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ENGLAND Großes Gedränge

Mit Luftkissenfahrzeugen, Schiffen und selbst per Rad überqueren Touristen den Kanal -- per Flugzeug dauert es oft zu lange.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Keine Warteliste«, informierte eine Hinweistafel am Schalter der »British Airways« (BA) am Pariser Flughafen Charles de Gaulle Reisende ohne Buchung: »Alle Flüge nach London sind fest vergeben und besetzt.« Passagiere mit Platz an Bord hingegen wurden aufgefordert: »Bitte, haben Sie Geduld.« Flug 323, für 19.30 Uhr eingeplant, startete gegen 22 Uhr, Flug 323b rollte statt um 21.30 Uhr um 23.40 Uhr auf die Startbahn. Verantwortlich für die Verspätung war nicht BA, »sondern der verstopfte Flugraum über London

Britanniens Hauptstadt, 24 Stunden später. In der Abfertigungshalle 1 des Flughafens Heathrow ertönt eine Lautsprecherdurchsage: »Flug 332b, Abflug 20.30 Uhr nach Paris, ist weiter verspätet.« Grund: »Uns fehlen ein Flugzeug und die Besatzung.«

Eine französische Gruppe setzte sich auf Stühle vor den Schalter -- eine Art Sitzstreik gegen die Verspätung. Verantwortlich sind wieder andere. »Zu großes Gedränge der Maschinen im französischen Luftraum«, entschuldigt sich der BA-Kapitän, als er seine »TriStar« gen Paris steuert-75 Minuten verspätet.

32 Kilometer Kanal trennen Britannien von Frankreich, knapp 40 Minuten dauert der Jet-Flug zwischen den beiden Hauptstädten, »doch um von einem Zentrum in das andere zu kommen«,

klagte Brian Moynahan, Autor des Bestsellers »Airport International«, benötigen die Reisenden »heute nahezu so viel Zeit, wie der Franzose Louis Blériot« vor 70 Jahren brauchte. Der erste Kanal-Flieger schaffte 1909 mit einem einmotorigen Holzgerippe 43 Kilometer in einer halben Stunde.

Auf Blériot-Niveau zurückgeworfen sind die Reisenden, weil sich vor allem in den Sommermonaten »eine wahre Völkerwanderung über den Kanal ergießt«, so Autor Moynahan. Auf Luftkissenbooten, im Jet, zuweilen im Amphibien-Auto reisen jährlich rund neun Millionen Menschen von England nach Frankreich oder umgekehrt.

Den Kanaltunnel, dessen Bau nach ersten Bohrungen wieder eingestellt wurde, wollen die Briten derzeit wegen der Kosten nicht, zumal auch Bürger warnen, ein Feind könnte womöglich durch die Röhren einmarschieren oder auch ein tollwütiger Hund vom Kontinent sein Bein unbemerkt an einer britischen Linde heben.

Ob und wann die Briten nach Heathrow oder Gatwick einen dritten Flugplatz errichten, ist ungewiß. Sicher ist hingegen: Eine zusätzliche »Euro-Halle«, die zumindest die Abfertigung in Englands Hauptstadt erleichtern könnte, wird allenfalls 1982 eingeweiht.

Über zwei Millionen Passagiere transportierten allein Air France und British Airways voriges Jahr zwischen London und Paris. Insgesamt 30 Maschinen heben täglich ab. Bei Air France allein buchten 900 000 Passagiere, ihre Airbusse sind im Jahresdurchschnitt zu 76 Prozent belegt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres zählte die vom Flughafen Gatwick operierende private Fluggesellschaft British Caledonian über 100 000 Kanal-Reisende und klagte: »Unsere Kapazität reicht nicht aus. Der Andrang ist einfach erstaunlich.«

»Am Rande des Chaos« (Autor Moynahan) arbeitet Heathrow, der im vergangenen Jahr über 26 Millionen Passagiere abfertigte und jährlich mehr als 270 000 Starts und Landungen überwacht. Annähernd 15 Prozent der

* Bryan Allen mit seinem »Gossamer Albatross«.

Air-France-Flüge zwischen London und Paris sind verspätet, oftmals sind die Maschinen über Tage ausgebucht. Reisende verpassen ihre Anschlußflüge, lagern in den Wartehallen oder forschen nach verschwundenem Gepäck.

Folge: Touristen wie Geschäftsleute steigen auf Bahn und Schiff um. Denn nur sechs Stunden beispielsweise dauert eine Fahrt mit Zug und Luftkissenboot von Zentrum zu Zentrum. Statt 1000 Franc kosten Hin- und Rückflug nur 370 Franc. Viereinhalb Stunden sind für die Kombination Zug/Flugzeug eingeplant: Eine Maschine setzt am Kanalhafen Le Touquet ab und landet in Gatwick. Kosten: 672 Franc.

