Zur Ausgabe
Artikel 63 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

JAHRTAUSENDWENDE »Größter anzunehmender Unfug«

Computer werden zum Datumswechsel unberechenbar. Die Experten, die für eine sichere Jahrtausendwende planen, rechnen mit Stromausfällen ebenso wie mit dem Zusammenbruch der Telefonnetze. Zu Silvester schlägt die Stunde der Krisenstäbe.
aus DER SPIEGEL 52/1999

»Ja mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht / Und mach dann noch ''nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht.« BERTOLT BRECHT, »DREIGROSCHENOPER«

»Ja mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht / Und mach dann noch 'nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht.«

BERTOLT BRECHT, »DREIGROSCHENOPER«

------------------

Kurz vor Mitternacht wird den Reisenden im Lufthansa-Airbus 319 »Schweinfurt« dann doch ein bisschen mulmig zu Mute. Die Gespräche ersterben, manch einer der 100 Passagiere zurrt rasch den Gurt noch einmal fester.

Dann springen die Uhren auf den 1. Januar 2000 um, doch das Chaos bleibt aus. Kein Flimmern der Instrumente, kein Datensalat in der Bordnavigation - die Maschine schnürt unbeirrt in einer Höhe von 11 000 Fuß zwischen Frankfurt und Stuttgart. »Hurra, wir leben noch«, kommentiert ein Fluggast trocken.

Als bei dem Lufthansa-Testflug drinnen in der Kabine bereits das neue Jahrtausend anbrach, war es draußen noch Ende Oktober. Passagiere und Firmenmanager freuten sich, dass die Reise mit den vorgestellten Uhren nach einer sanften Landung in die Gegenwart zurückführte. Auch der Sekt war gut gekühlt.

Doch jetzt wird es ernst. Überall in der Republik formieren sich, man kann ja nie wissen, Einsatzteams und Notfallketten. Versuchsreihen sind gut, vor Ort sein ist besser, lautet das erste Gebot der Sicherheit zum großen Datumswechsel.

Dass mit dem ominösen Y2K (dem »Year two kilo«, also Jahr 2000) die Welt aus allen Fugen geraten könnte, fürchten ernsthaft wohl nur ein paar Promille der sechs Milliarden Erdlinge. Niemand aber kann ausschließen, dass manchem Elektronenhirn ein gehöriger Schreck in die Platinen fährt, wenn ein veraltetes Bauteil tief in seinem Inneren von der Jahresziffer 99 auf eine rätselhafte Doppelnull umspringt.

Back to the future - vorwärts zurück ins Jahr 1900? Erst fällt der Strom aus, dann das Gas und dann die Wasserzufuhr, weil ohne elektrische Schaltkreise gar nichts mehr funktioniert. Die Küche bleibt kalt. Der Gefrierschrank tropft. Aus dem Gully riecht es muffig. Irgendwo da draußen explodiert ein Atomkraftwerk.

So schlimm muss es ja nicht kommen. Doch in der Nacht der Nächte werden nicht nur die Computer unberechenbar. Eine nicht zu unterschätzende Schwachstelle bleibt der Mensch, vor allem in seiner alkoholisierten, euphorisierten, sprengstoffbewehrten Erscheinungsform.

So schlägt am 31. Dezember mitten im Festlärm die Stunde der Krisenstäbe. Nicht nur in den Nervenzentren der vernetzten Welt bereiten sich die Experten auf den Fall der Fälle vor. Auch handfester Katastrophenschutz steht auf dem Programm - vor allem in den Großstädten. In Stuttgart übt ein »Stab für außergewöhnliche Ereignisse« unter Leitung des Oberbürgermeisters. In Frankfurt am Main ist die »Arbeitsgruppe 1999/2000« vor allem Sache der Feuerwehr. In München beruhigt der zuständige Kreisverwaltungsreferent die Bürger, »so sicher wie immer« seien Wärme, Energie und Wasser.

Trotzdem kalkulieren sogar Bergwachten und Rettungsschwimmer mit Megasuff, Massenpanik, exzessivem Geböller und blutigen Gemengelagen. »Wir wollen nichts hochspielen, aber intern rechnen wir mit dem GAU«, sagt ein Frankfurter Krisenstäbler, der das Kürzel flapsig als »größten anzunehmenden Unfug« übersetzt.

Der Stab aller Stäbe, die den GAU unter Kontrolle halten wollen, nimmt seinen Sitz natürlich in der Hauptstadt. Am Spreebogen im Berliner Stadtteil Moabit residiert seit dem Regierungsumzug das Bundesinnenministerium. Ein Raum im 10. Stock, der ungefähr so groß ist wie ein Klassenzimmer, wird ab dem 31. Dezember, acht Uhr, zum Lagezentrum der Nation.

An den Wänden der Krisen-Herzkammer zeigen sechs Uhren die Ortszeiten globaler Metropolen an - von Wellington in Neuseeland, wo das neue Jahr elf Stunden früher beginnt, bis Moskau, das zwei Stunden vorausliegt. Auf einer Leinwand flimmern die Nachrichten des Senders CNN, damit das Auswärtige Amt und der Bundesnachrichtendienst nicht alles allein machen müssen. Weil auch Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Laufenden bleiben soll, wird er von einer Spezialeinheit der Bundeswehr mittels einer Richtfunkstrecke kommunikationsfähig gehalten.

Chefin der 200 Bediensteten, die über Notstromaggregate und spezielle Telefonverbindungen abgesichert sind, ist Innenstaatssekretärin Brigitte Zypries. Für den Fall, dass die Sozialdemokratin doch ein Auge zumachen will, hat sie sich eine Matratze bereitgestellt. »Eigentlich ist es ein ganz normales Wochenende«, beteuert sie, »wir glauben nicht, dass etwas passiert.« Wenn aber doch, stehen ganze Bataillone in Alarmbereitschaft - landesweit allein 11 200 Bundesgrenzschützer.

