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Minister Großer Schweiger

Der ostdeutsche Bildungsminister Ortleb kommt mit dem Bonner Politikgeschäft nicht zurecht.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Seine Aktentasche packt der Bildungsminister immer voll mit Papiertaschentüchern, sein Tagesbedarf liegt bei 15 Päckchen. Rainer Ortleb ist Allergiker. Wenn der Roggen blüht, geht es ihm besonders schlecht. Dann sind die Augen ständig gerötet und tränen.

Schon vor 20 Jahren haben ihm die Ärzte das Phänomen psychosomatisch erklärt: Er sei ein unfreiwilliger »Auslösertyp«. Seine Allergie sei eine körperliche Aggression gegen sich selbst; sie trete verstärkt auf, sobald Kopf und Seele nicht im reinen seien. Erst eine Summe mißlicher Ereignisse löse die Reaktion aus, vorher passiere gar nichts.

Seit Rainer Ortleb am Bonner Kabinettstisch sitzt, passiert ihm viel. Der Bildungsminister ist alles andere als im reinen mit sich.

Der »gelernte DDR-Bürger« (Ortleb über Ortleb) gehört zu den wenigen Politikern, die die alten Volkskammerzeiten überlebt und es auch in Bonn zu etwas gebracht haben. Er ist zu seiner und zur Überraschung des Publikums von der FDP als Bildungsminister ausgewählt worden. Besonderen Zugang zu bildungspolitischen Themen hat er nicht, dafür aber das passende Parteibuch.

Ortleb hat sich ohne großen Widerstand in eine Nebenrolle gefügt. Seine beiden Staatssekretäre machen unter dem schwachen Minister, was sie wollen. Der Parlamentarische Staatssekretär Norbert Lammert (CDU) votiert laut und unverdrossen dafür, daß Studenten zuerst eine Prüfung bestehen sollen, ehe sie an der Hochschule zugelassen werden; Ortleb ist dagegen. Der beamtete Staatssekretär Fritz Schaumann gilt als die eigentliche Autorität im Ministerium. »Wer was bewegen will, redet mit ihm«, sagt SPD-Bildungsexperte Stephan Hilsberg.

Im Bildungsausschuß des Deutschen Bundestags, in der Bund-Länder-Bildungskommission, in der Hochschulrektoren- und Kultusministerkonferenz gilt Ortleb mittlerweile als großer Schweiger. Im Kabinett sitzt der introvertierte Hochschullehrer für Informatik, »als wäre er das erste Mal auf einer Veranstaltung mit Erwachsenen« (ein Kabinettsmitglied).

In seinen Anfängen als Minister hatte es Ortleb mit mehr Aktionsdrang versucht - und war prompt gescheitert. Unerfahren im Umgang mit dem föderalistischen Bildungswesen, vergriff er sich an der Kulturhoheit der Länder und vergrätzte die Kollegen Kultusminister. Mit einem Bildungsrahmengesetz wollte er der »Bildungskleinstaaterei«, ebenso heilige wie umstrittene Tradition in der Bundesrepublik, ein Ende machen. Die Machtprobe, eher ungewollt eingegangen, konnte Ortleb gar nicht gewinnen.

In seiner politischen Bilanz kann sich der scheue Bildungsminister durchaus mit seinen Vorgängern messen. Ortleb konnte den Bildungshaushalt um 4,5 Prozent auf 6,5 Milliarden Mark steigern, schlug ein Hochschulerneuerungsprogramm von 1,76 Milliarden, eine Lehrstellenförderung von 250 Millionen Mark für den Osten heraus und stabilisierte die Bafög-Zahlungen auf 2,7 Milliarden Mark.

Viel mehr war nicht drin, hätte auch ein anderer Minister nicht herausgeholt. Aber jeder andere hätte mehr Aufhebens um seinen Erfolg gemacht. An das Trommeln in eigener Sache kann sich Ortleb nur schwer gewöhnen. Und bis heute leidet er unter seiner DDR-Vergangenheit. 22 Jahre lang war er, wie er sagt, als »Nicht-Held« Mitglied der Blockpartei LDPD.

