis zu 200 Mitglieder zählten sich über die Jahrhunderte selbst zur Hanse und fühlten sich dann den gemeinsamen Prinzipien - Rechtsschutz und Handelsfreiheit - verpflichtet.

Das galt aber nur untereinander, den Mitgliedern gegenüber. Konkurrenten hielt der Bund nieder, indem er ihnen nach einer Lieferung in eine Hansestadt für den Rückweg den Frachttransport verbot. Die Hanse stand keineswegs für liberalen Freihandel, sondern bildete ein striktes Transport- und Außenhandelsmonopol. Wenn überhaupt Hansestädte zu den Waffen riefen - selten genug, da Kriegszeiten den Handel und damit den Profit der Kaufherren störten -, dann ging es eigentlich immer um die Verteidigung lieb gewordener Vorrechte gegenüber Konkurrenten.

Wichtigstes Privileg: Nur die etwa 1000 Koggen der Hansestädte zwischen Riga und der Schelde-Mündung durften die Heringsmärkte auf Schonen anfahren und den dänischen Sund zoll- und steuerfrei passieren. Jedes Schiff trug 60 bis 80 Tonnen; damit schlug die Hanse in guten Jahren etwa 200 000 Tonnen um, meist an Massengütern.

Die Organisation dieses europäischen Handelsbundes kam mit einem Minimum an Gremien und Bürokratie aus. Oberste Instanz war der Hansetag, der unregelmäßig in Lübeck und nie mit allen Mitgliedern stattfand. Dessen Beschlüsse waren bindend; wer dagegen verstieß, wurde »verhanst«, mithin ausgeschlossen. Es gab keine Beiträge und keinen Etat. Doch entwickelte sich im Lauf der Jahre der ungeschriebene Kodex vom ehrbaren Kaufmann, der seine Erfahrung und seine Privilegien nicht zum Wucher, sondern zu möglichst gerecht(fertigt)en Preisen nutzt.

Allerlei merkwürdige Bräuche pflegten die Hanseaten freilich auch. Berüchtigt waren die »Bergener Spiele«. Jährlich zur Pfingstzeit quälte das norwegische Hansekontor Neulinge mit einem ausgesucht fiesen Aufnahmeritual. Dreimal ins Hafenbecken geworfen und mit Maibüschen beim Auftauchen gepeitscht - das war nur der Auftakt.

Nach einem »Narrengericht« mit Prügelstrafe hängte man die künftigen Vertreter der Hanse schließlich in einen qualmenden Rauchfang und unterzog die fast Erstickenden dabei einem albernen Aufnahmequiz. Die Grausamkeiten, so wurde erklärt, sollten verhindern, dass verzärtelte Kaufmannssöhnchen in der Gilde unterkamen - in der Hanse hatte auch der einfache Mann eine Chance.

Typisch für den Bund war allerdings der hansische Großkaufmann, wie ihn etwa der um 1420 in Dortmund geborene Hinrich Castorp verkörperte. Nach Lehrjahren in Brügge ließ er sich in Lübeck nieder, wurde mit einem Vermögen von 25 000 lübischen Mark einer der reichsten Männer der Stadt, bald auch Ratsherr und schließlich Bürgermeister. Der vielseits gebildete Castorp entwickelte sich vom Kaufmann zum Staatsmann und war als diplomatischer Schlichter in europäischen Konflikten gesucht. Seine - und der Hanse - Abneigung gegen kriegerische Verwicklungen ist in dem Spruch überliefert: »Leicht ist das Fähnlein an die Stange gebunden, aber es ist schwer, es mit Ehren wieder abzunehmen.«

Die Hanse war ein Sammelort unterschiedlichster Interessen, denen sich nur selten Binnen- und Hafenstädte gleichermaßen verpflichtet fühlten. Das Bündnis half zum Beispiel 1391 Klaus Störtebeker und seinen Vitalienbrüdern, die dänische Blockade von Stockholm zu durchbrechen. Vier Jahre später setzten Hamburger Kriegsschiffe den Freibeuter in der Nordsee fest. Streit auch um Köln, das eine hansische Handelssperre gegen England nicht mittrug und deshalb 1471 verhanst wurde, wenn auch nur für sieben Jahre.

