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SCHWEIZ Grollen im Reich der Giganten

Im Berner Oberland bedroht ein Felsabsturz das Tal zum Grimselpass. An Eiger, Mönch und Jungfrau geraten Gletscher aus dem Gleichgewicht. Auch hier kommen die Alpen ins Rutschen.
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 44/2000

Der Hubschrauberpilot Heinz Blatter muss sich jetzt konzentrieren. Er ist auf einer Wiese an der Straße zum Grimselpass gestartet. Dann hat er den steilen Hochwald überquert. Nun, vor einer lotrecht aufragenden Felswand, geht er in den Schwebeflug an Ort und Stelle über.

Blatter hat die Tür der fünfsitzigen Maschine ausgehängt, damit Ueli Gruner vom Büro Kellerhals + Haefeli den Abgrund gut fotografieren kann. Spalten und Risse durchziehen die Flanke. Sie haben sich in den letzten Wochen dermaßen erweitert, dass die ganze Felsbarriere abzustürzen droht - hinab auf das Asphaltband der Grimselstraße zwischen Innertkirchen und Guttannen.

Gruner hat seinen Herbsturlaub verschoben, so groß ist die Gefahr. »Die Felsmassen werden sich nach vorn neigen, wegkippen und überschlagen«, ruft er gegen den Lärm der Rotorblätter an. Rund 300 000 Kubikmeter Gestein, das entspricht etwa drei Flugzeugträgern und einem Großlandungsschiff der amerikanischen Marine, könnten insgesamt hinabdonnern. »Und dabei reißen sie noch jede Menge Erdreich und Geröll mit«, sagt Gruner voraus.

Im Echo des Steinschlags, der manchmal jetzt schon in die Tiefe poltert, schwingt ein Unterton des Bedrohlichen mit. Er ängstigt die Menschen im Tal. Man deutet die Schreckensbotschaften der Erdrutsche und Hochwasser im Nachbarkanton Wallis als Omen, das schwer und beunruhigend über den Dörfern lastet wie das Kalkgestein in der Wand selbst.

Auch das Tiefbauamt des Kantons Bern hat dort eine »dramatische Zunahme der Felsverschiebungen« beobachtet. Zusammen mit der Schweizer Armee haben die Bediensteten der Behörde den Ernstfall geprobt, um sich gegen den Damoklesberg im südlichsten Winkel des Berner Oberlands zu wappnen.

Denn drunten im Tal mit seinen Eichen, Buchen und Ahornbäumen erstreckt sich nicht nur die Straße zum Grimselpass. Auch die Hochspannungsleitungen der Kraftwerke Oberhasli AG verlaufen dort. Der Wasserkraftkonzern bedient Bern, Basel und Zürich mit Strom. Seine Turbinen bringen es auf 1060 Megawatt, das entspricht der Leistung eines stattlichen Atomkraftwerks.

Und überdies gibt es gleich neben der Straße eine Pipeline. Sie liegt in einem Kiesbett unter der Erde und befördert holländisches Erdgas nach Italien. Im nahen Talgrund schäumt schließlich die Aare, die hier als junger Gebirgsfluss vom Grimsel hinabströmt. Wenn die Felslawine ihren Lauf blockiert, wird die Aare hinter dem Schutt einen See erzeugen.

Bedenklich ist auch, dass die Stauseen der Kraftwerke Oberhasli hoch in der Grimselregion wie in jedem Herbst voll Wasser sind. Starke Regenfälle haben sie früher schon überlaufen lassen. Dann würde die Aare durch die Geröllmauer brechen und ein Umspannwerk mit einem

ganzen Wald von Schaltanlagen und Transformatoren bedrohen.

Unten im Dorf Innertkirchen reden manche davon, dass es dort »schnell heiß« werde, wenn sich der Schuttdamm unter dem Druck der Wassermassen auflöse. Doch Gemeindepräsident Hans Jakob Walther, der zugleich Betriebsleiter des Kraftwerks ist, versucht zu beruhigen. Das Umspannwerk liege höher als die Aare-Böschung. Und: »Es kann automatisch abgeschaltet werden.«

Oben am Berg scheint die Blattenalp von alldem unberührt. Dunkel liegen Findlinge herum, zwischen denen Pilot Blatter seinen Helikopter landet. Grasfetzen wirbeln auf, doch die Kühe und Ziegen, die schräg auf den Wiesen stehen, um noch ein paar grüne Büschel auszurupfen, lassen sich nicht stören.

