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AFRIKA Große Heuchelei

Jene afrikanischen Staaten, die am lautstärksten den Boykott gegen die Apartheid-Republik Südafrika fordern, treiben den schwungvollsten Handel mit den Buren.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Die Konferenz in Maputo, Hauptstadt der Volksrepublik Mosambik, schien ernsthaft gefährdet.

Dann nahte Rettung -- aus Johannesburg. Eine Sondermaschine der South African Airways lieferte das erforderliche Dokumentationsmaterial an, die Delegierten konnten endlich zur Sache kommen. Thema: weniger Abhängigkeit von der Rassisten-Republik Südafrika.

Südafrika lieferte zum guten Gelingen der Konferenz im November vorigen Jahres nicht nur die nötigen Arbeitspapiere, die Simultan-Übersetzungsanlage und die Fernschreibgeräte für die Journalisten, Südafrika schickte sogar den Sekt, mit dem die Konferenzteilnehmer hinterher im Hotel Polana auf ihren Versuch anstießen, vom Apartheid-Staat künftig unabhängiger zu werden.

Südafrika liefert überhaupt fast alles, was das Leben in der sonst so tristen Volksrepublik erträglich macht. Im südafrikanischen Nelspruit, etwa 150 Kilometer von der mosambikischen Grenze entfernt, stauen sich wochentags Autos aus dem Frelimo-Staat, die bis unters Dach beladen sind.

Angehörige der westlichen Botschaften in Maputo kaufen in Nelspruit ein. Ostblock-Diplomaten und Schweden sind etwas taktvoller und fahren statt dessen über die Grenze des schwarzen, stramm kapitalistischen Mini-Königreichs Swasiland, wo es sich ebenfalls gut einkaufen läßt, weil Swasiland und Südafrika eng kooperieren.

In »Kaputo« (DDR-deutsche Verballhornung für Maputo) wird auch der größte Teil der Grundnahrungsmittel vom feindlichen Nachbarn geliefert: Mais, Reis, Mehl, Öl und Fleisch. Die Devisen dafür erwirtschaften 35 000 Mosambiker als Gastarbeiter in südafrikanischen Minen.

Am Grenzübergang Ressano Garcia gibt es beinahe jedes Wochenende Wartezeiten für die Gastarbeiter-Busse aus Transvaal, vollgepackt mit den Schätzen aus dem verfemten Wirtschaftswunderland: Transistoren, Fleischkonserven, Textilien.

Mosambiks enge Handelskontakte mit dem Rassenstaat am Kap stehen im krassen Widerspruch zu den Proklamationen, mit denen Staatschef Samora Machel zum Kampf gegen die Buren aufruft -- so auch im Juni auf der Gipfelkonferenz der »Organisation Afrikanischer Einheit« (OAU) in Nairobi. An verbalen Kraftakten zur Überwindung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Südafrika hat es den Schwarzafrikanern nie gemangelt.

Dennoch meldete das Wirtschaftsministerium in Pretoria wie zum Trotz, das afrikanisch-südafrikanische Handelsvolumen sei im vergangenen Jahr S.107 um 52 Prozent auf drei Milliarden Mark gestiegen.

Die Boykottaufrufe der Afrikaner werden deshalb auch von den Adressaten in Westeuropa und den Vereinigten Staaten nicht sehr ernst genommen.

Es hat sich herumgesprochen, daß die sozialistischen Staaten Tansania und Angola ihre Diamantenproduktion von dem südafrikanischen Diamantenriesen De Beers vermarkten lassen, daß die sozialistischen Kapverden ihren Staatshaushalt zum großen Teil aus den Landegebühren von South African Airways bestreiten und daß der sozialistische Staatschef Samora Machel seine Anzüge im piekfeinen »Carlton Center« in Johannesburg schneidern läßt.

Es hat sich auch herumgesprochen, daß gerade jene afrikanischen Staaten, die am lautesten gegen die »Komplizenschaft« der Kapitalisten mit Südafrika lärmen, die besten Handelspartner des Apartheid-Staates sind.