Das Ende der Hanse fiel etwa mit der Umkehrung der Handelsströme nach der Entdeckung Amerikas und der neuen Seewege zusammen. Der Osthandel über See verlor an Bedeutung, als Zar Iwan III. 1487 Nowgorod eroberte und die Hanse verjagte. England hatte schon vorher - 1567 dann mit Erfolg - verlangt, die Hanse müsse ihre Häfen auch englischen Schiffen öffnen.

Die hansischen Kaufleute waren nicht mehr auf der Höhe der Zeit. So schafften es die Lübecker nicht, in ihrer Stadt eine eigene Bank zu gründen. Nach dem Tod der Florentiner Bankiers Ludovico Baglioni und Gerardo Bueri, die an der Trave das Kredit- und Wechselgeschäft betrieben hatten, übernahmen Nürnberger Handels- und Bankhäuser diese Funktion. Die lübischen Kaufleute kannten sich mit den Geheimnissen des bargeldlosen Geldverkehrs und der neuen, doppelten Buchführung »alla Veneziana« nicht aus. So verlagerte sich das Zentrum des wirtschaftlichen Erfolgs von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an zunehmend nach Süddeutschland.

Das Ende der Hanse kam aber auch, weil das Wirtschaftsbündnis sich nie zu einer politischen Macht entwickeln konnte - und auch nicht wollte. Politik war den Kaufleuten egal, solange die Geschäfte liefen.

Dem wachsenden Machtanspruch der Könige und Fürsten hatten die Hansestädte nichts entgegenzusetzen. Zwar wuchs im 16. Jahrhundert überall die Bevölkerung; zwar begann überall die Landflucht armer, nicht erbberechtigter Bauernkinder in die Städte - doch die Städte waren noch klein und fielen schon deshalb als Machtfaktor aus. Zu den Metropolen der Zeit zählte Florenz mit 90 000 Einwohnern, London mit 50 000 und das Handelszentrum Gent mit 60 000. Lübeck und Köln galten mit einer Einwohnerzahl zwischen 20 000 und 30 000 schon als Großstädte, gefolgt von Nürnberg, Straßburg, Augsburg und Danzig.

Rein rechtlich wurde die Hanse selbst nach dem letzten Hansetag 1669, an dem neben Bremen, Hamburg und Lübeck noch Köln, Braunschweig und Danzig teilnahmen, niemals aufgelöst, auch wenn sie heute nur noch als eher steife Tradition hanseatischer Kaufmannschaft oder auf Autokennzeichen weiterlebt.

Die Nazis versuchten, die Geschichte der Hanse für ihre aggressive Expansion in den östlichen »Lebensraum« zu vereinnahmen. Das war eine grobe Verfälschung. Die unkriegerische hanseatische Haltung stand in krassem Gegensatz zum späteren preußisch-nationalistischen Imperialismus.

Die Leistung der Hanse war vielmehr die geschäftliche und daraus folgend die kulturelle Erschließung und Integration der Nord- und Ostsee-Anrainer - fast ohne militärische Macht, aber mit Heringstonnen, Bierfässern und Tuchballen; übrigens auch mit einer weithin geltenden Währung, der lübischen Mark.

Das Erbe der Hanse wird jetzt wieder sichtbar bei der Osterweiterung der Europäischen Union. Die alten Hansestädte im heutigen Polen und dem Baltikum berufen sich stolz auf ihre jahrhundertelangen engen Bindungen an die Bündnispartner im Westen.

Vom Niedergang der Hanse und der Verlagerung der Weltwirtschaftsströme profitierte alsbald eine neue Gruppe von Kaufleuten - diesmal nicht als Städtebund, sondern als Familienunternehmen: die süddeutschen Familienclans der Fugger, Welser, Höchstätter, Imhof oder Tucher.

Besonders die Fugger, die ersten wirklichen Kapitalisten, verließen schon bald ihr angestammtes Metier als Weber und Tuchhändler. Sie wandten sich höchst gewinnbringend dem Erzbergbau und dem Kreditgeschäft zu und waren mit ihren Millionen zeitweise mächtiger als Kaiser oder Päpste, mit denen sie innig zusammenarbeiteten: der erste Multi der Geschichte. Ein Fugger war der erste Nichtadlige, der einen Kaiser machte, und der erste Laie, der die Kirchengeschichte umkrempelte.

Der Stammvater der Fugger, Hans, begründete nach 1367 in Augsburg das Familienvermögen damit, Leinen und Baumwolle zu einem haltbaren, trotzdem preiswerten Stoff namens Barchent zusammenzuweben. Die nötige Baumwolle kam aus Ägypten via Venedig, wo deutsche Händler am Rialto eine eigene Niederlassung unterhielten.

