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Pflegenotstand Grenzt an Wahnsinn

Können billige Pflegekräfte aus Osteuropa die Krankenhäuser entlasten? Die Erfahrung zeigt: Sie bringen mehr Probleme als Hilfe.
aus DER SPIEGEL 35/1993

Der neue Pfleger aus Kroatien machte einen hervorragenden Eindruck: erstklassige Zeugnisse, langjährige Erfahrung. »Mit dem Blöckle in der Hand« wich er nicht von der Seite der Ärzte, staunte eine Schwester im Klinikum Heidelberg. Doch dann stutzte ein Kollege: »Der fängt ja beim Waschen des Patienten bei den Füßen an statt beim Kopf.«

Offensichtlich fehlten dem Helfer die Grundlagen des Pflegeberufs. Kein Wunder: Seine Papiere waren gefälscht, der Mann war arbeitsloser Zahnarzt. Den Job hatte er angenommen, um in den Westen zu kommen.

Anders der Fall im Klinikum Großhadern in München, das einen gut ausgebildeten Pfleger eingestellt hatte. Der Mann, ein Moslem aus Bosnien, weigerte sich, weibliche Patienten zu waschen und die Bettpfannen wegzubringen - Glaube und Erziehung hielten ihn von solchen Diensten ab. Mittlerweile stammen _(* Im Klinikum Großhadern in München. ) an den großen Krankenhäusern bereits 15 Prozent der Schwestern und Pfleger aus dem Ausland, aus dem ehemaligen Jugoslawien vor allem, aber auch aus Tschechien, Rußland und der Türkei.

Doch die Personalchefs in den Hospitälern sind skeptisch geworden. Der Zugriff auf das Kräftereservoir des Ostens, der ihnen zunächst als Ausweg aus der Pflegekrise erschien, entpuppt sich als unkalkulierbares Risiko.

Auch die Belegschaften wehren sich zunehmend gegen den Import von Krankenschwestern. Seit Wochen liegen dem Personalrat von Münchens Universitätsklinikum Großhadern massive Beschwerden vor. »Publicityträchtige Einzelaktionen« müssen sich etwa die Chefärzte Bruno Reichart, 50, und Alfons Hofstetter, 55, von ihren Anästhesieschwestern vorwerfen lassen.

In einer Selbsthilfeaktion hatten die beiden Mediziner Anfang des Jahres 48 Schwestern eigens mit einem Learjet aus Minsk nach München geholt - nicht zu aller Freude. »Durch die vorhandene Sprachbarriere ist eine Kommunikation nicht möglich«, schrieben die Schwestern der Abteilung H3A des Klinikums an den Personalrat: »Der hier übliche Standard an Medizin und Technik ist den Schwestern nicht vertraut. Aufgaben der alltäglichen Routine, wie das Vorgehen bei einer Ganzkörperwäsche, sind nicht bekannt.«

Inzwischen sind auch die Ärzte skeptisch geworden. Sie befürchten gar, sie seien in Minsk mafia-ähnlichen Methoden aufgesessen. Denn kaum waren die Schwestern in München gelandet, mußten sie 20 Prozent ihres Bruttogehalts abführen - auf das Geschäftskonto eines Minsker Mittelsmanns. So legte es ein geheimer Zusatzvertrag zwischen den Frauen und der belorussischen Regierung fest.

Als die ersten sich weigerten, weil ihnen nur knapp 1200 Mark zum Leben geblieben wären, setzte es auch schon Drohungen. Es könne Schwierigkeiten geben beim nächsten Urlaub in der Heimat, warnte der Verbindungsmann.

Aufgeschreckt lud die Klinikleitung den Vermittler, einen in München lebenden Sohn des ehemaligen Minsker Gesundheitsministers Nikolai Sawtschenko, zur Befragung. Der gab zu: Der Großteil der Schwesterngelder floß nicht in die Heimat, sondern in seine eigene Tasche.

Wo immer sich deutsche Klinikchefs, vom Pflegenotstand gebeutelt, ausländisches Personal holen, zeigt sich: Die künstliche Zufuhr ist höchstens ein Notbehelf.

Es sei »schwachsinnig«, urteilt Pflegedienstleiterin Hildegard Hütter-Semkat, 43, vom Klinikum Heidelberg, »in angespannter Lage unqualifizierte Leute einarbeiten zu müssen«. Denn: »Wenn beides nicht läuft, Sprache und Beruf, grenzt es an Wahnsinn.«

Ulrike Fleischhut, 29, macht ähnliche Erfahrungen. Sie schult in Großhadern junge Krankenschwestern: »Auf Intensivstationen sind selbst deutsche Schwestern höchsten Anforderungen ausgesetzt. Kollegen mit mangelhaften Sprachkenntnissen sind einfach überfordert.«

Die Vorbehalte, betonen Schwestern und Pfleger, hätten nichts mit Animositäten gegenüber den ausländischen Kollegen zu tun, sondern einzig mit der Sprach- und Ausbildungsbarriere. Wie etwa sollen Schwestern zurechtkommen, die in ihrer Heimat noch mit Vorkriegsgeräten arbeiteten und nun plötzlich an High-Tech-Betten stehen?

Andererseits werden von ihnen schlichte Dienste erwartet, die sie zu Hause längst nicht mehr leisten mußten. Nachttöpfe leeren, Patienten waschen - das ist unter der Würde vieler Schwestern aus ehedem sozialistischen Ländern. »Das macht dort doch nur das Fußvolk oder die Angehörigen«, berichtet Hütter-Semkat.

So ist das Mißverständnis geradezu unvermeidlich: Die deutschen Schwestern empfinden ihre osteuropäischen Kolleginnen als hochnäsig, die Ost-Schwestern halten viele Anforderungen für reine Schikane.

Allmählich regt sich auch in den osteuropäischen Ländern Widerstand gegen den Schwestern-Export. Wenn es weitergeht wie bisher, werden sich die Deutschen das gleiche anhören müssen wie jetzt schon die österreichischen Kollegen: Die verlagerten, klagen Krankenhausverwalter in der angrenzenden Slowakei, den Pflegenotstand von West nach Ost. Dies sei, so ein Pfleger in einer slowakischen Klinik, »unmenschlich und unmoralisch«.

Immerhin hat sich im deutschen Klinikbetrieb herumgesprochen, daß die Hin-und-hopp-Methode - kurz in den Osten düsen, Schwestern in den Westen importieren - auf Dauer keine Lösung ist. Peter Ossen von der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Düsseldorf mahnt: »Wenn man so etwas nutzbringend organisieren will, ist das ein Riesenprojekt.«

Ein Beispiel, wie es funktionieren könnte, liefert das Städtische Krankenhaus im baden-württembergischen Bietigheim. Ein volles Jahr lang unterrichtete ein Dolmetscher 13 Krankenschwestern in der ungarischen Partnerstadt Szekszard in Deutsch - erst danach kamen sie nach Bietigheim.

Eine »Dauerlösung«, sagt die Bietigheimer Pflegechefin Brigitte vom Hagen-Pflieger, 46, könne der Einsatz der ausländischen Schwestern trotzdem nicht werden. Sie setzt, ebenso wie die Pflegeexpertinnen in Heidelberg und München, darauf, bereits ausgebildete deutsche Schwestern, die wegen Heirat und Kindern aus dem Beruf ausgeschieden sind, zurückzugewinnen.

»Sonst«, so die Heidelbergerin Hütter-Semkat, »bekommen wir die Misere im Pflegedienst nie in den Griff.« Y

* Im Klinikum Großhadern in München.

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