»Keine Wartezeiten«, propagieren die Kanalschiffer in Werbebroschüren. »Alle 20 Minuten eine Abfahrt nach Dover.« In Zeitungsannoncen preist ein Luftkissenboot-Reeder eine Reise »Paris-London für 150 Franc« an. Acht Züge verlassen täglich Paris Richtung London.

1976 fertigte der französische Kanalhafen Calais 4,2 Millionen Passagiere ab, letztes Jahr bereits 5,1 Millionen, 1,1 Millionen Privatwagen und 288 178 Lastkraftwagen. Calais-Rekord an einem Tag: 46 429 Passagiere, 8340 Pkw, 1390 Lkw. Bis zu 140 Fähren-Abfahrten nach England registriert der Hafen von Calais in der Hochsaison.

Gigantische Luftkissenboote? die gleich überdimensionalen Käfern am Strand aufsetzen, vom Flugzeugbauer Boeing konstruierte »Sea-Jets«? die, auf Stabilisatoren gestützt, 2,6 Meter über dem Wasser schweben und 93 Stundenkilometer schnell sind, behäbige Auto- und Zugfähren -- insgesamt sieben Reedereien -- kämpfen um den Gast im Kanal-Verkehr.

Die Bremerhavener Schichau Unterweser AG baut für die britische Reederei European Fernes Group drei Fährschiffe (Kapazität: 1300 Passagiere und 350 Autos), die ab 1980 im Kanal eingesetzt werden sollen. Auftragswert 192 Millionen Mark.

Der Seat-Jet »Normandy Princess«, der »eher einem Flugzeug als einem Fährdampfer ähnelt« (so das Magazin »Air et Cosmos"), verbindet seit April Dieppe und Brighton. Vier Luftkissenboote, auf denen je 260 Passagiere und 37 Autos Platz haben, setzt Hoverlloyd zwischen Calais und Ramsgate ein. »Seaspeed« (Besitzer: die britischen und französischen Eisenbahngesellschaften) operiert seit dem vergangenen Sommer mit Luftkissen-Riesen, die 400 Personen und 60 Autos fassen, zwischen Calais und Dover. Fahrzeit: etwa 35 Minuten.

Ein »gigantischer, ständig wachsender Markt«, bekannte ein Direktor des Fährunternehmens Jetlink Fernes, das mit Boeing-Tragflächenbooten operiert. 1966 setzten eben 10000 Reisende im Schiff-Flugzeug-Verschnitt über den Kanal, 1976 buchten 440 000, im letzten Jahr 1,4 Millionen.

2,5 Kilometer östlich des Hafens von Calais bauten die Franzosen auf zehn Hektar einen »internationalen Hover-Port«. Im Juli wurde in Boulognesur-Mer ebenfalls eine Landeanlage für diese Schnellboote eröffnet. Etwa ein Drittel des in Calais registrierten Kanal-Verkehrs wickeln bereits Luftkissenboot-Unternehmer ab, die pro Person und Überfahrt für den Calais-Dover-Trip nur 84 Franc kassieren dafür dem Fahrgast allerdings einen Höhenlärm an Bord zumuten.

Noch billiger schaffen die Kanalüberquerung nur noch Segler oder Abenteurer: 1875 schwamm ein Matthew Webb in 21 Stunden 45 Minuten von Dover nach Calais, im Juli dieses Jahres kraulte der französische Bademeister Daniel Menguy mit Schwimmflossen dieselbe Distanz in sieben Stunden 15 Minuten.

4000 Meter über Cambridge ließ sich ein wagemutiger Fallschirmsportler aus dem Flugzeug fallen -- er landete bei Calais. »Ein Plätzchen in der Geschichte« ("New York Times") sicherte sich der Amerikaner Bryan Allen, als er im Juni in seinem 68 Pfund schweren »Gossamer Albatross«, einer Fahrrad-Flugzeug-Kombination, wie ein Tourde-France-Athlet in die Pedale trat.

Trotz Turbulenzen und Störungen durch Luftkissenboote wie Fährdampfer erreichte der Pedal-Pilot nach zwei Stunden und 49 Minuten das französische Festland bei Calais.

Für die Kanalüberquerung, propagierte der Fremdenverkehrsverband des französischen Fährhafens in einem Prospekt, existieren eben »eintausend- undeine Möglichkeit«.

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