Fuggers Einstieg in die Weltpolitik begann 1473 mit einem Besuch des hoch verschuldeten Kaisers Friedrich III. in Augsburg, wo Majestät empfohlen wurde, beim Gründerenkel Ulrich Fugger ein Seidengewand zu besorgen. Das geschah - auf Pump. Damit war ein langjähriges Darlehenskonto eröffnet, in dessen Verlauf die Fugger Bischöfe, Kurfürsten und Kaiser mit ihren Gulden schmierten, um immer mächtiger zu werden.

Sie bauten und sie beuteten die Silberbergwerke in Tirol und Kupferbergwerke in Ungarn aus und errichteten für einige Jahre ein Kupferkartell - Kupfer wurde weltweit zum Kanonenguss gebraucht. 1494 schufen sie mit dem Unternehmen »Ulrich Fugger und Gebrüder von Augsburg« die erste »offene Handelsgesellschaft« (oHG) in Deutschland, eine Firma mit eigenem Kapital und eigener Rechtspersönlichkeit. Ihr Hauptgeschäft machten sie als Banker mit der Arbitrage, also der Überweisungsgebühr.

Einer der wichtigsten Kunden war der Papst sowie die katholische Kirche, die große Summen zwischen den Bistümern und Rom transferieren ließ. Als die Fugger dem Hohenzollern Albrecht von Brandenburg 30 000 Dukaten für den Kauf der Bischofwürde von Mainz borgten, ging ein Drittel der Summe via Fugger-Bank Rom direkt an den Papst für den Neubau des Petersdoms.

Dafür wurden die Fugger am lukrativen Ablasshandel beteiligt, der allen Christensündern Nachlass ihrer Schuld versprach, wenn sie nur eifrig dem Papst, tatsächlich aber dem neuen Mainzer Bischof, spendeten. Damit finanzierten die Gläubigen die Rückzahlung des Fugger-Kredits. Immer wenn der Ablassprediger Tetzel von der Kanzel dröhnte, nun müsse »das Geld im Kasten klingen«, war ein Fugger-Angestellter in der Nähe und hatte den Schlüssel zum Kasten in der Hand.

So trugen die Fugger zu einem einschneidenden Ereignis der europäischen Geschichte bei: Weil Martin Luther sich über den Ablass aufregte, kam es 1517 zur Kirchenspaltung und zur Reformation. Die Fugger mehrten davon unbekümmert ihren Reichtum. Erzbischof Albrecht hatte seine Schuld schon bis 1527 zurückgezahlt, die Fugger aber ihr Vermögen zwischen 1511 und 1527 auf fast zwei Millionen Gulden verzehnfacht und eine Jahresrendite von durchschnittlich 54,5 Prozent erzielt.

Luther hingegen hielt alle Kaufleute für unchristlich, für potenzielle Wucherer. Er glaubte, Handel sei Teufelszeug: »Der auslendische Kauffshandel ... sollt nicht zugelassen werden«, weil er nur »Land und Leutten das Geld ausseuget«.

Zwei Jahre nach der Reformation machten die Fugger, wie sie wohl glaubten, ihr Meisterstück. Sie bestachen die wahlberechtigten Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit 543 000 Gulden, um den Habsburger Karl V. und nicht den französischen König Franz I. zum deutschen Kaiser wählen zu lassen. Beim feierlichen Wahlakt erhielt jeder Fürst zusammen mit den Wahlunterlagen einen Wechsel über die Bestechungssumme, und das Haus Fugger archivierte zum internen Gebrauch eine Aufstellung, was genau die Kaiserwahl gekostet hatte.

Als Gegenleistung erwarteten die Geschäftsleute vom Gewählten, dass der Kaiser ihnen beim Umgang mit dem Reichstag entgegenkam. Die Ständeversammlung, eigentlich kein sehr demokratisches Parlament, suchte immer mal wieder die Monopole der Handelshäuser gesetzlich einzuschränken. Sie reagierte damit auf eine weit verbreitete öffentliche Meinung, welche die exorbitanten Lohneinbußen beim »gemeinen Mann« mit den Gewinnen und den Geschäftspraktiken der Handelsgesellschaften in Verbindung brachte.

