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AFRIKA Großes Fressen

Mit dem ersehnten Regen nach drei Dürre- und Hungerjahren droht auch eine biblische Plage wiederzukommen: Heuschrecken. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Die Sonne verfinsterte sich, gewaltige Wolkenberge türmten sich über dem Roten Meer. Dann prasselte es über der äthiopischen Hafenstadt Massaua nieder wie Hagelschlag, mit peitschendem Knall brachen Palmen unter der Last zusammen.

Kein tropisches Gewitter war das im Jahr 1978, sondern die achte der zehn biblischen Plagen, die »Geißel Allahs«, wie die Moslems sagen: Heuschrecken.

Knietief wateten die Menschen in den brodelnden, krabbelnden Fluten der gefräßigen Hüpfer. Als die Tiere wieder davonflogen, war kein Gras, kein Blatt, kein Halm mehr zu sehen, war die gesamte Ernte hin - ganz so, wie der Prophet Joel die verheerende Wirkung eines solchen Schwarmes schon in der Bibel beschrieb: »Das Land ist vor ihm wie ein Lustgarten, aber nach ihm wie eine wüste Einöde.«

In diesem Jahr droht fast dem gesamten afrikanischen Kontinent erneut eine Invasion der fast fingergroßen Horrortiere. Vier Heuschreckenarten rüsten sich derzeit gleichzeitig zum großen Fressen - das gab es seit 60 Jahren nicht mehr.

Das Tragische an der Situation: Nach den drei schlimmsten Dürrejahren des Jahrhunderts, in denen mindestens 300000 Menschen verhungerten, sind 1986 wieder gute Ernten zu erwarten. Denn es regnet in Afrika wie lange nicht mehr. Aber wenn der Regen fällt, vermehren sich auch die Heuschrecken explosionsartig, da die Larven nur in feuchter Erde aus den Eiern schlüpfen können.

Bei den vier gefährlichen Schwestern handelt es sich um die Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria), die

Afrikanische Wanderheuschrecke (Locusta migratoria), die Rote Wanderheuschrecke (Nomadacris septemfaciata) und die Braune Heuschrecke (Locustana pardalina).

Die Braune ist im Süden Afrikas am meisten gefürchtet: Experten rechnen mit einem Befall von 300000 Quadratkilometern. Diese Spezies wurde mittlerweile auch schon in Botswana und Simbabwe gesichtet.

Auch die Wanderheuschrecke hat mit dem einsetzenden Regen vor Monaten bereits ihre angestammten Brutstätten in den zentralen und östlichen Ebenen des Sudan verlassen und sich in Schneisen durch Hirse- und Zuckerrohrfelder ans Rote Meer und nach Äthiopien, Uganda und Kenia gen Süden gefressen.

Von der Wüstenheuschrecke sind sämtliche Länder der Sahelzone bedroht: von Senegal, Guinea-Bissao und Mauretanien im Westen über Mali, Burkina Faso, Niger, den Tschad bis zum Sudan im Osten. Mancherorts wurden 150 Tiere pro Quadratmeter gezählt. Die Rote Wanderheuschrecke dagegen ist in Tansania, Sambia, Malawi und Mosambik gesichtet worden (siehe Graphik).

Schon im April, als die ersten krabbelnden Larven-Trupps erspäht wurden, schlug die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno, die FAO in Rom, Alarm. Ihr Generaldirektor Edouard Saouma: »Ohne einen massiven und schnellen Eingriff werden sich diese Insekten in Windeseile fortpflanzen.«

Acht Millionen Dollar brauchen die betroffenen Länder, die ihre regulären Mittel zur Heuschreckenbekämpfung bereits in den ersten vier Monaten dieses Jahres verbraucht haben, allein in diesem Jahr zusätzlich; 15 Millionen im nächsten, falls die Larven nicht vernichtet werden.

Bis Mitte des Jahres hatten die Europäische Gemeinschaft sowie als Einzelstaaten Finnland, Frankreich, Griechenland, Spanien, Schweden, die USA, die Bundesrepublik und China Geld- und Sachhilfe im Wert von mehreren Millionen Dollar zugesagt.

Die FAO reicht diese Mittel an drei in Äthiopien, Senegal und Sambia ansässige afrikanische Sonderorganisationen weiter. Doch denen fehlt es praktisch an allem, was im Feldzug gegen die hungrigen Insekten gebraucht wird: Flugzeuge, Gift, Schutzkleidung.

Die Zeit drängt, die Bekämpfungskampagnen müssen vor der einsetzenden nächsten Regenzeit beginnen, wenn abermals Myriaden Larven schlüpfen könnten. Am Boden ist das Getier am sichersten zu vernichten.

Haben sie erst einmal abgehoben, läßt sich der Krieg gegen die Plage kaum noch gewinnen: Ein Flugzeug kann etwa 100 Millionen Heuschrecken bestäuben, aber es gibt bis zu 50 Kilometer lange Schwärme, in denen viele Milliarden mitsurren. Gegen solche Übermacht ist fast nichts mehr auszurichten.

Zudem gilt der Gifteinsatz als problematisch. »Niemand liebt den Einsatz der chemischen Keulen«, sagt ein FAO-Sprecher. Neben Propoxur, das sich vergleichsweise schnell abbaut, wird auch das in der Bundesrepublik und den USA längst verbotene Insektizid Dieldrin angewandt. Es schädigt nicht nur die Menschen, weil es sich in der Nahrungskette zehntausendfach anreichert, sondern rottet auch die natürliche Reservearmee gegen die Heuschrecken - Störche etwa - aus und killt alles, was an nützlichen Insekten auf afrikanischer Erde kreucht und fleugt.

Doch angesichts der Wucht der Bedrohung sehen die Landwirtschaftsexperten bei der FAO in Rom zur Zeit noch keine Chance für umweltschonende Methoden.

Auf den Gifteinsatz zu verzichten hieße, abermals nach den drei bösen Dürrejahren Tausende von Hungertoten zu riskieren. »Heuschrecken fressen alles, was ihnen in den Weg kommt«, sagt FAO-Chef Saouma.

Und sie fressen unvorstellbare Mengen. Eine Tonne Heuschrecken verdrückt pro Tag die Ration von zehn Elefanten. Ein einziger Schwarm kann 3000 Tonnen wiegen - und so bricht er ohne Vorwarnung übers Land herein, als wären es 30000 Elefanten.

[Grafiktext]

HEUSCHRECKEN-PLAGE 1986 Länder, die am häufigsten von Heuschrecken befallen sind WÜSTENHEUSCHRECKE MALI MAURETANIEN SENEGAL GUINEA-BISSAO BURKINA FASO NIGER TSCHAD SUDAN BRAUNE HEUSCHRECKE SAMBIA SIMBABWE BOTSWANA MOSAMBIK LESOTHO AFRIKANISCHE WANDER-HEUSCHRECKE ÄTHIOPIEN KENIA SUDAN UGANDA ROTE WANDER-HEUSCHRECKE TANSANIA MALAWI SAMBIA MOSAMBIK

[GrafiktextEnde]

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