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Großes Gähnen

aus DER SPIEGEL 46/1980

Die einen fordern »bessere Vizepräsidenten«, andere verlangen die »Einführung der roten Karte«. Glücklich ist so recht keiner: Neun von zehn Bundestagsabgeordneten sind mit den Parlamentsdebatten im Bundestag »nicht zufrieden«. Für das große Gähnen im Hohen Haus macht jeder zweite mangelnde Spontaneität und zu lange Reden im Plenum verantwortlich.

Dies ist die Bilanz einer Umfrage unter Bonner Parlamentariern über ihr Selbstverständnis. Der Journalist Ewald Rose hat die 518 Mitglieder des achten deutschen Bundestages per Fragebogen interviewt, 226 antworteten, die meisten anonym.

Ein Volksvertreter nannte als Grund für die häufig vor fast leerem Haus stattfindenden Plenarsitzungen schlicht »Faulheit«. Ein anderer bekannte: »Das ist unser Protest gegen Maulkorb und Bevormundung durch die Fraktionsbonzokratie.«

55 Prozent der Befragten klagten über »zu viel Leerlauf«. Der wäre abzustellen, so befand FDP-Landwirtschaftsminister Josef Ertl, wenn man »nicht nur die Vorsitzenden« reden ließe.

Der CSU-Veteran Richard Jaeger empfahl, die Zahl der Abgeordneten zu verringern. Und der CDU-Medienspezialist Christian Schwarz-Schilling schlug vor, das Fernsehen sollte sich in der Berichterstattung »mehr an die Bundestagsarbeit anpassen statt umgekehrt«. Die Journalisten berücksichtigten meist nur die ersten Redner und verlangten von ihnen schriftliche Textvorlagen. Monotone Vorleseübungen seien die Folge.

Die Selbstkritik freilich geht nicht so weit, daß die Abgeordneten ihre Anwesenheit in Bonn nicht für wichtig halten. Sieben von zehn Parlamentariern glauben, zumindest in ihrer Fraktion politisch etwas bewegt zu haben. Nur neun Prozent antworteten: »Es hat sich nicht gelohnt.«

Einer wurde deutlich: »Ich habe die Nase voll. Ich bin traurig über unseren kranken Staatsapparat und meine Machtlosigkeit dagegen.«

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