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SPANIEN Größtes Verbrechen

Ein Fleischhändler erwarb das fast unbekannte Goyabild »La marquesa de Santa Cruz«. Der Kauf, zu einem Spottpreis, ist illegal, der Käufer versteckt das Bild. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Der anonyme Anruf kam aus New York. Gegen vier Uhr in der Früh wollte jemand dem spanischen Generaldirektor der Schönen Künste, Fernandez Miranda, mitteilen, es gehe um einen Maler namens Francisco Goya. Eines seiner schönsten Bilder, »La marquesa de Santa Cruz«, werde hier zum Verkauf angeboten.

Kurz zuvor schon hatte sich eine andere unbekannte Stimme aus London über Goya erkundigt: Von Fernandez Miranda wollte der Anrufer bestätigt haben, daß das angebotene Bild echt sei.

Fernandez Miranda stutzte sofort: Das Bild sei selbstverständlich echt, aber doch nicht frei zum Verkauf, und schon gar nicht in den USA. Nur ein paar Tage später schwante dem Kulturbeamten: »Da ist das größte Verbrechen am spanischen Kunstbesitz begangen worden.«

Tatsächlich war es einem unscheinbar wirkenden argentinischen Gauner namens Antonio Saorin gelungen, den spanischen Staat um eines der kaum bekannten - und daher sehr gefragten - Bilder von Francisco Goya zu prellen, dem lebensgroßen Bildnis der leichtbekleideten Marquesa de Santa Cruz.

Als Fleischimporteur aus Argentinien getarnt, hatte sich Saorin mit billigen, frischen Filetsteaks bei Madrider Diplomaten und dem spanischen Adel beliebt gemacht. Insgeheim aber nutzte der Händler seine Kontakte zu etwas ganz anderem: Genau registrierte er die Kunstschätze von verarmten Angehörigen der spanischen Oberklasse und bot sich selbstlos als Kontaktmann bei möglichen Verkäufen an.

So kam er auch zu der Bankiersfamilie Fernandez Valdes ins baskische Bilbao, in deren Wohnstube an der Hauptverkehrsstraße Gran Via das von der Kunstwelt fast vergessene Goya-Bild »La marquesa de Santa Cruz« hing.

Er schwatzte dem Fernandez Valdes das Werk ab - für lächerliche 25 Millionen Peseten (425 000 Mark). Auf diese Summe jedenfalls ist der Kaufvertrag ausgestellt. Goyas Spätwerk aber wird auf dem internationalen Kunstmarkt auf mindestens 500 Millionen Peseten (8,5 Millionen Mark) geschätzt.

In Spanien konnte Saorin nur schwer einen legalen Käufer für das Kunstwerk finden. Es auszuführen aber verbietet das spanische Gesetz. Eingerollt und in

Segeltuch verpackt, schmuggelte der Fleischer das Kunstwerk deshalb in einer Jacht von Mallorca aus ins Ausland.

Dort verspricht sich der Händler potentere Käufer, zumal die Geschichte des Bildes nicht nur Goya-Freunde anziehen dürfte: Im Auftrag der Herzogin von Benavente hatte Goya 1805 deren Tochter Joaquina als 20jährige gemalt, im Stil der nackten Maja, leicht bekleidet, Erato, die Muse der Liebesdichtung, darstellend.

Dem Auftraggeber mag das Bild dann doch zu unkeusch vorgekommen sein. Goya, oder möglicherweise nur seine Gehilfen, mußten dasselbe Bild noch einmal, sittlicher, malen.

Von der Marquise mit der »göttlich provozierenden Sinnenfreude«, so der deutsche Goya-Kenner Hans Rothe, blieb in der zweiten Version nur noch ein nettes Mädchen übrig, das sich in der besten Gesellschaft hätte zeigen können.

Die vorher nackten Füße sind nun in moderne Seidenschühchen gezwängt, über die verkleinerte Brust fällt ein albernes Löckchen. Das Gesicht der ersten Fassung, »eine aufgelöst glühende Liebe«, wurde in ein melancholisches, niedliches Antlitz verwandelt.

