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Brasilien Große Ohren

Unauffindbare Nummern, schwarze Anschlüsse: Telefonieren ist in Rio ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Der Bürgermeister feierte es als »historisches Ereignis«. Brasiliens Staatspräsident nahm es zum Anlaß, an den Zuckerhut zu reisen, um bei der Präsentation dabei zu sein. Für die meisten Cariocas, wie die Einwohner von Rio de Janeiro genannt werden, bedeutet es schlichtweg »die Rückkehr in die Zivilisation«.

Rio hat ein neues Telefonbuch.

Zehn Jahre lang war die Sieben-Millionen-Metropole weltweit neben Moskau die einzige Großstadt ohne offizielles Telefonverzeichnis, so Eduardo Gosling von der Firma Telelistas, die den neuen dreibändigen Wälzer herausgibt. So lange stritten sich die staatliche Telefongesellschaft Telerj und verschiedene Anbieterfirmen über den Millionenauftrag.

Zum letzten Mal hatte die Telerj 1983 den Auftrag für ein neues Verzeichnis ausgeschrieben. Die Firma, die den Zuschlag erhielt, ging jedoch bankrott. Zwei Jahre später startete Telerj einen neuen Versuch.

Telelistas, ein brasilianisch-amerikanisches Joint-venture, machte das günstigste Angebot, doch die Telerj-Bosse entschieden sich für einen anderen Anbieter, vermutlich waren Schmiergelder im Spiel. Erst 1994 schlichtete das oberste Bundesgericht den Streit, nachdem Staatspräsident Itamar Franco persönlich eingegriffen hatte.

Managerposten in Brasiliens staatlichen Telefongesellschaften sind bei Politikern begehrt. Das Geschäft mit der Kommunikation ist so lukrativ, daß Privatfirmen riesige Bestechungssummen zahlen, um den Zuschlag für einen Staatsauftrag zu erhalten. Die Leidtragenden sind die Telefonkunden, die für miserablen Service überhöhte Gebühren zahlen müssen.

So wurde die Findigkeit der Cariocas auf eine harte Probe gestellt. Dabei telefonieren sie leidenschaftlich gern. Jüngst mahnte die Telerj ihre Kunden in Fernsehspots, sich kürzer zu fassen, weil das Netz überlastet sei. Fast an jeder Straßenecke in der vornehmen Südzone stehen mehrere Telefonzellen. Auf den berühmten Stränden von Copacabana und Ipanema hat die Telerj Dutzende der »Großen Ohren« installiert, wie die ovalen Schallmuscheln genannt werden.

Telefonnummern von Handwerkern und Ärzten werden wie Schätze gehandelt. Besonders schmerzhaft machte sich das Fehlen des Telefonbuchs beim Flirten bemerkbar. Wer einer Zufallsbekanntschaft am Strand oder in der Kneipe nicht sofort die Telefonnummer abluchste, lief Gefahr, seinen Schwarm nie wiederzusehen.

Bei der Auskunft gingen in den vergangenen Jahren täglich bis zu 120 000 Anfragen ein. Doch nur selten geben die Damen vom Amt die richtige Nummer heraus: Zahlreiche Anschlüsse sind von den Besitzern untervermietet.

Wie überall in Lateinamerika, so blüht auch in Rio das illegale Geschäft mit Telefonanschlüssen. Weil die Telerj mit der Einrichtung neuer Leitungen nicht nachkommt, kaufen oder mieten viele Kunden ihre Nummer auf dem Schwarzmarkt. Telefonanschlüsse sind eine Geldanlage, die kaum jemals an Wert verliert. Eine neue Nummer kostet schwarz zwischen 5000 und 10 000 Mark; für etwa hundert Mark im Monat läßt sich ein Anschluß mieten.

Freilich: Auch im neuen Telefonbuch wird nur der Name des Besitzers verzeichnet, nicht der Benutzer. Die meisten Cariocas bezweifeln daher, daß mit dem neuen Verzeichnis das Chaos beendet sein wird.

Mit einer aufwendigen Werbekampagne wurden die Bewohner auf das Ereignis vorbereitet. Ende vergangenen Jahres stieg ein Flugzeug über dem Strand von Ipanema auf. Die Maschine zog ein Transparent hinter sich her, auf dem ein junger Mann namens Beto fragte: »Hallo Leute, kennt jemand Monicas Nummer?« In den folgenden Wochen war die ganze Stadt mit den Hilferufen vollgepflastert. Auf Plakaten und im Fernsehen wurden die Leiden des jungen Beto weitergesponnen.

Beto hatte Monica in einer Kneipe kennengelernt, aber ihre Telefonnummer verloren. In der Hoffnung, sie aufzuspüren, rief er alle Freunde und Bekannten an. Der Cousin des Freundes eines Geschäftspartners erinnerte sich an die alte Nummer von Monicas Eltern, doch die waren inzwischen nach Miami ausgewandert.

Während Beto nach der Nummer fahndet, klingelt mehrmals das Telefon: Zu seiner Enttäuschung aber ist nicht Monica am Apparat, sondern ein Leidensgenosse, der nach der Nummer einer Apotheke aus der Nachbarschaft sucht. Schließlich, Beto ist im siebten Himmel, ruft tatsächlich Monica an. Doch das Liebesgeflüster hat kaum begonnen, da klingelt es und Beto legt versehentlich auf. Zum Glück steht der Postbote mit dem neuen Telefonbuch vor der Tür.

Für Millionen Cariocas, die Betos Odyssee nachempfinden können, bleibt dieses Happy-End ein Traum: Beto hat nicht nur das unwahrscheinliche Glück, daß Monica eine eigene Nummer besitzt und somit verzeichnet ist. Er ist auch nicht auf die Telefonzellen und die Schalter der Telerj angewiesen. Dort suchen die Kunden weiterhin vergebens nach Telefonbüchern. Y

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