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KRIMINALITÄT / ROCKER Grobe Helden

aus DER SPIEGEL 33/1968

Fünfzig Halbwüchsige umstellten auf dem Bahnhof Hamburg-Veddel einen alten Mann. Einer der Burschen schlug ihm den Hut vom Kopf und befahl: »lieb ihn auf.« Verängstigt gehorchte der Rentner.

Doch kaum hatte er den Hut wieder aufgesetzt, fegte der Jüngling die Kopfbedeckung abermals mit einer lässigen Handbewegung auf den Bahnsteig und kommandierte wiederum: »lieb ihn auf.«

»Ich bin kriegsbeschädigt, laßt mich doch in Ruhe«, bettelte der Invalide. »lieb ihn auf«, erwiderte ungerührt der Bube, und ängstlich kroch der Alte zu seinem Hut. Dann war die Bande zufrieden: »Komm, rauch »ne Zigarette mit uns.« Apathisch paffte der· Nichtraucher -- und erlitt einen Herzanfall.

Wie in Hamburg drangsalieren gegenwärtig überall in Westdeutschland Jugendliche ohne Anlaß biedere Bürger. Und wie Ende der fünfziger Jahre schwappt wieder eine Welle der Gewalt über die Republik -- Ausfluß eines Vandalentums, das periodisch auch andere Wohlstandsgesellschaften heimsucht: die Rocker.

In den Frankfurter Nizza-Anlagen zerschlug unlängst ein Rocker-Rudel mit Schlagringen einem Mann das Gesicht, weil er kein Geld bei sich hatte. In Aachens Innenstadt fiel die Rocker-Gang »Wild Dogs« binnen 24 Stunden zweimal über Polizisten her und drosch mit Kuhketten auf die Beamten ein. Mit Eisenketten peitschten am Dienstagabend vergangener Woche auf dem Georgsplatz in Hannovers Stadtzentrum drei Dutzend Rocker friedfertige Spaziergänger nieder.

Die Skala der Brutalität reicht vom rüden Ulk bis zur Notzucht. Johlend ziehen Hocker auf der Straße deutschen Hausfrauen Topfhüte über die Ohren. Genüßlich zerreiben sie Regenwürmer an weißbehemdeten Bürgerbrüsten. Und ihr Nachwuchs, die Zwölf- und Dreizehnjährigen, geht gern »Sternchen pflücken« -- von Mercedes-Autos.

Sie demolieren Straßenbahnen, Gaststätten und Bahnhofskioske, knacken Automaten und Autotüren, zwingen Kinder, ihren Eltern Geld zu stehlen, und befriedigen ihre Triebe. In Hamburg wurde eine 15jährige von zehn Rockern in die Alster geworfen, im Wasser entkleidet und, wieder an Land, von Rocker »Glasauge«, 16, vergewaltigt.

Wo immer die Rocker sich in Szene setzen, verrät sie ihre Montur: Blankes Leder vom Knöchel bis zum Kinn (Kluftpreis: 600 Mark), Cowboystiefeletten mit hohem Absatz nach Western-Vorbild. Doch so uniform die jugendlichen Gangster ihre Umwelt malträtieren, so vielfältig und schwer ergründlich sind offenbar die Motive, die sie dahin treiben.

Vergeblich haben sich bisher Psychologen wie Soziologen und Kriminologen bemüht, ein Schema für das Verhalten der nachpubertären Exzeßtäter zu finden, von denen zum Beispiel in Hamburg über 20 Prozent Hilfsschüler sind.

Einig sind sich die Wissenschaftler wie so oft darin, daß wieder einmal die moderne Gesellschaft die Saat der Gewalt mitverschuldet hat. »Die Zunahme eines relativen Wohlstands ohne Möglichkeit, sich bei der Arbeit gefühlsmäßig zu beteiligen«, sagt der Frankfurter Psychologe Professor Alexander Mitscherlich, »erzeugt Innendruck« -- der »dadurch verstärkt werde, daß häufig auch in den Familien kein »Zugehörigkeitsverhältnis« mehr bestehe. Diese »innere Unlust« versuchen Heranwachsende, so Mitscherlich, »durch Abreagieren in Lust zu verwandeln«.

Von der stimulierenden Wirkung wohlanständiger Umgebung ist auch der Frankfurter Kriminologe Professor Friedrich Geerds überzeugt: »Die allgemeine Situation eines behaglichen Bürgertums wirkt auf die Jugendlichen geradezu provozierend.« Und Soziologe Helmut Schelsky« Professor an der Universität Münster, erläutert: »Jugendliche, die sonst keine Bindungen haben, suchen Verhaltenssicherheit in der Gang und bestätigen sich durch Aggression.«

Ähnlich wertet Dr. Dietrich Abeis, ehemals Leiter des Kriminalpsychologischen Dienstes der Hamburger Gefängnisbehörde« die Folgen der Bindungslosigkeit: »Die Schuld daran, daß es eine Rocker-Bewegung gibt, muß man größtenteils den Erziehungsberechtigten dieser Jugendlichen geben. Durch falsche Erziehung im Elternhaus wird aus einem labilen Jugendlichen ein Rocker, der als einzelner schwach und hilflos im Leben steht, in der Bande aber seine Anerkennung findet.«

Diese Selbstbestätigung und scheinbare Geborgenheit in einem Kriminellen-Clan aber suchen, wie der Kölner Soziologe Professor Erwin Scheuch glaubt, die jugendlichen Irrläufer »gerade in friedfertigen und wohlhabenden Gesellschaften«. Denn im Wohlstand »nicht angepaßt sein, ist noch schmerzlicher als in anderen Gesellschaften«. Scheuch sieht noch weitere Motive: »Junge Menschen vermissen gerade in friedfertigen Gesellschaften elementare Erfahrungen, das heißt: Gefahr zwecks Bewährung.« Das aber könne »Unangepaßte« zu »zerstörtscher Grausamkeit« treiben.

