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SCHWEIZ Großes Bibbern

Am rechten Rand der bürgerlichen Parteien sammelt die neue Auto-Partei erfolgreich unzufriedene Kleinbürger gegen grünen »Umweltschwindel«. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Sein großes Vorbild heißt Franz Josef Strauß. Ein Porträt des CSU-Vorsitzenden hängt in seinem Büro, am Fernseher verfolgt er seine Reden. Nach dem Aschermittwoch-Auftritt des Ober-Bayern in Passau geriet er so ins Schwärmen, daß Zuhörer erschreckt »eine Bewunderung für das Dritte Reich« heraushörten: Michael E. Dreher, 44, Nationalrat und Präsident der erst drei Jahre alten Schweizer Auto-Partei (AP).

Seinen bisher lautesten Auftritt hatte der Volksvertreter, Unternehmensberater und Aktenkoffer-Händler aus Zürich bei einem offiziellen Essen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft. Nach »ein paar Gläsern Wein« empfahl er eine Radikalkur gegen Grüne und Rote: »An die Wand nageln und mit dem Flammenwerfer drüber.«

Seine Erklärung, er habe damit nicht Politiker, sondern deren Argumente gemeint, mochten Ohrenzeugen nicht gelten lassen - zumal der Doppelakademiker (Jura und Wirtschaft) mit primitiven Kraftsprüchen gerne spielt.

1979 sammelte er, zusammen mit einigen Studienkollegen, in einer Aktion »Hopp Schwiiz, Gesellschaft für weniger Staat« als Parlamentskandidat in Zürich erste Erfahrungen. Die 250 000 Franken teure Wahlkampagne war zwar ein Schlag ins Wasser, doch erhielten die Jungtürken, alle selbst rechte Flügelmänner bürgerlicher Parteien, viel Zuspruch und eine Menge Spenden.

So entstand die »Bürgeraktion«, die sich mit polemischen Zeitungsanzeigen in die Zürcher Kommunalpolitik einmischte und gegen angeblich »führungsschwache bürgerliche Parteifunktionäre« polemisierte: Die unternähmen zu wenig gegen den Versuch der Stadtregierung, den Privatverkehr einzudämmen. Der Erfolg blieb bescheiden, die angegriffenen Politiker wurden wiedergewählt.

Der Zeitgeist blies Dreher und seinen Freunden damals ins Gesicht: Umweltpolitik war nicht mehr länger ein Anliegen grüner Randgruppen, sondern stieg zur erstrangigen Staatsaufgabe auf. In der hochmotorisierten, von Transitautobahnen durchschnittenen Schweiz schockte das Waldsterben Behörden und Politiker. Um den privaten Verkehr und damit die Luftverschmutzung zu verringern, stimmten die Bürger für Autobahn- und Schwerverkehrsabgaben. Die Regierung setzte die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen von 100 auf 80 Kilometer und auf Autobahnen von 130 auf 120 Kilometer herab. Als erstes Land in Europa führte die Eidgenossenschaft scharfe Abgasvorschriften nach US-Vorbild ein.

Das ging vielen Schweizern denn doch zu weit. Den Widerstand gegen die offizielle Umweltpolitik probte zunächst der Basler Autojournalist Bernhard Böhi, 77. Er sammelte im ganzen Land 263 000 Unterschriften für ein Volksbegehren, das Tempo 100 außerorts und 130 auf Autobahnen zum verfassungsmäßigen Recht erheben soll.

Als Dreher und seine Freunde dann im Frühling 1985 ihre »Auto-Partei« gründeten, wollten sie dem bürgerlichen Establishment erst mal einen großen Schreck einjagen: »Bei den Etablierten ist das große Bibbern ausgebrochen«, behaupteten sie keck.

Jetzt, drei Jahre später, nach einem - bescheidenen - Erfolg bei den nationalen Wahlen im Oktober 1987 (zwei Sitze) und nach dem Durchbruch in den Ostschweizer Kantonen St. Gallen (sieben Sitze) und Thurgau (zehn Sitze) werden die bürgerlichen Traditionsparteien tatsächlich unruhig.

Geschickt mixten Dreher und seine Anhänger Zukunftsangst, Bürger-Trotz gegen Behörden, Fremdenfeindlichkeit und Ratlosigkeit der Wähler zu einer primitiven Freiheitsideologie zusammen. Sie wandten sich dabei gezielt an alle, die sich durch Umweltschutz-Vorschriften frustriert fühlen könnten: an Gewerbler und Unternehmer, die sich gegen gesetzliche Auflagen wehren; an kleine Aufsteiger, die um die Errungenschaften ihres Wohlstands bangen.

Die Tüchtigen ködern sie mit plumpen Leitsätzen: »Nicht nur die Armen, Kranken und Schwachen sollen geschützt werden, sondern auch endlich einmal der Normalbürger, der sich in der Gesellschaft durchsetzen kann.« Nur ein mobiles Volk, heißt einer von Drehers liebsten Slogans, »ist ein freies Volk«.

Dreher schwebt nun eine Ausweitung seiner Thematik vor. Denn eine »Ein-Themen-Partei« mag er nicht anführen, seine Organisation will er zum Sammelbecken aller Rechten machen. Er ist gegen die Förderung des öffentlichen Verkehrs, gegen eine Herabsetzung des Rentenalters, gegen den Ausstieg aus der Atomkraft, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Dritten Welt. Er ist für eine zweite Autobahn-Röhre durch den Gotthard, für unbeschränkte Ladenöffnungszeiten, für die Duldung des Sexgewerbes und für die Fristenlösung.

Der Berner Wahl-Analytiker Peter Gilg erkannte in Drehers bisherigen Erfolgen ein Symptom für die wachsende Desorientierung vieler Wähler: »Ich frage mich, ob nicht unsere Öffentlichkeit kaputtgeht.«

Die bürgerlichen Parteien, die auf Drehers Wähler schielen, urteilen weniger streng: Unter dem Eindruck der AP-Erfolge legen sie beflissen ihre »grüne Tunika« (Dreher) ab: Die Delegierten der Freisinnig-Demokratischen Partei und der Schweizerischen Volkspartei empfahlen ihren Anhängern, ein neues Konzept, das den privaten Verkehr eindämmen und den öffentlichen Verkehr moderat fördern soll, bei der Volksabstimmung im Juni abzulehnen.

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