Die Diskrepanz lag, wie wir heute wissen, nicht nur an der Geldgier der Frühkapitalisten, sondern an großen konjunkturellen und bevölkerungspolitischen Zyklen: Im 14. Jahrhundert, als die Pest ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte, waren die Preise für Güter des täglichen Bedarfs mangels Nachfrage gefallen. Im folgenden Jahrhundert waren sie auf niedrigem Niveau geblieben. Danach, zwischen 1480 und 1590, explodierten sie dann aber um das Fünf- bis Sechsfache. Bei stark steigender Nachfrage mussten Marktpreise für neue ("Kolonial«-)Waren und für bisherige Tauschprodukte erst noch gefunden und der allgemeine Umgang mit Geld und Edelmetall gelernt werden.

Kaum hatte sich also ein vormodernes Marktwirtschaftssystem etabliert, kam es auch schon zu einer ersten Inflation - von den Wirtschaftshistorikern »Preisrevolution« genannt. Der folgte eine weitere neue Erfahrung: Auch die mächtigen Handelshäuser, ja sogar Könige konnten Bankrott machen.

Risiko, Gewinn und die sozialen Folgen wirtschaftlichen Handelns: Das alles war damals im Ansatz schon in der Welt der Fugger und Welser angelegt. Mit anderen Worten, denen von Karl Marx im »Kapital": »Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals.«

Es prägte sich eine Mentalität des Kaufmanns aus - er brauchte eine neuartige Einstellung zur Zeit, zu Genauigkeit, Sicherheit, zu Transport und Kommunikation. Die damaligen Kritiker der Frühkapitalisten beklagten etwa auf dem Reichstag 1512 den »Eigennutz« der Kaufleute und plädierten für das überkommene ständische Ideal des »gemeinen Nutzens« - ein Gegensatz, der sich noch fast 500 Jahre später durch die staatliche Sozial- und Gesellschaftspolitik zieht.

Eigennutz war den Fuggern nicht fern: In einem Brief erinnerte Jakob Fugger »der Reiche« den Kaiser, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, an den Zweck seiner Wahl. Hätte er damals statt Karl den Franzosen unterstützt, »so hätte ich viel Geld und Gut erlangt«.

Längst waren Kaiser und Banker voneinander abhängig. Der Kaiser brauchte Fugger zur Finanzierung seines Lebensstils, seiner Truppen, Höflinge und Kriege. Und Fugger musste immer wieder frisches Geld den faulen Krediten hinterherwerfen, um auf Rendite zu hoffen. Wohl trat ihm Karl Bergwerke oder ganze Schiffsladungen aus den neuen amerikanischen Kolonien als Sicherheit ab. Doch der Niedergang begann, als 1557 das spanische Königshaus zum ersten Mal Bankrott machte und alle Zahlungen einstellte.

Historiker schätzen die offen stehende Schuld der Habsburger bei den Fuggern auf acht Millionen Gulden. Außer dem süddeutschen Grundbesitz, den die Fugger einst als Sicherheit für Darlehen erhalten hatten, blieb ihnen nur der Spott der kleinen Leute: Im Oberdeutschen bedeutete das Wort »Fuckerei« die Ausplünderung der einfachen Bürger durch allzu hohe Forderungen. Im Flämischen heißen Monopolisten solchen Stils immer noch »Fokker«, im Wallonischen »fouckeur«; und sogar im Spanischen leben sie als »fúcar« fort.

Die Fugger verspürten in ihrer eigenen »Handlung« - so nannten sie selbst ihre Firma - den Widerspruch zwischen kapitalistisch-gewinnorientiertem Streben und der christlich-mildtätigen Morallehre. Sie gründeten, allerdings nur für 106 Arme von Augsburg, 1514 ihre »Fuggerei« mit 53 Häuschen zur Jahresmiete von umgerechnet 88 Cent - die Stiftung besteht noch heute.

Anton Fugger, einer der letzten des Clans, überlegte 1552, den ganzen Krempel hinzuwerfen und die Handlung »zu Ende und ausgehen zu lassen«, weil: »Es sollte diesen großen Herren billig die Lust zum Kriegen vergehen.«

Die Fugger waren mit ihrem bis dato unerhörten Gewinnstreben ihrer Zeit voraus - und liefen ihr doch hinterher, indem sie sich erst freiwillig und später notgedrungen in Abhängigkeit zum letztlich macht- und bedeutungslosen Kaiser begaben: Hätten sie sich auf ihr Kerngeschäft im Bergbau und im Bankwesen konzentriert, so hätten sie sicher auch die Wirren des 17. Jahrhunderts und die Folgen des Dreißigjährigen Krieges besser überstanden.