Die marxistische Volksrepublik Mosambik etwa, die politisch eng an die Sowjet-Union angelehnt ist und dem »African National Congress« Stützpunkte für seine Guerilla-Operationen gegen Südafrika zur Verfügung stellt, deckt gut ein Viertel ihres Devisenaufkommens aus dem Handel mit Pretoria.

Wenige Länder sind wirtschaftlich so eng miteinander verflochten wie Südafrika und Mosambik. Und die Bindungen werden immer enger. So arbeiten die südafrikanischen Stahlwerke Iscor und Highveld Steel mit Hochdruck an der Produktion von hochbelastbaren Schienensträngen, die es den South African Railways ermöglichen sollen, ihre Frachtkapazität auf der Strecke Transvaal--Maputo von 15 000 auf 50 000 Tagestonnen zu erhöhen.

Das Wirtschaftsministerium in Pretoria rechnet damit, daß Südafrika nach Fertigstellung der Trassierungsarbeiten rund ein Drittel seines Exports über Maputo abwickeln wird.

Um sich aus der Abhängigkeit vom Nachbarn zu befreien, drängt Mosambik seit Jahren auf Aufnahme in die östliche Wirtschaftsgemeinschaft Comecon.

Doch die Sowjets und ihre Verbündeten zeigen wenig Neigung, sich nach Kuba und Vietnam zusätzlich noch mit einem dritten Pflegefall zu belasten.

Die Geschäfte der Radikal-Sozialisten von Maputo haben Signalwirkung auf den Rest des Kontinents. »Sie machen zwar nur einen Bruchteil unseres Gesamtvolumens mit Afrika aus, aber was für ein Effekt«, sagt Sally Gallagher, in Pretoria Sachbearbeiterin für Afrika in der »South African Foreign Trade Organisation«. Und: »Nachdem sich Mosambik zum Handel mit uns bekannte, gab es für viele andere kein Halten mehr.« Das südafrikanische Nachrichtenmagazin »To the Point« notierte einmal: »Die Schwarzen wissen ganz gut, auf welcher Seite ihr Brot gebuttert ist.«

Sambias Staatschef Kenneth Kaunda, neben Samora Machel und Tansanias Julius Nyerere einer der Führer im Kampf gegen das Apartheid-Regime, importierte voriges Jahr dreieinhalb Millionen Sack Mais aus Südafrika; und obwohl ihm für den Abtransport sambischen Kupfers mehrere Alternativrouten durch befreundete Staaten zur Verfügung stehen, bedient er sich lieber südafrikanischer Güterzüge, weil sie schneller und zuverlässiger sind als tansanische, mosambikische und angolanische Bahnen.

Verzögerungen gibt es nur, wenn Kaunda für Pretorias Geschmack zu lautstark gegen die Rassisten polemisiert. Dann bleiben Kupferwaggons auf Abstellgleisen stehen, dauern die Zollformalitäten Tage statt Stunden, werden Lokomotiven ohne ersichtliche Ursache plötzlich knapp.

Nach Angaben Pretorias treiben derzeit nicht weniger als 43 von 50 Mitgliedstaaten der OAU Handel mit Südafrika -- obwohl die OAU alle Jahre wieder auf ihren Gipfelkonferenzen einstimmig den Handelsboykott gegen den Apartheid-Staat fordert und ebenso stereotyp die Westeuropäer für ihre Wirtschaftsbeziehungen zum Kap verurteilt.

Das Ausmaß der Geschäftsbeziehungen mit Schwarzafrika wird von Pretoria häufig kaschiert. Der afrikanische Konsument weiß nicht, daß er südafrikanische Ware verzehrt, wenn etwa in Westafrika Marmeladenkonserven von »H. Jones Sofala Limitada Mocambique« oder in Nordafrika südafrikanische Dosen mit Apfelsaft, arabisch beschriftet, mit mosambikischer Ursprungsangabe auf den Markt gebracht werden.

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