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ELBMÜNDUNG Großer Vogel

aus DER SPIEGEL 49/1962

Die Tragödie fand nicht statt. Kapitän Albert Heitmann, Ehefrau Regine, Tochter Anke und vier Mann Besatzung waren am Bußtag mit dem Bremer Motorschiff »Geversdorf« auf dem Großen Vogelsand in der Elbmündung aufgelaufen und saßen auf der Sandbank fest.

Schon sorgte sich das »Hamburger Echo": »Holt sich der Mahlsand wieder ein neues Opfer?« Und die »Bild«-Zeitung beschrieb die kritische Lage des Frachtschiffs auf den »tödlichen Sänden": »Genau zwischen 'Ondo' und 'Fides', jenen beiden Frachtern, die sich der 'Große Vogel' im letzten Winter holte.«

63 Stunden lang versuchte Kapitän Heitmann zunächst mit eigener Kraft, dann mit Hilfe von Schleppern freizukommen. Schließlich ließ er Frau und Kind vom Seenotrettungskreuzer »Rickmer Bock« übernehmen.

Zwölf Stunden später zerrten die Schlepper die 384 Bruttoregistertonnen (BRT) kleine »Geversdorf« zurück ins Fahrwasser. Sie hatten eine Legende zerstört: »Von den Mahlsänden ist noch kein Schiff wieder heruntergekommen

- es sei denn in zwei Teilen« ("Hamburger

Abendblatt").

Hamburgs Hafenbehörden wurden der geglückten Rettung freilich nicht recht froh. Noch immer liegen die Wracks der Frachtdampfer »Ondo« und »Fides« als Attraktion für Helgoland -Touristen und als Menetekel für die Schiffahrt fest. Die »Geversdorf« war bereits das dritte Schiff, das innerhalb eines Jahres auf dem Mahlsand auflief.

Zudem war im April der 21 028-BRT -Tanker »Rokos V« auf einer anderen Sandbank in der Elbmündung gestrandet, und einen Tag nach der Rettung der »Geversdorf« saß der Bananendampfer »Alstertor« (2460 BRT) im Sand nahe der Insel Scharhörn fest. Beide Schiffe konnten jedoch gerettet werden.

Die Schiffsunfälle machten jedesmal Presse-Schlagzeilen, und die Berichte erweckten den Eindruck, als sei kein Schiffsweg so schwierig und gefährlich wie die Zufahrt zum Hamburger Hafen. Der »Große Vogel«, der ein einmal gefangenes Schiff angeblich nicht mehr aus den Klauen läßt, wurde zum Schreckpopanz für die Schiffahrt.

In Wirklichkeit hatte der »Große Vogel« drei Jahrzehnte lang vergebens auf Opfer gelauert. Im November 1930 war der Frachtdampfer »Luise Leonhardt« im Orkan auf die Sandbank geworfen worden. Das Schiff hatte Ruder und beide Anker verloren und ging mit 30 Mann Besatzung unter.

Erst am 6. Dezember vorigen Jahres strandete dann das nächste Schiff, der britische Frachter »Ondo« (5435 BRT) bei Windstärke 8 mit Orkanböen. Das Anbordnehmen des Lotsen mißglückte: Das kleine Lotsenversetzboot

kenterte, der Lotse und zwei Matrosen kamen in der hochgehenden See um.

Bei den Rettungsversuchen geriet die »Ondo« auf Grund, und die Mahlsände ließen sie nicht wieder los. Alle Anstrengungen, das moderne Schiff freizuschleppen, scheiterten.

Doch die stabil gebaute »Ondo« widerlegte den alten Küstenschnack, daß der »Große Vogel« jedes Schiff in kürzester Frist frißt. Ein großer Teil der Kakaoladung konnte geborgen werden, und das Wrack wurde in aller Ruhe ausgeschlachtet.

Das Interesse an der »Ondo« - noch im Januar wurde versucht, das unbeschädigte Schiff abzuschleppen - war noch nicht erloschen, als am 20. Januar der italienische Erzfrachter »Fides« (7182 BAT) nur wenige Hundert Meter neben der »Ondo« auf Sand lief.

Gegen sieben Uhr war die »Eides« gestrandet - neun Stunden später brach sie auseinander. Berichtete Chefmaschinist Luis Garcia: »Es hörte sich an, als ob man einen riesigen Korbsessel zerbräche.«

Die Küstenbewohner wurden jedoch enttäuscht: Sechs Wracks sind seit der Jahrhundertwende vor der »Luise Leonhardt« rasch und spurlos in den Mahlsänden versunken - die geborstene »Fides« und die »Ondo« aber sind heute noch sichtbar. Die Sage vom alles verschlingenden Mahlsand, der seine Opfer wie das Moor in die Tiefe zieht, stimmte nicht mehr.

Die Mahlsände bestehen aus Sand von gleicher Korngröße, der stark mit Wasser durchsetzt ist. Normale Sandbänke sind wesentlich fester, weil der Sand verschieden gekörnt ist und dadurch weniger Zwischenräume bietet, in die das Wasser eindringen kann. Die Mahlsände bilden eine Art Unterwasser-Wanderdüne und verändern sich ständig im Rhythmus der Gezeiten.

Wie der Badegast, der - im Wasser mit den Füßen auf und nieder stampfend - immer tiefer einsinkt, so können sich aufgelaufene Schiffe oft in kurzer Zeit in die schwimmenden Mahlsände wühlen.

»Ondo« und »Fides« widerlegten diese Theorie und wurden Touristensensation und Ärgernis zugleich. Forderte das »Hamburger Abendblatt« im Juni: »Es wird höchste Zeit, daß die Wracks verschwinden.«

Der Grund: »Hunderte von Ausflüglern drängen sich an der Reling schneeweißer Seebäderschiffe, sobald die Wracks in, Sicht kommen. Unzählige Kameras werden gezückt... Diese Schnappschüsse... die seit Beginn der Reizesaison in alle Welt gehen, können nicht im Interesse der Schiffahrt und Hamburgs sein.«

Auch die Hamburger Hafenbehörden sind der Ansicht, daß Wracks, Amateurphotos und aufgebauschte Zeitungsberichte dem Renommee der Hafenstadt schaden können und ein falsches Bild geben. Regierungsbaudirektor Gerhard Deichsel von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Hamburg: »Man darf das nicht dramatisieren. 'Ondo' und 'Fides' sowie 'Geversdorf' und 'Alstertor' bildeten eine unglückliche Duplizität der Ereignisse.« Und: »Die Einfahrt in die Elbe ist gut.«

In der Tat ist die Fahrrinne in Höhe des Großen Vogelsands zwei bis drei Kilometer breit und zwischen elf und 24 Meter tief. Zugleich ist die Unterelbe bis Brunsbüttelkoog (Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal) wohl die am meisten befahrene Seewasserstraße der Welt: Sie wird jährlich von rund 80 000 Seeschiffen passiert - mehr als 200 pro Tag. Die Unfallmöglichkeit ist also weitaus größer als bei weniger frequentierten Hafeneinfahrten.

Die letzten drei Strandungen auf dem Großen Vogelsand waren denn auch nicht durch gefährliches Fahrwasser verursacht worden: Die »Ondo« wurde bei der Rettungsaktion durch den Sturm auf Sand gedrückt, die »Geversdorf« war durch Maschinenschaden manövrierunfähig geworden und aufgelaufen.

Und der Kapitän der »Fides«, so weiß Elbe-Fachmann Deichsel zu berichten, hatte eine Seekarte benutzt, die nahezu 50 Jahre alt war.

Gestrandete »Fides«, Touristen: Einfahrt gut

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