So blieb ihr Zeitalter nur ein Übergang zwischen regionalem Wirtschaftsaustausch und dem beginnenden Welthandel. Dabei hatten sie mit ihren Interessen in der Montanindustrie den Übergang zum industriellen Zeitalter wohl schon vorausgeahnt.

Praktisch zeitgleich mit dem Niedergang der Fugger entwickelte sich der Amerika- und Ostindienhandel zu strahlender Blüte. Im Handelsverkehr zwischen Spanien, das hieß: Sevilla, und Amerika vervierfachte sich zwischen 1506 und 1550 die Zahl der Schiffe auf 874. Die Transporte versechsfachten sich auf 95 500 Tonnen. Zwischen 1503 und 1560 wurden aus den spanischen Kolonien 100 Tonnen Gold und 574 Tonnen Silber ins Mutterland exportiert.

Das Handelsinteresse verlagerte sich von regionalen Zentren zu weltweiten Warenströmen: Das Rad - und das Rind - kamen nach Amerika, Kartoffel und Mais nach Europa. Wünsche wurden geweckt, auch wenn viele kleine Leute nicht mithalten konnten: Die Entwicklung der Binnenmärkte hielt nicht Schritt mit der Internationalisierung des Handels.

Die große Zeit des freien Handels und der wagemutigen Kaufherren ging fürs Erste zu Ende. Für mehrere Jahrhunderte übernahm der Staat - in Gestalt seiner Könige und Fürsten - immer stärker die Unternehmerrolle. Die »Merkantilisten« in den Kabinetten regulierten den Außenhandel und betätigten sich auf dem Binnenmarkt als Wirtschaftsförderer, die Manufakturen oder Werften errichteten.

Die geistig-kulturelle Tradition des ersten Handelsbündnisses überdauerte freilich auch diese Epoche, die schließlich im anti-europäischen Extrem der volkstümelnden Nationalstaaten mündete. Der Lübecker Thomas Mann sah in dem »patrizisch-städtisch-bürgerlichen« Erbe seiner Heimatstadt etwas, das »in gewissem Sinne stets mittelalterlich« war, aber zugleich »humane Weltbürgerlichkeit«.

EUROPAS ERBE

Die Banken

* Geld und andere Werte, die norditalienische Goldschmiede des 12. Jahrhunderts von der Kundschaft befristet zur Aufbewahrung erhielten, verliehen sie zwischenzeitlich gegen Zinsen. Bei diesen Zinsgeschäften, die unter Christen als sündig galten und deshalb oft in jüdischen Händen waren, saßen die Geldmänner auf Bänken vor ihren Häusern. Deshalb nannte man sie »bancherii«. Auf Wunsch vergaben die Banker auch Wertbriefe, die bei Vertrauensleuten in anderen Städten einlösbar waren. Diese bargeldlose Abwicklung verbreitete sich in ganz Europa und machte bald die Banken auch bei Staaten und Handelshäusern unentbehrlich. Das Vorbild stammt aus dem Altertum: Ägyptische Geschäftsleute lieferten ihre Werte in Staatsspeichern ab, wo Konten geführt sowie Last- und Gutschriften verteilt wurden.

