ALBANIEN / VERTEIDIGUNG Großes Feuer
An russische Kosaken verloren die Mongolen vor 400 Jahren ihre letzten Stützpunkte in Europa. Jetzt wollen Asiaten das Zwergland Albanien verteidigen -- gegen die Russen.
Im Namen von 700 Millionen Chinesen versprachen Anfang Dezember fünf hohe Abgesandte Pekings den 1,9 Millionen Albanern in deren Hauptstadt Tirana militärischen Beistand: »Wir werden zusammen kämpfen und zusammen gewinnen.«
Gegen wen, sagte der chinesische Generalstabs-Chef Huang Jungscheng auf Partei-Chinesisch: »Die sowjetische revisionistische Renegaten-Clique -- Sozial-Imperialisten und Sozial-Faschisten -- ist der neue Zar, der unter seiner Last die Völker der Sowjet-Union und Ost-Europas erdrückt.«
Den chinesischen Riesen und den albanischen Gnom (Mao: »das große Leuchtfeuer des Sozialismus in Europa") verbindet Moskaus jüngste Offensive gegen sozialistische Staaten. Drei Wochen nach der sowjetischen CSSR-Okkupation ließ Albaniens KP-Chef, Altstalinist Enver Hodscha, sein Land aus dem Warschauer Pakt austreten.
An der chinesischen Grenze marschierten 250 000 Mann Sowjet-Soldaten auf, und Moskau verstärkte die Flotten- und Raketen-Stützpunkte auf der Halbinsel Kamtschatka und der Insel Sachalin vor der mandschurischen Küste.
Die Chinesen erinnerten sich ihres kleinen Verbündeten in Europa, den sie bisher vorwiegend nur zum Propaganda-Vertrieb benutzt hatten.
Sie versprachen einer albanischen Delegation Ende November in Peking einen Kredit von über 100 Millionen Dollar. Die Albaner sollen nach der beiderseitig beendeten Kulturrevolution endlich ihre Wirtschaft ankurbeln. Die wichtigsten Groß-Objekte: ein Eisen -- Nickel -- Kombinat (Jahresleistung: 800 000 Tonnen), eine Öl-Raffinerie (Jahreskapazität: eine Million Tonnen) und ein großes Wasser-Kraftwerk an der albanischen Drin.
Albaniens Gegenleistung an China: In einem Geheim-Vertrag -- so der Londoner »Observer« -- einigten sich die Feinde Moskaus über den Aufbau von chinesischen Raketen-Basen an der albanischen Küste; chinesische Truppen sollen in Albanien »vorübergehend« stationiert werden.
Was die britische Zeitung aus jugoslawischen Quellen erfahren hat, meldete der albanische Geheimdienst in präzisen Zahlen. Er ließ dem Westen Berichte über einen angeblichen Stufenplan der Sowjets für eine militärische »Befriedung« des Balkans und des Nahen Ostens zukommen.
Moskau will, so das albanische Papier, in 64 Stunden Österreich und Jugoslawien überrollen und »die 24 in Albanien errichteten Abschußbasen von Mitteistrecken-Raketen der Volksrepublik China kaltstellen«.
Allerdings: Chinas Raketenrampen in Albanien -- von westlichen Kommentatoren bereits ein »europäisches Kuba« genannt -- sind vorerst nur Papiertiger. Denn China hat dafür noch keine einsatzfähigen Raketen.
Nach dem Urteil von Militärexperten ist die neue Atom-Macht erst 1972 in der Lage, ballistische Mittelstrecken-Raketen mit einer Reichweite von 1500 Meilen (etwa 2400 Kilometer) einzusetzen. Von Albanien aus könnten solche Chinesen-Geschosse den europäischen Teil der Sowjet-Union unter Kontrolle halten: Moskau, Wolgograd, Gorki und selbst Leningrad liegen im Feuerbereich der gelben Raketen.
Nach 1972 kann China das militärische Gleichgewicht in der Welt auch ohne eine europäische Feuerstellung stören: Die technische Entwicklung einer Interkontinental-Rakete mit einer Reichweite von 6000 bis 8000 Meilen (etwa 10 000 bis 13 000 Kilometer) steht vor dem Abschluß.
Da die Roten in Peking und Tirana zur massiven Verteidigung gegen die Roten in Moskau rüsten, suchen die Sowjet-Führer Beistand. Dabei bemühen sie sogar Genossen, die in Moskau der rechten Abweichung bezichtigt wurden: Bei den Kiewer Verhandlungen mit der CSSR-Führung Anfang Dezember verlangte Breschnew Hilfstruppen von der okkupierten Tschechoslowakei -- 500 000 Mann, »im Falle eines Angriffs«.
Doch im Falle eines Angriffs aus China werden CSSR-Soldaten die Sowjet-Union nicht unterstützen. CSSR-Staatspräsident Svoboda erinnerte die Besatzer daran, daß China und die CSSR 1957 -- auf Sowjetwunsch -- einen Freundschafts- und Beistands-Pakt geschlossen haben. Und die Tschechoslowakei, so Svoboda in Kiew, »hat noch nie in der Geschichte einen Vertrag verletzt«.
* Der chinesische Ministerpräsident Tschou En-lai in Tirana.