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KRANKENKASSEN Großer Fundus

Die AOK-Spitze unternimmt auf Kassenkosten eine Herrenpartie nach Fernost - zusammen mit ihren »Partnern« aus der Pharma und der Medizingeräte-Branche. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Monatelang und in aller Heimlichkeit bereitete die Führungstroika des Verbandes den zweiwöchigen Ausflug vor. Ins ferne Japan sollte es gehen. Als Reise-Leiter zeichneten Detlef Balzer und Wilhelm Heitzer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen, sowie der Verbandsgeschäftsführer Franz Josef Oldiges.

Insgesamt zwölf hochgestellte Gesundheitsfunktionäre waren schließlich mit von der Partie - der halbe AOK-Bundesvorstand, darunter Gewerkschaftsgrößen wie der Berliner Landeschef der IG Druck und Papier, Gerd Ballentin, und der IG-Metall-Sozialpolitiker Peter Kirch.

Am Freitag vorletzter Woche startete die Herrenpartie, mit Japan Air Lines Flug Nr. 436 von Frankfurt und Düsseldorf, ins Land der aufgehenden Sonne. Das Reisegeld stammt aus der AOK-Beitragskasse. Denn die von Balzer, Heitzer und Oldiges angeführte First-Class-Crew will, ohne sich den Schönheiten des fremden Kulturkreises zu verschließen, auch etwas über japanische Gesundheitsprobleme in Erfahrung bringen.

Mit auf die Reise, wenn auch nicht zu Lasten der AOK-Beitragszahler, gingen auch sieben Repräsentanten anderer Branchen, zu denen der AOK-Bundesvorstand rege Kontakte pflegt, wobei er, wie Vorstandsvorsitzender Balzer rühmt, auf einem »großen Fundus gemeinsamer Vorstellungen« fußt.

Den AOK-Ferntouristen haben sich Bayer-Pharma-Chef Professor Rudolf Kopf und Professor Hans-Rüdiger Vogel beigesellt, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) stellte Vorstandsmitglied Walter Leetsch und den ABDA-Datenverarbeitungsexperten Herbert Reber nach Nippon ab. Auch Direktor Peter Tappert von der Bonner Filiale der Bank für Gemeinwirtschaft, der Hausbank der AOK-Bundeszentrale, zeigte sich interessiert an fernöstlichen Fragen.

Als besonders hilfreich erwies sich außerdem bereits bei den Reisevorbereitungen, daß auch die Computer-Firma Siemens der Bildungslust der AOK-Herrenriege viel Verständnis entgegenbrachte und ihre Direktoren Hans-Dieter Jentzsch und Claus Ottrand zur Teilhabe am AOK-Ausflug nach Fernost verpflichtete. Schließlich hat Siemens zahlreiche AOK-Datenverarbeitungsanlagen und -Rechenzentren eingerichtet und daran einiges verdient.

Mit Freuden übernahm daher das Welthaus Siemens die Moderation des Fernost-Trips und erteilte seiner Tochter Siemens-Japan Order, für die »Reisebegleitung einschließlich Dolmetscher« zu sorgen. Denn dieser »sehr sinnvolle und nützliche Service«, überzeugte Siemens-Direktor Jentzsch den AOK-Verbandsgeschäftsführer Oldiges, biete den Vorteil, »daß die Reisegruppe durchgängig

die in einem so fremden Land erforderliche Hilfestellung hat«.

Dank des von Siemens-Jentzsch und AOK-Oldiges festgelegten Programms der »Japan-Reise des AOK-Bundesverbandes - eine Woche Tokio, eine Woche Osaka - verliefen die Tage bisher strapazenfrei und waren auch intellektuell bekömmlich.

Den Einstieg ins fachlich Fremde absolvierten die AOK-Spitzenfunktionäre bei einem »Einführungsdinner im Hotel New Otani Sheraton«, ihrer Tokioer Unterkunft, mit dem Siemens-Japan-Repräsentanten Wolfgang Raible. Weitere Aufklärung wurde ihnen bei einem »Dinner und Gespräch mit Herrn Rohde, Bayer Japan«, und beim Hotelfrühstück »mit Sozialreferent der Botschaft« zuteil. Nach dieser Einstimmung in Nippons Gesundheitswelt waren »Höflichkeitsbesuche« im japanischen Wohlfahrtsministerium und beim Tokioer Sozialversicherungsamt mühelos zu meistern. Ein fast zweistündiges »Fachgespräch mit Abteilung Sozialpolitik« und eine »Zusammenkunft mit Repräsentanten der Pharma-Industrie Japans« verliefen ebenso problemlos wie der programmierte »Besuch Krebszentrum«, »Besuch Ärztekammer Japan« und »Besuch Arbeitgeberverband Nickeiren«.

Einblicke in Japans kulturelle und industrielle Welt vermittelten eine mehrstündige Bustour »Sightseeing Tokio«, ein Gastmahl im »Geisha-Haus« sowie ein »Besuch Siemens Medical« und ein »Besuch der Firma Fujitsu, Hersteller von medizinischer Elektronik«.

Am vergangenen Samstag schließlich genossen die AOK-Touristen ein Erlebnis, das selbst Einheimische stets von neuem hinreißt. Nach einem »Vormittag zur freien Verfügung« ratterten sie mit dem legendären Schienenrenner Shinkansen dreieinviertel Stunden von Tokio nach Osaka, vorbei an Japans berühmtestem Naturdenkmal, dem 3776 Meter hohen Vulkankegel des Fudschijama. Für Sonntag war, vom Sheraton Hotel Ana aus, eine Bildungstour nach Kyoto geplant, Krönungsstadt japanischer Kaiser, weltweit gerühmt ob ihrer buddhistischen Tempelanlagen mit dem Heian-Schrein.

Auch der Rest der zweiwöchigen Unternehmung bis zur Abreise am Freitag dieser Woche wird den AOK-Ausflüglern noch viel Interessantes bieten. Sie absolvieren ein »Sightseeing Osaka«, suchen die Koya-San-Tempel-Anlage auf und durchforschen Nara, im achten Jahrhundert die Hauptstadt Japans, östlich von Osaka gelegen. Daneben steht das Kreislaufzentrum von Osaka auf dem Programm, »Lunch« und »Dinner bei Bayer Yakuhin« und eine »Diskussion mit Repräsentanten der Firma Ciba-Geigy«.

Mit diesen repräsentativen Pharma-Menschen hätte sich allerdings auch in der Bundesrepublik diskutieren lassen - im Interesse der Beitragszahler vielleicht sogar über Kostendämpfung. Der Schweizer Chemie-Gigant Ciba-Geigy unterhält seine Deutschland-Dependance im badischen Wehr, und die Bayer-Weltzentrale in Leverkusen ist nicht weit von Bonn.

182000 Mark, soviel wie 482 Monatsbeiträge im Schnitt, kostet das AOK-Reiseunternehmen die Versicherten. 140000 Mark gehen für die Reisekosten, 42000 für Spesen drauf.

Ob die AOK-Spitzenriege in Japan gelernt hat, wie man im Interesse der Versicherten härter mit Ärzte-Standesfürsten und Pharma-Managern verhandelt, könnte der aufsichtführende Bundessozialminister Norbert Blüm am übernächsten Mittwoch erfragen. Da wird das AOK-Dreigestirn Balzer, Heitzer und Oldiges nach Bonn eilen. Japan-Tourist Balzer wird an diesem Tage mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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