KLAUS STÖRTEBEKER

Seeräuber im Staatsauftrag - hingerichtet 1401

Ein Verbrecher für alle Zeiten: 600 Jahre nach seiner Enthauptung in Hamburg (vermutlich 1401) ist Klaus Störtebeker längst zur schurkischen Legende der europäischen Kriminalgeschichte aufgestiegen. Der düstere Seemann aus Wismar trieb die Seeräuberei zu Anfang als politischer Protegé: Im dänisch-schwedischen Krieg (1389 bis 1395) engagierte ihn der Herzog von Mecklenburg als Blockadebrecher, um das belagerte Stockholm mit Viktualien zu versorgen. Dabei pflegten Störtebekers »Vitalienbrüder« unterwegs angetroffene Kauffahrer abzukassieren. Im Krieg gab es immerhin eine Hoferlaubnis für das lukrative Geschäft, das die Kaperer danach indes auf eigene Faust erst richtig ausweiteten, bis sie von der Hanse verjagt und in die Nordsee abgedrängt wurden. Eine Hamburger Flotte fasste schließlich Störtebekers Männer in ihrem Unterschlupf auf Helgoland. Die Exekution des Piraten zusammen mit etwa 70 Gefolgsleuten auf der Elbinsel Grasbrook ist noch aktenkundig, doch dann wucherten die Legenden: dass der geköpfte Anführer, laut Gnadenakt des Senats, noch am Spalier seiner Leute entlanglaufen und dadurch elf seiner Männer das Leben retten durfte, ehe er fiel: medizinisch unmöglich; dass die Piraten, die man auch »Likedeeler« (Gleich-Teiler) nannte, vom erbeuteten Reichtum abgegeben hätten und damit frühe Sozialisten wurden: historisch nicht belegt. Genauso gut könnte Störtebeker, wie manche Historiker neuerd ings glauben, sogar Opfer eines Politthrillers geworden sein: Die Vitalienbrüder hätten eigentlich im Auftrag adliger Herren von der Küste Schiffe gekapert und seien darauf per Massenhinrichtung zum Schweigen über ihre Hintermänner gebracht worden - man machte sie rechtlos, um sie (so eine Version des Museums für Hamburgische Geschichte) »umso leichter als Verbrecher jagen zu können«.

EUROPAS ERBE

Post und Kommunikation

* In den Reichsfarben Schwarz und Gelb durfte der Unternehmer Francesco Tassis, ein in den Niederlanden ansässiger Italiener, kaiserliche Depeschen befördern. Maximilian I. hatte ihm 1490 die Einrichtung eines Kurierdienstes zwischen Brüssel und Innsbruck erlaubt. Da aber des Kaisers Entgelt notorisch nicht reichte, durfte Tassis - eingedeutscht: Taxis - auf eigene Rechnung für Private befördern und das Netz ausweiten. So wurde aus dem »kaiserlichen Postregal« ein kommerzielles Monopol ("Thurn und Taxis"), das ganz Europa mit Express-Stafetten überspannte: An den Wechselposten alle fünf Meilen (etwa 37,5 Kilometer) signalisierten Reiter und Gespanne ihr Kommen mit einem Posthorn und gaben die Ladung weiter. Von Brüssel nach Paris brauchten Sendungen nur 44 Stunden. An Stelle des trägen mittelalterlichen Botenwesens hatte Europa nun ein Kommunikationsnetz, das alle Bereiche umwälzte. Der französische Staatsdenker Charles de Montesquieu fand, sogar die Politik ginge »auf die Erfindung der Post zurück«.

JÜRGEN WULLENWEBER

Bürgermeister und Aufrührer - um 1492 bis 1537

Die hohe Zeit der Hanse ging schon ihrem Ende zu, als der aus Hamburg zugewanderte Kaufmann Jürgen Wullenweber in Lübeck die Geschicke der Stadt in eine neue Richtung lenken wollte. Der demagogisch talentierte Händler setzte 1530 weitgehende Kontrollrechte eines Bürgerausschusses gegen den von Patriziern beherrschten Rat durch. Der Wortführer, zugleich Anhänger der lutherischen Reformation, schlug die altgläubigen Bürgermeister in die Flucht und wurde 1533 selbst in dieses Amt gewählt - von einem Rat, in dem erstmals auch die einfachen Bürger vertreten waren. Doch der Draufgänger begnügte sich nicht mit der Umwälzung der lübischen Führungsschicht. Er legte sich auch mit der neuen Handels- und Seemacht Holland an und sperrte den Sund zwischen Dänemark und Schweden für deren Schiffe. Die meisten anderen Hansestädte folgten dem Lübecker nicht bei diesem Kaperkrieg, da sie mit Holland profitable Geschäfte machten. »Herr Jürgen«, prophezeite der Stralsunder Bürgermeister dem kriegerischen Kaufmann, »Ihr werdet mit dem Kopf an die Mauer laufen, so dass Ihr auf dem Hintern sitzen gehet.« Es kam noch schlimmer. Wullenweber konnte zwar die Patrizier ganz aus dem Rat drängen, doch sein internationales Ränkespiel, bei dem er sogar die dänische Krone diversen europäischen Herrschern zuspielen wollte, misslang fürchterlich. Dänische Truppen schlossen 1534 Lübeck ein, Wullenweber musste in einen Friedensvertrag einwilligen, die Patrizier übernahmen wieder die Macht im Rat und stellten die alte Ordnung wieder her. Die Holländer wurden im Ostseehandel immer stärker - und Wullenweber geriet auf einer Reise in Gefangenschaft des Bremer Erzbischofs. Dessen Bruder, Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel, ließ ihn unter Folter verhören und wegen Landfriedensbruchs hinrichten.

