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Hinrichtungen Großes weißes Kuvert

In Dresden wurden, bislang geheimgehalten, in den fünfziger Jahren 61 Menschen enthauptet. Stalinistische Willkür oder gerechte Strafe für Spione und Saboteure?
aus DER SPIEGEL 21/1990

Das Dokument sieht aus wie ein Coupon: ein schmaler Papierstreifen, oben perforiert, vom Totenschein abgetrennt. Der »Bestattungsschein« enthält nur die wichtigsten Personalien sowie Dienstsiegel und Unterschrift eines Standesbeamten.

Dazu gehört ein zweites Amtspapier: ein blanker weißer Zettel, Format DIN A5, auf dem ein Staatsanwalt verfügt, daß »der Verstorbene . . . zur sofortigen Feuerbestattung freigegeben« sei.

Auf den Bestattungsscheinen ist stets derselbe Todesort vermerkt: George-Bähr-Straße 5 in Dresden. Dies war, bis 1957, die Adresse des Landgerichts und des Untersuchungsgefängnisses in der Sachsen-Metropole.

Die Leichenfreigabescheine deuten auf einen unnatürlichen Tod hin, auch wenn in den Totenscheinen so alltägliche Gesundheitsdefekte wie »Kreislaufversagen«, »Herzinfarkt« oder »Pneumonie« attestiert wurden.

Johannes Franke, 70, der frühere Leiter des Krematoriums auf dem Friedhof Dresden-Tolkewitz, wo die Toten eingeäschert wurden, kennt die wirkliche Todesursache: »Die hatten den Kopf zwischen den Füßen.«

Im Dresdner Gefängnishof, kam jetzt heraus, wurden in den fünfziger Jahren 61 Menschen durch das Fallbeil enthauptet. Der jetzige Krematoriumsleiter Dietmar Hildebrand, 48, veröffentlichte vorige Woche eine Namensliste der Exekutierten. Und es besteht der Verdacht, daß sich auf diese Weise das SED-Regime politischer Gegner entledigt hat.

Hildebrand berichtet, er habe von seinem Vorgänger Franke, als der 1985 pensioniert wurde, ein großes weißes Kuvert übernommen, das seit Jahrzehnten in einem Stahlschrank aufbewahrt worden war. Inhalt: die Todesurkunden, die nicht, wie normalerweise üblich, an die zuständigen Kreisärzte weitergegeben worden waren.

In Einäscherungslisten findet sich zudem, mit roter Schrift, die Kennzeichnung »PO«, was Hildebrand als Kürzel für »politische Gefangene« deutet. Außerdem ist hinter mehreren Namen, kaum leserlich, mit Bleistift notiert: »Polizeilich gesperrt«.

Die Hildebrand-Papiere gelangten am Donnerstag voriger Woche zur Generalstaatsanwaltschaft der DDR nach Ost-Berlin. Der Chefankläger der Republik soll jetzt aufklären, ob zutrifft, was Hildebrand vermutet - daß es sich bei den Liquidierungen um »eine Schweinerei des SED-Regimes« handelte.

Abwegig ist der Verdacht nicht. So wurde die Todesstrafe noch 1969 in einem DDR-Strafrechtskommentar als »Gebot sozialistischer Gerechtigkeit« und wegen ihres »humanistischen Charakters« verherrlicht.

Nach westlichen Zählungen sind zwischen 1949 und 1968 in der DDR insgesamt 194 Menschen hingerichtet worden, davon 50 wegen Mordes, 75 wegen NS-Gewaltverbrechen, 69 wegen Agententätigkeit, Spionage oder Sabotage. Erst 1987 wurde die Todesstrafe in der DDR abgeschafft.

Bekannt war, daß zum Tode Verurteilte in Frankfurt/Oder, einige auch in Brandenburg enthauptet wurden. 1950 wurden in der Strafanstalt Waldheim bei Chemnitz 24 Delinquenten von Volkspolizei-Offizieren stranguliert. Seit 1968 wurden Todeskandidaten dann erschossen.

Nur wenige Eingeweihte wußten hingegen von den Exekutionen in Dresden - in einem wuchtigen Gebäudekomplex, wo schon die Nazis allein von Juli 1944 bis Februar 1945 mehr als 300 Männer und Frauen mit dem Fallbeil hingerichtet hatten. 1957 ließ die DDR-Regierung den Justiz-Koloß zu einer Technischen Universität umbauen, der frühere Richtplatz und die sechs Todeszellen wurden in eine »Mahn- und Gedenkstätte« umgewandelt.

Die Hildebrand-Liste läßt ahnen, daß in der »ehemaligen Zwingburg barbarischen Terrors«, wie es in einer Uni-Broschüre heißt, nicht nur NS-Schergen ihre politischen Gegner umgebracht haben. Zumindest einige Todesopfer der SED-Justiz sind offenbar ebenfalls aus politischen Gründen enthauptet worden.

Zum Beispiel Elli Barczatis, einst Chefsekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl: Die Frau hatte, zusammen mit ihrem Lebensgefährten, der »Organisation Gehlen«, Vorläuferin des Bundesnachrichtendienstes, Informationen aus der Ost-Berliner Regierungszentrale geliefert.

Oder der ehemalige Vopo-Major Silvester Murau, der für einen westlichen Geheimdienst gearbeitet und sich 1954 in die Bundesrepublik abgesetzt hatte: Die eigene Tochter und Stasi-Agenten lockten Murau in die DDR zurück.