»Vielleicht wollte Goya der Marquise zeigen«, folgert Hans Rothe, »wie wenig an ihr dran sei, wenn man sie mit bürgerlichen Augen betrachte.«

Napoleon, im Krieg in Spanien, fand Gefallen an der ersten, erotischen Darstellung der Marquise und nahm das Bild, zusammen mit 200 anderen, einfach als Beute mit. Wenig später geriet es in die Hände des Herzogs von Wellington, der die Franzosen in Nordspanien besiegt hatte. Auf dessen Landsitz Strathfield Saye House hing das Bild bis 1953, jetzt ist es im County-Museum in Los Angeles ausgestellt.

Auch an der zweiten, züchtigeren Fassung hatte die Familie Santa Cruz offensichtlich keinen allzu großen Gefallen gefunden. Das Bild wechselte mehrmals den Besitzer in Spanien und England. 1940 dann kam Diktator Franco auf die Idee, mit dem Bild Weltpolitik zu machen.

In dem neoklassizistischen Ornament, das Goya auf die Lyra der Muse-Marquise gemalt hatte, wollte Franco ein Hakenkreuz erkennen und das Bild deshalb seinem Diktator-Kollegen Adolf Hitler schenken, als Schmuckstück für das geplante Nazi-Museum in Linz. Francos Freund, der Bankier Fernandez Valdes aus Bilbao, wurde beauftragt, das Bild, inzwischen in englischem Privatbesitz, zu kaufen.

Doch die Transaktion verzögerte sich. Und schon 1941 machte Franco einen Rückzieher: Er hatte Zweifel, ob es sich nun noch lohne, das Bild Hitler zu verehren. Bankier Fernandez Valdes blieb folglich der Besitzer, bis zum März dieses Jahres.

Da entschloß sich die Erbin des inzwischen verstorbenen Bankiers, das Bild Saorin zu verkaufen, illegal. Denn jeder Eigentumswechsel bedeutender Kunstschätze, die sich in Privatbesitz befinden, muß der Generaldirektion der Schönen Künste zuvor angezeigt werden, die laut Gesetz ein Vorkaufsrecht hat. Das Madrider Prado-Museum wäre glücklich gewesen, Goyas fast unbekanntes Werk kaufen zu können.

Doch offensichtlich war die Familie von der baskischen Separatistenbewegung Eta finanziell stark unter Druck gesetzt worden, die »Revolutionssteuer« zu entrichten, welche die meisten Unternehmer im Baskenland den Terroristen zahlen müssen. Fleischhändler Saorin kam im richtigen Augenblick.

Erst durch die anonymen Anrufer aus London und New York erfuhren die staatlichen Stellen in Madrid, daß das Bild in die USA geschmuggelt worden war. Interpol wurde eingeschaltet. Doch die Aussichten, das Bild zurückzubekommen, sind wohl gering.

Fleisch- und Goya-Händler Saorin hatte das Zweitwerk der »Marquesa de Santa Cruz« gezielt dem J. Paul Getty Museum in Malibu zum Kauf angeboten, mit einer gefälschten Exportlizenz. Nebenan in Los Angeles hängt, im konkurrierenden County-Museum of Art, schon die erste Version. Goya-Liebhaber hätten beide Bilder fast gleichzeitig bewundern können.

Angesichts des aufkommenden Skandals um das Bild verzichtete das Getty-Museum auf den Kauf. Saorin irrt nun mit der eingerollten Leinwand - Maße: 130 mal 210 Zentimeter - durch die Welt und bietet sie auf dem schwarzen Kunstmarkt an. Die Spanier glauben, daß das Bild inzwischen in einem Safe in der Schweiz liegt.

In einer von der Unesco herausgegebenen Liste, die an alle großen Museen verschickt wurde, ist Goyas Bild als »gestohlen« registriert. Deshalb dürfte wohl kein Museum es mehr wagen, es zu kaufen.

Dennoch ist Generalsekretär Fernandez Miranda nicht allzu optimistisch: »Es gibt doch genügend verrückte und reiche Amerikaner, die selbst gestohlene Bilder kaufen wollen.«

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