Zur Ausgabe
Artikel 13 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RUDOLF AUGSTEIN Großes Los, kleiner Topf

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 24/1985

Versucht man, einen Blick in die Zukunft zu riskieren, so kann man sich vieles nicht vorstellen, eines aber am allerwenigsten: daß die Sowjetmacht in 50 Jahren noch auf Berliner Boden präsent sein wird. Sie haben zuviel am Hals, innen wie außen. Sie können Kuba, Afghanistan und Vietnam nicht fallenlassen, obwohl ihre inneren Ressourcen schon jetzt nicht ausreichen. Von den USA Ronald Reagans sind sie eindeutig deklassiert und in die Rolle des ewigen Zweiten verwiesen worden, wobei sie noch von Glück sagen können, wenn China sich nicht auf ewig hindern läßt, an ihnen vorbeizuziehen.

Soweit gut. Aber ebenso kann man sich bei blühendster Phantasie nicht träumen lassen, daß die Sowjetmacht Polen während der nächsten 50 Jahre räumen wird. Die Idiosynkrasien der Gruppen und Völker und der Menschen überhaupt scheinen naturgegeben.

Polen ist, anders als Kuba, Afghanistan, Vietnam und die DDR, seit bald 200 Jahren, seit den drei Teilungen, ein Herzstück des russischen Reiches. Kein Moskowiter-Regime, auch kein nichtkommunistisches, könnte es sich leisten, Polen sich selbst zu überlassen, wie Kaiser Wilhelms Reich niemals in der Lage gewesen wäre, Elsaß-Lothringen zurückzugeben. Noch als die beiden Militärdiktatoren Hindenburg und Ludendorff um Frieden barmten, beharrten sie auf der Annexion des Erzbeckens von Longwy und Briey.

So sind sie also, die Gruppen, die Völker, die Menschen. Seit Helmut Kohl in Bonn die Regierung gleichzeitig an- wie abgetreten hat, erlebt das kommunistische Osteuropa einen verbalen Revanchismus der deutschen Christen-Union, wie man ihn sich nicht mehr hatte vorstellen können.

Die Grenzfrage wird selbst von so klugen Leuten wie Strauß aufgeworfen, dem doch bekannt ist, daß durch verbale Kraftakte diese Grenzen zumindest nicht geändert werden können. Es ist die verdammt und zugenäht heuchlerische Grundstimmung der Union, die ihr anfangs geholfen hat, die ihr jetzt aber wieder zum Verhängnis wird. Als ob die meisten Sozialdemokraten nicht immer noch »christlicher« wären als die meisten Konkurrenten von der Union!

Also nur weiter so, die Polen verunsichern, die kommunistischen Eliten des gesamten Ostblocks zusammenschmieden, und den Unfrieden auf dem sowjetischen West-Glacis schüren. Wenn Dregger stolz darauf wäre, durch seinen militärischen Einsatz mitgeholfen zu haben, daß sich etliche Zivilisten vor der Roten Armee in Sicherheit bringen konnten, so wäre dagegen nichts zu sagen. Aber er ist stolz darauf, diesen verbrecherischen Hitler-Krieg verlängert zu haben, und Schlesien will er auch.

Und was den Kanzler angeht, so hat er die kaum wiederkehrende Gelegenheit verstreichen lassen, seinen aufmüpfigen CSU-Minister Zimmermann zu wippen (vergleiche Brandt/ Wehner 1973). Ebenso hat er die gesamte deutsche Versöhnungspolitik seit 1949 ins Zwielicht gerückt, als er dem Treffen unter dem Motto »Schlesien bleibt unser« nicht eine barsche Absage erteilte, sondern die übriggebliebenen Berufs-Schlesier karessierte, als wären sie eine Großmacht. Stimmen bringt das nicht, es zeigt Schwäche. Und ein Kanzler, der nach dem Motto handelt: »Immer nur Schwächen und immer vergnügt«, der kostet Stimmen.

Wir tun, als gäbe es für uns noch das Große Los im Topf, wie zur Zeit des preußischen Gesandten am Bundestag in Frankfurt, Otto von Bismarck, der die gute alte Kabinettspolitik ausschöpfte, um noch einmal, wie Friedrich 1740 mit Schlesien, »in der bewußten Lotterie zu spielen«.

Dies Casino scheint geschlossen. Sollten sich die beiden Großen in die Haare geraten, wäre es am ehesten um uns geschehen. Von unserem Großen Los ist zweifelhaft, ob es auch nur den Topf dafür gibt.

Daß Rußland den Kommunismus in absehbarer Zeit abschüttelt, ist unwahrscheinlich und vielleicht nicht einmal wünschbar. Daß es stark genug würde, sein Vorfeld zu bereinigen und seinen Teil des von Deutschen bewohnten Landes zu entlassen in ein konventionell bewaffnetes, aus der Nato ausgeschiedenes Neu- und Restdeutschland, wäre ein Ziel, innig wünschbar für uns, sicher aber nicht für einen unserer Nato-Partner. Bislang sieht man in Moskau nicht einmal Ansätze.

Und Schlesien? Nun ja, es mag dereinst unser, aber bewohnbar wird es dann wohl nicht mehr sein.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 13 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.