Zur Ausgabe
Artikel 107 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

JUGOSLAWIEN Grollen an der Basis

Belgrads Demokraten streiten über das Tempo der Reformen. Präsident Kostunica wirbt bei den Nachbarn um Geduld.
Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 44/2000

Der Held der serbischen Revolution schäumte: »Im Land herrschen Anarchie und Chaos«, polterte Cacaks Bürgermeister Ilic. Dessen Kohorten hatten beim Volksmarsch auf Belgrad Ende September mit dem Sturm auf Parlament und Staatsfernsehen den Despoten Slobodan Milosevic hinweggefegt.

Diesmal galt der Unmut des Provinzfürsten Händeln und Zerstrittenheit unter den Führern der siegreichen demokratischen Opposition. »Einige sollten sich nicht wundern, wenn wir bald gegen sie Proteste organisieren«, schimpfte Ilic, und diese Drohung richtete sich vor allem an einen: Zoran Djindjic, den Impresario der Belgrader Revolte und Präsidenten der Demokratischen Partei.

Dem geht das Abräumen der letzten Bastionen des sozialistischen Regimes nicht schnell genug. Anders als Jugoslawiens neuer Präsident Vojislav Kostunica, ein Legalist, hätte Djindjic gern »alle Machtzentralen und Institute viel schneller gesäubert«. Der Feuerkopf suche seinen Willen den anderen 17 Parteien im vormaligen Oppositionsbündnis DOS aufzuzwingen, grummelt es an der Basis. Und einige Kommentatoren prophezeien bereits eine politische Katastrophe: das Ausbrechen des offenen Machtduells zwischen dem Patrioten Kostunica und dem für viele Serben allzu westlich orientierten Djindjic (siehe Seite 214).

Dabei dürfte Kostunica bei den »befreiten« Medien über die stärkeren Bataillone verfügen. Belgrads Wendejournalisten gelobten zwar »Objektivität«, beweihräuchern nun aber den neuen Regenten. Kostunica, unter Milosevic von der einst renommierten Zeitung »Politika« als Frauenheld und bizarrer Typ mit 17 Katzen verhöhnt, ist jetzt für das Blatt ein »Mann des Vertrauens und der Prinzipien, dem niemand Intelligenz, Ehre, Patriotismus, Bescheidenheit und persönliche Kultur abstreiten kann«.

Jugoslawien habe noch »zahlreiche Probleme«, gestand Kostunica vergangene Woche auf dem Treffen der Balkan-Führer im mazedonischen Skopje, »doch die Völker des Balkans müssen künftig in Frieden leben«. Das jugoslawische Volk sei »in einer neuen Ära« bereit, »diese historische Herausforderung zu meistern«.

Die von Kostunica angemahnte Geduld könnte beiderseits schnell einer Zerreißprobe ausgesetzt sein. Zwar wurde Jugoslawien am Donnerstag feierlich in den vom EU-Sonderbeauftragten Bodo Hombach dirigierten »Stabilitätspakt« aufgenommen. Außerdem stehen demnächst die Mitgliedschaft im Internationalen Währungsfonds sowie die Erneuerung der Uno-Mitgliedschaft an.

Doch nach dem internationalen Freudenrausch über den Sturz Milosevics dürfte das Angehen delikater Themen bald für Ernüchterung sorgen. Kredite, finanzielle Hilfen und Investitionen in die marode Wirtschaft werden zweifellos an das Wohlverhalten der neuen Belgrader Führung gekoppelt sein. Dazu zählt nicht nur die Zusammenarbeit mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal, sondern auch Kompromissbereitschaft in der regionalen Zusammenarbeit.

Kroatiens Präsident Stipe Mesic forderte bereits vom Westen, »die künftige Demokratie in Serbien zu überwachen«. Am vergangenen Freitag wiederholte Mesic seine Vorbehalte gegenüber der neuen Belgrader Führung bei seinem Besuch in Berlin. Frustration über die internationale Aufwertung Serbiens herrscht vor allem in Jugoslawiens Teilrepublik Montenegro, deren Präsident Milo Djukanovic sich während der Milosevic-Diktatur zum demokratischen Gegenspieler aufgebaut hatte. Kostunica setze die Politik Milosevics und das Ignorieren montenegrinischer Interessen fort, kritisierte das von Djukanovic kontrollierte Fernsehen, die politische Arroganz der neuen Führer in Belgrad sei »untragbar«.

Auch im Kosovo, wo am Wochenende die erste Kommunalwahl unter internationaler Verwaltung stattfand, dürfte der Serbe Kostunica so schnell keine politischen Lorbeeren ernten. Eine vom ehemaligen Ankläger des Haager Tribunals, Richard Goldstone, geführte Uno-Expertenkommission plädiert mittlerweile sogar für eine »bedingte Unabhängigkeit« der ehemaligen Serbenprovinz. Internationale Garantien sollten Serben und andere Minderheiten in dem neuen Staat schützen. Falls serbische Polizeieinheiten in das Kosovo zurückkehrten, gäbe es einen »neuen Konflikt«, warnt Uno-Verwalter Bernard Kouchner.

Auf dünnem Eis wandelte der neue Repräsentant Jugoslawiens auch bei seinem Besuch im geschundenen Bosnien. Sein Small Talk mit einigen bosnischen Führern auf dem Flughafen von Sarajevo, bei dem Kostunica auf der Eigenständigkeit der Republik Srpska beharrte, ließ eher alte Ressentiments wieder aufkeimen.

Der abgehalfterte Despot Milosevic harrt derweil noch immer in Belgrad aus. Für seinen Clan lässt er derzeit im Prominentenviertel Dedinje als Privatresidenz einen Prunkbau mit bombensicherem Bunker errichten. Kosten: sechs Millionen Mark.

Zwischen Depression und Wut will Ex-Herrscher Milosevic, der auf einer Sitzung seiner Sozialistischen Partei vorige Woche heftig attackiert wurde, nun mit letzten Hardlinern die Chancen für ein Comeback erkunden.

Illusionen eines »politisch Toten« nennt Belgrads künftiger Parlamentspräsident Dragoljub Micunovic solche Planspiele, an deren Sinn selbst Milosevics engste Parteigenossen zweifeln. Inzwischen stimmte Serbiens Präsident Milan Milutinovic kompromissbereit Neuwahlen am 23. Dezember und einer neuen Übergangsregierung unter Beteiligung des DOS-Bündnisses zu.

Klüngel und Geheimdienstkomplotte seien ausgeschlossen, beteuerte auch die geläuterte Armeeführung: »Milosevic hat keinen Einfluss mehr auf die Sicherheitskräfte des Landes.« RENATE FLOTTAU

* EU-Außenminister Solana, Albaniens Präsident Mejdani,Bulgariens Staatschef Stojanov, Griechenlands MinisterpräsidentSimitis, Mazedoniens Premier Georgievski, Mazedoniens PräsidentTrajkovski, Rumäniens Präsident Constantinescu, Türken-PremierEcevit, Jugoslawiens Präsident Kostunica, Kroatiens VizepremierGranic und dem EU-Beauftragten Hombach.

Zur Ausgabe
Artikel 107 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.