Isoliert von der Umwelt, schaffen sich die Außenseiter ein gefährliches Scheinleben harter Jungmänner« in dem nur das Faustrecht gilt. »Die jugendliche Bande«, schreibt der Kriminologie-Professor Hans von Hentig in seinem Buch »Der jugendliche Vandalismus«, entwerfe »grobgeschnitzte, absolute Heldenbilder, Ganzstarke« so verzerrt und kindlich, daß sie viel eher in den Zirkus als in die Welt der Obervölkerung, der Atome und der Automaten passen«.

Die überbevölkerte Welt aber ist hilflos, wenn die kindlichen Helden auftreten. Oft sehen Scharen Erwachsener tatenlos zu, wenn Rocker-Rüpel einen Mitmenschen quälen. Und als unzulänglich erwiesen sich bislang auch die Mittel der Polizei, dem Unwesen beizukommen. Hamburger Ordnungshüter zum Beispiel vermochten den Hanseatinnen statt einem wirksamen Schutz vor jugendlichen Übergriffen nur die Empfehlung zu geben, sie sollten tunlichst nicht in dunklen Parks spazierengehen.

Wie schwer es freilich fällt, die meist mobilen Rowdys zu stellen, zeigt der Ablauf eines Rocker-Streifzugs durch Hamburg am 9. März dieses Jahres.

Der Aufmarsch begann um 14 Uhr auf dem Wilhelmsburger Platz. Ketten klirrten, einer verteilte Knüppel aus dem Sack, andere prüften die Schärfe ihrer Messer. Zu den Platzherren stießen die Waltershofer Rocker. Und bevor die Meute aufbrach -- 50 Mann nebst Troßmädchen -- kippte sie sich in den umliegenden Kneipen Stimmung an.

Um 15.30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. In der Straßenbahn Richtung Veddel wurden Fahrgäste angepöbelt und der Nothammer herausgerissen. Der Zug hielt, doch als die Polizei zur Stelle war, hatten die Rocker sich längst zum S-Bahnhof Veddel abgesetzt.

Dort rempelten die Burschen einen Klempner an. Der ehemalige Amateurboxer ging sofort in Verteidigungsstellung, und der Trupp jubelte: »Er wehrt sich.« Dann traten sie den Mann zu Boden und stießen ihm die Stiefelabsätze ins Gesicht.

Der Klempner schleppte sich bis zu einer öffentlichen Telephonzelle, dann wurde er ins Krankenhaus gebracht. Die Blase brach bis zur Abfahrt des Zuges um 15.55 Uhr noch einen Schokoladen-Automaten auf und schleuderte Schottersteine auf. Kinder und Autos.

Als um 16.08 Uhr in Veddel die Polizei eintraf, stiegen die Rocker schon am Hauptbahnhof aus. Drei schnappte sich die Bahnpolizei, das Gros zog auf Umwegen zum Bahnhof Dammtor weiter, wo sich die Dammtor-Rocker anschlossen. 75 Mann halbstark fuhr die Gang zum Bahnhof Altona« wo es galt, die feindlichen Altonaer »Tiger«-Rocker zu verhauen.

Diesmal war die Polizei schon da, machte Aufnahmen mit der Polaroid-Kamera zur Identifizierung der Schläger und griff sich .- sobald ein Rocker einen Bürger belästigte -- den jeweiligen Rabauken zur Personalfeststellung. Doch dann durfte der Jungmann, wie das Gesetz es befiehlt, wieder gehen.

Auf dem Rückweg durch die Stadt wurden in der S-Bahn die Aschenbecher geleert, Reisende gereizt, und einige der Helden kletterten draußen an den fahrenden Wagen entlang. Um 18.08 Uhr zog schließlich ein Eisenbahner die Notbremse. Zwischen Sternschanze und Holstenstraße stoben die Rocker und ihre Bräute über die Gleise und das Dach einer Tankstelle in die Straßen der Millionenstadt.

Immerhin ist in Hamburg, wo es laut »Stuttgarter Nachrichten« wie »in Chikago« zugeht, jüngst eine »Zentrale Dienststelle zur Bekämpfung des Rocker-Unwesens« eingerichtet worden. Kriminalhauptkommissarin Charlotte Fiedler berichtet: »Es hagelt Heimeinweisungen.« Jedoch, so verlautbarte die Polizei ebenfalls: »Belästigungen einzelner werden sich allerdings nicht völlig ausschließen lassen.«

Gefahr, allmählich demoralisiert zu werden, droht den Rockern neuerdings von ziviler Seite. Die Staatliche Pressestelle des Hamburger Senats meldete: »Aus Kreisen der Rocker wurde laut, daß sie wegen der vielen Nachfragen von Presse und Fernsehen -- verbunden mit Freibier -- schon Terminschwierigkeiten hätten.«

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