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GREUEL, ALLEGORISCH

aus DER SPIEGEL 7/1966

Der in West-Berlin lebende Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre, 45, der sich zum Schreiben auch gedrängt fühlt, »um meine Schuldgefühle wachzuhalten«, war Mitgründer der »Gruppe 47«. Er wurde durch - zum Teil gesammelt erschienene

- Kurzgeschichten ("Funke im Reisig"), durch die allegorisierende Erzählchronik »Das Los unserer Stadt«, durch Gedichte, Hörspiele und zeitkritische Aufsätze bekannt. - Der in Polen geborene Jerzy Kosinski, 32, betreibt heute politische Wissenschaft an der Columbia-Universität In New York. Unter dem Pseudonym Joseph Novak veröffentlichte er zwei Bücher über die Sowjet-Union. Sein autobiographischer Roman »Der bemalte Vogel« erschien gleichzeitig in den USA, England und Deutschland; in weiteren fünf Ländern werden Übersetzungen vorbereitet.

Die deutsche Besatzungszeit in Polen und der Einzug der Roten Armee aus der Sicht eines Kindes: Ich könnte mir kaum ein faszinierenderes Thema vorstellen. Die wertungsfreie, oft geradezu ruchlose Objektivität der kindlichen Psyche wäre wie kein anderer Erzähl-Filter geeignet, hier ein überzeugendes literarisches Dokument zustande zu bringen.

Und tatsächlich erfüllt Kosinskis »Der bemalte Vogel« eine ganze Anzahl Voraussetzungen, die durchaus dazu angetan wären, jenen Glücksfall wahr werden zu lassen:

Das Buch ist autobiographisch; eine gewisse Authentizität liegt also auf der Hand. Der Autor kennt sich in der verdunkelten Vorstellungswelt eines geschundenen Kindes offenbar mehr als gut aus. Die Grundfabel ist packend, die Stoff-Fülle überwältigend, der Stil sachlich und am amerikanischen Understatement geschult. Selbst etwas so

Diffiziles wie kindlichen Galgenhumor versteht der Autor seiner Erzählung oft recht glaubhaft dienstbar zu machen. Und doch hält die Ausführung dann bei weitem nicht das, was der Vorwurf verspricht.

Denn welch ein Ausgangspunkt für den Erzähler ist das: ein verzärtelter polnischer Großstadtjunge, den die antifaschistischen Eltern, um untertauchen zu können, im Alter von sechs Jahren aufs Land schicken, wo er, seines jüdisch-zigeunerhaften Aussehens wegen, von den rückständigen Dörflern bald nicht viel anders geschunden wird, als es ihm unter der deutschen Besatzung ergangen wäre.

Aber schon hier wird deutlich, wie ein literarisch-stilistischer Überehrgeiz den Autor schließlich immer mehr um jene Wirkung zu bringen droht, die er fraglos hätte erreichen können - wenn er sich nur an die Wahrheit seiner Erlebnisse gehalten und daraus kraft seiner - jetzt fehlgeleiteten - dichterischen Imagination ein wahrhaftiges, realistisches Bild jener Epoche und ihrer Akteure entworfen hätte. Statt dessen versteigt er sich zu einer Mythisierung seiner Figuren, die weder diesen noch der Glaubwürdigkeit des ganzen Buches bekommt.

Gewiß ist es legitim, der Wirklichkeit, wenn sie, wie hier, mit Kindersinnen erfahren wird, Märchenaspekte abzugewinnen. Das kann streckenweise, gerade im Kontrast zum Realitätsbefund, außerordentlich wirkungsvoll sein.

Wie aber, wenn dem Autor nach und nach alles, was sich in ihm als Kind an Schrecklichem und kaum noch Erzählbarem (und eben daher nur mit äußerster Anstrengung literarisch zu Bewältigendem) angestaut hat, zur Allegorie und zum Märchen gerät? Ich meine, dann ist auch der unter solchen Qualen angehäufte Stoff literarisch vertan; dann entsteht nicht Glaubwürdigkeit, sondern es bleibt bei der bloßen Versicherung, glaubwürdig zu sein; dann wird blutige Wirklichkeit zum tarnenden Fabelgespinst; dann muß der gezeichnete Autor, obwohl er Bescheid weiß, es sich gefallen lassen, bezweifelt zu werden.

Und zu welchen Unterlassungen und Simplifikationen zwingt diese allegorisierende Schreibweise den Autor jetzt. Wie sich die Wandlung vom verwöhnten Großstadtkind zum haßerfüllten, auf Rache sinnenden und Rache praktizierenden Urgeschöpf vollzieht, wird uns vorenthalten. Was mindestens fünfzig Seiten lang mit beklemmendem. Einfühlungsvermögen hätte geschildert werden müssen, schrumpft zu einem Vorspann von zweieinhalb Seiten zusammen. Das ist auch durchaus erklärlich, denn die Allegorie kennt keine psychologische Komponente; wir müssen uns abfinden mit dem, was sein soll; wir dürfen nicht erfahren, wie und warum etwas geworden ist.

Auf diese Weise entstehen dann statt realistischer Figuren Retortengeschöpfe. Kosinskis Handwerker und Bauern, an die sein Held, der namenlose Junge, gerät, mögen noch so abergläubisch, grausam, pervertiert, primitiv und rückschrittlich sein - jeder von ihnen soll derart spürbar etwas versinnbildlichen, mit jedem von ihnen möchte der Autor derart augenfällig etwas demonstrieren, daß sie alle als reale Menschen gar nicht mehr charakterisierbar sind. Ja, das sind noch nicht einmal wirklich polnischen Handwerker und Bauern; es sind nur grob geschnitzte Märchenfiguren, die der Autor Kosinski in einen schulbuchhaft »archetypischen« Nimbus getaucht hat.

Sogar »der« SS-Offizier bekommt von diesem Nimbus etwas ab. Angesichts der

- jedenfalls von Kosinski so beschriebenen - niedrigen Zivilisationsstufe der polnischen Landbevölkerung kommen die Deutschen in diesem Buch überhaupt phantastisch gut weg. Zweimal lassen sie den jüdisch-zigeunerhaft aussehenden Jungen wieder laufen, und nur ein einziges Mal wird ein jüdischer Bauer von ihnen zusammengeschlagen. Im übrigen erschöpft ihre Tätigkeit sich im Eintreiben von Lebensmitteln und im Brückenbewachen.

Hingegen wird die Landbevölkerung von den Partisanen geschunden, die sich auch noch gegenseitig bekämpfen. Und das Ärgste, in Kosinskis Darstellung, sind nicht die Güterzüge voll jüdischer KZ-Häftlinge, mit deren letzten Besitztümern die Bauern ihre Katen ausschmücken; das Ärgste ist, die breit geschilderte Vergewaltigung eines ganzen Dorfes durch einen Trupp Kalmücken.

Gewiß, so etwas ist geschehen; das auch. Derart einseitig hervorgehoben jedoch und nur scheinbar literarisch bewältigt, könnte eine solche Schilderung, so fürchte ich, eben jenem verzerrten Geschichtsbild Vorschub leisten, dem Jerzy Kosinski im Ansatz seines Buches und dann wieder am Schluß mit der menschlich-gerechten Schilderung einer Einheit der Roten Armee entgegentritt.

Jerzy Kosinski:

»Der bemalte Vogel«

Scherz Verlag München

344 Seiten

19,80 Mark

Kosinski

Schnurre

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