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Grinsen ohne Katze

aus DER SPIEGEL 17/1949

In Londons Claridge-Hotel, in dem während des Krieges die Könige Peter von Jugoslawien und Georg von Griechenland zu wohnen pflegten, stieg am letzten Dienstag ein 59jähriger indischer Brahmane ab, auf den in diesen Tagen die Augen aller Engländer mit höchster Spannung gerichtet sind. Sein Name: Pandit Nehru. Zweck seiner Reise: strukturelle Umwandlung des Commonwealth.

In Neu-Delhi empfängt der indische Ministerpräsident seine Gäste gern von oben bis unten in schneeweiß, mit einer kleinen roten Blume im Knopfloch und einfachen Lederschuhen über den bloßen Füßen. In Europa trägt er - außer bei hochoffiziellen Gelegenheiten - einen Sakko. Im Gegensatz zu seinem Freund und Lehrmeister Gandhi, der 1931 unbekümmert in orientalischer Gewandung durch England zog.

Der Kleider-Zwiespalt symbolisiert einen Zwiespalt der Seele, wie er bei modernen Asiaten mit westlicher Erziehung häufig auftritt. Nehru ist zum guten Teil ein Produkt Englands. Als er vor langen Jahren nach Absolvierung seines Londoner Rechtsstudiums nach Indien zurückkehrte, konnte er sich zunächst mit den Bauern seiner Heimat gar nicht verständigen. Er verstand kein Wort Hindostanisch.

Heute ist Nehrus Seele erneut von zwiespältigen Gefühlen zerrissen. Die Frage nach dem künftigen Verhältnis Indiens zum Commonwealth beantwortete er so widerspruchsvoll, daß viele Beobachter daran zweifeln, ob er selbst weiß, was er überhaupt will. Fest steht nur eins: nach Irland wird sich auch Indien noch in diesem Jahr zu einer unabhängigen selbständigen Republik konstitutieren. Nicht fest steht vorläufig, ob im Commonwealth, verbunden mit dem Commonwealth oder außerhalb des Commonwealth.

Die Konferenz sämtlicher Ministerpräsidenten der Commonwealth-Staaten, die am Freitagnachmittag am großen runden Mahagonitisch in Downing Street 10 begann, wird als Punkt 1 ihrer Traktandenliste die verfassungsakrobatischen Kunststücke auszutüfteln haben, die der indischen Republik ein weiteres Verbleiben im Commonwealth ermöglichen sollen. Der neue, weitreichende Umbau des Commonwealth wird vor allem einschneidende Veränderungen in der Stellung des englischen Königs erforderlich machen.

Verfassungsmäßig bildet der König die einzige Klammer, die alle Reichsteile zusammenschließt. England winkte Indien kürzlich behutsam mit dem Vorschlag, den englischen König zum Präsidenten oder ersten Bürger Indiens zu erklären. Aber obwohl Logik sonst kaum die starke Seite der Inder ist, fanden sie das doch ein bißchen zu unlogisch. Nun geht es also um die Frage, ob ein Verbleiben Indiens im Commonwealth auch ohne den König möglich ist.

Es gibt im britischen Weltreich breite Kreise, die diese Frage bejahen. Sie denken an die Umwandlung der bisherigen Zweierstruktur des Commonwealth in eine Dreierstruktur. Neben England und seinen Kolonien und neben den Dominions soll ein dritter Ring von »assoziierten Staaten« geschaffen werden, die weiterhin als Commonwealth-Mitglieder gelten würden, ohne dem König irgendwelche Funktionen zuzubilligen.