Der Senn Thomas Rohrbach, 32, hat den schönen Frühherbst genossen. Jetzt wäscht er die Käselaibe im Speicher zum letzten Mal in der Saison. Für ihn und die Tiere fängt eine ungewisse Zukunft an.

Denn die Blattenalp befindet sich direkt neben der Abrisskante der 200 Meter langen und 140 hohen Felswand, die bald in die Tiefe krachen wird. Die karge Präsenz der Gebirgslandschaft gefällt Rohrbach. Nur einen Tag vor dem Besuch Ueli Gruners hat er am Zaun, der die Alp vom Abgrund trennt, Löcher entdeckt, die es vorher dort nicht gab.

Könnten sie von Maulwürfen oder Dachsen herrühren? »Nein, hier gibt es nur Mäuse«, entgegnet der Senn. Gruner gibt ihm zu verstehen, dass auch die Kleinstwelt der Wiesen und Ziegen bedroht ist: »Die Löcher zeigen, dass Kräfte von den Felsen her übergreifen. Da kann einiges nachrutschen.«

Der Geologe Gruner hat ein automatisches Warnsystem installiert - inmitten der Spalte, die das absturzbereite Felspaket begrenzt. Die Spalte ist 100 Meter tief und scheint alles zu verschlingen. Felsblöcke haben sich in ihr verklemmt, Bruchholz von zwergwüchsigen Tannen ist im Dunkel versunken.

Gruner sitzt wie ein Reiter am Rand der Kluft und weist auf ein Rohr, das sich nach Art eines Teleskops verschieben lässt. Es misst jede Bewegung des Schlunds bis auf den Bruchteil eines Millimeters und ist durch ein Kabel mit einem Mast oben am Zaun verbunden.

Der Mast besteht aus Aluminium. Er besitzt einen Sender mit Solarzellen. Wenn sich der Spalt um mehr als einen Millimeter in der Stunde verbreitert, gibt es im Tal Alarm: in der Kraftwerkszentrale von Innertkirchen und bei zwei Felssturz-Ampeln an der Grimselstraße.

Die sehen aus wie ganz normale Verkehrsampeln, besitzen aber kein Gelbsignal. Das Tiefbauamt in Bern und Gruner hoffen, dass die Reisebusse, Lastwagen und Autos rechtzeitig vom Rot aufgehalten werden, wenn das Teleskoprohr den Ernstfall des Felssturzes registriert. Gruner geht davon aus, dass die Straße bis zu sieben Meter hoch verschüttet wird und dass sich »bei schönem Wetter 10 bis 20 Menschen im Sturzraum« befinden.

Zur Vorwarnung hat er deshalb noch ein weiteres System angebracht: kreisrunde Prismenspiegel auf der Alp und an bestimmten Stellen in der Felswand selbst. Sie werden vom Weiler Understock an der gegenüberliegenden Talhöhe mit Laserstrahlen angeleuchtet; die Spiegel wiederum reflektieren das Licht. So lassen sich kleinste Veränderungen erkennen.

Nicht nur im Grimseltal ist ein ganzes Arsenal von Überwachungsinstrumenten notwendig, um vor alpinen Desastern zu warnen. Die Geologen haben sie auch im Zentrum des Berner Oberlands angebracht, im Reich der Giganten Eiger, Mönch und Jungfrau, wo die Hitzesommer des vergangenen Jahrzehnts und die globale Klimaerwärmung Gletscherfronten absprengen, Felsflanken unterminieren und Bastionen des Tourismus gefährden.

Der Hängegletscher in der Westflanke des Eiger etwa wird mit einer Robotkamera überwacht. Temperaturmessungen und der Einsatz eines so genannten Eisradars haben ergeben, dass Regen und Schmelzwasser die Eisdecke im mittleren Teil derart erwärmt haben, dass sie nicht mehr fest am Fels angefroren ist. Bei einem weiteren Ansteigen der Temperaturen sind die Westflanke des Eiger, Wanderwege und im Winter Skipisten gefährdet.

