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AFRIKA Großer Appetit

Washington schafft eine neue Einflußsphäre in Schwarzafrika. Verlierer sind die Franzosen.
aus DER SPIEGEL 13/1998

Wie heißt der Präsident von Ruanda? Wann wurde Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen? Welche Güter exportiert Botswana? US-Präsident Bill Clinton, vollauf mit Affärenabwehr beschäftigt und sonst eher an Innenpolitik interessiert, machte willig seine Hausaufgaben, fast dankbar für die Ablenkung: Der mächtigste Mann der Welt reist seit Montag dieser Woche zehn Tage durch Afrika - der erste Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten auf dem Schwarzen Kontinent seit Jimmy Carter 1978.

Afrika, lange als hoffnungslos abgeschrieben, fühlt sich durch den Gast und die angebotene »neue amerikanische Partnerschaft« enorm aufgewertet: »Die Reise des Jahrhunderts«, überschreibt das Magazin »Jeune Afrique« einen Vorbericht und sieht schon die Renaissance Afrikas.

Die Safari führt den US-Präsidenten nach Ghana, Uganda, Ruanda, Südafrika, Botswana und in den Senegal - abgesehen vom bürgerkriegsgeschwächten Ruanda alles Länder mit stabilem Wirtschaftswachstum und einigermaßen funktionierenden Zivilgesellschaften. Traditionelle Ziele läßt er dagegen aus. So beschwert sich Kenias Außenminister: »Clinton kommt nicht zu uns, obwohl wir eine Mehrparteien-Demokratie haben. Uganda dagegen hat Parteien ausgeschaltet.«

* Bei der Uno in New York, 1994.

Tatsächlich hält Clinton Distanz zu Herrschern von gestern wie dem kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi; die Generation der afrikanischen »Big Men« ist von den Amerikanern abgeschrieben. Ihrem langjährigen Verbündeten Mobutu sprangen sie im vorigen Jahr - anders als die Franzosen - nicht bei, als das Regime in Zaire zusammenbrach. Washington setzt lieber auf unverbrauchte Männer wie Ugandas Präsidenten Yoweri Museveni, der den USA als »Leuchtturm der Hoffnung« (Außenministerin Madeleine Albright) gilt. Der einstige Rebellenführer hat seine marxistischen Ideale aufgegeben und betreibt nun eine konsequent marktwirtschaftliche Politik, mit beständigen Wachstumsraten von über fünf Prozent.

Ermutigt durch solche Beispiele, will Clinton dem Sozialfall Afrika unter dem Motto »Trade, not Aid« aufhelfen. Kurz vor der Präsidentenreise verabschiedete das Repräsentantenhaus in Washington den »African Growth and Opportunity Act«; das Gesetz sieht die Senkung oder Abschaffung von Zöllen für 1800 Produkte aus Schwarzafrika vor. Besser als mit Entwicklungshilfe sei reformwilligen Staaten mit offenen Märkten und ausländischem Kapital gedient.

Im Gegenzug hofft Washington auf »einen riesigen, kaum erschlossenen Markt von 700 Millionen Menschen«, wie Susan Rice, Leiterin der Afrikaabteilung im US-Außenministerium, schwärmt: »Die Afrikaner nehmen am Tisch der Weltwirtschaft Platz und kommen mit herzhaftem Appetit.«

Damit beendet Clinton die alte Machtpolitik aus der Zeit des Kalten Kriegs. Doch die neue Begeisterung habe einen »Stich ins Irreale«, mäkelt der Pariser »Monde diplomatique« über den amerikanischen Afro-Optimismus. Man könne nicht »die Öffnung eines Marktes preisen, den es weitgehend gar nicht gibt«.

Aber das Afrika südlich der Sahara ist reich an Rohstoffen, die für die amerikanische Wirtschaft wichtig sind: Gold und Diamanten, riesige, zum Teil unerforschte Erdölvorkommen, auch Bauxit, Nickel, Mangan. Clinton will seinem Land größeren Zugang zu den Schätzen verschaffen - und die Europäer dabei ausstechen.

Auf den Ölfeldern einiger Länder, zum Beispiel Nigerias und Gabuns, stehen amerikanische und französische Firmen in harter Konkurrenz. Während der Einfluß der alten Kolonialmacht schwindet, engagieren sich die Amerikaner immer massiver:

* Paris löst sein Ministerium für Entwicklungshilfe auf, zieht Truppen und Entwicklungsexperten aus Afrika ab; Washington stockt das in über 30 afrikanischen Ländern tätige Peace Corps von 6500 auf 10 000 Mitglieder auf.

* Laurent Kabila, Nachfolger Mobutus im nun wieder Kongo genannten Zaire, will Englisch als Amtssprache einführen.

* Nach dem Völkermord hat Ruandas in den USA ausgebildeter Verteidigungsminister und Vizepräsident Paul Kagame die französische Militärhilfe durch amerikanische ersetzt.

Mit eigenen Truppen, wie 1992 bis 1994 in Somalia, wollen die USA nicht in afrikanische Konflikte eingreifen. Politisch undurchdachte Aktionen gegen die Kriegsfürsten in Mogadischu hatten damals den Haß der Somalier geschürt; unvergessen sind in Amerika die Bilder eines ermordeten US-Soldaten, der vom Mob nackt durch die Straßen geschleift wurde.

In Zukunft sollen die Afrikaner selbst für ihren inneren Frieden sorgen; Washington hilft bei der Vorsorge mit seiner »African Crisis Response Initiative": Militärexperten bilden in Uganda, in Malawi und in den frankophonen Staaten Senegal und Mali Soldaten in friedenserhaltenden Maßnahmen aus. Am Ende könnten bis zu 10 000 afrikanische Soldaten für den Kriseneinsatz bereitstehen.

Clinton gewährte Uganda, Äthiopien und Eritrea schon Militärhilfe im Wert von mindestens 20 Millionen Dollar. Die drei Staaten, Nachbarn des fundamentalistischen Sudan, sollen die Islamisten in Khartum in Schach halten.

Großmütig sieht Clinton seinen Gastgebern in Ghana, Uganda und Südafrika die herzlichen Beziehungen zu Fidel Castros Kuba und Libyens Muammar el-Gaddafi nach. Nelson Mandela hatte sich Tadel verbeten, als er kürzlich Gaddafi besuchte. Die Libyer, erinnerte der Friedensnobelpreisträger die Amerikaner, hätten den bewaffneten Kampf des ANC unterstützt, während die US-Regierung mit dem Apartheid-Regime zusammenarbeitete.

Wenigstens wird auf dem Kontinent der Machos und der Vielehe niemand den US-Präsidenten mit Fragen nach seinen Frauengeschichten bedrängen. Die mehren dort allenfalls sein Ansehen.

* Bei der Uno in New York, 1994.

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