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CHINA Großer Proletarier

Einst wurde Mao wie ein Gott verehrt, dann demontiert. Jetzt erscheinen seine Werke wieder. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Zehn Jahre nach seinem natürlichen Tod ist Mao wieder da, sein literarisches Produkt jedenfalls, sein Geist: In Chinas Buchhandlungen gibt es demnächst zwei Bände seiner Werke.

Beim »Forschungsinstitut für Literatur«, das dem ZK der Staatspartei zugeordnet ist, wirkt eine »Studiengruppe für Leben und Werk Mao Tse-tungs«. Sie bringt zum zehnten Todestag ihres Studienobjekts im September die beiden Stücke aus dem Oeuvre des großen Verblichenen heraus: »Ausgewählte Texte« und »Ausgewählte Gedichte«.

Die Ankündigung in einem chinesischen Pressespiegel erklärt auch, warum der Staatsgründer derart gewürdigt wird: um für die »vielen Kader und Jugendlichen die wichtigsten und grundlegendsten wissenschaftlichen Schriften Mao Tse-tungs bereitzustellen; um den Lesern behilflich zu sein, die Geschichte von Revolution und Aufbau unter der Führung der chinesischen KP zu studieren«.

Auch für die Veröffentlichung von einem halben Hundert Mao-Gedichten fand sich ein Grund: »um die Bedürfnisse der breiten Leserschaft und die der Erforscher von Maos Gedichten zu befriedigen«.

Derartige Bedürfnisse blieben ein Jahrzehnt lang ungestillt. Buchhändler hatten die Werke mangels Nachfrage aus dem Sortiment genommen.

Spätestens seit der Kulturrevolution von 1966 hatten Maos »Ausgewählte Werke« zur Standardausstattung jedes Haushalts gehört; verdiente Arbeiter und junge Hochzeitspaare bekamen die Bücher als Geschenk. Ein Extrakt, die »Worte des Vorsitzenden Mao«, wurde von fanatisierten »Roten Garden« in millionenfacher Auflage mit abwaschbarem Einband unter die Massen gebracht.

Noch nach dem Tod des Autors und dem Sturz der ihm nahestehenden linksextremen »Viererbande« 1976 legitimierte sich Nachfolger Hua Kuo-feng als Herausgeber eines fünften Bandes von Mao-Schriften. Erst 1978, als Hua durch Teng Hsiao-ping entmachtet wurde, verschwanden die allgegenwärtigen Zitate von den Titelseiten der Zeitungen, von Fabriktoren, Kleiderschränken und auch Teetassen; Mao-Bilder wurden abgehängt, Mao-Statuen niedergerissen.

Auch das Gedankengut des »Großen Vorsitzenden, großen Steuermannes und großen Führers« kam außer Kurs. Teng schaffte Maos Volkskommunen ab, ließ freie Märkte wieder zu.

1981 rang sich das Zentralkomitee auch noch zu einer Neubewertung Maos durch, der nun in der historischen Rückschau nur noch als »großer Marxist, großer proletarischer Revolutionär, Theoretiker und Stratege« rangiert.

Das ZK rügte zugleich die »theoretischen und praktischen Fehler« Mao Tsetungs, seine »falschen linken Thesen« und den feudalen Personenkult. Die ZK-Genossen konnten aber kaum die ganzen 30 Jahre kommunistischer Herrschaft als maoistischen Irrweg einstufen, das hätte den Herrschaftsanspruch auch der Partei in Frage gestellt, aus der er kam. Den Widerspruch zwischen Kritik und Lob lösten die Genossen dialektisch: Er wurde in einen »frühen« und einen »späten« Mao aufgeteilt.

Der »frühe« befreite China von den »drei Bergen« des Feudalismus, Imperialismus und bürokratischen Kapitalismus, während der Mao der »späten Jahre« für die Exzesse der Kulturrevolution verantwortlich war. »Eben hierin liegt die Tragik seiner Person«, folgerte das Zentralkomitee, auch seine Fehler waren eben »Fehler eines großen proletarischen Revolutionärs«.