Ähnliches ist am Gutzgletscher nahe dem Fremdenverkehrszentrum Grindelwald schon des Öfteren passiert - zuletzt im August vorigen Jahres, als 30 000 Tonnen Eis auf einen Schlag abbrachen. Weil die Stirn des Gletschers mit Prismenspiegeln förmlich gespickt war, konnte eine Postbusstraße rechtzeitig gesperrt werden.

Der Gletscherforscher Martin Funk von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hatte sich damals über einen möglichen Gletscherabriss Sorgen gemacht. Er war nachts mit seinem VW Golf von Meiringen her auf die Große Scheidegg gefahren, parkte dort den Wagen und ging kurz nach Mitternacht die Straße in Richtung Grindelwald hinab. Hoch über ihm, am Gipfelaufbau des Wetterhorns (3701 Meter), lag der Gletscher im Nebel wie ein Raubtier auf der Lauer.

»Ich konnte ihn nicht erkennen«, erzählt Funk. »Unheimlich aber waren dumpfe Geräusche, die immer drohender und dunkler wurden. Da kommt etwas ganz Großes, dachte ich.«

Funk ging hinter einem Felsblock in Deckung. Als die Stirn des Gutzgletschers abbrach und über die zerschrundene Nordwand in die Tiefe stürzte, raste eine Art pulverisierter Wind über den Felsen hinweg. Die Trümmer waren beim Fall durch die Wand auf Vorsprüngen und Absätzen regelrecht zu Eiszucker zermahlen worden. Funk: »Meine Faserpelzjacke und die eigentlich Wasser abweisende Gore-Tex-Hose waren völlig durchnässt.«

Der Gletscher am Wetterhorn verliert in immer kürzeren Abständen das Gleichgewicht, weil die am Untergrund angefrorenen Zonen wegen der Erwärmung kleiner werden. Der eigentlich dort herrschende Gebirgsfrost, auch Permafrost genannt, taut ab, weil Schmelzwasser hier gleichfalls das Gestein erwärmt.

Nicht weit entfernt müssen die Schweizer den Teil eines Gletschers kühlen - mit einer Klimaanlage. Dazu hat sich die Aktiengesellschaft der Jungfraubahnen entschlossen, die im Ganzjahresbetrieb über eine halbe Million Touristen transportiert - hinauf zum berühmten Jungfraujoch und dem Eisfeld des Jungfraufirns. Japaner und Amerikaner zählen zu den Hauptkunden, die am Felssporn der so genannten Sphinx (3571 Meter) die höchstgelegene Bahnstation, das höchstgelegene Postamt, die höchstgelegene Lottoannahmestelle und das höchstgelegene A-la-carte-Restaurant Europas vorfinden.

Doch die Welt am Jungfraujoch ist im Grunde nicht für Menschen gemacht, auch wenn ein kühnes Glasgebäude und die neue Aussichtsterrasse wie der Stützpunkt eines James-Bond-Schurken wirken. Als Problem erwies sich eine künstlich angelegte Grotte, die sich im Eis des Jungfraufirns befindet.

Weil jeder Tourist das Wärmeäquivalent einer 100-Watt-Glühbirne abgibt, musste die Bahn ein Abschmelzen des Gewölbes und des umliegenden Eises befürchten. Die schweizerische Firma CTA installierte die Klimaanlage. Sie kühlt die Außenluft auf 10 Minusgrade ab, um sie dann durch die Gänge der Grotte zu blasen.

Auch in den Felsen des Sphinx-Sporns taut der Dauerfrost. Das hat zur Folge, dass in Rissen und Spalten, die mit Eis gleichsam verkittet waren, Wasser ansteht, das nun Druck nach allen Seiten ausübt - und ganze Felswände wegkatapultiert. Im Winter 1997 stürzten bei einer solchen Gesteinsexplosion zwei Millionen Tonnen Fels vom Montblanc zu Tal.

Der Berner Geologe Hans Rudolf Keusen war am Montblanc als Gerichtsgutachter tätig, weil bei der Katastrophe zwei Skiläufer ums Leben kamen. Keusen arbeitet auch als Experte für die Jungfraubahnen und konnte bereits eine Katastrophe verhindern - am Ausgang des Tunnels, der hinausführt zum Jungfraufirn.