Spionage-Fälle solchen Kalibers machten seinerzeit Schlagzeilen. Es waren allerdings Taten, die zwar einen politischen Hintergrund hatten, aber nicht nur in der DDR drakonisch bestraft wurden.

Für Dieter Plath, 52, den Sprecher der DDR-Generalstaatsanwaltschaft, ist deshalb keineswegs ausgemacht, daß es sich bei den in Dresden Exekutierten ausschließlich oder in der Mehrzahl um Opfer politischer und juristischer Willkür gehandelt hat. Bislang lägen seiner Behörde »bis auf einen Fall keine Strafakten vor«, aus denen die Hintergründe der Verfahren ersichtlich wären.

Der »eine Fall« betrifft in der Tat ein politisches Urteil. Am 6. September 1952 wurde der Schlosser Ernst Wilhelm hingerichtet, weil er angeblich einen SED-Funktionär getötet hatte. Nach der Wende in der DDR schrieb Wilhelms Schwester Elli Böhnung an Generalstaatsanwalt Hans-Jürgen Joseph. Der oberste Ankläger ließ die Prozeßakten des Landgerichts Mühlhausen in Thüringen überprüfen, das Wilhelm zum Tode verurteilt hatte. In einem Brief bekannte Joseph der Wilhelm-Schwester, er sei »als Mensch und Jurist« über das »schändliche Urteil« zutiefst erschüttert.

Die Wilhelm-Akte wurde deshalb gesucht und gefunden, bevor Krematoriumsleiter Hildebrand am vorletzten Wochenende die Exekutionen publik machte. Die alten Akten noch aufzutreiben sei eine »komplizierte Sache«, versichert Plath. Die meisten der 61 seien nicht in Dresden verurteilt worden, so daß erst die Gerichte ausfindig gemacht werden müßten. Und ein Teil der Akten liege womöglich gar nicht bei den Staatsanwaltschaften, sondern beim früheren Ministerium für Staatssicherheit. Fest steht bereits jetzt, daß unter den 61 in Dresden Enthaupteten mindestens fünf NS-Kriegsverbrecher waren. Sie konnten anhand der von Hildebrand publizierten Namensliste identifiziert werden.

Auf der Liste steht etwa Herbert Fink, der als SS-Mann in Auschwitz an der Ermordung von Juden beteiligt gewesen sein soll.

In einem gemeinsamen Verfahren wurden Georg Döring, Horst Spalteholz und Felix Wittig zum Tod durchs Fallbeil verurteilt. Die DDR-Justiz warf ihnen vor, zwischen 1942 und 1944 als Werkschutzangehörige der Firma Hasag in Tschenstochau an der Ermordung polnischer und jüdischer Zwangsarbeiter mitgewirkt zu haben.

Plath mag - ohne Fälle politischer Terrorjustiz zu leugnen - nicht ausschließen, daß sich unter den Hingerichteten auch gewöhnliche Kriminelle befunden hätten.

Als »Terrorismus«, der »in keinem Land geduldet« werden könne, auch wenn er politisch verbrämt sei, stuft Plath den Fall Johann Burianek ein. Der ehemalige Kraftfahrer und Volkspolizist hatte sich einer West-Berliner »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« angeschlossen, die in der DDR Sabotageakte verübte: Sie versuchte, in der Regel erfolglos, Brücken und Telefonverteiler zu sprengen oder Maschinen zu zerstören.

Burianek hatte eine Eisenbahnbrücke östlich von Berlin in dem Augenblick in die Luft jagen wollen, in dem der »Blaue Expreß«, der D-Zug Berlin-Moskau, darüberfuhr.

Obwohl Urteile wie die gegen Burianek propagandistisch ausgeschlachtet worden waren, mühte sich die DDR nach Kräften, die Dresdner Exekutionen geheimzuhalten.

So wurde die Asche der Toten oft erst nach Jahren nahe dem Krematorium regelrecht verscharrt. Zwar ist die im Register ausgewiesene »Sammelstelle C, Feld III« ein mit vielen Sträuchern und Blumen geschmücktes kleines Gräberfeld. Doch die Urnen der Hingerichteten liegen auf einem unbepflanzten Teil der Sammelstelle, und noch nicht einmal Nummern verweisen auf das Schicksal der Toten.

Das scheinbar perfekte Verwischen aller Spuren funktionierte jedoch nur bedingt. Schon in den fünfziger Jahren soll ein inzwischen verstorbener Pathologe das Geheimnis aufgedeckt haben.

Der Mediziner, berichtet Krematoriumsleiter Hildebrand, sei beauftragt gewesen, die Leichen vor dem Verbrennen zu inspizieren. Dabei habe er sich öfters über fest zugenagelte Särge gewundert, die entgegen der Vorschrift ungeöffnet in den Krematoriumsofen kamen. Eines Tages habe der Pathologe einen Sarg gewaltsam öffnen lassen - und einen Geköpften entdeckt. Hildebrand ist sicher: »Andere Ärzte haben es auch gewußt.«

Einer davon ist der ehemalige Vorsitzende des Rot-Kreuz-Bezirksverbands Dresden und pensionierte Poliklinik-Chef Hiesek, 71. Er hat 1952 nach sieben Exekutionen die Todesursache als Herzversagen camoufliert.

Hiesek, dessen Haus vorige Woche von Journalisten belagert wurde, schickte seine Ehefrau vor. So falsch, rechtfertigte sie die Gefälligkeitsatteste, seien die Bescheinigungen schließlich nicht gewesen: »Auch Hingerichtete sterben an Herzstillstand.« f

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