Der heutige Parteichef Hu Yaobang urteilte schon wieder positiver: »Seine Verdienste übertreffen bei weitem seine Fehler.« In offizieller Sicht haben Maos Theorien die »Schatzkammer des Marxismus bereichert«, in der Praxis der Reform galt freilich der realistische Grundsatz: »Die Wahrheit in den Tatsachen suchen« - auch dies ein frühes Mao-Wort.

Die Tatsachen: Das Volk hatte genug von Mao und Maoismus, es wollte endlich

besser leben. Dazu mußte das ganze Land modernisiert werden. Neuerdings zeigt sich, daß auch ein solcher Realismus gar nicht so einfach ist.

Die Inflation stieg inzwischen auf 9 Prozent; bei einigen Nahrungsmitteln erhöhten sich die Preise nach ihrer Freigabe gar um 30 Prozent. Als Folge eines unkontrollierbaren Importbooms wuchs das Handelsdefizit 1985 von 1,4 auf 14 Milliarden US-Dollar; die Devisenreserven schrumpften im selben Zeitraum um drei auf 11,9 Milliarden. Devisenschmuggel, Bestechung und sonstige Wirtschaftskriminalität wuchern.

Das ruft die Partei-Konservativen auf den Plan. »Bei einem ziemlich großen Teil von Menschen sind die Gedanken durcheinander«, konstatierte Peng Tschen, 84, Vorsitzender von Chinas Nationalem Volkskongreß: »Ein Grund besteht darin, daß Kader und Jugendliche in den vergangenen Jahren nicht wie in den Gründungszeiten der Volksrepublik systematisch und allgemein zum Studium der grundlegenden marxistischen Theorien organisiert wurden.«

Als Gegenmittel empfahl die Peking-Universität ihren Studenten nun wieder die Lektüre von Marx- und Mao-Texten. Die liefert die neue Edition: Material für langweilige Schulung.

»Laßt hundert Blumen blühen und hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern«, so propagierte im Gegenzug die reformfreudige Parteipresse eine Mao-Losung, die 1956 schon einmal gegolten hatte, allerdings nur sechs Wochen lang. Systemkritiker, die von dem propagierten Meinungspluralismus tatsächlich Gebrauch gemacht hatten, kamen damals in Haft, manche bis 1977.

Das Parteiorgan »Volkszeitung« stellte fest: »Wenn große Veränderungen stattgefunden haben, kann jede Theorie, gleich wie heilig sie ist, überholt sein.« Schon werden neue Reformen vorgeschlagen - Aktien für Betriebsangehörige, ein freier Arbeitsmarkt, Konkurs unrentabler Staatsfirmen.

»Ohne einen hohen Grad von Demokratie, ohne Mitsprache in Wirtschaft, Politik und Kultur«, wagte sich ein Professor aus Fukien hervor, »werden maximale Produktivität und wirtschaftliche Resultate trotz starker Anreize der zentralen Führung schwer zu erreichen sein.« Bei soviel Meinungsfreiheit muß auch Raum sein für die Gedanken Maos - den konservativen Alt-Revolutionären zuliebe, denen sich das Bild ihres Führers nostalgisch verklärt.

Tschen Jün etwa, 81jähriger Disziplinar-Aufseher der Partei, erinnert sich im jüngst veröffentlichten dritten Band seiner eigenen »Werke« an den betulichen Arbeitsstil Maos: »Wenn wir Probleme mit ihm besprachen, sagte er meistens 'hmmh', aber das hieß nicht, daß er dem zustimmte, was wir sagten.«

Von den 68 jetzt erscheinenden Mao-Aufsätzen bieten 17 denn auch Neues für Maoisten: Diese Artikel wurden nie zuvor publiziert.

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