Schwerpunkt der Planungen ist Berlin selbst. In der 3,4-Millionen-Metropole soll nicht nur, rund um Siegessäule, Brandenburger Tor und Alexanderplatz, die größte Straßenparty der Republik abgehen. Auch allerhand Ärger wird erwartet, sei es von Besoffskis aus dem Kiez, sei es von Autonomen aus dem ganzen Bundesgebiet, die laut Szene-Aufrufen »die neue Mitte« der Hauptstadt aufmischen wollen.

Mehr als zehntausend Polizisten, Feuerwehrleute und Grenzschützer müssen nüchtern bleiben, einige Beamte sollen gar als »lebende Notrufsäule« Streife laufen. Spezielle S-Bahn-Züge stehen in Tunneln unter dem Stadtzentrum bereit, um Verletzte auf die Krankenhäuser zu verteilen.

Die sind ebenfalls präpariert. Die Unfallklinik in Berlin-Marzahn hat beispielsweise 300 Taschenlampen angeschafft, um in jeder Situation den Überblick zu behalten. Sollte die Wasserversorgung zusammenbrechen, würde das Klinikpersonal über Menschenketten das Wasser aus dem Reha-Schwimmbecken schöpfen.

Auch ein Ausfall der Hochtechnologie schreckt die Ärzte an den rund 2200 deutschen Kliniken nicht. Olaf Schaefer vom Krisenstab der Medizinischen Hochschule Hannover zeigt sich zuversichtlich: »Es ist das tägliche Brot der Intensivmedizin, dass man im Notfall ohne technische Geräte Hilfe leisten muss.«

Der Landesbetrieb Krankenhäuser in Hamburg hat bereits vor drei Jahren begonnen, die 50 000 Apparate der acht staatlichen Kliniken zu überprüfen. Einige alte Notstromaggregate wurden ausgetauscht, die Fahrstühle sollen zwischen 23.50 Uhr und 0.10 Uhr außer Betrieb gehen.

Während planbare Operationen zum Jahreswechsel unterbleiben, rechnen die Gynäkologen mit einer Fülle von Millenniumbabys. 20 bis 30 Prozent mehr Geburten als üblich stehen bevor. Etliche Schwangere haben bereits darum gebeten, der Doktor möge doch um Punkt Mitternacht einen Kaiserschnitt ausführen, erzählt Hans-Jürgen Kitschke, Chefarzt der Offenbacher Frauenklinik. Aber nicht mit ihm, sagt er: »Aus Jux machen wir keine Operationen.«

Besonders ernst müssen die Energieversorger den Datumssprung nehmen, denn wenn es bei ihnen hakt, beginnt der Dominoeffekt, der das ganze Land lahm legen könnte. Nach unzähligen Planspielen fühlen sich die Stromer sicher, sagt etwa ein Sprecher der Hamburgischen Electricitäts-Werke: »Wir haben den Jahreswechsel getestet und täglich Silvester gespielt.« In Thüringen wollen sich die Hobbyfunker vom Deutschen Amateurradioclub in den 60 Umspannwerken des Landes zur Nachtschicht einfinden - für den Fall, dass die Telefonleitungen kollabieren.

Die strengsten Blicke richten sich auf die Atomkraftwerke. Wer dem Bundesumweltministerium und dem Deutschen Atomforum vertraut, braucht vor einer nuklearen Seuche zum Jahreswechsel keine Angst zu haben - alle 19 Meiler seien sicher, beteuern die zuständigen Stellen.

Eine Feier wie jede andere wird es dennoch nicht werden, wenn 22 Schlosser, Elektriker und andere Techniker zur Silvesternacht ins baden-württembergische Kernkraftwerk Obrigheim einrücken. Die Familien dürfen mitkommen, allerdings herrscht Alkoholverbot. Die Sonderzulage liegt nach Angaben eines Obrigheim-Sprechers bei »deutlich unter 100 Prozent« - immerhin mehr als bei der Polizei, die nur 2,50 Mark pro Stunde für den »Dienst zu ungünstigen Zeiten« draufschlägt. »Viele Kollegen sind sauer«, schimpft Polizei-Gewerkschafter Ralf Knospe.

Mit ein paar Hundertern und mehr sind viele EDV-Spezialisten der großen Banken dabei. Die Dresdner Bank beispielsweise hält an Silvester 2700 ihrer weltweit 50 000 Mitarbeiter auf Trab, am Neujahrstag kommen noch ein paar tausend dazu, die ihren Computern den Elektropuls fühlen müssen. Schließlich sollen am 3. Januar die Geschäfte laufen, als wäre nichts geschehen.

Mit einigem Aufwand versucht auch die Deutsche Bahn, in der Silvesternacht nicht an ihre Pannenserie anzuknüpfen. Die Leitzentrale steht mit den japanischen Kollegen in engem Kontakt - es könnte ja sein, dass die Deutschen aus Problemen, die bei den Fern-Ossis auftreten, etwas lernen. Die 420 Personenzüge, die gegen Mitternacht durchs Land rollen, sollen kurz anhalten, wenn die Stunde schlägt. Für die Reisenden steht Sekt bereit.

Sollte der Jahrtausendwechsel allzu glatt verlaufen, bleibt für Pessimisten eine gewisse Hoffnung. Das Jahr 2000 ist ein Schaltjahr, Computerexperten malen bereits muntere Ausfälle am 29. Februar an die Wand.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.