Die Gegner dieser Konzeption wenden ein, daß auf diese Weise ein Ersatz-Empire ohne Symbol und Substanz geschaffen würde. Am prägnantesten formulierte das Feldmarschall Smuts, der Mann, der zu Beginn des Jahrhunderts gegen das britische Empire kämpfte und heute zum wärmsten Fürsprecher des Commonwealth alten Stils geworden ist: »Wenn man in irgendeiner verworrenen, nebelhaften Weise gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Commonwealth sein kann, verflüchtigt sich das ganze Commonwealth-Konzept, und was bleibt, ist ein Name ohne Gehalt - das Grinsen ohne die Cheshire-Katze*).«

Es ist kein Zufall, daß gerade ein königstreuer Südafrikaner am lautesten warnt. Smuts wendet sich damit gleichzeitig gegen seinen 75jährigen nationalistischen Rivalen, den südafrikanischen Ministerpräsidenten Malan. Der liebäugelt ebenso wie Nehru mit republikanischen Plänen. Aus diesem Grund kommt Malan jetzt auch zum ersten Male in seiner Eigenschaft als Südafrikas Premier nach England.

Bei der letzten Commonwealth-Konferenz ließ er Südafrika durch eine zweitrangige Größe, den Industrieminister Eric Louw, vertreten. Hinter den verschlossenen Türen der jetzigen Konferenz wird nun vermutlich das groteske Schauspiel abrollen, daß sich Südafrika und Indien - sonst wegen der Behandlung der Inder in Südafrika einander spinnefeind - einträchtig unterstützen, wenn es um die Einführung republikanischer Reichsteile im Commonwealth geht.

Die Königsfrage ist jedoch nicht das einzige Problem, das bei der Einfügung eines republikanischen Indien in das Rahmenwerk des Commonwealth gelöst werden muß. Indien betrachtet sich heute als die kommende Vormacht Asiens. In der kurzen Zeit seines Bestehens hat es bereits zwei internationale Konferenzen zur Lösung asiatischer Probleme - Indonesien und Burma - einberufen. Zu dieser Vorkämpfer-Rolle würde es schlecht passen, wenn Indien in den Augen der braunen Welt als Handlanger Englands erscheint, eine Bezeichnung, mit der es bereits von den Kommunisten der ganzen Welt beehrt wird.

Nach Meinung Londoner Beobachter werden paradoxerweise gerade die beiden anderen farbigen Dominien, Pakistan und Ceylon, gegen die Indien vorschwebende Verflüchtigung des britischen Reichsgedankens eintreten. Beide Dominions befürchten, daß Indien sie eines Tages einverleiben könnte. Sie sind darum auf möglichst weitgehende Sicherungen durch die anderen Reichsbrüder aus.

Wirtschaftlich braucht Indien die Engländer vermutlich noch lange Zeit. Das ist einer der wesentlichsten Trümpfe Englands, das andererseits auch den lockenden indischen Markt mit 320 Millionen potentiellen Kunden nicht verlieren möchte. Trotzdem wird von Sachkennern ein Absprung Indiens für durchaus möglich gehalten. Die Lösung »Republik im Commonwealth« kommt ihnen wie die Quadratur des Zirkels vor.

Auf militärischem Gebiet werden England und Indien dagegen aller Wahrscheinlichkeit nach weiter zusammenarbeiten, was immer auch sonst noch beschlossen wird. Bisher betonte zwar Nehru regelmäßig, er wolle sich keinem Block anschließen. Aber die Streitkräfte Indiens können in einem künftigen Krieg nicht mehr als Augenblicks-Staffage sein.

Der Zipfel von Afghanistan, der Indien von Rußland trennt, ist ein ebenes Tal und läßt sich in einem Tage durchqueren. Und in Indiens Osten liegt das unruhige Burma.

*) In dem jedem Engländer bekannten Kinderbuch »Alice in Wonderland« von Lewis Carroll löst sich die Cheshire-Katze allmählich in nichts auf, und nur ihr Grinsen bleibt. Diese Umstände legen es Indien nahe, den Engländern militärische Stützpunkte einzuräumen und sie so für die Verteidigung des Landes zu engagieren. Damit - so argumentiert man heimlich in Neu-Delhi - würde sich auch ein unabhängiger Staat mit asiatischen Vormachtsbestrebungen nichts vergeben.

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