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ERNÄHRUNG Große Verführer

Schädigen Coca-Cola, Snickers und Mars die Volksgesundheit? Ein an Diabetes erkrankter Richter will das klären lassen - er verklagt die Hersteller.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Auf seinem Schreibtisch stapelten sich stets Berge von Papier. Zu viele Fälle, zu viele Akten - an gesunde Ernährung war da nicht zu denken. Deshalb erinnerte sich der Landrichter Hans-Josef Brinkmann aus Mecklenburg-Vorpommern häufig an die schnellen »Zwischenmahlzeiten«, die ihm aus der Werbung in den Ohren lagen: Mars ("Macht mobil - bei Arbeit, Sport und Spiel") und Snickers ("Und der Hunger ist gegessen").

Die klebrigen Schokoriegel spülte er meist mit Coca-Cola hinunter. So brachte es der Vizepräsident des Landgerichts Neubrandenburg täglich auf mindestens zwei Halbliterflaschen des koffein- und zuckerhaltigen Getränks, die er sich - ganz treuer Kunde - stets aus der Gerichtskantine in die Richterstube holte.

Die Folgen dieses ungezügelten Riegel-Rausches muss Brinkmann, wie er glaubt, nun bitter bezahlen. Wegen Nierenschmerzen hatte sich der Richter im April 1998 zu einer Fachärztin begeben, die ihn wegen »akuter Komagefahr« umgehend ins Krankenhaus einwies. Die Diagnose: Zucker, typische Anzeichen eines »angefressenen Diabetes«, wie ein Endokrinologe attestierte.

Die Lebensgefahr ist mittlerweile gebannt, doch wird der Mann wohl zeitlebens unter Diabetes leiden. Und weil Brinkmann die zuckerhaltigen Produkte Coca-Cola, Mars und Snickers zumindest mitverantwortlich für seine Stoffwechselkrankheit macht, will er jetzt mit den Herstellern abrechnen. Mindestens 11 000 Mark Schmerzensgeld verlangt der Jurist von ihnen. Außerdem müssten sie für alle künftigen Gesundheitsschäden aufkommen.

Was sich kurios anhört, ist durchaus ernst gemeint. Brinkmann, 45, ist kein Prozesshansel und als Richter erfahren genug, um zu wissen, dass es schwierig wird, seine Klage gegen die mächtigen Nahrungsmittelmultis durchzudrücken. Weil die nicht freiwillig zahlen wollen, müssen demnächst die Landgerichte Essen und Mönchengladbach entscheiden.

Es geht um die Frage, ob Verbraucher die Hersteller von Nahrungsmitteln belangen können, wenn sie sich allzu sehr nach deren Werbesprüchen gerichtet haben. Er wolle wissen, ob die massive Reklame für solche »ungesunden Zuckerprodukte Teil eines zulässigen Gewinnstrebens« sei, sagt Brinkmann - oder ob die Werbung in diesen Fällen »eine unzulässige Gefährdung der Volksgesundheit« befördere. Zumindest Warnhinweise über die möglichen Risiken zügellosen Riegel- und Zuckerwasserkonsums, urteilt der Richter in seinem 207 Seiten umfassenden Klageantrag, gehörten auf die Verpackungen - analog denen bei Zigaretten.

Aus Sicht der Mediziner scheint Brinkmanns Argumentation durchaus nachvollziehbar. Zwar gibt es bisher keine Beweise, dass Zuckerprodukte unmittelbar Diabetes mellitus auslösen. Fest aber steht: Falsche und übermäßige Ernährung führt zu Übergewicht und zur Störung des Blutfettstoffwechsels. Ist jemand genetisch vorbelastet, so Theodor Koschinsky, Oberarzt am Deutschen Diabetes Forschungsinstitut in Düsseldorf, erhöhe sich das Risiko erheblich, an Diabetes zu erkranken. »Typische Ernährungsfehler über längere Zeit«, so Koschinsky, »befördern ein metabolitisches Syndrom.« Krankheiten wie Diabetes oder Gicht, die in Deutschland weit verbreitet seien, brächen dann aus.

