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Briefe

Großer Bruder
aus DER SPIEGEL 22/1972

Großer Bruder

(Nr. 21/1972, TV-SPIEGEL)

Ich habe manchmal den Eindruck, im Deutschen Bundestag ist Orwell schon Wirklichkeit geworden. Der »Große Bruder« lauscht in allen Fluren und überträgt jeden Schritt der Abgeordneten hinaus ins ganze Land. Ich halte manches davon für erniedrigend. Wenn da die Kamera auf einzelne gerichtet wird: Wie hat er wohl abgestimmt? Wer spricht mit wem in der Lobby? Welche Eindrücke werden da -- sicher ungewollt -- erweckt. Ich bin sehr für Öffentlichkeit, aber ich bin auch für Selbstachtung. Mit Informationsbedürfnis und Recht auf Information haben gewisse Kameraeinstellungen vielfach nichts mehr zu tun. Ich frage mich oft: Sind die Engländer über die Tätigkeit ihres Parlaments ohne Fernsehen schlechter unterrichtet als unsere Bürger? Dennoch bin ich der Ansicht, daß Live-Sendungen viel Positives haben, wenn sie, was für jede Form der Berichterstattung gilt, die Wahrung der menschlichen Würde über Indiskretion und Sensation um jeden Preis stellen. Andernfalls wird der Oberflächlichkeit der Betrachtung Vorschub geleistet. Dies kann doch wohl nicht Aufgabe und Absicht des Fernsehens sein.

Bonn JOSEF ERTL Bundesminister für Ernährung. Landwirtschaft und Forsten

Eine Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe enthält eine Postkarte der Bausparkasse GdF wüstenrot. Ludwigsburg.

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