Auch dort hatte sich der Fels über dem Stollen so erwärmt, dass sich der Gebirgsfrost auflöste. Mit Hilfe von Distanzmessern konnte Keusen die Verschiebungen verfolgen und eine Schließung des Tunnels veranlassen. Wenige Wochen später prasselten 5000 Kubikmeter Fels auf den Touristenboulevard am Jungfraufirn hinab. »Einige der Trümmer hatten das Format von Sargdeckeln«, so Keusen, »das hätte Dutzende Tote geben können.«

Nun hat man über einem neuen Stollenausgang elastische Stahlgitter angebracht, um Gesteinsbrocken aufzuhalten. Die Besucher freilich ahnen davon nichts, wenn sie das gleißend helle Eisfeld betreten. An diesem Tag pilgern japanische Familien in Nylonanzügen durch den Schnee, direkt am nächsten Gefahrenherd vorbei: dem Gletscher in der Südflanke des Mönch (4099 Meter).

Die Japaner bauen Schneemänner, wobei ihnen andachtsvoll indische Touristen zusehen. Die Inderinnen tragen das Wickeltuch der Saris, ihre Männer braune Gabardinehosen und blaue Hemden wie daheim in den Unternehmen des Computerzentrums Bangalore. »Wir lieben das Knirschen des Schnees«, sagt der Software-Experte Rudya Nagarajiv, dessen Töchterchen mit einem Petticoat bekleidet ist.

Von Gletscherspalten haben die Urlauber aus Südindien noch nie gehört und schon gar nicht von den Eislawinen, die der Mönch entsendet - zuletzt 100 000 Tonnen, die Ende Juli bis zu dem Touristenpfad geprasselt waren. Die Wand am Mönch wird ebenfalls mit Spiegeln überwacht und von der Sphinx aus mittels Laserstrahlen abgetastet.

Keusen kontrolliert die Aussichtsterrasse auf dem Felssporn, die mit zwei Aufzügen erreicht wird. Mit einer Geschwindigkeit von 6,3 Metern pro Sekunde handelt es sich um die schnellsten Lifte in der Schweiz.

Jedoch: Auch hier schmilzt der Permafrost. Nur noch auf der Nordseite des Gipfels herrschen im Fels Minusgrade. In der Südflanke ist der ewige Frost so gut wie verschwunden. Man versucht deshalb, auch die Sphinx zu kühlen - durch Luftschächte neben den Aufzügen, die dem Gestein Wärme entziehen. Weil sich das Aussichtsgebäude an der abgetauten Südseite befindet, ist aber dennoch Gefahr im Verzug. »Hier bewegt sich etwas«, konstatiert Keusen. »Wenn die Deformationen im Fels stark genug sind, kann das Bauwerk beschädigt werden.«

Auflösungserscheinungen beobachtet Keusen auch in der Nordwand des Eiger - und zwar in den mächtigen Felspfeilern der Stollenfenster, durch die Jungfraubahn-Touristen in den düsteren Abgrund blicken. Ein »Ah« und »Oh« kommt vom japanischen Besucherkollektiv, für das die Eigerwand ein Furcht erregendes Symbol des Kontinents Europa ist.

Die Auflast des Gebirges drückt die Pfeiler langsam, aber sicher auseinander. Und auch die Erwärmung setzt ihnen schwer zu, hat Keusen nach weiteren Bohrungen herausgefunden: »Bis Dezember liegen die Felstemperaturen selbst in dieser Höhe noch im Plusbereich.« Keusen will »gefährliche Instabilitäten« vermeiden und hat deshalb zwei Pfeiler mit Stahlbeton umschließen lassen.

Mit seinem Kollegen Gruner besuchte er vor kurzem auch die Blattenalp. Die Männer sind überzeugt, dass die Herbstregen »alles entscheiden«. Die Niederschläge dringen direkt in die dortigen Klüfte und steigern den Felsdruck unerträglich.

Als erstes Zeichen der unaufhaltsamen Katastrophe sind im September 2000 Kubikmeter Fels abgebrochen, wobei die Spalten noch einmal ruckartig verbreitert wurden. Immerhin haben am gefährlichsten Schweizer Straßenkilometer die Felssturzampeln funktioniert. Als die Pendler aus dem beschaulichen Guttannen nach Innertkirchen fahren wollten, sprangen die Lichter wie vorgesehen rechtzeitig auf Rot. JOACHIM HOELZGEN

* Am 1. Oktober bei Brig im Kanton Wallis.

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