Er hat sich oft angepaßt, zum Beispiel als er 1977 auf dem zwölften LDPD-Parteitag im schönsten SED-Deutsch die Wehrbereitschaft lobte: »Wer? - Wir Liberaldemokraten. Was? - Bereit zur Verteidigung unseres Staates. Wo und wann? - Hier, zu jeder Zeit.«

Ortleb war damals wie so viele DDR-Bürger innerlich zerrissen. Sowenig er offen gegen den SED-Staat redete, so sehr boykottierte er in seinem Fach Informatik den politischen Mißbrauch wissenschaftlicher Daten. Beides, politische Anpassung und akademische Distanz, hielt er für seine Pflicht.

Nach der Wende tat er wieder seine Pflicht. Er wollte Politiker sein, »bis alles gerichtet« ist im vereinten Deutschland, und er wollte »etwas auslösen«.

Seine Blitzkarriere bei der FDP kommt ihm heute vor wie ein »Verkehrsunfall": Danach wisse auch niemand, wie es dazu gekommen sei. Die West-Liberalen brauchten zur Vereinigung mit den Ostdeutschen einige Partner mit sauberen Westen. Der Ruf des letzten Parteivorsitzenden der LDPD, Rainer Ortleb, war bis auf den Fauxpas der Wehrdienstrede nicht beschädigt. Er wurde Partei-Vize der FDP und dazu Minister für Bildung.

Ortleb sei ein echter »Konzessisonsschulze«, spöttelten Liberale - das sei so wie früher beim preußischen Militär, wo ein Bürgerlicher unter Adeligen Offizier werden durfte. Als Ortleb erkannte, daß er nur ein ostdeutscher Alibimann war, hatte er den Wechsel nach Bonn noch gar nicht bewältigt. Er war nicht nur beordert in ein Ministerium mit geringen Kompetenzen, sondern mußte auch noch mit dem ungewohnten Segen des Kapitalismus kämpfen.

Jedes Appartement, das dem Herrn Minister angeboten wurde, war größer als sein Rostocker Zuhause; das bereitete ihm Unbehagen. Ortleb zieht es deshalb vor, in einem Gasthof am Stadtrand von Bonn zu logieren.

Wenn Ortleb mal »auf privat macht«, fährt er nach Rostock in seine Wohnung mit dem ollen Teppich, dem Schwarz-Weiß-Fernseher und dem abgewetzten Cordsofa - Lifestyle »DDR 1985«. Der Gegensatz zwischen früher und heute belastet ihn: »Wenn ich mich dort im Fernsehen sehe, glaube ich mir das gar nicht.«

Vier Wochen fiel der Minister Anfang des Jahres aus. Gerüchte kursierten, er trinke zuviel. Schon im Oktober 1989 bei der ersten Sitzung des gesamtdeutschen Parlaments im Berliner Reichstag, so erinnern sich Kollegen, sei Ortleb schwer angeschlagen gewesen. Der Minister nimmt für sich in Anspruch, nicht der einzige Freudentrunkene gewesen zu sein: »Das war damals für viele eine turbulente Zeit.«

Unter dieser turbulenten Zeit litt auch Ortlebs Ehe. Seine Frau zog von Rostock nach Oldenburg, um selber Karriere zu machen. Ortlebs Allergie wurde schlimmer.

Den angeschlagenen Bildungsminister tröstet, daß er seinen Bonner Job so schnell nicht verlieren kann. Der FDP mangelt es an einem fälligen Nachfolger, zumal er aus dem Osten kommen müßte. Und Ortleb hat sich vorgenommen, erst dann zu gehen, wenn er wirklich etwas »ausgelöst« hat: »Entweder habe ich dann durchgehalten, oder ich bin ein mustergültiger Westpolitiker geworden.«

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