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Großbritannien Großer Feger

Tony Blair will Labour-Chef werden und die konservative Regierung kippen. Sein Vorbild: Sozialisten-Schreck Margaret Thatcher.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Was waren das für Zeiten: Mit nacktem Oberkörper und hautengen lila Schlaghosen brachte der Sänger der Popgruppe Ugly Rumours (Häßliche Gerüchte) das weibliche Publikum der Universitätsstadt Oxford zum Rasen. Wenn die Studentenband samstags abends in Kneipen auftrat, erinnert sich Bassist Mark Ellen wehmütig, »dann stand Tony mit seinen schulterlangen Haaren und seinen blauen Augen stets im Mittelpunkt. Bei den Mädels war er der größte Feger«.

Zwei Jahrzehnte nach seiner Karriere als Provinzrocker läßt das Erscheinungsbild des Londoner Parlamentsabgeordneten und Labour-Sicherheitssprechers Anthony Blair, 41, schon eher vermuten, er habe seine Studentenjahre als Meßdiener verlebt: Aus seinem »telegenen, offenen Gesicht« (Financial Times) strahlen große, blaßblaue Augen. Stets trägt er gedeckte Anzüge mit faden Krawatten, dazu kommt ein Bubengrinsen, das an einen Kellner nach Erhalt üppigen Trinkgeldes erinnert.

Seine Widersacher von der regierenden Konservativen Partei haben Blair »Bambi« getauft - weil er sich angeblich in der Rolle des Rehleins gefalle, das ohne Arg durchs Leben stakst.

Doch der Spott der Tories sucht nur deren wachsende Verunsicherung zu verdecken: Denn der juvenile Rote mit den geschliffenen Manieren gilt als gefährlicher Herausforderer des umstrittenen und glücklosen Premiers John Major, 51. Blair, fürchtet der rechte Daily Telegraph, sei »der Mann, den die Konservativen als künftigen Führer von Labour am meisten fürchten müssen«.

Der gelernte Rechtsanwalt und Vater dreier Kinder ist Favorit, wenn diese Woche die Sozialisten ihren Parteichef küren. Neben dem »Wunderkind der Labour Party« (Sunday Times) kandidieren die Parteigranden Margaret Beckett, 51, und John Prescott, 56, um die Nachfolge des im Mai einem Herzinfarkt erlegenen Vorsitzenden John Smith.

Umfragen an der Basis und bei den Parlamentsabgeordneten lassen auf einen deutlichen Sieg Blairs schließen. Ihm trauen die Sozialisten am ehesten zu, die Partei nach vier verlorenen Parlamentswahlen und 15 Jahren in der Opposition zurück an die Macht zu führen.

Blair, seit 1975 Parteimitglied, gehört zur »Modernisten«-Fraktion. Diese Reformer hatten in den vergangenen Jahren den Einfluß der Parteilinken zurückgedrängt, die sich ausschließlich als Vorkämpfer der Unterprivilegierten verstanden und mit klassenkämpferischer Rhetorik aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung massenweise Wähler vergrault hatten.

Vor allem bei der Eindämmung der Allmacht der Gewerkschaftsbonzen tat sich der Sproß aus gutbürgerlich-schottischem Hause hervor - und schuf sich damit Feinde fürs Leben. Auf Gewerkschafter, von denen ein Drittel der Stimmen kommt, kann Erneuerer Blair, frei jeden Stallgeruchs, bei der Wahl zum Vorsitzenden deshalb kaum zählen. Deren Liebling ist der ehemalige Schiffs-Steward Prescott, mit einwandfreier Proletarierbiographie und dem Ruf des ebenso trink- wie prinzipienfesten Sozialisten alten Kalibers ausgestattet.

Mit diesem »Traumticket« - Parteichef Blair soll Stimmen aus dem bürgerlichen Lager ködern, sein kerniger Vize Prescott die Basis ruhighalten - hoffen die britischen Sozialisten auf den Machtwechsel bei den nächsten Unterhauswahlen in zwei bis drei Jahren.

Die Chancen, Premier Major aus dem Amtssitz Nr. 10 Downing Street zu vertreiben, scheinen günstig: Der Regierungschef ist beim Volk unbeliebt wie keiner seiner Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg. Zudem sind die Tories in Flügelkämpfe zerstritten.

Währenddessen punktet Populist Blair zunehmend bei der konservativen Klientel. Vor allem bei den Mittelständlern im vergleichsweise wohlhabenden Süd-England, traditionelle Hochburg der Tories und immer mehr von Straßenkriminalität, Diebstählen und Einbrüchen heimgesucht, stoßen die Lawand-order-Appelle des regelmäßigen Kirchgängers Blair auf Zuspruch. Das Geheimnis seines Erfolges bei bislang eingeschworenen Konservativen-Wählern, so das US-Magazin Newsweek: »Tony Blair geht wie ein Tory, und er redet wie ein Tory.«

Das wiederum behagt den Altsozialisten nicht. Wenn Blair seine Strategie weiterverfolge, ausschließlich im bürgerlichen Lager die Stimmen zu keilen, fürchtet der Labour-Linke Bryan Gould für seine Partei ein bitteres Erwachen: »Dann wird es bald keinen Unterschied mehr zwischen uns und den Tories geben.« Enttäuscht vom Rechtsruck seiner Partei, setzte sich Gould ins Retiro nach Neuseeland ab.

Doch der künftige Herausforderer Majors hält an seinem Kurs fest. Vorvergangene Woche bekannte Blair gar, eines seiner politischen Vorbilder, zumindest was Entschlossenheit und Durchsetzungskraft angehe, sei Margaret Thatcher - ausgerechnet jene Sozialisten-Gegnerin, deren Dominanz die britischen Genossen demütigend auf die Oppositionsbänke verbannt hatte.

Zweifel an seinem Erfolg scheint der künftige Parteichef nicht zu kennen. Bestärkt von seiner Frau Cherie, 39 - wie US-Präsidentengattin Hillary Clinton eine erfolgreiche Anwältin mit politischen Ambitionen -, plant Blair bereits für den Umzug nach Downing Street. So erkundigte er sich, ob dort auch »Platz für drei Kinderzimmer« sei. Y

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