Etliche Fachleute halten deshalb die Fehlernährung mit Zucker und Fett für ebenso gefährlich für das menschliche Gefäßsystem wie etwa das Rauchen. Rund sechs Millionen Deutsche leiden unter Diabetes mellitus, 90 Prozent davon unter Typ II, auch Alterszucker genannt. Diabetes mellitus - wörtlich übersetzt »Honig gesüßter Durchfluss« - kann zu Amputationen, Blindheit, Impotenz und zu Schlaganfall führen.

Rund 28 000 Beine werden Zuckerkranken jährlich bundesweit abgenommen, 6000 Deutsche erblinden. Geschätzter Schaden für die Krankenkassen: 25 Milliarden Mark. Und die Tendenz steigt. In zehn Jahren dürfte nach Schätzung von Fachleuten vermutlich jeder zwölfte Deutsche unter Diabetes leiden.

Mediziner Koschinsky hält trotzdem nicht viel davon, hoch gezuckerte Produkte wie Cola oder Mars eigens zu kennzeichnen. Schließlich habe es »jeder weitgehend selbst in der Hand«, ob die genetische Veranlagung tatsächlich zu Krankheiten führe. »Wer sich selbst über viele Monate mit falscher Ernährung vergewaltigt«, sagt Koschinsky, »kann doch noch froh sein, einen tollen Körper zu haben, der das so lange aushält.«

Genau um diesem Punkt werden sich die Parteien in Brinkmanns Prozess auch rangeln. Anders als beim Krebsrisiko durch das Rauchen, argumentiert Klägeranwalt Burkhard Oexmann, »kennt doch keiner diese konkrete Gefahr«. Auch wenn einer mal ein bisschen dicker werde, sei das doch nicht gleich ein Alarmsignal für Diabetes. Mit seinen knapp über 100 Kilogramm sei sein groß gewachsener Mandant auch nicht so fett gewesen, dass er sich ernsthaft um seine Gesundheit hätte sorgen müssen.

Oexmann rechnet vor, Brinkmann habe mit seinen zwei Flaschen Cola am Tag jedes Jahr 27,3 Kilogramm Zucker geschluckt. Dazu kämen nochmals mindestens 12,6 Kilogramm Zucker durch Mars und Snickers. Weil sein Mandant so Pfund um Pfund zugelegt habe, seien die drei »großen Verführer« zumindest mit schuld an Brinkmanns Diabetes mellitus.

Doch statt davor zu warnen, was die »Zuckerbomben« anrichten könnten, hätten die Hersteller mir ihrer »aggressiven Werbung« sogar noch Heißhunger auf mehr gemacht, klagt Oexmann. Für Brinkmann ist die Schuldfrage entschieden: Kaum dass er die Schleckereien weggelassen habe, hätte sich sein Gesundheitszustand gebessert.

Die Masterfoods GmbH in Viersen, bei der die Mars- und Snickers-Riegel angerührt werden, hält Brinkmanns Argumente für olle Kamellen. Eine »Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen« belege, dass Diabetes »nicht auf den Konsum zucker- oder fetthaltiger Produkte zurückzuführen« sei. Auch Coca-Cola sieht dem Verfahren laut Unternehmenssprecher Klaus Hillebrand »total entspannt« entgegen. Weil Brinkmanns Schriftsatz schon bei Gericht liegt, will sich die Tochter des amerikanischen Milliardenkonzerns aber nicht öffentlich äußern.

In einem Brief der Abteilung »Verbraucher-Service« wird jedoch deutlich, dass sich Coca-Cola zu Unrecht angegriffen sieht. »Auf die Gefahren des Verzehrs von Lebensmitteln hinzuweisen«, heißt es dort, »erscheint uns wenig opportun.« Schließlich gebe es »keine guten oder schlechten Lebensmittel, sondern nur gute oder schlechte Essgewohnheiten«. UDO LUDWIG

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