EUROPAS ERBE

Die Kolonien

* Die Entdeckungsreisen waren ihr Geld wert. Portugiesische, spanische und englische Pioniere, die seit dem 15. Jahrhundert die Welt jenseits Europas erschlossen, brachten den fernen Ländern ihre Fahnen und ihre Sprache, nahmen aber auch viel mit: Entschädigungslos stahlen die Eroberer jahrhundertelang den Rohstoffbedarf ihrer Heimatstaaten in den Kolonien zusammen - Öl und Edelmetall, Kaffee und Kautschuk. Außerdem errichteten sie weltweit Stützpunkte - zur Eroberung weiterer Länder und zur Abwehr konkurrierender Eroberer. Denn die Bedeutung der neuen Territorien für Europas Wirtschaft war so groß, dass Ende des 19. Jahrhunderts auch Mächte wie Russland, Deutschland, Frankreich und Italien große Kolonien gründeten. Nach 1945 wurden viele der oft grausam unterdrückten Gebiete selbständig, blieben meist aber wirtschaftlich von den Ex-Beherrschern abhängig.

MARCO POLO

Umstrittener Weltreisender - 1254 bis 1324

So viel Exotik war keinem Europäer je unter die Augen gekommen. Es war eine Welt voll mythischer Paläste, Prachttempel und fremdartiger Gestade, über die der venezianische Kaufmannsspross Marco Polo zu berichten wusste, als er von großer Fahrt aus Fernost zurückkehrte. 24 Jahre lang hatte seine Reise gedauert, die er mit seinem Vater, dem Onkel und großem Firmengefolge absolvierte und anschließend für die Zeitgenossen in einem Erlebnisbericht protokollierte. Marco Polos Buch »Die Welt der Wunder« sorgte in ganz Europa für Gesprächsstoff: eine atemraubende Odyssee durch die zentralasiatischen Wüsten nach China an den Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan, dann in dessen Auftrag Erkundungsfahrten bis nach Sumatra, später über Indien und Iran zurück nach Venedig. Drei Jahre nach seiner Heimkehr wurde Marco Polo als Kommandant eines venezianischen Schiffs im Mittelmeer von Genuesern gefangen genommen und verschleppt. Die anschließende Haftzeit nutzte Marco Polo zur Niederschrift seiner Abenteuer. Dass ihm dabei der mitgefangene Schriftsteller Rustichello zur Hand ging, gab der Geschichte allerdings nicht nur üppige Wortgewalt - die Fabulierfreude des Dichters brachte das Entdeckerbuch in Fälschungsverdacht. Wie, wenn Marco Polo womöglich über Konstantinopel gar nicht hinausgekommen, sein Reiseprotokoll nur die Summe aufgeschnappter Erzählungen in orientalischen Kaffeehäusern wäre? Der seit den Lebzeiten Marco Polos bis heute diskutierte Verdacht wird durch vieles genährt. Chinesische Zeitzeugnisse über die Anwesenheit der Fremdlinge existieren nicht, markante Ortsmerkmale spart Marco Polo aus, sogar die Chinesische Mauer. Zudem feilten an der Überlieferung des Wunderbuchs viele Generationen von Mönchen und Übersetzern mit immer neuen, ausgeschmückten Ausgaben - 150 insgesamt. Marco Polo hat seinen umstrittenen Bericht noch auf dem Totenbett verteidigt, mehr noch: Er habe »nicht mal die Hälfte« des tatsächlich Erlebten niedergeschrieben.

n n * Oben: Wandgemälde aus dem Hamburger Rathaus von Hugo Vogel n (1909); unten: Anton Fugger verbrennt die Schuldverschreibungen des n Kaisers, nach einem Gemälde von Carl Becker (1870). n n n * Aquarell von Jan Grevenbroeck (1731 bis 1807) nach einer n Vorlage aus dem 16. Jahrhundert. n n n * Bei der traditionellen Schaffermahlzeit in Bremen 1997. n n n * Oben: Gemälde von Pieter Aertsen (um 1550); unten: n französische Buchmalerei (um 1412). n n n WOLFRAM BICKERICH ist SPIEGEL-Redakteur in Hamburg

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